Kastell Günzburg
römische Kastelle nebst Zivilsiedlung auf dem Gebiet der bayerischen Stadt Günzburg
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Kastell Günzburg (lateinisch Guntia, auch Gontia) ist die Bezeichnung mehrerer, zeitlich aufeinander folgender römischer Militärlager auf dem Gebiet der Stadt Günzburg im schwäbischen Landkreis Günzburg in Bayern. Die ehemaligen Kastelle und der zugehörige Vicus (Zivilsiedlung) bestanden von der frühen Kaiserzeit bis zur Spätantike.
| Kastell Günzburg | |
|---|---|
| Alternativname | Guntia, Gontia |
| Limes | ORL NN (RLK) |
| Strecke (RLK) | A-B) Raetischer Limes, ältere Donaulinie C-D) Spätantiker Donau-Iller-Rhein-Limes |
| Datierung (Belegung) | A) claudisch-neronisch (?), ungesichert B) flavisch bis um 110 C) Zeit der Tetrarchie D) Spätantike bis Mitte 5. Jh. |
| Einheit | A) unbekannt B) Ala II Flavia C) Vexillatio der Legio III Italica D) Milites Ursariensis |
| Größe | A) unbekannt B) 220 m × 150 m = 3,3 ha C) maximal 1,2 ha D) ungesichert |
| Bauweise | A) Holz-Erde-Lager B-D) Steinkastell |
| Erhaltungszustand | A-C) nicht sichtbare Bodendenkmale D) konserviertes Fundament |
| Ort | Günzburg |
| Geographische Lage | 48° 12′ 17″ N, 10° 16′ 1″ O |
| Höhe | 446 m ü. NHN |
| Vorhergehend | Kleinkastell Nersingen (westsüdwestlich) |
| Anschließend | Kastell Faimingen (nordöstlich) |
| Vorgelagert | Kastell Heidenheim (nordnordwestlich) |
Lage, Quellen und Forschungsgeschichte
Die ehemaligen römischen Siedlungsstellen respektive die heutigen Bodendenkmale befinden sich geographisch auf den teilweise von Löss überlagerten pleistozänen Schotterterrassen der Donau-Iller-Lech-Platte (auch Oberschwäbische Hochebene genannt), an den Mündungen der Günz und der Nau in die Donau. In der Antike lag Guntia im administrativen Bereich der Provinz Raetia und später der Raetia secunda und spielte durch seine Lage an der Donau und den Flussübergang eine strategisch bedeutsame Rolle. Es war im Itinerarium Antonini[1] (22 römische Meilen à 1,48 km von Augusta Vindelicum und 16 Meilen von Caelius Mons entfernt) und in der Notitia dignitatum[2] verzeichnet und wurde um das Jahr 297 in einem Panegyricus genannt.[3] Verkehrsgeographisch befand sich Guntia unmittelbar längs der Donausüdstraße, welche das Siedlungsgebiet in Ostwest-Ausrichtung längs durchschnitt. Der Name Guntia leitet sich möglicherweise von einer keltischen Göttin Gontia ab, die als Schutzgottheit der Günz angenommen wird. Sie ist in Günzburg durch eine Inschrift nachgewiesen:[4]
“Gontiae / sacr(um) / G(aius) Iulius / Faventianus / (centurio) leg(ionis) I Ital(icae)”
„Der Gontia geweiht (von) Gaius Iulius Faventianus, Centurio der Legio I Italica“
