Musée Thomas Henry
französisches Kunstmuseum
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Das Musée Thomas Henry ist ein Kunstmuseum in Cherbourg-en-Cotentin im französischen Département Manche in der Normandie.[1] Es beherbergt rund dreihundert Werke, hauptsächlich Gemälde aus dem 15. bis 19. Jahrhundert.[2] Das Museum trägt den Status Musée de France und ist somit Teil des nationalen Museumsverbunds Frankreichs.[3]

Geschichte
Gründer und Stiftung
Thomas Henry wurde am 2. März 1766 in Cherbourg als Sohn eines Gerbers geboren und starb am 7. Januar 1836 in Paris. Nach dem Studium in seiner Heimatstadt wurde er auf einer Handelsreise Richtung Levante durch einen Sturm zur Einfahrt in Bordeaux gezwungen, wo er sich niederließ und Kompagnon eines Kaufmanns wurde, der ihn nach Saint-Domingue entsandte. Nach der haitianischen Revolution kehrte er nach Frankreich zurück, schloss sich Künstlerkreisen an und erlernte Gemälderestaurierung. Er war Schüler von Jean-Baptiste Regnault. Auf Reisen in Italien, Belgien und England erwarb er umfangreiche Kenntnisse, aufgrund derer er zum commissaire expert der königlichen Museen ernannt wurde. Diese Stellung behielt er bis 1832 und nutzte sie, um eine allgemeine Schätzung der zur Krone gehörenden Gemälde vorzunehmen. Parallel dazu baute er eine bemerkenswerte private Kunstsammlung auf. Da er kinderlos war und seiner Geburtsstadt eine kulturelle Bildungsstätte ermöglichen wollte, begann er zwischen 1831 und 1835 damit, der Stadt anonym Gemälde zu vermachen. Die Gemeindeverwaltung hatte den großzügigen Mäzen bereits 1834 identifiziert und nahm die Schenkung an.[3]
Hinweis zur Quellenlage: Der Geburtsort Thomas Henrys (Cherbourg) und sein Sterbeort (Paris vs. Cherbourg) werden in verschiedenen Quellen widersprüchlich angegeben. Wikimanche nennt als Sterbeort Paris, andere Quellen geben Cherbourg an. Die Angabe des Sterbejahres 1836 ist hingegen in allen konsultierten Quellen übereinstimmend. Ebenso wird die Frage, ob Henry kinderlos war oder lediglich keine erwachsenen Erben hatte (die französischen Quellen sprechen teilweise von zwei früh verstorbenen Söhnen), in den Quellen unterschiedlich dargestellt.[3]
Gründung und frühe Jahre
Am 29. Juli 1835 konnte die Stadt Cherbourg schließlich ein Museum mit 163 Gemälden und einem damaligen Schätzwert von 120.000 Francs eröffnen. Die zunächst in zwei Sälen des Rathauses untergebrachte Sammlung zog 1983 in das neu errichtete Kulturzentrum Le Quasar um. Dieses wurde an der Stelle der ehemaligen städtischen Getreidehallen errichtet. Henrys Neffe Bon-François wurde später Konservator des Museums. Im Jahr 1836, nach Henrys Tod, wurden bei zwei Auktionen mehr als 210 weitere Gemälde aus seinem Nachlass versteigert.[3]
Erweiterung der Sammlung
Die Stiftung Thomas Henry bildete den historischen Kern des Museums und zog weitere Schenkungen nach sich. Die Bestände wurden durch staatliche Leihgaben sowie private Schenkungen ergänzt, darunter jene von Armand Le Véel (1821–1905). Der aus Bricquebec stammende Bildhauer war der Schöpfer der Reiterstatue Napoleons I. an der Küstenpromenade und wurde 1885 Konservator des Museums. Er vermachte der Stadt einen Teil seines künstlerischen Werks, eine Folge von Statuetten mit historischen Sujets sowie seine Kunstgewerbesammlung, die von seiner Vorliebe für das Mittelalter geprägt war. Ab 1915 kamen die Jugendwerke Jean-François Millets, Zeugnisse seiner Cherbourger Jahre, in die Sammlung des Museums. Auf Initiative von Doktor Ono, dem Neffen von Paulines, Millets erster Ehefrau, umfasste dieses Vermächtnis eine Gruppe von Porträts, auf denen der junge Millet seine Angehörigen darstellte. Ab 1965 beschloss die Stadt, Privatschenkungen und staatliche Leihgaben durch eigene Ankäufe zu ergänzen, vornehmlich zugunsten des Millet-Bestands.[3]
Renovierung und heutiger Standort
Nach einer Schließung für Bauarbeiten öffnete das renovierte Museum am 19. März 2016 wieder. Die Renovierung (2012–2016) erfolgte nach Plänen des Architekten Antoine Boisroux. Le Quasar vereint an einem Standort ein vielfältiges Kulturzentrum, eine Artothek, die Bibliothèque Jacques Prévert, das Musée Thomas Henry sowie die nationale Bühne Le Trident, einen Theatersaal nach italienischem Vorbild.[3]
Sammlung
Der ursprüngliche Bestand der Donation Henry verfolgte einen ausgeprägten pädagogischen Anspruch und dokumentiert die bedeutenden Strömungen der abendländischen Kunstgeschichte vom 15. bis zum 19. Jahrhundert.[4] Die Auswahl spiegelt den Geschmack der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wider: Genremalerei, Porträts und Stillleben der nordeuropäischen Schulen nehmen ebenso breiten Raum ein wie Historienmalerei und Landschaftsgemälden. Gegen den damaligen Zeitgeschmack wandte sich Henry der italienischen und flämischen Renaissance des 15. Jahrhunderts sowie dem Helldunkel der spanischen Schule des 17. Jahrhunderts zu, die in französischen Sammlungen noch kaum vertreten waren.[5]
Das Museum beherbergt Werke aus den folgenden Kategorien:
- Italienische Malerei (15.–18. Jahrhundert): Fra Angelico (La Conversion de Saint Augustin), Filippino Lippi (Mise au Tombeau), Bastiano Mainardi, Domenico Puligo, Jacopo Bassano, Lavinia Fontana (L'Adoration des Mages, 1590), Palma il Giovane, Francesco Furini, Bartolomeo Schedoni, Carlo Saraceni, Francesco Solimena und Giovanni Paolo Panini.
