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Wilma Rudolph

US-amerikanische Leichtathletin (1940–1994) From Wikipedia, the free encyclopedia

Wilma Rudolph (Wilma Glodean Rudolph; * 23. Juni 1940 in Saint Bethlehem, Tennessee; † 12. November 1994 in Brentwood, Tennessee) war eine US-amerikanische Leichtathletin. Mit drei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom gehörte sie zu den erfolgreichsten Teilnehmern dieser Spiele.

Schnelle Fakten Karriere, Medaillenspiegel ...
Wilma Rudolph

schwarzweißes Porträtfoto einer lächelnden schwarzen Frau
Wilma Rudolph (1960)

Voller Name Wilma Glodean Rudolph
Nation Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten
Geburtstag 23. Juni 1940
Geburtsort Saint Bethlehem, Tennessee
Größe 180 cm
Gewicht 59 kg
Sterbedatum 12. November 1994
Sterbeort Brentwood, Tennessee
Karriere
Disziplin Sprint
Bestleistung 11,2 s (100 m)
22,9 s (200 m)[1]
Verein TSU Tigerbelles
Trainer Ed Temple
Karriereende 1963
Medaillenspiegel
Olympische Spiele 3 × Goldmedaille 0 × Silbermedaille 1 × Bronzemedaille
Panamerikanische Spiele 1 × Goldmedaille 1 × Silbermedaille 0 × Bronzemedaille
Olympische Ringe
 Olympische Spiele
Bronze Melbourne 1956 4 × 100 m
Gold Rom 1960 100 m
Gold Rom 1960 200 m
Gold Rom 1960 4 × 100 m
Logo der Pan American Games
 Panamerikanische Spiele
Gold Chicago 1959 4 × 100 m
Silber Chicago 1959 100 m
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Rudolph wuchs in armen Verhältnissen auf und erkrankte früh an Kinderlähmung. In ihrer Kindheit konnte sie deswegen nicht ohne eine Beinschiene laufen. An der High School begann sie mit dem Basketballspielen und mit der Leichtathletik. Unter Anleitung von Ed Temple entwickelte sich Rudolph ab Mitte der 1950er-Jahre zu einer der weltweit besten Kurzstreckenläuferinnen. 1956 gewann sie mit der 4-mal-100-Meter-Staffel ihre erste olympische Bronzemedaille. Vier Jahre später siegte sie bei den Olympischen Spielen in Rom über 100 Meter, 200 Meter und mit der Staffel. Im Juli 1961 stellte sie einen 100-Meter-Weltrekord in 11,2 Sekunden auf. Mit dem Abschluss ihres Studiums an der Tennessee State University 1963 beendete Rudolph ihre sportliche Laufbahn. Sie arbeitete anschließend in verschiedenen Berufen, darunter als Lehrerin und Trainerin, und gründete 1981 unter ihrem Namen eine Stiftung. 1994 starb sie im Alter von 54 Jahren mit einem Hirntumor.

Nach ihren drei Olympiasiegen 1960 war Rudolph in der amerikanischen und europäischen Öffentlichkeit ausgesprochen populär. Sie verkörperte das neue Bild einer weiblich auftretenden Leichtathletin. Die Berichterstattung bezog sich in Beschreibungen oft auf ihre Attraktivität. Zugleich wurde ihr Werdegang als soziale Aufstiegsgeschichte erzählt. In einer frühen Phase des Kalten Kriegs stand sie als Symbol für die Möglichkeiten des amerikanischen Traums. Rudolph erhielt 1961 den James E. Sullivan Award. Sie ist Gründungsmitglied der National Track and Field Hall of Fame und der United States Olympic Hall of Fame. Seit 2014 gehört sie zudem der Hall of Fame des Leichtathletik-Weltverbands an.

Werdegang

Herkunft und Kindheit

Wilma Glodean Rudolph wurde am 23. Juni 1940 in Saint Bethlehem geboren, das zu diesem Zeitpunkt ein Vorort der Stadt Clarksville im Norden des US-Bundesstaates Tennessee war.[2.1] Wegen eines Sturzes ihrer Mutter war Rudolph eine Frühgeburt und kam mit einem Gewicht von etwa zwei Kilogramm auf die Welt.[3.1] Ihr Vater Ed Rudolph arbeitete als Gepäckträger bei der Eisenbahn und war in zweiter Ehe mit Wilmas Mutter Blanche verheiratet, die Gelegenheitsjobs als Dienstmädchen für wohlhabende weiße Familien annahm. Beide Eltern hatten keinen grundlegenden Schulabschluss.[4.1] Ed Rudolph hatte aus seinen beiden Ehen insgesamt 22 Kinder, unter denen Wilma das drittjüngste war.[3.1] Kurz nach ihrer Geburt zogen die Rudolphs nach Clarksville.[5.1] Sie lebten in armen Verhältnissen in einem Haus ohne Elektrizität und mit einem Plumpsklo.[3.1] Die Eltern waren streng, religiös und in die örtliche baptistische Kirche eingebunden.[3.2] Sie verbrachten viel Zeit mit ihren Kindern. Viele von Wilma Rudolphs älteren Geschwistern waren während Wilmas Kindheit bereits erwachsen und lebten nicht mehr im Haus. Zu Festen wie Weihnachten kam die große Familie regelmäßig zusammen.[6.1]

