Michaelskirche (Winterbach)
Kirchengebäude in Winterbach, Rems-Murr-Kreis, Baden-Württemberg
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Die Michaelskirche ist die Pfarrkirche von Winterbach, einer Gemeinde im Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenbezirk Schorndorf der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Namensgeber der Kirche ist der Erzengel Michael.

Architektur und Baugeschichte
Im 6. Jahrhundert ist das Herzogtum Alemannien christianisiert worden. Damals gewährten die neuen fränkischen Herren den Winterbacher Gauvorstehern das Eigenkirchenrecht: Ihnen stand die Entscheidung über Kirchbauten und die Ernennung von Geistlichen zu. So entstand der erste Kirchbau in Winterbach als Urkirche für das mittlere Remstal.[1] Bereits 1046 wurde Winterbach genannt; 1080 ging es durch Schenkung an das Bistum Speyer. 1250 wurde es an Württemberg verkauft. Bis ins 13. Jahrhundert war Winterbach die Muttergemeinde der Schorndorfer Kirche, seit 1369 wird die Pfarrei Winterbach als eine Filiale der Kirche von Schorndorf geführt.


Die heutige frühgotische Chorturmkirche geht auf eine Wehrkirche zurück und wurde 1309 aus Quadermauerwerk erbaut, was durch eine eingemeißelte Inschrift auf dem Eckquader auf der Südwestseite dokumentiert ist. Sie besteht aus einem Langhaus und einem Chorturm im Osten. Ein Teil des Wehrganges ist heute noch nahe der Sakristei zu sehen. Der einzige Zugang war das Tor im Osten, welches heute „Kirchetörle“ genannt wird. An ihm sind noch die Aussparungen zu sehen, in welche im Belagerungsfall die Balken zur Sicherung des Tores gelegt wurden. Davor vermutet man einen Graben und eine Zugbrücke.[2] Um die Kirche herum befand sich der Friedhof, welcher dann im Pestjahr 1635 in die Schlichtener Straße verlegt wurde.
1490 erfolgte ein Umbau der Kirche, aus dieser Zeit stammen die bis heute erhaltenen Passionsfresken. Dabei wurde auch der Dachstuhl erneuert und tiefergelegt, sodass seitdem die Decke den Triumphbogen schneidet.
1534 wurde unter Herzog Ulrich die Reformation durchgeführt.
1605 wurde die wohl kurz nach Einführung der Reformation errichtete Westempore ein erstes Mal ins Schiff hinein erweitert und die Nordempore mit Außentreppen errichtet. Die Südtreppe mit dem Geländer von 1751 wurde früher auch als „Herrenstaffel“ bezeichnet, weil sie früher von den Engelberger Forstherren benutzt wurde.
1644 setzte ein Blitzschlag den Kirchturm in Brand, welcher 1645/46 wieder aufgebaut wurde mit einem Stockwerk aus verkleidetem Holzfachwerk für die Turmuhr und den Glockenstuhl und mit einem Knickhelm bedeckt. Der Turm besitzt seitdem eine Höhe von ca. 36,5 Metern.
Von 1751 bis 1758 erfolgte durch den Baumeister Johann Adam Groß der Ältere ein weiterer Umbau der Michaelskirche, bei dem die zweiseitige Emporenanlage von Westen ins Schiff hinein ein weiteres Mal vergrößert wurde und die Nordempore – angeblich „vorbildlich“, was Schahl heftig kritisiert – auch in den Turmchor hinein, wo sie bis zum großen Südfenster als Orgelempore diente.[3] Mit der nun dreiseitigen Parterregestühl- und Emporenausrichtung auf die Kanzel im Süden hatte der Innenraum der Michaelskirche zweihundert Jahre lang, von 1758 bis 1958, den in Württemberg weit verbreiteten Charakter einer Querkirche.[4] Auch wurde in dieser Zeit das Doppelportal in der Mauer zum Marktplatz errichtet.[5]