- Flämische und niederländische Malerei: Paul Bril, Jacob Jordaens (Adoration des Mages), Frans Francken II., Pieter van Mol, Willem van Aelst, Jan van Kessel, Jacob van Loo, Jan Frans van Bloemen, Melchior d’Hondecoeter, Rachel Ruysch, Gérard de Lairesse, Jan Brueghel und Hendrick van Balen.
- Spanische Malerei (17. Jahrhundert): Bartolomé Esteban Murillo (Le Christ au Calvaire) und Francisco de Herrera el Viejo.
- Französische Malerei (17.–19. Jahrhundert): Nicolas Poussin (Pietà), Philippe de Champaigne, Louis Licherie, Eustache Le Sueur, Simon Vouet, Jacques Stella, Charles de La Fosse, Hyacinthe Rigaud, Nicolas de Largillierre, Adam Frans van der Meulen, Jean-Baptiste Oudry, Pierre Subleyras, Jean-Baptiste Greuze, Joseph Vernet, Hubert Robert, Pierre Révoil und Jacques-Louis David.
Werke (Auswahl)
- Fra Angelico und Werkstatt (ca. 1395–1455): La Conversion de saint Augustin (Bekehrung des hl. Augustinus) um 1430
- Hendrick Cornelisz. van Vliet (1611/1612–1675): Vue intérieure du vieux temple de Delft (Innenansicht der alten Kirche in Delft)
- Philippe de Champaigne (1602–1674): L'Assomption de la Vierge
- Jean Louis Petit: Vue du quai Napoléon de Cherbourg (1838)
- Antoine Guillemet: Village de pêcheurs
Weitere Bestände
Jean-François Millet: Das Museum besitzt nach jener des Musée d’Orsay die zweitbedeutendste Sammlung von Gemälden und Zeichnungen des Künstlers in Frankreich. Zu den Hauptwerken des Millet-Bestands zählen: Autoportrait (1841), Bergers d'Arcadie (1842–1843), Portrait d'Armand Ono (1843), Pauline Ono en déshabillé (1843–1844) und Portrait de la veuve Roumy (1842).[6] Darüber hinaus besitzt das Museum zahlreiche Gemälde von Guillaume Fouace, Skulpturen von Armand Le Véel sowie Werke von Künstlern aus dem Nord-Cotentin oder mit Bezug zur Region, darunter Le Phare de Gatteville von Paul Signac. Vertreten sind außerdem Werke der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts von Théodore Rousseau, Eugène Boudin und Horace Vernet, darunter Édith retrouvant le corps d'Harold après la bataille d'Hastings (1828).
- Amanda Fougère (1820–1875): Fabiola und Syra, nach dem Roman „Fabiola“ von Kardinal Nicholas Wiseman
- Pierre Nolasque Bergeret (1782–1863): Filippo Lippi, ein Sklave in Algier, der an der Wand das Porträt seines Herrn zeichnet
- Jean-Baptiste Mallet (1759–1835): Genoveva von Brabant tauft ihren Sohn in ihrem Gefängnis.
- Gaston Bussière (1862–1928): Die Offenbarung (Brünhild entdeckt Sieglinde und Siegmund)
- Jean-François Millet (1814–1875): Portrait de Pauline Ono en déshabillé (1843/1844)
Ausstellungstätigkeit
Das Museum organisiert seit dem Jahr 2000 eine Biennale der neunten Kunst (Biennale du 9e Art), die dem Werk eines Comiczeichners gewidmet ist. Bisherige Teilnehmer waren unter anderen Enki Bilal (2000), François Schuiten (2002), André Juillard (2004), Jacques de Loustal (2008), Hugo Pratt (2009), Mœbius (2011), Jacques Tardi (2013), Winsor McCay (2017), Jack Kirby (2019), Will Eisner (2021), Nicolas de Crécy (2023) sowie Brecht Evens (2025).[7]
Literatur
- Charles Blanc, Le Trésor de la curiosité, Renouard, Paris 1858.
- Thomas Henry, le choix d'un collectionneur : Peintures du musée d'art Thomas Henry de Cherbourg-Octeville, Ausstellungskatalog, Musée Eugène Boudin, Honfleur 2012.
- Félix Buhot (1847–1898) : Peintre de l'atmosphère, Musée Thomas Henry, Cherbourg 2015.
- Édouard Fleury, Louis Vallée, Le musée d'art Thomas Henry à Cherbourg – les collections et leur histoire, in: Art de Basse-Normandie, Nr. 128, [ohne Jahr].
- France Huser, Le mécène de la Normandie, in: Le Nouvel Observateur, Nr. 2022, 6. August 2003.