Rudolph litt in ihrer frühen Kindheit an einer Reihe schwerer Krankheiten, darunter Masern, Scharlach, Keuchhusten und Mumps. Erkältungen hielten wochenlang an, zweimal hatte sie zudem eine beidseitige Lungenentzündung. Eines ihrer Beine – den meisten Quellen zufolge ihr linkes – war von Kinderlähmung betroffen. Rudolph gab selbst später an, es sei krumm gewesen und der Fuß nach innen gedreht.[6.2] Mit fünf Jahren begann sie eine Stahlschiene zu tragen, um ihr Bein zu begradigen. Die psychologische Wirkung der Schiene, die sie über mehrere Jahre trug, bezeichnete sie in ihren Erinnerungen später als verheerend, weil sie stets daran erinnert worden sei, dass mit ihr etwas nicht stimme.[3.3] Wegen ihrer Lähmung wurde sie von anderen Kindern aus der Nachbarschaft verspottet und ausgegrenzt. Rudolph beschrieb sich selbst als empfindlichen Menschen. Die lang anhaltende Krankheit habe sie sehr unsicher werden lassen und eine tiefe Angst hervorgerufen, nicht gemocht zu werden.[3.4]

Zur Physiotherapie fuhr Rudolph mit ihrer Mutter zunächst zweimal, später einmal wöchentlich zum Meharry Medical Center in das 80 Kilometer entfernte Nashville.[4.2] Anfänglich wurde Rudolph von ihrer Mutter zuhause unterrichtet. Als sie sieben Jahre alt war, hatte die Therapie hinreichend gewirkt, dass sie mit medizinischen Schuhen eigenständig laufen und ab der zweiten Klasse die Cobb Elementary School besuchen konnte.[3.5][4.2] Als Teil des bis in die 1950er-Jahre nach Rassen getrennten Schulsystems in den US-Südstaaten durften nur afroamerikanische Kinder Rudolphs Grundschule besuchen. Die Schule erhielt weniger finanzielle Förderung und Lehrer als die Schulen für weiße Kinder.[4.2] Rudolph erinnerte sich später in ihrer 1977 erschienenen Autobiographie daran, dass sie früh ein Bewusstsein für die Diskriminierung der Schwarzen in Clarksville durch die weiße Bevölkerungsmehrheit entwickelt habe. Sie habe in ihrer Kindheit den Eindruck bekommen, alle Weißen seien „gemein und böse“ (im Original: „mean and evil“).[6.3] Ihre Eltern hätten sie dazu ermahnt, sie solle sich zurückhalten und die Dinge so akzeptieren wie sie seien.[3.6]

Während Rudolphs Grundschulzeit gewannen ihre Beine durch die Therapie zunehmend an Funktionsfähigkeit.[6.4] Mit neun Jahren besuchte sie erstmals ohne Beinschiene die Kirche, mit zehn Jahren beendete sie die Behandlungen im Meharry Medical Center und mit zwölf Jahren konnte sie ohne jegliche medizinische Unterstützung laufen.[3.6]

Basketball und Leichtathletik an der High School

Ab dem Sommer 1952 besuchte Rudolph die Burt High School für afroamerikanische Schüler in Clarksville. Nach dem Ablegen ihrer Beinschiene begann sie mit dem Basketballspielen und folgte ihrer älteren Schwester Yvonne in das von Clinton Gray trainierte, für alle Klassenstufen geöffnete Schulbasketballteam der Mädchen. In ihren ersten drei High-School-Jahren war Rudolph Ersatzspielerin und erhielt lediglich sporadische Einsätze.[4.3] Mit Beginn der zehnten Klasse rückte sie in das Stammteam auf. Im gleichen Schuljahr gewann sie mit ihrer Mannschaft den Titel in der regionalen Middle East Tennessee Conference und belegte den dritten Platz bei den Tennessee-Staatsmeisterschaften. Rudolph erzielte in dieser Saison in 25 Spielen 803 Punkte und stellte damit einen Rekord für schwarzen Mädchenbasketball in Tennessee auf.[3.7] Der gesamte High-School-Sport in Tennessee war zu Rudolphs Schulzeit vollständig zwischen weißen und schwarzen Schulen getrennt.[3.8]

Parallel zum Basketball trat Rudolph am Ende der achten Klasse dem Leichtathletikteam der High School bei, das ebenfalls von ihrem Basketballtrainer Gray geleitet wurde. Gray besaß keine Leichtathletik-Fachkenntnisse und hatte das Team vor allem gegründet, um seinen Spielerinnen außerhalb der Basketballsaison weitere Trainingsmöglichkeiten zu bieten. Rudolph zeigte ein großes Lauftalent: Bei ihren ersten Wettkämpfen auf regionaler Ebene in der neunten Klasse gewann sie auf den Sprintstrecken (von 50 bis 200 Yards) alle Rennen, an denen sie teilnahm.[6.5] Gemäß Rudolphs Erinnerung waren diese Wettbewerbe kaum organisiert. So waren etwa keine gesonderten Laufbahnen auf der Strecke markiert und sie lief in Tennisschuhen.[3.9]