Bereits Ende des 18. Jahrhunderts wurde Günzburg von dem Historiker und Geographen Konrad Mannert (1756–1834) als das antike Guntia identifiziert,[5] und einer der ersten, der sich intensiver mit Guntia befasste, war im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts der Historiker und Altertumsforscher Johann Nepomuk von Raiser (1768–1853).[6] Im Jahr 1902 gründete sich der Historische Verein Günsburg,[7] zwischen 1903 und 1905 fanden die ersten archäologischen Ausgrabungen statt. Eine Bauinschrift des vespasianischen römischen Kastells aus den Jahren 77/78 wurde um 1910 gefunden, ein Weihestein für die Göttin Gôntia 1929. Diverse Gutshöfe (villae rusticae) und kleinere Siedlungen in der Umgebung von Günzburg wurden in der Folgezeit ebbenfalls archäologisch nachgewiesen.[8] Nach der Verabschiedung des Gesetzes zu Schutz und zur Pflege der Denkmäler (Bayerisches Denkmalschutzgesetz – BayDSchG) 1973 wurde die Außenstelle Schwaben des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege personell aufgestockt und war seit 1976 in der Lage baubegleitende Rettungsgrabungen durchzuführen, so im großen Gräberfeld an der „Ulmer Straße“, das Wolfgang Czysz in zwölf Grabungskampagnen betreute.[9] Im Jahr 2003 wurde die Kastellmauer der spätantiken Beestigung aus der Zeit des Theodosius I. untersucht.[10][11]
Archäologische Befunde und Hypothesen
Kastelle


Es bestanden vermutlich insgesamt bis zu vier zeitlich aufeinanderfolgende Kastelle, zum Teil unterbrochen von Phasen ohne militärische Präsenz.[12] Möglicherweise befand sich in Guntia auch ein Stützpunkt der Classis Pannonica (Donauflotte), worauf Spuren von Baracken und entsprechende Militariafunde an der Günzmündung im Bereich des „Kappenzipfels“ weisen.[13]
Hypothetisches claudisches Kastell
Möglicherweise im östlichen Bereich der Unterstadt, auf dem „Kappenzipfel“,[14] wurde vielleicht schon in claudischer Zeit, um 45 bis 50 u. Z. ein Kastell zur Verteidigung der Donaugrenze errichtet. Dieses bislang hypothetische frühe Kastell ist archäologisch nicht nachgewiesen, aber seine Existenz erscheint plausibel. Zum einen durch ein Bauprogramm im Zusammenhang mit der Anlage der Donausüdstraße, in dessen Kontext auch einige Nachbarkastelle errichtet wurden. Zum anderen auf der Basis von mittels Strontiumisotopenanalyse ausgewerteten Grabfunden und weiterer Artefakte, die auf eine Zuwanderung insbesondere aus dem Bereich Vindonissa hinweisen, was als Indiz für eine Verlegung von Teilen der dort stationierten Truppen nach Guntia interpretiert wird. Wie die genaue Lage sind jedoch auch die Namen der dort möglicherweise stationierten Truppen unbekannt. Dass sich bereits in dieser Zeit auch eine zivile Siedlung ausbildete, erscheint ziemlich unwahrscheinlich.[8][15][16]
Flavisches Kastell
Das folgende Kastell stammt aus der frühflavischen Zeit und ist archäologisch und epagraphisch nachgewiesen. Sein Standort lässt sich anhand der archäologischen Funde, darunter Terra sigillata der Typen Drag. 29 und Drag. 37, sowie der Befunde einzelner Grabenabschnitte zwischen dem heutigen Friedhof und der „Donaugasse“ lokalisieren.[17] Der Befund- und Fundbereich deckte ein Areal von rund 220 m mal 150 m (= 3,3 ha) ab. Unter dem Fundmaterial befindet sich eine Bauinschrift. Die datierende Inschrift lautet:[18]
“[T(ito) Caesare I]mp(eratore) Aug(usti) f(ilio) p[ontifice tribuni]/[cia potes]tate VII im[p(eratore) XII co(n)s(ule) VI censore] / [Domitiano C]aesare Au[g(usti) f(ilio) co(n)s(ule) V principe] / [iuventutis p]roc(uratore) C(aio) Sa[turio Saturnino?] / [--- p]rae(fecto) eq(uitum) a[lae ---] / [------](?)”
