Karl-Lothar Dietzsch

deutscher Architekt From Wikipedia, the free encyclopedia

Karl-Lothar Dietzsch (* 10. September 1931 in Duisburg-Ruhrort; † 26. Februar 1989 in Köln[1]) war ein deutscher Architekt[2] und der Leiter des Büros von Oswald Mathias Ungers.[3]

Leben

Karl-Lothar Dietzsch (1984)

Die Eltern von Karl-Lothar Dietzsch, der eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder hatte, waren der Gymnasiallehrer für Kunstfächer Walter Ludwig Dietzsch (1891–1972) und Elli Wilhelmine Dietzsch (geb. Backhaus, 1900–1998) aus Wuppertal-Elberfeld.[4] 1960 heiratete er die Grafikerin und Kinderbuchillustratorin Erika Dietzsch-Capelle.[5][6][7] Aus der Ehe ging ein Sohn, Karl-Thomas Dietzsch, hervor, der in Berlin als freiberuflicher Architekt tätig ist.[8]

Nach Abschluss der Volksschule besuchte Dietzsch das Staatliche Naturwissenschaftliche Gymnasium in Wuppertal-Elberfeld und nahm zwei Semester lang an Zeichenkursen in der Abendschule der Werkkunstschule in Wuppertal-Vohwinkel teil. Im März 1952 legte er das Abitur ab und wollte eigentlich Künstler werden. Auf Wunsch seines Vaters schrieb er sich jedoch an der Technischen Hochschule in Aachen im Fach Architektur ein. Im April begann er ein sechsmonatiges Praktikum beim Bauunternehmen Gebrüder Möbers in Wuppertal-Elberfeld und war während des Studiums im Technischen Büro der Ehrenfelder Papierfabrik EPAG tätig.[9]

Ab März 1954 folgten viereinhalb Jahre freie Mitarbeit im Büro des bekannten Kunstgaleristen und Architekten Rolf Jährling in Wuppertal-Elberfeld.[10] In der Galerie Parnass[11] war er zusätzlich an der Vorbereitung der Ausstellungen junger deutscher und ausländischer Maler, Bildhauer und Architekten tätig. Dietzsch verließ das Büro Jährling am 30. Juni 1958, um sein Diplom-Examen abzulegen. Der freundschaftliche Kontakt zum Galeristen Jährling blieb jedoch erhalten. Beim 24-Stunden-Fluxus-Happening im Juni 1965 in der Galerie Parnass nahm er mit seiner Frau und seinem Bruder teil.[12][13] Die Diplomarbeit bei Hans Schwippert mit dem Entwurf eines Gymnasiums und eines Kinderheimes schloss er im Jahr 1959 ab.

Abb. 1: Olivio Ferrari, Renate Wetzlar, O.M. Ungers, Karl-Lothar Dietzsch (1960)

Über den Kontakt seiner Ehefrau zu Liselotte Ungers, der Tochter des Wuppertaler Bauunternehmers Gabler, erhielt Dietzsch 1959 eine Anstellung im gerade fertiggestellten Büro von Oswald Mathias Ungers in der Belvederestraße 60 in Köln-Müngersdorf[14], das er dann „mit aufgebaut und über 30 Jahre lang geleitet hatte“.[15]

Dietzsch starb im Alter von 57 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit und wurde auf dem Alten Friedhof in der Turmgasse in Köln-Widdersdorf begraben, in nächster Nähe des zusammen mit Ungers realisierten Wohnungsbauprojekts Mertenshof.[16] Auch seine Ehefrau ruht in dem gemeinsamen Grab.[17]

Wirken

Abb. 2: K.-L. Dietzsch (links) und O. Ferrari im Zeichenbüro

Das erste Projekt, das Dietzsch eigenständig im Büro Ungers bearbeitete, war der Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Deutschordenshauses in Frankfurt am Main. Das Projekt ist nicht im Werkverzeichnis von Ungers aufgeführt, allerdings ist das Projekt durch den Schnitt, der auf dem runden Tisch liegt (Abb. 1) und im Grundriss an der Wand (Abb. 2) eindeutig zu identifizieren.[18]

Von den acht weiteren, von Ungers und Dietzsch realisierten Projekten (1959–1964) wurden am bekanntesten die expressionistisch anmutenden Bauten in Wuppertal-Elberfeld, das Mehrfamilienhaus Gabler[19][20] und in Hennef (Sieg) die Villa Steimel, die 2017 illegal abgerissen wurde.[21][22] Diese beiden Bauten sieht Heinrich Klotz im Interview mit Ungers neben den Wohnblocks in Köln-Nippes[23] und dem Wuppertaler Siedlungsbau in der Mozartstraße (Anm.: gemeint ist das Mehrfamilienhaus Gabler), als besonders gelungene Wohnungsbauten an.“[24]