Unter der 1923 und 1977 erneuerten Sonnenuhr über dem Südportal sind noch die in Stein gehauenen Zahlen einer älteren Sonnenuhr zu erkennen.
1958 und 1996 fanden weitere Innenrenovierungen mit Umbauten statt. Die von 1958 wurde geleitet vom Schorndorfer Architekt Peter Haag (1913–1974). Dabei wurde unter anderem die alte Orgelempore im Chor samt der Orgel von 1749 entfernt und das Südfenster neben der Kanzel von Adolf Valentin Saile geschaffen und eingebaut. Die Bestellung und Anfertigung der neuen Orgel nahm einige Zeit in Anspruch, sodass sie erst 1967 aufgestellt werden konnte. Der Orgelprospekt wurde nach Plänen des Architekten gestaltet.
Innenausstattung
Predella
Die Predella, die heute unter der Nordempore hängt, war einst Teil eines Flügelaltars. Sie zeigt, in Öl auf Holz gemalt, Christus als Salvator und die Apostel (kenntlich an ihren Attributen). In die Weltkugel, die Christus hält, ist eine Erde und Himmel umspannende Landschaft hineingemalt. Das Bild ist die Arbeit eines neckarschwäbischen Malers des frühen 16. Jahrhunderts. Eine Übermalung von 1872 wurde 1958 entfernt.
Fresken
Die Michaelskirche besitzt Wandmalereien aus verschiedenen Zeiten – und zwar in einem im Lande selten großen Umfang –, deren Darstellungen sich über zwei Jahrhunderte hinziehen. 1921 kamen im Chor und im Schiff erstmals und teilweise auch wieder Fresken zutage, die 1958 dann restauriert wurden.[6]
Chorraum

Im Chor befinden sich Reste der Wandbilder aus dem Erbauungsjahr 1309, die einst den gesamten Chorraum bedeckten. Auf der Nordwand sind die Verkündigung des Herrn, Mariä Heimsuchung und Maria mit dem Kind zu sehen. Ein fehlendes Bild zeigte vermutlich die Geburt zu Bethlehem.
An der Ostwand, heute von der Orgel verdeckt, sind nur noch die Worte SIMEON (einst Bild der Darstellung im Tempel), REX ERO (Herodes, einst Bild vom Kindermord des Herodes) und ESUS (vermutlich einst Bild mit der Geschichte des zwölfjährigen Jesus im Tempel) zu erkennen. Vermutlich gab es einst auch noch ein Bild mit der Darstellung der Flucht nach Ägypten.
An der Südwand des Chores ist der Erzengel Michael als Seelenwäger zu erkennen, auf der Waagschale ein Teufelchen mit den Sünden der Verstorbenen. Im Innern des Chorbogens ist Der schreibende Teufel zu sehen, der eine Kuhhaut mit seinen Zähnen und Pfoten hält.
Die Ornamentik im Triumphbogen und der Sternenhimmel im Chor kamen bei der Renovierung 1958 zum Vorschein.
Nordwand im Schiff

An der Nordwand des Langhauses befindet sich ein Fries vom Ende des 15. Jahrhunderts mit einem Passionszyklus, dem Stiche von Martin Schongauer offensichtlich als Vorlage dienten.
Die neun Bilder des Passionszyklus zeigen von links Jesu Einzug in Jerusalem, das Abendmahl, den Garten Gethsemane, Jesu Gefangennahme, Jesus vor Kaiphas (nur bruchstückhaft), die Geißelung (nur bruchstückhaft), Jesu Verspottung, Jesus vor Pilatus und die Handwaschung des Pilatus.
Unterhalb des Passionsfrieses sind Reste einer Darstellung der Zehn Gebote anhand ihrer Übertretungen zu erkennen.
Die Fresken wurden 1921 wieder aufgedeckt, dabei wurden die Konturen mit Kohlestift ergänzt. 1958 fand eine Restaurierung statt, bei der die Fehlstellen getüncht und Ergänzungen gestrichelt wurden.
Kanzel und Hirtenfenster
Die Kanzel stammt aus dem Jahr 1811, in ihr wurden Teile aus dem 17. Jahrhundert wiederverwendet.
Das Fenster neben der Kanzel wurde 1958 von Adolf Valentin Saile geschaffen und zeigt den Guten Hirten.
Kruzifix
Das Kruzifix ist um 1650 entstanden und hing früher hoch im Triumphbogen. 1958 wurde es abgenommen und als Altarkreuz gefasst.
Sakristei
Die Sakristei ist wohl um 1500 entstanden. In ihr befinden sich ein Schrank von 1498 sowie Grabmale für Philip Albrecht von Gaisberg-Schöckingen (1739) und für den Graf und die Gräfin von Sponeck (1791/1792). Graf von Sponeck war herzoglicher Oberforstmeister auf dem Engelberg.
Orgel