„Dem Imperator Caesar Titus, Sohn des Augustus, oberster Priester, zum siebten Mal im Besitz der tribunizinischen Gewalt, zum zwölften Mal Konsul, Censor; dem Caesar Domitian, Sohn des Augustus, Konsul zum fünften Mal, Prinz der Jugend; unter der Statthalterschaft des Gaius Saturius Saturninus; ... Reiterpraefekt der Ala ...“
Die Inschrift ist Titus und Domitian, den Söhnen des Kaisers Vespasian (69–79) gewidmet und sagt aus, dass unter Gaius Saturius Saturninus, dem Statthalter Raetiens (77–80), der Reiterpräfekt einer Ala das Kastell gebaut hat. Sie lässt sich durch die Daten der Statthalterschaft sowie die genannten jeweiligen Funktionen der Thronfolger auf die Jahre 77/78 datieren. Stationiert war dort in jedem Fall eine größere Reitertruppe, möglicherweise die Ala II Flavia, eine 1000 Mann starke berittene Auxiliareinheit, welche zu dieser Zeit die ranghöchste Einheit in der Provinz Raetien war. Ihre Anwesenheit wird durch den Fund eines entsprechenden Ziegelstempels nahegelegt. In der trajanischen Zeit, um das Jahr 110 wurde die Ala im Kontext der Vorverlegung des Limes zunächst in das Kastell Heidenheim, später in das Kastell Aalen verlegt.[19] Im Verlauf der heutigen „Heidenheimer Straße“ befand sich ein Übergang über die Donau, bei dem nicht geklärt ist, ob es sich um Pontonbrücke, eine Holzbrücke oder möglicherweise nur eine Fähre handelte.[20] Bei Ausgrabungen in den Jahren 2013/2014 wurde rund 600 m östlich des Auxiliarkastells ein großer, etwa 100 m mal 50 m messender Holzpfostenbau identifiziert, den Wolfgang Czysz als Horreum (Speichergebäude) im Zusammenhang mit der Limesvorverlegung interpretierte. Nach dem Abzug der Truppen blieb Guntia, nun nicht mehr Frontstadt, sondern im Hinterland Raetiens, für fast zweihundert Jahre ohne neuerliche militärische Stationierung.[8][15][21]
Tetrachisches Kastell


Nach dem so genannten Limesfall, der Rücknahme der Grenze auf die Donau infolge der permanenten Angriffe und Plünderungszüge der Alamannen, Juthungen und Semnonen geriet Guntia wieder in die Konfliktzone. So wurde hier, vermutlich in der Zeit der Tetrarchie, um das Jahr 300, vermutlich nördlich der Martinskirche, wieder eine Befestigung errichtet.[22] Das neue, maximal 1,2 ha große Kastell diente der Sicherung des wichtigen und möglicherweise letzten in römischen Händen verbliebenen Donauüberganges. So wurde am 1. März 297 in einem Panegyricus auf den Caesar Constantius I. erwähnt, wie dieser von der Rheinbrücke (wohl bei Mogontiacum) bis zum Donauübergang bei Günzburg (ad Danuuii transitum Guntiensum) Alamannien verwüstet habe.[3]
Quamquam multa mihi ex illis quoque hoc in tempore necessario transeunda sunt ac potissimum ea quibus officio delati mihi a diunitate uestra honoris interfui, captus silicet rex ferocissimae nationis inter ipsas quas moliebatur insidias et a ponte Rheni usque ad Danuuii transitum Guntiensem deusta atque exhausta penitus Alamannia; nam et maiora sunt quam ut enarrari inter alia possint...
