Ora Washington

US-amerikanische Tennisspielerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Ora Washington (* Januar 1898 oder 1899[1] im Caroline County, Virginia; † 28. Mai 1971[2.1] in Philadelphia, Pennsylvania) war eine US-amerikanische Tennis- und Basketballspielerin. In beiden Sportarten gewann sie zu Zeiten der Segregation in den Vereinigten Staaten mehrere afroamerikanische Meistertitel und galt als führende schwarze Spielerin. Posthum wurde sie unter anderem in die Naismith Memorial Basketball Hall of Fame aufgenommen.

Werdegang

Herkunft

Ora Washington war eine Tochter von Laura Young Washington und James Thomas Washington, die einen Bauernhof im Caroline County im US-Bundesstaat Virginia bewirtschafteten. Sie wurde um 1900 als fünftes von neun Geschwisterkindern geboren.[3.1] Ihr genaues Geburtsdatum ist unbekannt, weil Virginia zwischen 1896 und 1912 keine Geburtsurkunden ausstellte.[2.2] Die Washingtons bauten auf ihrem Hof unter anderem Mais, Weizen und Roggen sowie Tabak für den Verkauf an. Ora arbeitete als Mädchen nicht wie ihre Brüder auf dem Feld, sondern zusammen mit ihren Schwestern im Haus.[3.1] Die Kinder entwickelten früh eine Leidenschaft für Sport und spielten – gemäß der späteren Schilderung eines Neffen Ora Washingtons – an Samstagen begeistert Krocket.[2.3]

Die finanzielle Situation der Familie verschlechterte sich in den 1900er-Jahren, auch bedingt durch den Tod von Laura Washington 1908 bei der Geburt ihres neunten Kindes. Zum Zeitpunkt des United States Census 1910 war der Hof der Washingtons verpfändet worden und James Washington seit mehreren Monaten arbeitslos.[2.4] Mitte der 1910er-Jahre verließ Ora Washington Virginia und zog nach Philadelphia in den Stadtteil Germantown. Ihre Tante war bereits zuvor dorthin gezogen und hatte Ora und ihren Schwestern Hilfe bei der Eingewöhnung angeboten. Möglicherweise besuchte Ora Washington in Germantown die High School. Im Zensus von 1920 wurde sie als Hausangestellte gelistet. Auch andere Familienmitglieder der Washingtons zogen nach Philadelphia.[2.5] Die Familie war damit Teil der Great Migration, die mehrere Millionen Afroamerikaner aus den ländlich geprägten Südstaaten – wo durch die Mechanisierung Arbeitsplätze wegfielen und zudem rassistische Gewalt anhielt – in die Industriestädte des Nordens führte.[3.2]

Aufstieg zur besten schwarzen Tennisspielerin

Zu Beginn der 1920er-Jahre begann Ora Washington mit dem Tennisspielen auf den Plätzen der örtlichen Young Women’s Christian Association (YWCA).[2.6] Die lange Zeit nur für Weiße geöffnete YWCA in Germantown hatte 1918 als Folge der starken Zuwanderung aus den Südstaaten eine Abteilung für Afroamerikanerinnen eröffnet. Diese Abteilung entwickelte sich binnen weniger Jahre zu einem Zentrum der afroamerikanischen Gemeinschaft in Philadelphia.[3.3]

Washington feierte schnell Erfolge bei Turnieren, die von der American Tennis Association (ATA) – einer Vereinigung afroamerikanischer Tennisclubs – ausgerichtet wurden. 1924 entschied sie bei den Stadtmeisterschaften von Wilmington, Delaware, sowohl das Dameneinzel und -doppel als auch das Mixed für sich. Zusammen mit der ebenfalls aus Germantown stammenden Lula Ballard gewann sie 1925 den Doppeltitel bei den nationalen ATA-Meisterschaften. Ballard, Washington und Isadore Channels aus Chicago waren in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre die bestimmenden Spielerinnen im schwarzen Damentennis,[3.4] das strikt vom Spiel der weißen Amerikanerinnen getrennt war. Washington und Ballard gewannen gemeinsam mehrmals die nationalen ATA-Doppelmeisterschaften: Insgesamt errang Washington von 1925 bis 1936 zwölf Doppeltitel hintereinander, neun davon zusammen mit Ballard.[4] Im Einzel waren hingegen zunächst vor allem Ballard und Channels erfolgreich. Hier gewann Washington ihren ersten nationalen Titel im August 1929, als sie im Finale der ATA-Meisterschaften Frances Gittens bezwang[5] (mit 4:6, 6:4 und 6:2).[2.7] Im Frühling 1929 war Washington von Philadelphia nach Chicago gezogen, wo sie vorübergehend als Zimmermädchen in einem Hotel arbeitete.[3.5]