Am Ende ihres Sophomore-Jahres – also in der zehnten Klasse im Frühjahr 1956 – erfuhr Rudolph einen sportlichen Rückschlag, den sie Jahrzehnte später in ihrer Autobiographie als einschneidenden Moment ihrer Karriere beschrieb. Ihr High-School-Team nahm an den Tuskegee Relays teil: einem prestigeträchtigen Wettkampf der Tuskegee University in Alabama, bei dem sich junge schwarze Sportlerinnen aus den Südstaaten für ein Leichtathletikstipendium an der Universität empfehlen konnten. Rudolph entschied keines der Rennen in Tuskegee für sich und war nach den Wettkämpfen laut ihren Erinnerungen völlig niedergeschlagen (im Original: „I was totally crushed […], and it left me a total wreck“).[7] Zugleich habe sie verstanden, dass ihre bis dahin rudimentäre Ausbildung trotz ihres Talentes nicht ausreiche, um eine herausragende Läuferin zu werden.[4.4] In ihrer Autobiographie stellt Rudolph die Tuskegee Relays 1956 als ihre erste Niederlage als Sprinterin dar.[3.10] Tatsächlich nahm sie gemäß ihrer Biographin Maureen Smith bereits im Sommer 1955 an den nationalen Juniorenmeisterschaften der Amateur Athletic Union (AAU) in Ponca City in Oklahoma teil, wo sie einen zweiten Platz im 100-Yards-Sprint sowie einen vierten Platz im 75-Yards-Sprint hinter Martha Hudson und Lucinda Williams belegte. Diese, von Rudolph in ihren Erinnerungen nicht erwähnten, AAU-Meisterschaften 1955 waren laut Smith zudem die ersten Rennen, bei denen Rudolph nicht nur gegen schwarze, sondern auch gegen weiße Konkurrentinnen antrat.[3.11]

Training unter Ed Temple und erste Olympiateilnahme 1956

Mitte der 1950er-Jahre begegnete Rudolph als Schülerin dem Leichtathletiktrainer Ed Temple. Temple arbeitete seit 1950 an der Tennessee State University (TSU) und organisierte seit 1953 jeweils im Sommer ein einmonatiges Trainingslager für schwarze Läuferinnen aus den gesamten Vereinigten Staaten, um sie für die Tigerbelles, das Frauen-Leichtathletikteam der TSU, zu rekrutieren.[6.6] Auf diese Weise baute er eine Mannschaft auf, die von Mitte der 1950er-Jahre bis Mitte der 1970er-Jahre große nationale und internationale Erfolge feierte.[8.1] Nach Rudolphs Darstellung lernte sie Temple erst 1956 als Zehntklässlerin kennen. Aufmerksam auf sie geworden sei er als Schiedsrichter bei einem ihrer High-School-Basketballspiele, die er nutzte, um mögliche Talente für sein Programm zu entdecken. Nach ihrer Niederlage bei den Tuskegee Relays habe er sie zum Trainingslager an der TSU eingeladen, ihre Eltern hätten nach anfänglichem Zögern zugestimmt.[8.2] In seiner eigenen Autobiographie schrieb Temple, er habe bereits 1954 mit Rudolph trainiert. Sie sei eine herausragende Basketballspielerin, aber eine unerfahrene Läuferin gewesen.[3.12] Rudolphs Biographin Smith geht davon aus, dass Rudolph im Sommer 1955 erstmals unter Temples Anleitung an der TSU trainierte. Ihr Schulbasketballtrainer Gray habe sie jeden Tag nach Nashville und zurück gefahren, damit ihre Eltern der Teilnahme am Trainingslager zustimmten.[3.13]

Laut Rudolphs Autobiographie ließ Temple die von ihm betreuten Sportlerinnen in den ersten zwei Wochen des Trainingslagers jeden Tag 20 Meilen (mehr als 30 Kilometer) laufen, um ihre Ausdauer zu verbessern. Ihre Biographin Maureen Smith schätzt die genannten Distanzen als wahrscheinliche Übertreibung ein. Ungeachtet dessen habe das Training aber sicher zum Aufbau von Rudolphs Kondition beigetragen. Ferner vermittelte Temple den Athletinnen bestimmte Atemmuster und richtige Lauftechnik, etwa das Lockern der Fäuste beim Laufen. Eine besondere Schwäche Rudolphs, an der sie im Trainingslager arbeitete, waren ihre Starts. Aus Startblöcken beschleunigte sie schlecht, weil sie aus ihren Schulrennen keine Erfahrung damit hatte.[3.13] Wegen dieser Schwäche lief Rudolph in Staffelrennen nie an erster Stelle, am häufigsten nahm sie die Position der Schlussläuferin ein.[3.14] Eine zentrale Figur bei den Tigerbelles war Mae Faggs, die bereits 1948 und 1952 an den Olympischen Spielen teilgenommen hatte. Nach Rudolphs Einschätzung half Faggs ihr, wettbewerbsfähiger zu werden, indem sie ihr die Angst nahm, ihre Teamkolleginnen könnten sie weniger mögen, wenn sie sie schlug. Rudolph hatte gemäß ihrer eigenen Schilderung anfänglich das Gefühl, als High-School-Läuferin stünde es ihr nicht zu, die erfahreneren College-Läuferinnen zu besiegen. Die acht Jahre ältere Faggs habe sie ermutigt, weniger über andere und mehr über ihre eigene Leistung nachzudenken.[3.15]