„Allerdings muss ich viele von jenen Ereignissen bei dieser knappen Redezeit unerwähnt lassen, sogar die, bei denen ich in Ausübung des mir von Euch übertragenen ehrenvollen Amtes dabei war; etwa wie der König eines sehr wilden Stammes gefangen genommen wurde, während er eben feindliche Anschläge gegen uns plante und wie das Land der Alamannen von der Rheinbrücke bis zum Guntiensischen Donauübergang durch Feuer verwüstet und entscheidend geschwächt wurde. Diese Erlebnisse sind zu wichtig, als dass sie unter anderen erzählt werden könnten...“
Sie bezieht sich auf einen Alamannenfeldzug des Thronfolgers in den Jahren 292/293 infolgedessen er den Ehrennamen Germanicus Maximus erhielt. Die explizite Erwähnung Transitum Guntiensum weist auf einen feststehenden geographischen Begriff, was möglicherweise seine Bedeutung nicht nur in strategischer, sondern auch in logistischer und ökonomischer Hinsicht zeigt.[23] Stationiert gewesen sein könnte dort eine Vexillation der Legio III Italica. Die kleinere Kastellgröße weist auf die diokletianische Heeresreform, nach der die Größe der Limitanei und Comitatenses gegenüber den Einheiten des vorigen Heeres spürbar reduziert worden waren. Auf die Umstrukturierungsmaßnahmen deutet auch der Umstand, dass bei den Bestattungen dieser Zeit der Anteil germanischer Söldner gegenüber der früh- und hochkaiserlichen Zeit deutlich gewachsen war.[8][15][24]
Spätantikes Kastell
Um 380/400 wurde ein letztes Kastell errichtet, dem wahrscheinlich noch das Festungsbauprogramm Valentinians I. zu Grunde lag. Diese Befestigung befand sich südwestlich der Martinskirche.[25] Die Festung ist in sofern singulär, als sie zum einen die spätestbekannte größere militärische Baumaßnahme der Römer in Rätien darstellt und zum anderen die Mächtigkeit ihrer Grundmauern (etwa 5,30 bis 5,90 Meter breites Opus caementitium) nördlich der Alpen einzigartig ist. Ein 5,10 m mal 5,30 m messender Block dieses Gussmauerwerks wurde bei Baumaßnahmen auf dem Grundstück „Ulmer Straße 26“ in situ angetroffen und später im Erdgeschoss des dort errichteten Hotels konserviert, wo er besichtigt werden kann. Dieser Block zeigte, dass das Fundament nicht einfach in eine Grube, sondern zwischen zwei Wänden aus Schalbrettern eingebrachtworden war, deren Maserung sich in dem antiken Beton erhalten hatten. Ein unter der „Ulmer Straße“ liegender breiter Graben zeigte, dass es sich um die Südmauer des Kastells gehandelt haben muss. Die dendrochronologische Analyse eines erhaltenen Stücks Bauholz ergab, dass die Stämme der Bauhölzer nicht vor dem Jahr 380 gefällt worden sein konnten. Die Kastellgröße übertraf jene zeitgleicher benachbarter Festungen (mit Ausnahme des Legionslagers Regensburg) bei weitem; die Baumaterialien ließen sich von der „Ulmer Straße 26“ aus noch rund vierzig Meter weit nach Westen weiter verfolgen. Insgesamt wird ein Kastell mit einem quadratische Grundriss von 200 m Seitenlänge angenommen, so dass sich ein befestigtes Areal mit einer Außenfläche von vier und einer Innenfläche von vielleicht drei Hektar ergibt. Aufgrund dessen können aber keine Rückschlüsse auf die Truppengröße vorgenommen werden, da es in der spätantiken Zeit durchaus üblich war, auch Zivilisten innerhalb der Umwehrung einzuquartieren. Im Kastell waren laut Notitia dignitatum die Milites Ursariensis stationiert (deutsch: „Bärenfänger“), die unter dem Oberbefehl des Dux Raetiae primae et secundae standen. Ausweislich der Grabfunde war ein großer Teil der Soldaten germanischer Herkunft. Die Festung hatte noch bis um die Mitte des fünften Jahrhunderts Bestand. Die Kalktuff-Quader der spätantiken Festung wurden später beim Bau des mittelalterlichen Kirchturms und der Günzbrücke sekundär verwendet.[8][10][15][23][26]
Vicus und Umland
Noch in der flavischen Zeit entwickelte sich neben dem Militärlager ein Vicus. Der Vicus war eine zivile Siedlung, in der sich Angehörige der Soldaten, Veteranen, Handwerker, Händler, Prostituierte, Gastwirte und andere Dienstleister lebten und wirtschafteten. Wie viele Vici am raetischen Donauufer bestand auch der Vicus von Günzburg nach dem Abzug der Truppen in trajanischer Zeit weiter und entwickelte sich zu einer größeren, zeitweise recht wohlhabenden Siedlung mit guter Einbindung in das römische Fernstraßennetz. Aufgrund der mittelalterlichen Überbauung ist nur wenig über die Struktur der Siedlung bekannt. Es scheint sich um eine über 1200 m linear westöstlich ausgerichtete Siedlung mit zwei bis vier parallelen Straßen ober- und unterhalb der Donausüdstraße gehandelt zu haben, deren durchschnittliche Breite sich auf 200 m belief, so dass sich ein Gesamtareal von 24 Hektar ergab. Da die innere Struktur der Siedlung kaum bekannt ist, kann nur geschätzt werden, dass bei 250 m bis 300 m Häusern rund 2400 Einwohner beheimatet haben könnte. Die Funde lassen auf weitreichende Handelsbeziehungen schließen.
