Max Slawinsky
baptistischer Geistlicher, Theologe, Dozent und Autor
From Wikipedia, the free encyclopedia
Max Gustav Slawinsky (vollständiger Name: Max Gustav Adolf Slawinsky[1]; * 15. April 1897 Berlin; † 10. Dezember 1940 in Finkenwalde bei Stettin) war ein baptistischer Geistlicher, Theologe, Dozent für Altes Testament am Predigerseminar der deutschen Baptisten in Hamburg-Horn sowie Autor christlicher Literatur. Slawinsky war ein Gegner des Nationalsozialismus und wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit sein Opfer.
Leben


Max Slawinsky entstammte einem evangelisch-lutherischen Elternhaus. Sein Vater, der Konditor Gustav Adolf Slawinsky (1864–1939), war gebürtig aus Kiew. Seine Mutter Marie Auguste Albertine, geborene Mentzel (1873–1919),[2][3] stammte aus Torgelow. Während sie auf der Geburtsurkunde ihres Sohnes Max noch als „evangelisch“ bezeichnet wird, findet sich auf ihrer Sterbeurkunde die Konfessionsangabe „baptistisch“.[4]
Schule, Studium, beruflicher Werdegang
Slawinsky verlebte seine Kindheit und Jugend in Berlin.[5] Nach seiner Reifeprüfung an einem Berliner Realgymnasium[6] wurde er zum Militärdienst eingezogen.[7] Während des Ersten Weltkrieges wurde er bei Verdun[8] im August 1917 „schwer verwundet“.[9] In den Artikeln zum Lebenslauf Slwawinkys findet sich der Hinweis auf eine Bekehrung vor Beginn seines Studiums. Die genaueren Umstände, die dazu führten, werden aber nicht erwähnt. Auch über Slawinskys Konversion zu den Baptisten und dem Empfang der Gläubigentaufe schweigen die bislang bekannten Quellen.[10] Belegt ist, dass er sich zum Wintersemester 1918/19 an der Theologischen Fakultät der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität immatrikulierte. Ab 1922 arbeitete er nebenher als Prediger der Baptistengemeinde Berlin, Wattstraße (siehe Bild!),[11] wo er 1923 auch zum baptistischen Geistlichen ordiniert wurde.[12]
Zum Wintersemester 1923/24 wechselte er an die Universität Hamburg, wo er sich an der Philosophischen Fakultät einschrieb und die Studienfächer Pädagogik, Philosophie und Semitistik belegte.[13] Gleichzeitig unterrichtete er als Hilfslehrer die Fächer Neutestamentliches Griechisch, Archäologie und Deutsche Grammatik am Predigerseminar der deutschen Baptisten an der Rennbahnstraße in Hamburg-Horn.[14] Dort befand sich auch während seiner Hamburger Studienzeit sein Wohnsitz.[15] Es folgte ein kurzer Studienaufenthalt an der Universität Würzburg. Am 3. Juli 1925 wurde Slawinsky zum Dr. phil. promoviert. Das Thema seiner Dissertation lautete Milieupädagogik. Versuch einer pädagogischen Gruppensoziologie. Sie erschien 1926 im Tilsiter Emil-Linde-Verlag und war 2013 Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung.[16] Slawinsky kehrte nach Hamburg zurück und wirkte ab September 1926 bis Januar 1932 als Theologiedozent am bereits erwähnten Predigerseminar der deutschen Baptisten.[17]
Im Anschluss an seine Lehrtätigkeit ging Slawinsky nach Stettin. Dort wirkte er bis zu seinem Tod als Prediger der Baptistengemeinde in der Johannisstraße 4.[18][19] Hier begegnete er auch dem Landwirt und Politiker Wilhelm Schritt,[20] der zur Stettiner Baptistengemeinde gehörte und zeitweilig auch Mitglied ihres Vorstandes war. Schritt berichtete später über Slawinskys Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus. Danach provozierte er mit dem abgewandelten Hitlergruß „Heil Christus“. Außerdem weigerte er sich, zum Führergeburtstag an der Stettiner Baptistenkapelle die Hakenkreuzfahne zu hissen. Auch sein Einsatz für ein aus politischen Gründen verhaftetes Gemeindemitglied wurde von den nationalsozialistischen Behörden registriert.[21] Nachdem seine NS-Gegnerschaft bekannt geworden, ließ ihn die Gestapo beobachten und verhörte ihn auch mehrfach.[22]
Auseinandersetzung mit der NS-Ideologie