Die Orgel wurde 1967 durch die Giengener Orgelmanufaktur Gebr. Link erbaut und verfügt über 20 Register auf zwei Manualen und Pedal.[7]
Der barocke Orgelprospekt von 1749 der alten Orgel befindet sich heute in der Georgskirche in Sontheim an der Brenz.
Glocken
Der Kirchturm enthält vier unterschiedliche Glocken.
Die Kleinste ist die Taufglocke. Sie wurde von Christian Ludwig Neubert 1755 in Stuttgart gegossen. Die Zweite ist die Vaterunser-Glocke, die ebenfalls 1755 von Neubert in Stuttgart hergestellt wurde. Die Dritte ist die Schied-Glocke. Sie wurde 1973 gegossen und trägt als Inschrift die damalige Jahreslosung aus Haggai 2,5 LUT. Die Vierte ist die größte Glocke. Sie wurde 1951 von der Glockengießerei Heinrich Kurtz in Stuttgart gegossen und wurde durch Spenden der Einwohnerschaft finanziert.
| Glocke | Name | Glockengießer | Gussort | Gussjahr | Schlagton | Durchmesser | Höhe | Inschrift |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| I. | Heinrich Kurtz | Stuttgart | 1951 | e' | 123 cm | ? | OH LAND, LAND, LAND HÖRE DES HERRN WORT! (Jeremia 22,29 LUT) / GEGOSSEN ZUM CHRISTFEST 1951 AUS SPENDEN DER GANZEN GEMEINDE VOM SEGEN EINES REICHEN OBSTJAHRES | |
| II. | Schied-Glocke | ? | ? | 1973 | ? | ? | ? | Mein Geist soll unter euch bleiben. Fürchtet euch nicht. (Haggai 2,5 LUT) |
| III. | Vaterunser-Glocke | Christian Ludwig Neubert | Stuttgart | 1755 | gis'' | 96 cm | 81 cm | CHRISTIAN LVDWIG NEVBERT HAT MICH GEGOSSEN IN STVTTGARDT ANNO 1755 / WINTERBACH / H. IOHANN AVGUVST VON BRANDENSTEIN / CAMERHERR V FORSTMEISTER AVF ENGELBERG / H. M. P. METZGER PFARRER / H. M. W. G. OSIANDER HELFFER / H.I. F. HEVCHELIN AMTMANN / H. I. G. IORDAN BVRGERMEISTER / IVNG H. I. G. KINTZLER HEILIGENPFLEGER.[8] |
| IV. | Taufglocke | Christian Ludwig Neubert | Stuttgart | 1755 | h' | 78 cm | 63 cm | CHRISTIAN LUDWIG NEVBERT GEGOSSEN IN STVTTGARDT ANNO 1755 / WINTERBACH / H. IOHANN AVGUST V BRANDEN / STEIN CAMER HERR VND FORST / ME(I)STER AVFM ENGELBERG / H. M. P. METZGER PFARRER / H. M. W. G. OSIANDER HELFFER / H. I. F. HEVCHELIN AMTMANN / H. I. G. IORDAN BVRGERMEISTER / IVNG H. I. G. KINTZLER HEILIGEN / PFLEGER.[8] |
Weblinks
Literatur
- Adolf Schahl: Winterbachs ev. Pfarrkirche - kunst- und baugeschichtlich. In: Remstal 22, 1968, S. 69–76.
- Adolf Schahl: Die Kunstdenkmäler des Rems-Murr-Kreises. Band II. In: Die Kunstdenkmäler in Baden-Württemberg – (Hrsg.) Landesdenkmalamt Baden-Württemberg; München und Berlin 1983, S. 1577–1592 – ISBN 3-422-00560-9.
- Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Baden-Württemberg I, Regierungsbezirke Stuttgart und Karlsruhe. Deutscher Kunstverlag, München 1993, S. 864–865.
- Evangelische Kirchengemeinde Winterbach (Hrsg.): Michaelskirche Winterbach – Festschrift zum Abschluss der Renovierung und Wiedereinweihung am 15. Dezember, 3. Advent 1996. Waiblingen 1996
- Markus Numberger: Winterbach Pfarrkirche St. Michael. Bauhistorische Kurzuntersuchung. Hrsg.: Büro für Bauforschung und Denkmalschutz. 2008.
- Ev. Kirchengemeinde Winterbach und Heimatverein Winterbach e.V. (Hrsg.): 700 Jahre Michaelskirche in Winterbach 1309-2009 (= Winterbacher Heimat. Heft 5). Bärenfelser & BAG-Verlag, 2009, ISBN 978-3-86705-066-1.
- Die evangelische Michaelskirche in Winterbach. 2. Auflage. Bärenfelser & BAG-Verlag, 2009, ISBN 978-3-86705-051-7.