Der Donauübergang wird ungefähr in der Verlängerung der „Brunnengasse“ nördlich der „Zankerstraße“ vermutet (in deren Bereich sich wohl das Südufer der römerzeitlichen Donau befand). Dort wurden Fundamente, Steinquader und Spolien gefunden. Der Übergang könnte aus einer Pontonbrücke und einem befestigten Brückenkopf am nördlichen Donauufer bestanden haben. Von der Zeit der Reichskrise des 3. Jahrhunderts zeugten ein Brandhorizont und die Reduzierung der Siedlungsgröße und der Belegungsfrequenz der Gräberfelder. Diverse Gutshöfe (villae rusticae) und kleinere Siedlungen erschlossen das Umland seit dem zweiten Jahrhundert agrarisch. Nahe Günzburg, auf dem Gebiet der Gemeinde Bubesheim wurde bereits 1905 eine Villa rustica bekannt, eine Risalitvilla mit einer mehr als 38 m breiten Front, die inzwischen luftbildarchäologisch vollständig erfasst ist. Eine weitere Villa wurde (ebenfalls 1905) südlich von Denzingen entdeckt.
Die Siedlung Guntia wurde wenigstens einmal durch ein größeres Donauhochwasser auf einer Länge von 450 m verwüstet, was zu Korrekturen des Straßenverlaufes führte.[8][12][15]
Rechtlich war Guntia, wenngleich relativ groß und als Verkehrs- und logistischer Knotenpunkt durchaus bedeutend, nur ein unselbständiger, dem Statthalter unterstehender Vicus, ein „Dorf“ ohne Stadtrechte. Möglicherweise könnten nach dem Abzug der Truppen, im beginnenden zweiten Jahrhundert, zwei gewählte Bürgermeister die Aufsicht über Ordnungs-, Bau-, Verkehrswesen und niedere Gerichtsbarkeit ausgeübt haben, worüber aber nichts bekannt ist. Urbane Strukturen, wie Thermen, Tempel und öffentliche Gebäude liegen nicht vor, wenngleich kleinere Balneae, Frischwasserversorgung und Abwasserkanäle, Latrinen und Tempel als unverzichtbare Bestandteile der römischen Alltagskultur angenommen werden müssen. Bei den Privathäusern handelte es sich vorrangig um die für die nordwestlichen Provinzen typischen, bis zu 40 m langen Streifenhäuser, die anfänglich in Holz- und Fachwerkbauweise, seit Mitte des zweiten Jahrhunderts auch aus Stein errichtet wurden und mittels Herdstellen oder Hypokausten beheizbar waren.
Im Bereich der „Birketstraße“ befand sich eine römische Ziegelei. Auch Töpfereien wurden nachgewiesen und Metallfunde wiesen auf die Tätigkeit eines Schmieds. An der Günz betrieben Müller ihr Handwerk, die dem Gott Neptun für die Wasserkraft mit der Weihe eines Altars dankten, der sich erhalten hat:[27]
Zahlreiche Funde von Fehlbränden und Ausschussware sprechen dafür, dass in Guntia wohl mehrere Töpfer auf die Produktion von Terra Nigra und später von Firnisware spezialisiert waren. Auch Mortaria wurden in Günzburg von verschiedenen Töpfern hergestellt, unter denen einer namens Iulius Carantus mit zehn gefundenen Töpferstempeln quantitativ herausragte.