Im August 1956 errang Rudolph ihre ersten nationalen Titel bei den AAU-Meisterschaften in Philadelphia: In ihrer Altersklasse der Juniorinnen gewann sie sowohl das 75-Yards-Rennen als auch das 100-Yards-Rennen und war zudem Schlussläuferin der siegreichen 440-Yards-Staffel. Im Rahmen des Wettkampfs begegnete sie außerdem Jackie Robinson, der 1947 als erster schwarzer Baseballspieler im 20. Jahrhundert für ein Major-League-Team gespielt hatte und dadurch zu einer Symbolfigur für die Überwindung der Hautfarbenschranke (englisch: „color barrier“) geworden war. Rudolph beschrieb das Treffen mit Robinson als überwältigend. Erstmals in ihrem Leben habe sie zu einem Schwarzen als echten Helden aufgeblickt.[3.16] Bei den U.S. Olympic Trials – der nationalen Ausscheidung für die Olympischen Spiele 1956 in Melbourne – lief Rudolph im 200-Meter-Rennen die gleiche Zeit wie ihre erstplatzierte Tigerbelle-Kollegin Mae Faggs. Beide Sportlerinnen qualifizierten sich damit für Olympia.[4.5] Rudolph war die jüngste Leichtathletin im US-amerikanischen Olympiakader. Einige Einwohner ihrer Heimatstadt Clarksville sammelten und spendeten Kleidung sowie Gepäck für Rudolphs Reise nach Australien, weil ihrer Familie das Geld dafür fehlte.[3.17]

Die Olympischen Spiele von Melbourne fanden im australischen Frühling im November und Dezember 1956 statt, verbunden mit einem vorbereitenden zweiwöchigen Trainingslager in Los Angeles. Für Rudolph war der Flug von Los Angeles über Hawaii und Fidschi nach Melbourne die erste internationale Erfahrung.[3.18] Ed Temple reiste nicht mit nach Australien, das Olympiateam wurde von Nell Jackson trainiert.[4.6] Rudolph trat bei Olympia im 200-Meter-Lauf sowie in der 4-mal-100-Meter-Staffel an. Über 200 Meter schied sie als Dritte ihres Vorlaufs frühzeitig aus. In der Staffel gewann sie an dritter Position laufend zusammen mit Mae Faggs, Margaret Matthews und Isabelle Daniels die Bronzemedaille. Alle vier Staffelläuferinnen hatten unter Temple mit dem Tigerbelle-Team der Tennessee State University trainiert.[6.7] Die beste Sprinterin der Spiele von Melbourne war die Australierin Betty Cuthbert, die drei Goldmedaillen gewann. Nach Rudolphs Beobachtung waren die leichten Laufschuhe der Australierinnen denen der Amerikanerinnen qualitativ überlegen. Cuthbert bot Rudolph an, sie zum Schuhmacher mitzunehmen. Rudolph lehnte ab, weil sie sich die Schuhe nicht hätte leisten können.[6.8]

High-School-Abschluss und Wechsel an die Tennessee State University

Nach den Olympischen Spielen 1956 kehrte Rudolph an die Burt High School zurück und spielte wieder im Schulbasketballteam, das in dieser Saison die Staatsmeisterschaft von Tennessee gewann. Rudolph gehörte wie im Vorjahr zu den stärksten Spielerinnen des Teams und erzielte im Schnitt 35 Punkte pro Spiel.[4.7] Als Sprinterin gewann sie im Mai 1957 sowohl bei den Wettkämpfen der Tuskegee University als auch bei denen der Tennessee State University jeweils drei Rennen in ihrer Altersklasse.[5.2] Anschließend nahm sie erneut am Sommertrainingslager der TSU teil und stellte bei den AAU-Meisterschaften in Cleveland mehrere nationale Altersklassenrekorde auf.[3.19] Ende 1957 erfuhr Rudolph im Rahmen einer ärztlichen Untersuchung vor dem Beginn der Basketballsaison, dass sie schwanger war. Vater des Kindes war ihr Schulkamerad Robert Eldridge, mit dem sie seit der zehnten Klasse eine feste Beziehung führte.[8.3] Für Rudolph war die ungewollte Schwangerschaft mit der Sorge um ihren Studienplatz an der TSU verbunden, weil Ed Temple im Regelfall keine Mütter in sein Tigerbelle-Team aufnahm. In ihrem Fall machte er jedoch eine Ausnahme,[6.8] obwohl sie die gesamte Leichtathletiksaison 1958 verpasste. Im Mai 1958 schloss Rudolph die High School ab, im Juli brachte sie ihre Tochter zur Welt.[3.20] Sechs Wochen später verließ sie Clarksville und begann ihr Studium an der TSU. Ihre Eltern und ihre ältere Schwester Yvonne, die in St. Louis eine Familie gegründet hatte, kümmerten sich in der Folge um Wilmas Tochter.[5.2] Als Bedingung für die familiäre Unterstützung untersagte ihr Vater ihr die Fortführung der Beziehung zu Eldridge.[8.4] Einen Heiratsantrag Eldridges lehnte Rudolph ab, weil sie ihre Ausbildung und ihre sportliche Karriere weiterverfolgen wollte.[4.8]

