Kastell Zunsweier
römisches Truppenlager auf dem heutigen Stadtgebiet Offenburgs
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Das Kastell Zunsweier war gemeinsam mit dem Kastell Offenburg und dem Kastell Rammersweier eines von drei römischen Truppenlagern auf dem heutigen Stadtgebiet von Offenburg im baden-württembergischen Ortenaukreis. Das heutige Bodendenkmal befindet sich im Offenburger Ortsteil Zunsweier.

Lage und historische Hintergründe
Das Kastell liegt auf einer Hochfläche, unmittelbar in dem Bereich, in dem sich das Kinzigtal zur Oberrheinebene hin öffnet.
Das Kastell steht im Zusammenhang mit der 73–74 u. Z. erbauten Kinzigtalstraße, einer römischen Fernstraße, die Argentorate (Straßburg) über das Kinzigtal und dem ebenfalls zu dieser Zeit gegründeten Arae Flaviae (Rottweil) mit der Donausüdstraße bei Tuttlingen verband. Die Erbauung erfolgte unter Kaiser Vespasian (69–79) durch Gnaeus Pinarius Cornelius Clemens, seinen Legaten im Range eines Praetors. Nach den Erfahrungen des Bataveraufstands (69–70 u. Z.) betrachtete man den Bau einer solchen Straße durch den Schwarzwald als notwendig, um eine schnellere Truppenverlagerung zwischen Gallien und Rätien zu ermöglichen. Offenbar sollte das Kastell Zunsweier diese Straße beim Übergang vom Gebirge in die Oberrheinebene überwachen und sichern. Die Kinzigtalstraße führte auf der Strecke zwischen Argentorate und Augusta Vindelicorum (Augsburg) zu einer Ersparnis von sieben Marschtagen respektive 160 Kilometern. Die Gründung des Lagers wird durch Ziegelstempel der Legio I Adiutrix und der Legio XIIII Gemina in die Zeit des Kaisers Vespasian respektive die seines Statthalters Cornelius Clemens datiert. Neben dem Kastell Zunsweier entstanden im gleichen Zeitraum und im gleichen geographischen Raum das Kastell und der Vicus von Offenburg sowie das Kastell Rammersweier, die gemeinsam diesen neuralgischen Punkt absicherten.[1][2]
Die militärische und zivile Ansiedlung existierten wohl nur kurzzeitig während der zweiten Hälfte des ersten Jahrhundert, wofür das Fehlen von Funden aus der Zeit nach den Flaviern (69–96) spricht.[3]
Forschungsgeschichte
1983 wurden im Gewann Seelöchle Spuren einer vermeintlichen „Ziegelei“ entdeckt. Nachdem man bei landwirtschaftlichen Tätigkeiten im Gewann Zwischen den Wegen immer wieder auf Mauerreste stieß, konnte man an dieser Stelle bei Ausgrabungen das Kastellbad nachweisen. Die Forschungen am Kastell selbst fanden 1985 statt.
Von Juli bis August 1986 konnte im Bereich der „Ziegelei“ ein „Ziegelbrennofen“ untersucht werden. Dazu fand man ein Ziegeldepot, das die Vermutung einer Ziegelei zu bestätigen schien. Allerdings erschien bei den Grabungen auch ein kreisrunder Bau mit Fußbodenheizung (Hypokaustum), den man am ehesten als Schwitzbad (Sudatorium) interpretieren konnte. Im Juli/August 1987 wurden weitere 1000 m² im Bereich der vermeintlichen „Ziegelei“ untersucht, hauptsächlich um mehr über den entdeckten Rundbau herauszufinden. Hierbei wurde ein größerer mehrräumiger Fachwerkbau ausgegraben. Eine erneute Grabungsaktion mit dem Ziel, die fehlenden Räume des großen Fachwerkbaus zu untersuchen, wurde im Jahr 1988 vom 1. August bis 30. September durchgeführt. Man kam zu dem Ergebnis, dass das „Ziegeleiareal“ eher als eine weitere Badeanlage anzusprechen sei und die vermeintlichen „Öfen“ als Caldarium und Tepidarium interpretiert werden müssten. Ein Teil des großen Fachwerkbaus wurde wohl als Teil der Badeanlage genutzt. Die Funktion der restlichen Räume bleibt unklar. Da es bereits ein Kastellbad gab, vermutet man, dass es sich hierbei um das Bad des Kastellvicus handelt.