Bis 1937 gewann Washington insgesamt acht ATA-Einzeltitel. Ihre Siegesserie wurde nur von einer Finalniederlage gegen Lula Ballard 1936 unterbrochen.[2.8] Als eindeutig beste schwarze amerikanische Tennisspielerin der 1930er-Jahre strebte sie an, gegen die führenden weißen Spielerinnen anzutreten, insbesondere gegen die mehrfache Grand-Slam-Siegerin Helen Wills Moody. Zu einem Duell zwischen Washington und Wills kam es nie, weil der US-Tennisverband USLTA bis 1948 am Ausschluss schwarzer Tennisspielerinnen festhielt.[3.5]

Basketballkarriere und Laufbahnende

Als sie im Herbst 1930 nach ihrem Aufenthalt in Chicago nach Philadelphia zurückkehrte, wandte sich Ora Washington zusätzlich zum Tennis dem Basketballsport zu. In der Saison 1930/31 spielte sie als Kapitänin für das Team der Germantown Hornets, das aus der gleichen YWCA hervorgegangen war, bei der Washington mit dem Tennis angefangen hatte.[3.6] Die Hornets entschieden 22 von 23 Saisonspielen für sich und erklärten sich zu black national champions (auf Deutsch in etwa: „schwarze nationale Meister“). Eine offizielle US-Meisterschaft gab es zu diesem Zeitpunkt nicht. Washington erzielte im Schnitt etwa 13 Punkte pro Spiel und galt als wichtigste Leistungsträgerin des Teams.[2.9]

1931/32 spielten und gewannen die Hornets nicht nur gegen andere schwarze Frauenteams, sondern auch gegen weiße Frauenteams und vereinzelt gegen schwarze Männerteams.[3.7] Zwischen Februar und April 1932 trugen die Hornets und die ebenfalls aus Philadelphia stammenden Tribune Girls eine Finalserie aus fünf Spielen um die afroamerikanische Frauen-Basketballmeisterschaft aus. Washington zeigte in den Spielen erneut gute Leistungen, ihr Team verlor den Meistertitel aber nach einer Niederlage im letzten Spiel an die Tribune Girls.[3.8] Im Herbst 1932 wechselte Washington von den Hornets zu den Tribune Girls, deren Kapitänin sie für die folgenden elf Jahre war[3.9] und mit denen sie in dieser Zeit durchgängig die afroamerikanische Meisterschaft gewann.[1]

Ende der 1930er-Jahre neigte sich Washingtons sportliche Laufbahn dem Ende zu. Sie war Ende dreißig und hatte fast ein Jahrzehnt lang parallel Tennis (im Frühjahr und Sommer) und Basketball (im Winter) gespielt sowie zum Gelderwerb im Housekeeping gearbeitet.[2.10] Im Frühjahr 1938 erklärte sie, im Tennis nicht mehr im Einzel, sondern nur noch im Doppel und Mixed anzutreten. Nachdem Gerüchte aufgekommen waren, sie habe ihre Einzelkarriere beendet, um nicht gegen die aufstrebende Detroiter Spielerin Flora Lomax zu verlieren, kehrte Washington 1939 für ein Turnier in Buffalo zurück. Dort bezwang sie Lomax in drei Sätzen (6:2, 1:6 und 6:2).[2.11] In der Basketballsaison 1940/41 zog sich Washington beim letzten Spiel eine Verletzung zu und beendete ihre Einzelkarriere anschließend endgültig.[3.9] Im Doppel und im Mixed spielte sie weiter, ihren letzten ATA-Titel gewann sie 1947 im Mixed gemeinsam mit George Stewart. Ihr langjähriges Basketballteam, die Philadelphia Tribune Girls, hatte sich 1943 nach dem plötzlichen Tod des Managers Otto Briggs aufgelöst, weil in der Folge kein neuer Sponsor gefunden werden konnte.[2.12]

Nach der aktiven Karriere

Ihr Leben nach dem Ende ihrer sportlichen Laufbahn verbrachte Ora Washington abseits der Öffentlichkeit. Mit einer jüngeren Schwester kaufte sie Mitte der 1940er-Jahre ein Haus in Philadelphia.[3.10] Sie heiratete nie und lebte stattdessen mit Familienmitgliedern und einer Reihe weiblicher Begleiterinnen zusammen.[2.13] Nach der Erinnerung ihres Neffen, mit dem sie in ihren letzten Jahren zusammenlebte, arbeitete Washington viel und war an Samstagen und Sonntagen stets zuhause. Ihre sportliche Leidenschaft behielt sie als begeisterte Krocketspielerin bei. Nach ihrem Tod am 28. Mai 1971 wurde sie in ihrer ursprünglichen Heimat im Caroline County in Virginia begraben.[2.1]