Rudolph studierte an der Tennessee State University im Hauptfach Grundschullehramt und im Nebenfach Psychologie.[3.21] Sie erhielt ein Vollstipendium für Unterkunft und Verpflegung, das aber mit der Bedingung verbunden war, dass sie auf dem Universitätscampus arbeitete und einen bestimmten Notenschnitt hielt.[4.8] Ed Temple und seine Frau wurden für Rudolph zu den wichtigsten Bezugspersonen an der TSU. Temple erwartete von den Tigerbelles hohe Einsatzbereitschaft und strenge Disziplin.[6.9] Er verfolgte ein ganzjähriges Trainingsprogramm. Im Sommer und im Herbst liefen die Sportlerinnen auf der Aschenbahn, im Winter trainierten sie Sprints auf einem Flur vor der Basketballhalle. Rudolph verinnerlichte in dieser Zeit die für den Sprint notwendigen Bewegungsabläufe und entwickelte sich technisch zu einer Vorzeigesprinterin, an der sich junge Läuferinnen im Team laut Temple orientieren sollten.[5.2] Mit einer Größe von etwa 1,80 Meter (knapp sechs Fuß) war sie meist die größte Athletin auf der Strecke. Ihr Laufstil galt als fließend und anmutig,[6.10] ihre Schritte waren besonders weit.[8.5] Die größte Schwäche Rudolphs lag weiterhin im Start. Dieses Defizit führte sie selbst auf ihre Statur zurück:

“I always had the worst start in the history of any sprinter because of my size […]. My first 30-40 yards I was never in the race. The farther I ran the faster I became and I could always accelerate at the end. That was the key.”

„Aufgrund meiner Körpergröße hatte ich immer den schlechtesten Start in der Geschichte des Sprintens […]. Auf den ersten 30 bis 40 Yards war ich nie wirklich im Rennen. Je weiter ich lief, desto schneller wurde ich, und am Ende konnte ich immer noch beschleunigen. Das war der Schlüssel zum Erfolg.“

– Wilma Rudolph[9]

In ihrem ersten Studienjahr errang Rudolph ihre ersten nationalen Meistertitel als Erwachsene: Im Januar 1959 gewann sie in der Halle den 50-Yards-Sprint in 6,2 Sekunden, im Juni des gleichen Jahres siegte sie im Freien über 100 Meter. Die Tigerbelles gewannen bei diesen Meisterschaften jeweils zum fünften Mal in Folge den Teamtitel und etablierten sich damit als das US-weit führende Leichtathletikteam.[5.3] Obwohl Rudolph schnell zur zentralen Läuferin der Tigerbelles aufstieg, waren ihre Ergebnisse inkonsistent. Regelmäßig war sie erkrankt und verlor gegen Teamkolleginnen wie Lucinda Williams, die sie bei den Panamerikanischen Spielen 1959 über 100 Meter auf den zweiten Platz verwies.[3.22] Auch gegen Barbara Jones und Martha Hudson verlor Rudolph Rennen. Im November 1959 wurde ihr eine Mandelentzündung diagnostiziert. Nach der anschließenden Tonsillektomie verbesserten sich ihre Leistungen deutlich.[5.4] Bei den US-Hallenmeisterschaften im April 1960 siegte sie auf drei Strecken (50 Yards, 100 Yards und 220 Yards), teilweise in nationaler Rekordzeit.[3.23] Im Freien gewann sie im Sommer in Corpus Christi die nationalen Titel über 100 und 200 Meter. Die 200 Meter lief Rudolph in 22,9 Sekunden und verbesserte damit Betty Cuthberts vier Jahre alten Weltrekord. Für die Olympischen Spiele 1960 in Rom qualifizierte sie sich bei den Trials mit Siegen sowohl über 100 Meter als auch über 200 Meter.[5.4]