Oberirdisch sind keine Reste des Lagers, des Vicus oder der beiden Thermen im Gelände sichtbar. Eine Infotafel befindet sich am originären Standort des Kastells.[4]
Archäologische Befunde
Kastell und Kastellthermen

Durch mehrere Sondierungsschnitte und mehrere hundert Hohlkernbohrungen konnte die Existenz eines auf der West- und Südseite doppelten Spitzgrabens ermittelt und nachverfolgt werden. Auf der Nord- und Ostseite hingegen war der Graben nur einfach ausgeführt, vermutlich reichten die dort bis zu 25 m abfallenden Geländekanten als zusätzliche, natürliche Sicherung aus. Die vom Grabensystem umgebene Gesamtfläche betrug 3,5 Hektar, wobei der äußere Graben nach Süden hin eine Ausbuchtung (Annex) bildete, in der das Kastellbad zwischen dem äußeren und dem inneren Graben lag. Die Untersuchungen ergaben, dass es sich bei der Umwehrung wohl um eine Holz-Erde-Mauer gehandelt hat, die entweder aus einer doppelschaligen Holzmauer bestand, deren Inneres mit dem Grabenaushub verfüllt worden war, oder aus einem mit diesem Aushub angeschütteten und mit Rasensoden verfestigten Erdwall, der von einer Holzpalisade gekrönt war. Über den Innenbereich des Lagers ist kaum etwas bekannt. Aufgrund der Kastellgröße wurde vermutet, dass in Zunsweier eine namentlich nicht bekannte Einheit in der Größe einer Kohorte stationiert war.[5][6]
Die Thermen des Kastells Zunsweier gehören zum sogenannten Reihentyp, bei dem das Apodyterium (Umkleideraum) und die Baderäume Frigidarium (Kaltbad), Tepidarium (Laubad) und Caldarium (Heißbad) dem Badeablauf entsprechend längs einer Achse angeordnet sind. Das Apodyterium war aus Holz konstruiert und besaß die Form einer Halle und eine Größe von 20 m mal 13 m (= 260 m²). Aufgrund seiner Größe diente es vermutlich nicht nur zu Umkleidezwecken auch zur Ausführung gymnastischer Übungen. Auf das Apodyterium folgte in nördlicher Richtung das Frigidarium mit einem eingebauten Kaltwasserbecken (Piscina), auf das wiederum, noch weiter nördlich, das Tepidarium und das Caldarium folgten, die beide hypokaustiert und östlich von jeweils einem Praefurnium (Heizraum) flankiert waren. Nach Norden hin endete das Caldarium und damit der Gebäudetrakt in einer Apsis, die zur Aufnahme einer Wanne diente. Westlich des Caldariums schloss ein kreisförmiges, sechs Meter durchmessendes, ebenfalss hypokaustiertes Sudatorium (Schwitzbad) mit eigenem Praefurnium an den Gebäudekomplex an. Der strukturelle Aufbau der Kastellbadeanlage von Zunsweier ähnelt dem der Thermen von Rammersweier, ist aber mit Seitenlängen von rund 16 m mal 41 m (≈ 656 m²) deutlich größer als dieses.[5][6]
Vicus und Vicusthermen
Gut 200 bis 300 m nordwestlich des Kastells stieß man auf Befunde, die als Spuren des Kastellvicus angesprochen wurden, der Zivilsiedlung, die bei jeder dauerhaften römischen Garnison anzutreffen war und in der sich die Angehörigen von Soldaten, Handwerker, Händler, Gastwirte, Prostituierte und andere Dienstleister niederließen. Neben einem großen, mehrräumigen und eingeschossigen Fachwerkgebäude fand man dort in Stein gemauerte rechteckige Bauten.
