Kosmographie des Pseudo-Aethicus

mittellateinisches Werk From Wikipedia, the free encyclopedia

Unter der Bezeichnung Kosmographie des Pseudo-Aethicus versteht die Forschung ein mittellateinisches Werk, dessen Entstehung in die Zeit vor dem 8. Jahrhundert gesetzt wird. Der Text setzt sich im Wesentlichen aus der sogenannten Kosmographie des Julius Honorius (4.–6. Jahrhundert) sowie aus der Einleitung zu OrosiusHistoriae adversus paganos (416–418) zusammen und wird durch einzelne eigenständige Zusätze ergänzt. Aufgrund dieser Abhängigkeiten wird die Schrift in der Forschung teils als dritte Redaktion (C) der Kosmographie des Julius Honorius geführt.[1] Die Benennung des Werkes ist das Ergebnis einer frühneuzeitlichen Fehlzuschreibung, die ihren Ursprung ihrerseits wiederum in Wirrungen des Mittelalters hat. In der 1575 in Basel erschienenen editio princeps[2] wurde der Text unter dem Titel Aethici Cosmographia ediert und irrtümlich mit der Kosmographie des Aethicus identifiziert. Diese Fehlzuordnung blieb in den Nachdrucken bis 1684 bestehen und hat die Benennung des Werkes nachhaltig geprägt; zugleich bildete sie die Ursache für anhaltende Verwechslungen bis in das 19. Jahrhundert.[3]

Der unbekannte Verfasser stellte unter Benutzung vor allem der jüngeren Rezension der Kosmographie des Julius Honorius sowie Orosius eine zweigeteilte Kosmographie zusammen.[4] Die Eingriffe des Verfassers – Umstellungen, Erweiterungen und stilistische Glättungen – sind im aus Honorius geschöpften ersten Teil deutlich stärker als im zweiten, stärker an Orosius gebundenen.[5] Sie betreffen vor allem die italischen Verhältnisse, die mit auffälligem Lob bedacht werden; besonders ausführlich gerät die Darstellung des Tiber (1,25, p. 83).[6] Vor diesem Hintergrund hat man in dem Verfasser verschiedentlich einen Römer sehen wollen. Die erweiterte Einleitung zur Reichsvermessung strebt eine elegantere Ausdrucksweise an als die Vorlage (1,1a–1,2*, pp. 71f.). Die Beschreibung des oceanus meridianus bricht abrupt ab (1,48, p. 90).[7] Eigenständige Zusätze finden sich besonders im ersten Teil und dort vor allem zu Italien. Afrika als dritter Erdteil wird wiederholt abwertend behandelt (vgl. 2,1, p. 90,11; 2,41, p. 99,11; 20).[8] Der Autor betont mehrfach, dass der Zweck des Werkes darin besteht, den Wissensdurst des Lesers zu stillen (1,20, p. 81,25; 2,4, p. 91,19), begnügt sich jedoch stellenweise mit stark verkürzenden Zusammenfassungen (vgl. 1,39, p. 88,31f.; 1,48, p. 90). Christliche Elemente sind eingestreut (vgl. 1,25, p. 83);[9] stilistisch zeigen sich vereinzelte Anklänge an Vergil.[10]

In älteren Handschriften trägt das Werk die Titel Cosmographia oder Orthographa, später auch situs et descriptio orbis terrarum; erst ab dem 12. Jh. tritt die Bezeichnung Aethici cosmographia in Erscheinung.[11] Der Name Aethicus ist im 10. Jahrhundert bei Flodoard von Reims († 966) belegt, sowie im 12. Jahrhundert bei Hugo von Flavigny[12] († nach 1111), der Teile des Werkes übernimmt.[13] Frühere Annahmen, das Werk sei Quelle für den Verfasser der Kosmographie des Julius Honorius oder Orosius, gelten als widerlegt.[14] Alexander Riese hat die Niederschrift in das 5. Jahrhundert und damit bald nach dem terminus post quem gesetzt. Gegen eine spätere Entstehung sprechen seiner Auffassung nach unter anderem pagane Reminiszenzen in der Romschilderung (Dioskurenfest, Venusheiligtum)[15] sowie die Erwähnung des limes Armoricianus (vgl. c. 25, p. 83,17f.).[16] Diesen könnte der Verfasser allerdings auch aus einer Karte gekannt haben.[17] Die frühesten Handschriften stammen aus dem 8. Jahrhundert.[18]

Die maßgeblichen, von Riese genutzten Überlieferungsträger sind der Codex Vindobonensis 181 (8. Jh.) und der Laurentianus plut. 89 sup. 67 (10. Jh.).[19] Das Werk weist in vielen Handschriften eine Verbindung mit dem Itinerarium Antonini auf.[20] Der Textzustand ist stark verderbt. Beziehungen zu mittelalterlichen Weltkarten (unter anderem Lambert von Saint-Omer, † 1125) sind vielfach diskutiert.[21] Als maßgeblich gilt die Edition von Riese von 1878. Umfangreiche Forschungsliteratur liegt seit dem 19. Jahrhundert vor.[22]

Editionen

Übersetzungen

  • Emilio Giuseppe Spedicato: Pseudo Aethicus. Cosmographia, Rom 2013 [englische und italienische Übersetzung auf Grundlage eines Nachdruck von 1645 der 1575 von Josias Simler besorgten Edition].

Literatur

  • Martin Schanz/Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Bd. 4,2 (HdA 8,4,2), München 1920, ND ebendort 1970, Nr. 1061, S. 124f.
  • Claude Nicolet/Patrick Gautier-Dalché: Les „quatre sages“ de Jules César et la „mesure du monde“ selon Julius Honorius, réalité antique et tradition médiévale. In: Journal des Savants 1986/4 (1987), S. 157–218.

Anmerkungen

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