Dreifacher Olympiasieg 1960

Zu den Olympischen Spielen im August und September 1960 in Rom reiste Rudolph voller Enthusiasmus und mit der Überzeugung, drei Goldmedaillen gewinnen zu können.[5.5] Als großen psychologischen Vorteil sah sie, dass diesmal ihr vertrauter Heimtrainer Ed Temple die Verantwortung für die US-Leichtathletinnen trug.[8.6] Temple hatte den Olympiakader in Emporia, Kansas, auf die Wettkämpfe vorbereitet und dabei bewusst Rudolphs Trainingspensum zurückgefahren, um eine Übermüdung zu vermeiden. Er selbst gab für Rudolph als Ziel eine Medaille aus.[5.5] Einen Tag vor ihrem ersten Auftritt über 100 Meter verstauchte sich Rudolph beim Training in Rom den linken Knöchel, konnte aber ohne Schmerzen beim Wettkampf an den Start gehen. Sie entschied sowohl ihren Vorlauf als auch den Viertel- und den Halbfinallauf für sich. Im Halbfinale stellte sie in 11,3 Sekunden den Weltrekord von Shirley de la Hunty und Wera Krepkina ein.[5.6] Das Finale gewann sie deutlich vor der zweitplatzierten Britin Dorothy Hyman mit einer handgestoppten Zeit von 11,0 Sekunden, die wegen starker Windunterstützung nicht als Weltrekord anerkannt wurde.[6.11] Auch über 200 Meter siegte Rudolph mit mehreren Zehntelsekunden Vorsprung auf die deutsche Silbermedaillengewinnerin Jutta Heine. Im Vorlauf war sie in 23,2 Sekunden olympischen Rekord gelaufen.[4.9] Die US-amerikanische 4-mal-100-Meter-Staffel – bestehend aus den Tigerbelles Hudson, Williams, Jones und Rudolph als Schlussläuferin – stellte im Vorlauf in 44,4 Sekunden einen Weltrekord auf und ging favorisiert in das Finale. Dort fielen die Amerikanerinnen wegen eines Fehlers bei der Staffelstabübergabe von Jones an Rudolph zwischenzeitlich hinter das deutsche Quartett zurück, bevor Rudolph an der deutschen Schlussläuferin Heine vorbeizog und damit ihre dritte Goldmedaille in Rom gewann.[6.11] Anlässlich der olympischen Wettkämpfe berichteten US-Medien darüber, dass Rudolph bei ihren Auftritten große Gelassenheit ausstrahlte. Das Time-Magazin nannte sie „die ruhigste Person im US-Kader“ (im Original: „the calmest person on the U.S. squad“) und zitierte Ed Temple mit der Aussage, sie würde oftmals zwischen dem Halbfinale und dem Finale einen Kurzschlaf einlegen.[3.24]

Schwarzweißfoto: Im Zentrum steht eine junge lachende schwarze Frau unter einem Regenschirm. Eine andere Frau hält ihr Blumen entgegen.
Wilma Rudolph bei einem Empfang am Amsterdamer Flughafen Schiphol im September 1960

Rudolph gehörte zu den erfolgreichsten Athleten der Spiele von Rom. Außerdem war sie die erste amerikanische Leichtathletin, die in ihrer Laufbahn drei olympische Goldmedaillen gewann.[3.25] Weil zugleich viele andere US-Sportler wie der Sprinter Ray Norton oder der Hochspringer John Thomas die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllten, ging Rudolph aus den olympischen Wettkämpfen 1960 als größter amerikanischer Leichtathletik-Star hervor.[5.7] Auch in Europa, wo die Tigerbelles unmittelbar nach Olympia noch zu verschiedenen internationalen Wettkämpfen antraten, wurde Rudolph zur Berühmtheit. Laut einem zeitgenössischen Bericht von Sports Illustrated musste in Köln die berittene Polizei eingesetzt werden, um ihre Verehrer in Schach zu halten, in Berlin hätten die Passanten mit Fäusten auf ihren Bus geschlagen, damit sie ihnen zuwinkte. Überall seien ihr Autogrammsammler gefolgt und sie sei mit Geschenken, Briefen und Telegrammen überschüttet worden.[6.11] Im Vatikan traf das amerikanische Team Papst Johannes XXIII. Rudolph brachte gegenüber Journalisten ihre Überforderung angesichts der großen öffentlichen Aufmerksamkeit zum Ausdruck. Sie habe Angst, morgens nach draußen zu gehen, weil sie überall erkannt werde.[8.7] Ihre Teamkolleginnen zeigten sich zunehmend eifersüchtig: Sie redeten nicht mehr mit ihr, versteckten einmal ihren Lockenwickler, damit sie zu einem Bankett mit ungebändigtem Haar erschien, und liefen in Staffelrennen absichtlich langsam.[4.10][5.8] Ed Temple erinnerte sich später daran, dass alle Trainer und Athleten müde gewesen seien und nach mehreren Monaten fernab der Heimat nur nach Hause gewollt hätten. Dennoch trug der lange Aufenthalt in Europa dazu bei, Rudolphs Bild als „Liebling der Spiele“ (im Original: „darling of the games“) international zu verfestigen.[8.8]

Anfang Oktober 1960 kehrte Rudolph in ihre Heimat zurück. Am Flughafen von Nashville begrüßte sie unter anderem der Gouverneur von Tennessee Buford Ellington.[6.12] Der Bürgermeister von Clarksville erklärte den 4. Oktober zum „Welcome Wilma Day“, zu dem ausdrücklich schwarze und weiße Bürger der Stadt geladen waren.[2.2] Viele Presseberichte nannten den Empfang, zu dem rund 1100 Leute erschienen,[5.8] die erste Veranstaltung mit gemischter ethnischer Zusammensetzung in der Gemeinde seit Beginn der Jim-Crow-Zeit.[2.3] In den späten 1980er-Jahren sagte Rudolph, sie habe den Organisatoren mitgeteilt, dass sie im Fall eines segregierten Festzuges nicht an der Veranstaltung teilgenommen hätte. Diese Perspektive – dass es ursprünglich zwei getrennte Feiern für Weiße und Schwarze geben sollte und Rudolph durch ihre Forderung eine erstmalige Aufhebung der Rassentrennung erreicht habe – wurde später von Autoren und Politikern aufgegriffen, ist aber nicht historisch gesichert.[2.4] In den Monaten nach ihren Olympiasiegen absolvierte Rudolph ungefähr hundert öffentliche Auftritte. Unter anderem erhielt sie symbolisch den Schlüssel zur Stadt Chicago und war zu der Ed Sullivan Show eingeladen.[3.26] Am Jahresende erhielt sie von Associated Press als zweite schwarze Frau nach Althea Gibson die Auszeichnung als Sportlerin des Jahres, und die New York Times führte sie unter den zehn herausragendsten Frauen in den Vereinigten Staaten.[3.27]