Neben diversen Wohnbebauungen in Köln-Poll (1961–63)[25], Köln-Mauenheim (1959–1961)[26][27], in Overath (1960–1961) und dem Rudolf-Müller-Verlagsgebäude in Köln-Braunsfeld (1960–64) war der erfolgreiche Wettbewerbsentwurf für die „Neue Stadt“ in Köln-Seeberg (1961–1964)[28] das letzte realisierte Projekt, in der Ungers und Dietzsch in den Werkmonographien des DVA als alleinige Entwurfsverfasser aufgeführt sind.[29] Mit der Berufung von Ungers im Jahr 1963 als Ordinarius für Entwerfen und Gebäudelehre am Institut für Gebäudelehre an der Fakultät III für Architektur der Technischem Universität Berlin und der Übernahme der Professur an der Cornell University in Ithaca wuchs Dietzsch die Aufgabe des Bürochefs zu.

Mehrfamilienhaus in Wuppertel, Architektː Karl-Lothar Dietzsch (1967)
Wohnanlage Rochusstraße 212-214, Köln-Ossendorf, Foto: Raimond Spekking (2025)

1964 wurde er zum Gemeindearchitekten der Evangelischen Kirchengemeinden von Bickendorf und Ehrenfeld berufen und realisiert sein erstes Projekt in Wuppertal-Elberfeld, ein Mehrfamilienhaus für seine Eltern, das am 11. März 2026 posthum in die Datenbank zum Architekturführer baukunst-nrw aufgenommen wurde.[30]

Ab 1969, nach dem gemeinsamen Entwurf für den „Grünzug Süd“ (1962–65),[31] der dann mit Franz Oswald und Rob Krier weiter bearbeitet wurde, und der Fertigstellung der Wohnbauten für das Märkische Viertel in Berlin-Wittenau[32] war Dietzsch neben seiner Tätigkeit im Büro Ungers als Architekt in Köln selbständig tätig. Aus dieser Zeit stammen eigene realisierte Projekte, Veröffentlichungen, Publikationen und Preisrichtertätigkeiten. 1971 erfolgte seine Berufung in den Allgemeinen Bauausschuss des Evangelischen Stadtkirchenverbandes Köln, der sich ab 1964 aus den vier evangelischen Kirchenkreisen Köln-Mitte, -Nord, -Rechtsrheinisch und -Süd formierte. Im selben Jahr wurde er Mitglied der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen und 1974 ordentliches Mitglied im BDA. Neben diversen Wohnungsbauten, Alten- und Pflegeheimen und Gemeindezentren für die Evangelische Kirche im Rheinland wurde Dietzsch auch beauftragt für die Umgestaltung der Evangelischen Friedenskirche in Köln-Ehrenfeld, den Bau eines Büro- und Geschäftshaus in Köln-Nippes sowie im Jahr 1977 für die Innenausbauerweiterungen und die Eingangs- und Vitrinenanlagen des Kunsthauses Lempertz in Köln.[33]

Perspektivzeichnung von K.-L. Dietzsch, Wettbewerb Museum Ludwig, Köln 1975

Haupttätigkeit blieb jedoch die Position im Büro Ungers, was sich an den Beteiligungen bedeutender Projekte in der Wettbewerbsphase bis 1979 widerspiegelt (Berlin-Lichterfelde, 4. Ring, 1. Preis/1975 in Projektgemeinschaft mit Ungers[34], Roosevelt Island Competition, New York/1975[35], Wallraff-Richartz Museum/Museum Ludwig, Köln/1975[36] und Hotel Berlin, 1. Preis/1977[37]), die aber alle nicht realisiert wurden.

Auch in der folgenden Realisierungsphase, mit dem DAM Frankfurt (1979–84), dem Messehaus 9 und der Galleria, beide in Frankfurt am Main (1980–83)[38], dem Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven (1980–84) und der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe (1980–84), welche die internationale Bedeutung des Büros manifestierten, war Dietzsch bei 12 von 19 gebauten Projekten beteiligt.[39]

Als Einziger von den vielen wechselnden Mitarbeitern verfügte er über genügend Bauerfahrung, die sich besonders nach der Direktbeauftragung von Ungers beim Umbau der Gründerzeitvilla am Mainufer zum Deutschen Architekturmuseum[40] und des Museums Schloss Morsbroich (1976–1980) auszahlte.[41][42]