Der mehrräumige Holzfachwerkbau wurde als Standort der Vicusthermen angesprochen, besaß eine Länge von rund 34 Metern bei einer Breite von rund 18 Metern (≈ 612 m²) und war an seiner östlichen und südlichen Seite vermutlich von Portiken gesäumt. Die Südhälfte des Gebäudes besaß einen drei Meter breiten Korridor, an den sich an beiden Seiten jeweils drei Räume anschlossen. Die Räume an der Westseite waren quadratisch und hatten eine Fläche von 16 m² und 25 m². Die nördliche Gebäudehälfte hatte einen quadratischen Grundriss und einen vier Meter breiten Korridor mit ebenfalls mehreren Räumen. Das größte Zimmer besaß eine Grundfläche von 52 m². Beide Hälften waren durch einen ein Meter breiten Korridor räumlich voneinander getrennt.[3] Vermutlich waren dort auch das Apodyterium und das Frigidarium untergebracht. In einem Abstand von einem halben beziehungsweise einem Meter zu diesem größeren Bauwerk lagen zwei beheizbare Räume. Der erste Raum besaß eine Größe von sechs Meter mal 6,5 m, die dort gefundenen Ziegel stammten von der Legio XIIII Gemina. Der zweite Raum war an der Westseite des ersten angebaut und hatte eine Fläche von 16 m². Vermutlich handelte es sich bei diesen beiden Räumen um das Caldarium und das Tepidarium.[7] Etwa fünf Meter davon entfernt lag ein kleines, drei mal zwei großes Bauwerk unsicherer Bestimmung.[8]
Westlich des großen Fachwerkbaus stand ein Rundbau mit sieben Metern Durchmesser. Dieser war hypokaustiert und wohl ebenfalls in Fachwerkbauweise errichtet worden. Man nimmt an, dass es sich bei diesem Gebäude um das Sudatorium der Thermenanlage handelte. Die Gesamtanlage beinhaltete auch zwei Abwasserkanäle. Einer verlief von Nordost nach Westen und der zweite von Südwest nach Nordost, er entwässert in den ersten Kanal. Das Wasser entnahm man wohl aus einem nahegelegenen zehn Meter tiefen Brunnen, der schon zur Römerzeit einstürzte und anschließend als Abfallgrube sekundär verwendet wurde. Die datierbaren Objekte der Verfüllung des Brunnens stammen ausnahmslos aus flavischer Zeit. Damit ist ein planmäßiger Abbau des Komplexes zum Ende des ersten oder allerspätestens Anfang des zweiten Jahrhunderts wahrscheinlich.[3] Ein bemerkenswerter Fund ist eine runde Scheibe aus getriebenem Silber, auf der das Relief eines Satyrkopfes dargestellt ist. Hierbei könnte es sich entweder um einee Phalerae (Militärorden) oder um die Zierscheibe eines Pferdegeschirres handeln.[5]
Von der Existenz weiterer, noch nicht entdeckter Bauwerke im weiteren Vicusbereich kann ausgegangen werden. Unglücklicherweise sind große Flächen durch fortschreitende landwirtschaftliche Nutzung bedroht, insbesondere durch tiefes Pflügen.[3]
Literatur
- Karin Batsch: Eine römische Militärziegelei in Zunsweier, Stadt Offenburg, Ortenaukreis. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1986. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0500-0, S. 89–91.
- Karin Batsch: Ausgrabungen in Zunsweier, Stadt Offenburg, Ortenaukreis. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1987. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0545-0, S. 131–136.
- Karin Batsch, Gerhard Fingerlin: Ausgrabungen im Vicusareal von Zunsweier, Stadt Offenburg, Ortenaukreis. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1988. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1989, ISBN 3-8062-0583-3, S. 131–136.
- Gerhard Fingerlin: Ein neues Kastell flavischer Zeit in Zunsweier, Stadt Offenburg, Ortenaukreis. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1985. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1986, ISBN 3-8062-0465-9, S. 112–114.
- Gerhard Fingerlin: Zunsweier – Ein neues römisches Kastell an der Kinzigtalstraße. In: Archäologische Nachrichten aus Baden. 36, 1986, S. 8–22 (Digitalisat).
- Gerhard Fingerlin: Auf den Spuren der Römer – Bedeutender Fund: Ein Kastell mit Badegebäude. In: Stadt Offenburg (Hrsg.): Zunsweier. Seit 1973 Stadtteil von Offenburg. Offenburg 1986, S. 9–17.
- Gerhard Fingerlin, Manuel Yupanqui: Offenburg-Zunsweier (OG). In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten und Museen von Aalen bis Zwiefalten. Konrad Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 240–242.
- Bertram Jenisch: Die Siedlungsentwicklung Offenburgs im Lichte neuer Ausgrabungen. In: Archäologische Nachrichten aus Baden. Band 84, 2012, S. 39–47 (Digitalisat).
- Johann Schrempp: Die römische Besiedlung in Offenburg. In: Archäologische Nachrichten aus Baden. Band 84, 2012, S. 15–21 (Digitalisat).
- Manuel Yupanqui Werner: „Iter de[rectum ab Arge]ntorate in R[aetiam]“. Die flavischen Kastelle Rammersweier und Zunsweier an der römischen Kinzigtalstrasse bei Offenburg. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Band 29, Nummer 2, 2000, S. 116–123 (Digitalisat).