Letzte Jahre der sportlichen Laufbahn

Schwarzweißfoto: Eine Frau in einem weißen Shirt mit kurzer Hose während des Laufens. Ihr Oberkörper ist nach vorne geworfen.
Wilma Rudolph beim Zieleinlauf eines Wettkampfs im Madison Square Garden (1961)

Nach ihrer Rückkehr aus Rom als dreifache Olympiasiegerin setzte Rudolph bis 1963 ihr Studium an der Tennessee State University fort und bestritt in dieser Zeit weitere nationale und internationale Rennen. Sie blieb Amateursportlerin: Zwar bezahlten sie die Veranstalter der Wettkämpfe für ihre Anreise,[3.28] sie durfte aber keine Preisgelder erhalten oder auf andere Weise für die Ausübung ihres Sports entlohnt werden.[3.29]

Im Winter und Frühling 1961 nahm Rudolph an mehreren Invitationals (auf Deutsch: Einladungswettkämpfen) wie den Millrose Games und den Drake Relays teil, zu deren Programm in den Jahrzehnten zuvor ausschließlich Männerrennen gezählt hatten.[8.9] Um den Zuschauern die Möglichkeit zu geben, die dreifache Olympiasiegerin Rudolph laufen zu sehen, ergänzten die Veranstalter den Zeitplan kurzfristig um Frauenrennen.[8.10] Rudolph wurde als Hauptattraktion dieser Wettkämpfe vermarktet. Fans baten sie bei jedem Auftritt um Autogramme, Journalisten stellten ihr regelmäßig die gleichen Fragen. Das Los Angeles Invitational war ausverkauft mit mehr als 13.500 Zuschauern, die teilweise das Dreifache des ursprünglichen Ticketpreises bezahlt hatten. Bei den Millrose Games im Madison Square Garden sahen 14.500 Besucher, wie Rudolph den Weltrekord im 60-Yards-Sprint in der Halle einstellte. Der anhaltende Erwartungsdruck, immer neue Rennen zu gewinnen, belastete Rudolph.[5.9] Bei den nationalen Hallenmeisterschaften im März 1961 verlor sie über 220 Yards erstmals seit längerer Zeit wieder einen Wettkampf (gegen ihre Tigerbelle-Kollegin Vivian Brown) und unterlag auch mit der favorisierten TSU-Sprintstaffel.[3.30] Nach den Rennen brach sie zusammen und verbrachte einige Tage im Krankenhaus, ehe sie kurze Zeit später zu weiteren Invitationals antrat und dort gewann.[5.10] Anfang Juli 1961 errang sie über 100 Yards im Freien ihren dritten nationalen Titel in Folge und qualifizierte sich damit für das US-Leichtathletikteam, das in den folgenden Wochen durch Europa reiste[3.31] und zu Länderkämpfen unter anderem gegen die Sowjetunion und die Bundesrepublik Deutschland antrat.[5.10] In Stuttgart stellte Rudolph am 19. Juli 1961 in 11,2 Sekunden einen Weltrekord über 100 Meter auf.[3.31] Zum zweiten Mal nach 1960 wurde Rudolph am Jahresende von Associated Press zur Sportlerin des Jahres gewählt. Als erste Leichtathletin erhielt sie außerdem den jährlich von der Amateur Athletic Union verliehenen James E. Sullivan Award.[5.10]

