Kastell Aislingen
Kastell der römischen Kaiserzeit, Befestigung des Frühmittelalters und Burgstall des Hochmittelalters.
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Das Kastell Aislingen ist ein ehemaliges, frühkaiserzeitliches, römisches Militärlager an der älteren Donaulinie des Raetischen Limes. Das heutige Bodendenkmal liegt auf dem Gebiet von Aislingen, einem Markt im bayerischen Landkreis Dillingen an der Donau.
| Kastell Aislingen | |
|---|---|
| Limes | Raetischer Limes ältere Donaulinie |
| Datierung (Belegung) | tiberisch bis 67/70 |
| Größe | ungeklärt |
| Bauweise | Holz-Erde-Lager (?) |
| Erhaltungszustand | kaum ahnbares Bodendenkmal |
| Ort | Aislingen |
| Geographische Lage | 48° 30′ 29″ N, 10° 27′ 40,5″ O |
| Höhe | 495 m ü. NHN |
| Vorhergehend | Guntia (westsüdwestlich) |
| Anschließend | Kastell Burghöfe (nordöstlich) |
Lage und Forschungsgeschichte
Das ehemalige Kastell und heutige Bodendenkmal liegt westlich des modernen Ortes auf dem Plateau des „Alten Berges“, zwischen der Glött und dem Aislinger Bach. Dort befinden sich auch weitläufige, ältere, vor- und frühgeschichtliche Anlagen, die aber, wie die römischen Befunde, von einer Burg des Frühmittelalters überprägt sind. Das Plateau wird von einem 30 m breiten und acht Meter tiefen Sohlgraben in zwei Hälften zerschnitten. An der Stelle des Burgstalls befindet sich heute die 1629/1630 errichtete Sebastianskapelle.[1] Dort lag auch das römische Kastell, dessen Spuren durch die mittelalterliche und neuzeitliche Überbauung nur noch stark fragmentarisch vorhanden sind.
Archäologische Untersuchungen erfolgten seit den 1950er Jahren unter anderem durch Günter Ulbert, Wolfgang Czysz und Barbara Kainrath.[2]
Archäologische Befunde
Kastell
Von dem ehemaligen Kastell sind nur noch rudimentäre Spuren der Innenbebauung und möglicherweise eines Tores vorhanden, so dass keinerlei Aussagen über Größe, Ausrichtung und Bauphasen getroffen werden können. Klar scheint zu sein, dass das Lager schon in tiberischer Zeit angelegt und spätestens in frühvespasianischer niedergebrannt wurde, wovon ein entsprechender Brandhorizont Zeugnis ablegt. Ob dies durch Feindeinwirkung geschah, muss offenbleiben. Barbara Kainrath geht davon aus, dass das Lager vom römischen Militär selbst kontrolliert abgebrannt wurde.[3] Im Rahmen der Reorganisation der Grenzen unter Vespasian wurde es jedenfalls nicht wieder besetzt. Die Archäologen vermuten, dass seine Funktionen von dem nahe gelegenen Kastell Günzburg (Guntia) übernommen wurden.[2][4][5][6]
Kastellvicus
Trotz der nur kurzen Belegungsdauer des Kastells fanden sich auf beiden Seiten der Ausfallstraße nach Süden hin auf einer Länge von über 200 Metern Spuren eines Kastellvicus. Der Vicus ist das zivile Lagerdorf, das bei jedem dauerhaften Standlager anzutreffen war, in dem die Angehörigen der Soldaten, Händler, Handwerker, Gastwirte, Prostituierte und andere Dienstleister, die der Versorgung der Truppe dienten, lebten und wirtschafteten. Der Vicus von Aislingen wurde von den für die Nordwestprovinzen des Reiches typischen, langgestreckten Streifenhäusern geprägt, von denen fünf ausgegraben werden konnten.[7] Die Gebäude waren in Holzbauweise ausgeführt und recht spartanisch, ohne Hypokaustanlagen, Keller oder Brunnen ausgestattet. Das Fundmaterial deutet auf handwerkliche Tätigkeiten wie Eisenverhüttung und Knochenschnitzerei. Ausweislich der Münzreihe wurde die Zivilsiedlung mit dem Abzug der Truppen offen gelassen. Spuren einer Zerstörung lagen dort jedoch nicht vor. Vermutlich siedelten die Vicani (Vicusbewohner) in das nahe gelegenen Dorf unterhalb des „Aschbergs“ bei Gundremmingen um (siehe unten).[2][4][6][8]
Vicus Aislingen-Aschberg