Auch wenn es keine archäologischen Nachweise für Tempel respektive größere Heiligtümer gibt, weisen die Funde von Altären oder deren Bruchstücken, Statuetten, kultischer Keramik und Opferplätzen auf ein reges religiöses Leben. Die Weihealtäre für Gontia und Neptun wurden weiter oben und soeben erst erwähnt. Daneben fanden sich unter anderem eine Statuette der Venus, ein Miniaturaltar der Minerva aus dem 3. Jahrhundert,[28] eine Öllampe mit einem Reliefporträt und ein Altar des Mercurius[29], sowie ein Weihestein für Mithras.[30] Bemerkenswert ist im religiösen Kontext auch der Fund eines Opferaltars auf dem Grundstück „Dillinger Straße 24“. Dort fanden sich unter Ziegelplatten verbrannte Knochen von Opfertieren sowie eine Münze des Vespasian aus der Zeit von dessen sechsten Konsulat (= 76 u. Z.).[31]
- Ältere Dokumente, Funde und Befunde aus den Akten des Historischen Vereins Günzburg
- Guntia in der Notitia dignitatum (1551)
Bayerische Staatsbibliothek München - Weihestein für Neptun;
CIL III, 5866 (1823) - Opferaltar an der Dillinger Straße (vor 1869)
- Brunnen an der Reisenburger Straße (1869)
- Gräberfeld am Dreirosenberg (1903–1906)
Gräberfelder
Die beiden großen Gräberfelder Guntias lagen dem römischen Gesetz entsprechend außerhalb des bebaueten Gebietes am westlichen und östlichen Ende Guntias zu beiden Seiten der Donausüdstraße. Das Gräberfeld „Ulmer Straße“ lag im Westen, dort wurden bislang über 1800 Bestattungen dokumentiert, die von der Mitte des ersten Jahrhunderts bis zur Spätantike reichen.[32] Ein weiteres Gräberfeld im Osten, im Bereich der „Rosenbergstraße“ wurde ab der Zeit um 280/310 belegt. In der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts entstand dort eine frühmittelalterliche Siedlung. Zwei weitere, kleinere Bestattungsplätze gab es am südlichen Ortsrand, längs der rechts und links der Günz nach Süden führenden Straßen, der heutigen „Ichenhauser Straße“ und der „Adalbert-Stifter-Straße“.
Das Gräberfeld an der „Ulmer Straße“ ist das größte römische Gräberfeld Raetiens und nach der Nekropole von Gelduba das zweitgrößte Deutschlands. Es begann im Westen im Bereich der „Wetzlerstraße“/„Reindlstraße“ und erstreckte sich über fast 600 m bis zur „Donaugasse“/„Weißenhorner Straße“. Nördlich der „Ulmer Straße“ war ein 30 m bis 35 m breiter Streifen mit Gräbern belegt, südlich reichte die Belegungstiefe bis zu 110 m weit, so dass sich ein Areal von rund neun Hektar interpolieren lässt. Die Belegung begann in vespasianischer Zeit und reichte bis zur Spätantike. Bei den Bestattungsformen dominierten zunächst die Brandgräber, bis im zweiten Jahrhundert auch Körperbestattungen vorkamen, die sich schließlich im dritten Jahrhundert durchsetzten. Kleinkinder durften zu allen Zeiten nicht verbrannt, sondern mussten mit ganzem Körper bestattet werden. Bei den Brangräbern kamen in Günzburg alle denkbaren Formen vor (Brandgrubengräber, Brandschüttungsgräber, Busta, Urnengräber, Ziegelkistengräber). Bei den Urnen fanden sich Stoffbeutel, einfache Kochtöpfe und Gesichtsurnen. Zu den Grabbeigaben gehörten Öllampen, der Obolus, persönliche und berufsspezifische Gegenstände, Schmuck und Amulette, Speisen und Getränke. Oft fanden sich auch die Scherben rituell zerbrochenen Geschirrs vom Totenmahl.