Würdigung

Gedenktafel für Ora Washington in Philadelphia

Ora Washington genoss während ihrer aktiven Laufbahn sowohl im Tennis als auch im Basketball große Anerkennung in der schwarzen Gemeinschaft in den USA. In afroamerikanischen Zeitungen wurde sie als „Queen Ora“, „brillant“, „unübertroffen“ und „unnachahmlich“ bezeichnet.[2.14] Im weißen Amerika war ihr Name hingegen kaum bekannt.[3.11]

Bei ihren sportlichen Erfolgen trat Washington als „schlichte, aus der Arbeiterklasse stammende, unerbittliche Spielerin“ in Erscheinung (im Original: „plain, working-class, relentless player“).[3.12] Insbesondere im Tennis, das als Elitesport galt, widersprach dieses Bild den gesellschaftlichen Erwartungen an „ehrbare Damen“ (im Original: „respectable ladies“).[3.12] Washington zeichnete sich durch kraftvolle Schläge und eine als einschüchternd beschriebene Intensität aus. Während Familienmitglieder sie jenseits des Sports als fürsorglich und rücksichtsvoll beschrieben, zeigte sie auf dem Platz großen Wettkampfeifer.[2.15]

Auch im Basketball stellte Washington trotz ihrer vergleichsweise geringen Körpergröße von etwa 1,70 Meter ein herausragendes Talent zur Schau.[3.13] Der Sportreporter Randy Dixon nannte sie Anfang der 1930er-Jahre die „beste [Basketball-]Spielerin ihrer Generation“ (im Original: „the greatest girl player of the age“) und begründete seine Einschätzung damit, dass sie mit beiden Händen passen und werfen könne, eine Balljägerin sei und über Ausdauer und Schnelligkeit verfüge, um die sie viele männliche Spieler beneideten.[2.16] Dixon beklagte in einem Beitrag 1939, die Nation habe Washingtons Leistungen nie angemessen gewürdigt, was er in erster Linie darauf zurückführte, dass sie keinerlei Interesse gehabt hätte, den Vorstellungen der Gesellschaft zu entsprechen.[2.11]

Viele Barrieren für schwarze Sportlerinnen – insbesondere dass afroamerikanische nicht gegen weiße Tennisspielerinnen antreten durften – fielen erst nach Washingtons Karriereende in den 1940er-Jahren. Althea Gibson, gegen die Washington noch bei ihrem letzten ATA-Titel 1947 im Mixed gewonnen hatte,[3.10] siegte in den späten 1950er-Jahren als erste schwarze Tennisspielerin bei Grand-Slam-Turnieren. Angesichts der neuen Sportstars geriet die Generation von Ora Washington auch in der schwarzen Öffentlichkeit schnell in Vergessenheit. Bereits 1963 führte sie der Sportjournalist A.S. Young in seinem Buch über Negro Firsts in Sports (in etwa: „Schwarze Sportpioniere“) als „praktisch unbekannten Namen“ (im Original: „virtually an unknown name“).[2.17] Die Historikerin Jennifer Lansbury widmete Washington ein Kapitel in ihrem Buch über Sportkarrieren ausgewählter erfolgreicher schwarzer Sportlerinnen des 20. Jahrhunderts und ordnete sie einer Generation zu, die zu früh geboren wurde, um die Anerkennung zu bekommen, die Athletinnen späterer Jahrzehnte zuteilwurde,[3.10] etwa Althea Gibson, Wilma Rudolph oder Jackie Joyner-Kersee.

1976 wurde Washington posthum in die Black Athletes Hall of Fame aufgenommen.[1] Seit 2009 beziehungsweise 2018 ist sie außerdem Mitglied der Women’s Basketball Hall of Fame und der Naismith Memorial Basketball Hall of Fame.[6]

Literatur

  • Jennifer H. Lansbury: Queen of the Courts: Ora Washington and the Emergence of America’s First Black Female Sport Celebrity. In: A spectacular leap: Black women athletes in twentieth-century America. University of Arkansas Press, Fayetteville 2014, ISBN 978-1-55728-658-1. S. 11–42.
  • Pamela Grundy: Ora Washington: The First Black Female Athletic Star. In: David K. Wiggins (Herausgeber): Out of the shadows: A biographical history of African American athletes. University of Arkansas Press, Fayetteville 2006, ISBN 1-61075-295-3. S. 79–92.
Commons: Ora Washington – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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