Gut 2,5 km westlich des Kastells Aislingen, nur noch rund 700 m ostnordöstlich vom spätantiken Kastell Bürgle bei Gundremmingen entfernt, befindet sich der weitläufige Vicus von Aislingen-Aschberg. Dieser Vicus scheint zeitlich und funktional den Kastellvicus von Aislingen abgelöst zu haben und bestand bis in das dritte Jahrhundert hinein. Ein unmittelbar benachbartes Steingebäude wurde früher als mögliche Statio (Straßenstation) oder Mansio angesprochen, könnte aber auch das Hauptgebäude einer Villa rustica gewesen sein. In diesem Gebäude war 1929 das Visierteil eines Kavalleriehelmes vom „Typus Heddernheim“ gefunden worden.[9] Bestandteil des Vicus war auch ein Töpfereibetrieb für Feinkeramik, insbesondere für die qualitativ hochwertige, sogenannte Raetische Ware, die dort von der Zeit um 110/120 bis zur Mitte des dritten Jahrhunderts produziert wurde.[10]
Denkmalschutz
Die Befunde von Aislingen sind unter den Aktenzeichen D-7-7428-0029 (Kastell), D-7-7428-0072 (Kastellvicus), D-7-7428-0163 (südliche Ausfallstraße), D-7-7428-0160 (Donausüdstraße) und D-7-7428-0498 (Vicus Aschberg) eingetragene Bodendenkmale im Sinne des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes (BayDSchG).[11] Nachforschungen und gezieltes Sammeln von Funden sind dort erlaubnispflichtig, Zufallsfunde sind den Denkmalbehörden anzuzeigen.
Literatur
- István Gergő Farkas: The Dislocation of the Roman Army in Raetia (= BAR International Series 2723). BAR Publishing, Oxford 2016, ISBN 978-1-4073-1378-8, S. 18.
- Wolfgang Czysz: Rettungsgrabungen im Vicus des rührömischen Kastells Aislingen, Landkreis Dillingen a. d. Donau, Schwaben. In: Das archäologische Jahr in Bayern 1989. 1990, S. 114–118.
- Wolfgang Czysz: Römische Töpfer am Aschberg zwischen Aislingen und Gundremmingen. In: Heimatkundliche Schriftenreihe für den Landkreis Günzburg. Band 27, 2004, S. 167–205.
- Wolfgang Czysz: Aislingen Lkr. Dillingen a.d. Donau, Schw. Frühkaiserzeitliches Kastell und Vicus. In: Ders. et al. (Hrsg.): Die Römer in Bayern. Lizenzausgabe. Nikol, Hamburg 2005, ISBN 3-937872-11-6, S. 415 f.
- Wolfgang Czysz: Zwischen Stadt und Land. Gestalt und Wesen römischer Vici in der Provinz Raetien. In: Alexander Heising (Hrsg.): Neue Forschungen zu zivilen Kleinsiedlungen (vici) in den römischen Nordwest-Provinzen. Akten der Tagung Lahr 21.–23.10.2010. Habelt, Bonn 2014, ISBN 978-3-7749-3759-8, S. 261–377.
- Karlheinz Dietz, Thomas Fischer, Veronika Fischer: Bayern zur Römerzeit. Archäologie und Geschichte. Pustet, Regensburg 2025, ISBN 978-3-7917-3520-7, S. 357 f.
- Thomas Fischer, Erika Riedmeier-Fischer: Aislingen Lkr. Dillingen a.d. Donau, Schw. Kastell und Vicus der frühen Kaiserzeit. In: Dies.: Der Römische Limes in Bayern. Pustet, Regensburg 2008, ISBN 978-3-7917-2120-0, S. 163 f.
- Barbara Kainrath: Der Vicus des frührömischen Kastells Aislingen (= Materialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte. Band 92). Laßleben, Kallmünz 2008, ISBN 978-3-7847-5092-7.
- Hans Schönberger: Die römischen Truppenlager der frühen und mittleren Kaiserzeit zwischen Nordsee und Inn. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission. Band 66 (1985). Zabern, Mainz 1986, ISSN 0341-9312, S. 415–416.
- Johann Friedrich Tolksdorf, Anna Kalapáčová, Christoph Herbig, Libor Petr, Franz Herzig, Julia Weidemüller: Ein römischer Brunnen des 1. Jahrhunderts aus Aislingen. In: Bericht der bayerischen Bodendenkmalpflege. Nummer 65, 2024, S. 133–142 (Digitalisat).
- Günter Ulbert: Die römischen Donau-Kastelle Aislingen und Burghöfe (= Limesforschungen. Band 1). Gebr. Mann, Berlin 1959 (Digitalisat).
Weblinks
- Römergeschichte in Aislingen auf der offiziellen Webpräsenz der Stadt Aislingen