In der Lage und Gestaltung der Grabstätten selbst manifestierte sich das Vermögen der Familien des Bestatteten. Gräber in der ersten Reihe unmittelbar an der Durchgangsstraße waren kostspieliger, als Gräber in den hinteren Reihen. Die Grabmähler konnten mit Grabsteinen, Grabgärten oder Grabbauten mehr oder minder repräsentativ gekennzeichnet sein, in den einfachsten Fällen genügten Steinsetzungen, Holzpfähle oder hügelförmige Aufschüttungen.[8][15][23][33]
Siedlungskontinuität
Während Wilhelm Störmer 2009 eine Siedlungskontinuität zwischen Römerzeit und Frühem Mittelalter als wahrscheinlich anahm und daraus folgerte, dass aus dem römischen Kastell ein fränkischer Königshof geworden sei,[34] wiesen Wolfgang Czysz 1995[8] und erneut 2025 Karlheinz Dietz, Thomas Fischer und Veronika Fischer darauf hin, dass die Lücke zwischen römischer und frühmittelalterlicher Besiedlung aus archäologischer Sicht (noch) nicht geschlossen werden kann und dass von daher von einer Siedlungskontinuität nicht die Rede sein könne.[15][35]
Präsentation und Denkmalschutz
Die Funde aus Günzburg und die römische Vergangenheit der Stadt werden im Heimatmuseum Günzburg präsentiert.[36]
Die römischen Anlagen sind als registrierte Bodendenkmale unter verschiedenen Aktenzeichen nach dem Gesetz zum Schutz und zur Pflege der Denkmäler (Bayerisches Denkmalschutzgesetz – BayDSchG) in der Liste der Bodendenkmäler in Günzburg eingetragen. Im Einzelnen sind dies (Auswahl):
- Kastell, Siedlung, Töpferei, Gräber und Straße der römischen Kaiserzeit, D-7-7527-0147[37]
- Kastell und Vicus der römischen Kaiserzeit, Aktenzeichen D-7-7527-0151[38]
- Siedlung der Römischen Kaiserzeit, Aktenzeichen D-7-7527-0159[39]
- Siedlung und Gräber der Römischen Kaiserzeit, Aktenzeichen D-7-7527-0163[40]
- Siedlung der römischen Kaiserzeit, Aktenzeichen D-7-7527-0162[41]
- Siedlung der römischen Kaiserzeit, Aktenzeichen D-7-7527-0122[42]
- Siedlung der Römischen Kaiserzeit, Aktenzeichen D-7-7527-0181[43]
- Siedlung der Römischen Kaiserzeit, Aktenzeichen D-7-7527-0197[44]
- Siedlung der Römischen Kaiserzeit, Aktenzeichen D-7-7527-0090[45]
- Siedlung der Römischen Kaiserzeit, Aktenzeichen D-7-7527-0087[46]
- Ziegelei der Römischen Kaiserzeit, Aktenzeichen D-7-7527-0144[47]
- Gräber der Römischen Kaiserzeit, Aktenzeichen D-7-7527-0176[48]
- Brandgräber der Römischen Kaiserzeit, Aktenzeichen D-7-7527-0195[49]
- Brandgräber der Römischen Kaiserzeit, Aktenzeichen D-7-7527-0089[50]
- Villa rustica Bubesheim, Aktenzeichen D-7-7527-0081[51]
- Villa rustica Denzingen, Aktenzeichen D-7-7527-0087[52]
- Trasse der Donausüdstraße nach Westen, Aktenzeichen D-7-7527-0172[53]
- Straße zum Kastell Heidenheim, Aktenzeichen D-7-7427-0015[54]
- Nördliche Trasse der Donausüdstraße nach Osten, Aktenzeichen D-7-7528-0136[55]
- Südliche Trasse der Donausüdstraße nach Osten, Aktenzeichen D-7-7528-0142[56]
- Straße nach Augusta Vindelicum, Aktenzeichen D-7-7528-0062[57]
Nachforschungen und gezieltes Sammeln von Funden sind dort erlaubnispflichtig, Zufallsfunde sind den Denkmalbehörden anzuzeigen.