In seinen Schriften und Traktaten setzte sich Slawinsky mit der nationalsozialistischen Ideologie und hier besonders mit den sogenannten deutschgläubigen Kreisen auseinander. Dabei wählte er nicht den konfrontativen Weg; er verwendete die bekannten nationalsozialistischen Begriffe beziehungsweise Redewendungen und deutete sie im biblischen bzw. christlichen Sinne um. So wäre es zum Beispiel nicht der Ariernachweis, der einen Menschen zum „Arier, d.h. Herren“ macht, sondern die Fähigkeit, Herrschaft über sich selbst und damit über alles Niedere im Menschen zu haben. Das sei nur einem gläubigen Christen möglich.[23][24] In einem anderen Zusammenhang schreibt er, dass sich die Qualitäten eines Volkes nicht in seinem Blut befinden, wie die völkische Rasselehre propagiert, sondern allein durch „göttliche Kraft und Vollmacht“ gegeben sind. Diese zeigen sich aber weniger in der Beherrschung anderer Völker als vielmehr in der eigenen Selbstbeherrschung und Tugend. Die mit dem Ariertum Erwartungen sind ausschließlich im Christsein realisiert.[25] In einer anderen Schrift vergleicht Max Slawinsky die Bibel mit der in der Deutschen Glaubensbewegung hochverehrten Edda, einer Sammlung skandinavischer Götter- und Heldensagen.[26] In seiner Auseinandersetzung mit der Edda – so Slawinsky im Vorwort seiner Schrift – wolle er sich „ernstlich bemühen, diesem alten, ehrwürdigen, nordischen Geistesgut seine volle Würdigung zuteil werden zu lassen“. Am Ende kommt er jedoch zu dem Ergebnis, dass – so bedeutsam die Edda auch sein mag – der Bibel als dem älteren und bewährteren Buch der Vorzug zu geben ist.
Eine gründliche und kritische Durchsicht der Veröffentlichungen Max Slawinskys fehlt bislang; sie ist nach Ansicht seines Biographen Volker Sadlack „ein Desiderat“.[27]
Mysteriöses Lebensende
Am Abend des 10. Dezembers 1940 kehrte Mx Slawinsky mit der Bahn von einem auswärtigen Predigtplatz der Stettiner Baptistengemeinde zurück und wurde beim Überqueren der Gleise auf dem Bahnhof des Stettiner Stadtteils Finkenwalde vo einem rangierenden oder durchfahrenden Zug erfasst. Die offizielle Version über Slawinskys Tod gründet sich auf Aussagen zweier SS-Männer, die sich auf dem Bahnsteig in seiner Nähe befanden. Danach herrschte an dem Abend aufgrund von Schneetreiben eine schlechte Sicht. Slawinsky habe deshalb den herannahenden Zug übersehen. Die SS-Leute übermittelten die Todesnachricht an die Familie und verfassten über den Vorgang eine kurze Pressenotiz. Der Baptistengemeinde wurde untersagt, einen öffentlichen Nachruf zu verfassen.[28] Außerdem ließ die SS den Sarg versiegeln und überwachte den Trauergottesdienst. Schon früh wurde aufgrund dieser merkwürdigen Umstände hinter vorgehaltener Hand der Verdacht geäußert, Slawinsky sei nicht durch einen tragischen Unfall ums Lebe gekommen. Dieser Verdacht wurde durch einen „seltsamen Vorfall im Jahr 1971 erhärtet“. Ein Leser des evangelisch-freikirchlichen Magazins Die Gemeinde erinnerte sich an einen Krankenhausaufenthalt, bei dem er einem Bettnachbarn das in der Zeitschrift veröffentlichte Bild Slawinskys und den dazugehörigen Artikel zeigte. Der Mitpatient habe darauf mit folgenden Worten reagiert: „Das ist ja der Judenknecht, den wir auf dem Stettiner Bahnhof erledigt haben.“[29]
Slawinskys Grab befindet sich noch heute auf dem Friedhof Hamburg-Rahlstedt; dort wurde 1952 auch seine Ehefrau beigesetzt.[30]
Familie
Würdigungen
- Eine Wanderausstellung, die seit 2008 christliche Märtyrer aus der Zeit des Nationalismus zeigt, berichtet auch über Max Slawinsky.[33] Sie wurde inzwischen in zahlreichen Orten gezeigt.[34]
- Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) würdigte Max Slawinsky am 9. Dezember 2000 mit einer Gedenkfeier. Sie fand im Gemeindezentrum der Baptistengemeinde Hamburg-Rahlstedt statt und trug den Titel Vor 60 Jahren ermordet: „Unerschrockener Christusbekenner“.[35]
Veröffentlichungen (Auswahl)
- Christliche Glaubenskunde. Leitfaden für den christlichen Religionsunterricht. J. G. Oncken Nachf.: Kassel, 1940, neu aufgelegt 1946.
