Martha Seefeld
Ärztin in Berlin
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Martha Seefeld (geborene Martha Kassel; am 18. April 1880 in Steinau an der Oder, Kreis Lüben, Provinz Schlesien, Deutsches Reich; gestorben am 29. September 1952 in New York, USA) war eine deutsche Ärztin in Berlin.
Leben und Wirken
Herkunft und Ausbildungen
Martha Kassel stammte aus jüdischen Familien in Schlesien. Ihr Vater Paul Kassel war Rechtsanwalt und wurde später Justizrat, ihre Mutter war Emma, geborene Levy.[1] Der jüngere Bruder Heinrich Kassel (1882–1937) wurde Rechtsanwalt in Berlin.[2] Martha Kassel ließ sich als Jugendliche evangelisch taufen. Ab 1899 besuchte sie die Gymnasialkurse für Frauen von Helene Lange in Berlin und legte 1903 extern die Reifeprüfung in Hanau am Gymnasium ab. Danach studierte sie Medizin in Bonn, Erlangen, Göttingen, München, Berlin, Zürich und Halle. In dieser Zeit war sie künstlerisch interessiert, hatte Kontakte zu unangepassten Künstlern und Studenten, und pflegte einen freien Lebensstil, auch in Beziehungen.[3] 1909 legte sie ihr Staatsexamen in München ab. Danach absolvierte sie ihr Praktisches Jahr an Kliniken in Halle und Berlin. 1910 erhielt sie ihre Approbation.[4]
Ärztliche Tätigkeiten
Danach war Martha Kassel als Assistenzärztin am bekannten Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Kinderkrankenhaus in Berlin tätig. 1912 wurde sie zum Dr. med. in Leipzig promoviert. Im selben Jahr heiratete sie den Arzt Simon Mühlfelder. Während des Ersten Weltkrieges war sie zeitweise als Oberärztin tätig.
1919 trennte sich Martha Kassel von ihrem Ehemann und nahm wieder ihren Mädchennamen an. In diesem Jahr eröffnete sie eine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten in der Reinickendorfer Straße. 1926 wechselte sie in die Luisenstraße, 1928 in die Nazarethkirchstraße und 1929 wieder in die Luisenstraße.
Entzug der Kassenzulassung und Emigration
Nach Beginn der Zeit des Nationalsozialismus wurde Martha Kassel zum 1. Juli 1933 die Kassenzulassung entzogen, da sie im NS-Staat als Jüdin galt.[5] Sie konnte nicht mehr praktizieren, weil ihr Arzteinkommen entfiel.[6] Sie musste daher in die Wohnung der befreundeten Studienrätin Elisabeth Schmitz im selben Haus ziehen. (Diese wandte sich danach als engagierte Christin mit einem Brief an den führenden evangelischen Theologen Karl Barth in Basel und beklagte die fehlende Kritik der Kirchen an den Diskriminierungen gegen Juden in Deutschland.[7] Dieser gab ihr zwar Recht, die Bekennende Kirche verzichtete jedoch auch danach auf Äußerungen zu diesem Thema, um ihre gesellschaftliche Akzeptanz nicht zu gefährden.) Martha Kassel trat deshalb aus der evangelischen Kirche aus. In dieser Zeit hatte sie durch ihren Bruder Heinrich Kassel auch Kontakte zu jüdischen Intellektuellen, wie den Schriftsteller Julius Bab und dessen Frau.
Im September 1938 heiratete Martha den Arzt Seefeld und zog in dessen Wohnung in der Kaiserstraße, diesen Umzug ließ sie noch im Ärzteblatt veröffentlichen. Nach der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 entschlossen sich beide, aus Deutschland zu emigrieren und reisten bereits im Dezember 1938 mit einem Schiff von Hamburg nach Buenos Aires, wo sein Bruder eine Bürgschaft gewährte. Dabei unterstützte sie Elisabeth Schmitz sehr, die ihnen auch das Grundstück von Max Seefeld am Wandlitzsee abkaufte.
In Argentinien durften beide nicht als Ärzte tätig sein. Sie lebten auf einer landwirtschaftlichen Farm unter schwierigen Bedingungen ohne Strom und Wasserleitungen.[8] Nach dem überraschenden Tod ihres Mannes 1945 zog Martha Seefeld in die USA. Dort legte sie medizinische Prüfungen ab, konnte aber nicht als Ärztin praktizieren. Sie wurde von Bekannten wie Elisabeth Schmidtz weiter finanziell unterstützt und starb 1952 im Alter von 72 Jahren.
Einige Briefe von ihr sind im Bundesarchiv in Berlin erhalten.[9] Elisabeth Schmitz wurde später wegen ihrer großen Unterstützung jüdischer Verfolgter zu einer Gerechten unter den Völkern ernannt.
Publikationen
- Über Lebercirrhose unter Beifügung eines Falles von hypertrophischer Lebercirrhose im Kindesalter, Dissertation, Leipzig 1912, mit Lebenslauf
- Wedekinds Erotik. In: Sexual-Probleme. Zeitschrift für Sexualwissenchaft und Sexualpolitik. 1913. S. 115–118
Literatur
- Birgit Formanski: Lebensbilder jüdischer Akademikerinnen. Bonn 2020. S. 39–46, mit detaillierten biographischen Angaben.
- Hannelore Erhart, Ilse Meseberg-Haubold, Dietgard Meyer: Katharina Staritz 1903–1953. Dokumentation. Band 1. Neunkirchen Vluyn 1999. S. 193, 198, 200 und öfter
- Manfred Gailus: Mir aber zerriß es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz. Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen 2010. S. 80–86, 115f., 119f. (Porträts), und öfter
Weblinks
- Martha Kassel Ärztinnen im Kaiserreich
- Martha Kassel, Seefeld Center for Jewish History
- Suche nach Martha Seefeld. In: Deutsche Digitale Bibliothek