Siehe auch
Literatur
- Wolfgang Czysz: Römische Funde aus Günzburg. Kastelljubiläum Guntia 77 – 1977. (= Günzburger Hefte, 10). Konrad, Günzburg 1977. ISBN 978-3-87437-138-4.
- Wolfgang Czysz: Günzburg. Vom Garnisonsort zur Handelsstadt. In: Michael Petzet (Hrsg.): Die Römer in Schwaben. Jubiläumsausstellung 2000 Jahre Augsburg veranstaltet vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und der Stadt Augsburg, Zeughaus, 23. Mai bis 3. November 1985. (= Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Band 27). Lipp, München 1985, ISBN 978-3-87490-553-4, S. 150–155.
- Wolfgang Czysz, Diethart Tschocke: Betonhart – die spätrömische Kastellmauer in Günzburg: Landkreis Günzburg, Schwaben. In: Das archäologische Jahr in Bayern 2003, S. 89–93.
- Wolfgang Czysz, Karlheinz Dietz, Thomas Fischer, Hans-Jörg Kellner: Die Römer in Bayern. Lizenzausgabe der Ausgabe von 1995. Nikol, Hamburg 2005, ISBN 3-937872-11-6, S. 453–456.
- Wolfgang Czysz: Gontia. Günzburg in der Römerzeit. Archäologische Entdeckungen an der bayerisch-schwäbischen Donau. Likias, Friedberg 2002, ISBN 3-9807628-2-3.
- Karlheinz Dietz, Thomas Fischer, Veronika Fischer: Bayern zur Römerzeit. Archäologie und Geschichte. Pustet, Regensburg 2025, ISBN 978-3-7917-3520-7, S. 394 f.
- Andrea Faber, Herbert Riedl, Frank Söllner, C. Sebastian Sommer: Studien zur frühen provinzialrömischen Bevölkerung von Günzburg. Michael Lassleben, Kallmünz 2022.
- Thomas Fischer, Erika Riedmeier-Fischer: Der römische Limes in Bayern. Pustet, Regensburg 2008, ISBN 978-3-7917-2120-0, S. 173 f.
- Martin Grünewald: Studien zur Herkunft der Bevölkerung in Raetien am Beispiel der frühen römischen Bestattungen von Günzburg. In: Gerald Grabherr, Barbara Kainrath, Julia Kopf, Karl Oberhofer (Hrsg.): Der Übergang vom Militärlager zur Zivilsiedlung. Akten des internationalen Symposiums vom 23.−25.10.2014 in Innsbruck. (= IKARUS, Band 10). Innsbruck Universuty Press, Innsbruck 2017, ISBN 978-3-903122-74-1, S. 171–192 (Digitalisat).
- Sophie Hüdepohl: An der Grenze des Imperium Romanum. Forschung zu Mobilität und Migration anhand archäologischer Quellen aus den spätrömischen Gräberfeldern in Guntia/Günzburg. In: Beatrice Baragli et al. (Hrsg.): Distant Worlds and Beyond. Special Issue Dedicated to the Graduate School Distant Worlds (2012‒2021). (= Distant Worlds Journal Special Issues, Band 3). Propylaeum, Heidelberg 2021, S. 95–109 (Digitalisat).
- Sophie Hüdepohl: Das spätrömische Guntia/Günzburg – Kastell und Gräberfelder. Michael Lassleben, Kallmünz 2022, ISBN 978-3-7847-5415-4.
- Jürgen Schmid: Gontia. Studien zum römischen Günzburg. Arethousa, München 2000, ISBN 3-934207-03-0.
Weblinks
- Heimatmuseum Günzburg auf der offiziellen Webpräsenz der Stadt Günzburg
- Historischer Verein Günzburg