- Die Bibel, erlebt und erprobt. In: Die Bibel erlebt. Zeugnisse und Erfahrungen, Heft 7. Konstanz, 1940. S. 2–13
- Bibel oder Edda? Evangelischer Pressverband für Deutschland: Berlin-Steglitz, 1936
- Vererbung und Gottesglaube. J. G. Oncken Nachf.: Kassel, 1935
- Blut und Rasse im Licht der Bibel. J. G. Oncken Nachf. – Verlagshaus der Deutschen Baptisten: Kassel, 1934
- Die unsichtbaren Gegenspieler im Geisteskampf der Weltgeschichte. J. G. Oncken Nachf.: Kassel, 1934
- Heldische Frömmigkeit. J. G. Oncken Nachf. – Verlagshaus der Deutschen Baptisten: Kassel, 1934
- Die Bedeutung des Predigerseminars für unsere Gemeinschaft. In: Festschrift zur Feier des 50jährigen Jubiläums des Predigerseminars, Hamburg-Horn, 1930, S. 25–32.
- Milieupädagogik. Versuch einer pädagogischen Gruppensoziologie (Dissertation). Emil Linde Verlag: Tilsit, 1926; online einsehbar (eine zeitgenössische Rezension des Buches im Theologischen Literaturblatt[36])
Der schriftliche Nachlass Slawinskys befindet sich im Oncken-Archiv des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Wustermark-Elstal. Eine umfangreiche Listung von Literatur und Quellen zum Leben Max Slawinskys ist dem Artikel im Historischen Lexikon des BEFG beigegeben.[37]
Literatur (Auswahl)
- Volker Spangenberg: „Christen sollen Beter sein, Baptisten aber ganz besonders“. Anmerkungen zur Gebetskultur im deutschen Baptismus. In: Gebetslogik. Reflexionen aus interkonfessioneller Perspektive (= Beihefte zur Ökumenischen Rundschau, Band 103); Hrsg. J. Hafner,´u. a. A. Enxing Munzinger (Hrsg.). Leipzig, 2016. S. 118–139; hier: 134;
- Marcel Kabaum: Milieutheorie deutscher Pädagogen (1926–1933). Pädagogische Soziologie bei Walter Popp, Adolf Busemann und Max Slawinsky. Ergon Verlag: Würzburg, 2013. ISBN 978-3-89913-948-8.
- Hans-Joachim Leisten: Wie alle andern auch. Baptistengemeinden im Dritten Reich im Spiegel ihrer Festschriften. Hamburg, 2010. S. 131f.
- Hans Volker Sadlack: Slawinsky, Max. In: Harald Schultze u. a. (Hrsg.): „Ihr Ende schaut an.“ Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Leipzig, 2008 (2. erweiterte Auflage). S. 471f
- Manfred Bärenfänger: Der Baptismus in Pommern. In: Freikirchenforschung 12/2002. S. 169–188 (179; 184; 185–188)
- Robert Kluttig: Geschichte der deutschen Baptisten in Polen 1858-1945. Winnipeg/Kanada, 1973, S. 246; 321.
- Wilhelm Schritt: Zum Tode von Dr. Max Slawinsky. In: Zeitschrift Die Gemeinde. J. G. Oncken Nachf.: Kassel, 1971, Nr. 41. S. 1.
Weblinks
- Literatur von und über Max Slawinsky im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Artikel Max Slawinski (Wanderausstellung Christliche Märtyrer)
- Bernhard Lichtenberg: Biografische Skizze zum Lebenslauf Max Slawinskys
- Artikel Max Sawinsky im Historischen Lexikon des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (HistoLex)
- Grabstätte des Ehepaares Slawinsky in Hamburg-Rahlstedt