Bis 1988 war Karl-Lothar Dietzsch neben der Teilnahme an 15 Wettbewerben und Gutachten maßgeblich an der Realisierung von 8 weiteren Projekten beteiligt, u. a. an der Umgestaltung des Konstantinplatzes in Trier (1981–83)[43], der Wohnbebauung Forellenweg in Salzburg (1984–89) und der Galerie Max Hetzler in Köln (1986–88). Anm.: Postum realisiert: IBA-Wohnbebauung Köthener Straße, Berlin (1987–89)[44], Umgestaltung Domplatz mit Dom-Info in Speyer (1988–90), Umbau der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank in Düsseldorf (1988–1991), Heizkraftwerk GEW in Köln-Merheim (1988–1989) und das BIBA (1988–1991) Bremer Institut für Betriebstechnik und angewandte Arbeitswissenschaften.[45]

Universitätsclub neben dem Oberbergamt Bonn (2025)

Der Universitätsclub[46] neben dem Oberbergamt in Bonn war sein letztes Projekt, das er fast vollständig umsetzen konnte. Das Richtfest wurde knapp ein Jahr nach der Grundsteinlegung am 16. Oktober 1989 gefeiert, allerdings ohne den Architekten: „Mit großer Trauer erfüllte uns allerdings, daß Herr Dipl.- Ing. Karl-Lothar Dietzsch, Architekt und Leiter des Büros Unger, dies nicht mehr miterleben konnte. Ihm haben wir viel zu verdanken. Er starb mitten in den Arbeiten am 26. Februar 1989“.[47]

Eigene Bauten (Auswahl)

Veröffentlichungen

  • 1972 "Kinderheime", e+p-Reihe, Callwey-Verlag München, Nr. 16, Seiten 34–35
  • 1972 Giampiero Aloi: "Gruppo di Case d`Abitazione nella Nuova Citta di Colonia (RFT), Oswald M. Ungers e K.L. Dietzsch, S. 91-96 in: "Case di Abitazione"-Seconda Serie - Dwelling Houses-Second Series, Hoepli Verlag, Mailand, 1972, 351 Seiten, ISBN 82-03-00852-6 (italienisch und englisch)
  • 1973 "Altenheime, Wohnstifte Seniorenzentren", e+p-Reihe, Callwey-Verlag München, Nr. 17, Seiten 40–41
  • 1973 "Studentenheime", e+p-Reihe, Callwey-Verlag München, Nr. 21 (in Projektgemeinschaft)
  • 1973 J. Joedicke, H. Deilmann et al.: "Wohnungsbau: Nutzungstypen" (Dokumente der modernen Architektur), Karl Krämer Verlag, Stuttgart (in Projektgemeinschaft)
  • 1973 K.-L. Dietzsch, M. Gerner, O. Robeck: "Fußgängerbereiche in der City", Eigenverlag, Repro Central, Bad Homburg v. d. H.
  • 1974 "Industriebauten – Gemeinschaftszentren", Baumeister, Callwey-Verlag München
  • 1974 K.-L. Dietzsch, M. Gerner, O. Robeck: "Lebendige City", Reportage, Verbesserungsvorschlag für die Frankfurter Zeil, in: Baumeister, Callwey Verlag, Heft 4, 1974, Seite 371
  • 1975 "Freistehende Einfamilienhäuser", e+p-Reihe, Callwey-Verlag München, Nr. 28, Seite 73
  • 1975 O.M. Ungers, K.-L. Dietzsch: "Eine Entscheidung", Erläuterungsbericht zum 1. Preis, "Wettbewerb 4. Ring, Berlin Lichterfelde", Bauwelt, Berlin, Heft 20–21, Juni 1975, Seiten 612–613
  • 1975 "Städtebaulicher Ideenwettbewerb Berlin - Lichterfelde, 4. Ring", 1. Preis: Prof. O.M. Ungers, K.L. Dietzsch, Berlin/Köln, Wettbewerbe Aktuell, Heft 6, Juni 1975, Seiten 361–363
  • 1976 K.-L. Dietzsch: "100 Jahre Planen und Bauen – Evangelische Friedenskirche in der Rothehaussstrasse", in: 100 Jahre Friedenskirche (Köln-Ehrenfeld) (Festschrift), Seiten 6–8
  • 1987 Peter Riemann: O.M. Ungers/K.-L. Ditzsch: Wettbewerb "Erzbischöfliches Gymnasium Bonn-Beuel" und Städtebaulicher Entwurf "Wohnbebauung Rupenhorn", Berlin, in: "Casa Tragica - Cittá Comica: Zur Deutung von Ungers städtebaulichen Leitbildern und Entwurfsmethoden", Der Architekt, Bonn, Dezember 1987, S. 586 und 587
Commons: Karl-Lothar Dietzsch – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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