Rudolph heiratete am 14. Oktober 1961 den Studenten William Ward, der ebenfalls dem Leichtathletikteam der TSU angehörte.[3.31] Die Ehe währte kurz und wurde am 24. Mai 1963 geschieden,[5.11] nachdem sich Rudolph im Jahr zuvor von Ward getrennt hatte. Während dieser Zeit zog sich Rudolph zunehmend aus dem Wettkampfgeschehen zurück. Schon nach der Rückkehr von ihrer Europareise im Sommer 1961 hatte sie eine Pause eingelegt, um sich auf ihr Studium zu konzentrieren. Im Januar 1962 nahm sie am Los Angeles Invitational teil, unterlag dort aber Jean Holmes. Ebenfalls in Los Angeles errang sie sechs Monate später ihren letzten nationalen Meistertitel im 100-Yards-Sprint. Ende Juli 1962 gewann sie über 100 Meter und mit der Sprintstaffel bei einem Länderkampf gegen die Sowjetunion in Palo Alto.[5.10] In ihrer Autobiographie stellte sie dieses Rennen als das Ende ihrer sportlichen Laufbahn dar, sie habe anschließend ihre Laufschuhe verschenkt.[3.32] Tatsächlich trat sie in den folgenden Monaten noch zu einigen weiteren Wettkämpfen an. Unter anderem entschied sie im August 1962 ein 100-Meter-Rennen in Oslo in 11,6 Sekunden für sich[3.32] und startete Anfang 1963 erneut beim Los Angeles Invitational. Anschließend unterzog sie sich einer Appendektomie und bemerkte gegenüber Journalisten, dass sie es zunehmend als anstrengend empfinde, nach gesundheitlichen Rückschlägen immer wieder neu in Form zu kommen.[5.12] Eine Teilnahme an den Olympischen Spielen 1964 in Tokio schien ihr wenig attraktiv, weil sie glaubte, dass ein schlechteres Ergebnis als der erneute Gewinn von drei Goldmedaillen die Erinnerung an ihre Erfolge von Rom schmälern würde.[6.13]

Im April und Mai 1963 reiste Rudolph auf Veranlassung des US-Außenministeriums als Goodwill-Botschafterin durch Senegal, Guinea, Ghana, Mali und Obervolta, um die Beziehungen zu den westafrikanischen Staaten zu stärken. Kurz nach ihrer Rückkehr nach Tennessee schloss sie am 27. Mai ihr Studium an der TSU ab.[5.11] In den folgenden beiden Tagen beteiligte sie sich in ihrer Heimatstadt Clarksville an einem Protest der Bürgerrechtsbewegung gegen die fortgesetzte Rassentrennung in einem örtlichen Restaurant. Zusammen mit insgesamt mehreren hundert Afroamerikanern forderte sie am Morgen des 28. Mai sowie am Abend des Folgetages vergeblich Zugang.[2.5] Der Protest stand im Rahmen der landesweiten Demonstrationen, die auf den von Martin Luther King in Birmingham angeführten Aktionen aufbauten.[5.11] Anfang Juni stimmte der Stadtrat von Clarksville für die Gleichstellung von Schwarzen und Weißen in öffentlichen Einrichtungen der Stadt, darunter Gastronomiebetriebe, Parks und Schwimmbäder.[2.6] Ende Juli 1963 heiratete Rudolph ein zweites Mal, diesmal ihren High-School-Freund und Vater ihrer Tochter Robert Eldridge.[3.33] Die Entscheidung für die Ehe mit Eldridge war verbunden mit ihrem endgültigen Rücktritt vom aktiven Sport. Rudolph trat eine Stelle als Lehrerin an ihrer alten Grundschule, der Cobb Elementary School, an, und trainierte gleichzeitig die Basketball- und Leichtathletikteams an ihrer früheren High School.[5.11]

Leben nach dem Ende der aktiven Sportkarriere

Rudolph arbeitete zwei Jahre lang, bis zum Ende des Schuljahres 1964/65, als Lehrerin in Clarksville. Sie bekam im Sommer 1964 eine zweite Tochter und ein Jahr später einen ersten Sohn. Ihre Lehrerkollegen zeigten kein Interesse an den Unterrichtsmethoden, die Rudolph im Studium an der Tennessee State University gelernt hatte, was sie zunehmend frustrierte.[8.11] Sie verließ ihre Heimatstadt 1965, um in Evansville in Indiana ein Gemeindezentrum zu leiten, behielt aber auch diese Stelle nur kurz.[3.34] Im folgenden Jahrzehnt wechselte Rudolph häufig ihren Arbeitsplatz und ihren Wohnort. Ab 1966 war sie – erst in Poland in Maine, später in St. Louis – beim Job Corps beschäftigt, einem Regierungsprogramm, das jungen Menschen Berufsbildung vermittelte.[5.13] Ende der 1960er-Jahre unterrichtete sie anderthalb Jahre lang Leichtathletik an einer Junior High School in Detroit,[3.35] dann zog sie nach Kalifornien, wo sie unter anderem für das afroamerikanische Kulturzentrum der UCLA arbeitete. 1971 wurde sie zum vierten Mal Mutter: Sie bekam einen zweiten Sohn.[3.36] Während der Olympischen Spiele 1972 in München engagierte sie das deutsche Fernsehen, um englischsprachige TV-Teams zu koordinieren. 1973 arbeitete sie für eine Stiftung in Chicago, 1974 sammelte sie Spendengelder zur Einrichtung einer Leichtathletik-Ruhmeshalle in West Virginia.[5.13] Rudolph fühlte sich in vielen Jobs in dieser Zeit ausgenutzt und hatte den Eindruck, sie sei nur eingestellt worden, damit ihre Vorgesetzten stolz darauf verweisen konnten, eine dreifache Olympiasiegerin in ihrem Team zu haben.[8.11] Über ihre Schwierigkeiten im Berufsleben sagte sie später:

“You become world famous, and you sit with kings and queens, and then your first job is just a job. You can't go back to living the way you did before because you've been taken out of one setting and shown the other. That becomes a struggle and makes you struggle.”

„Man wird weltberühmt, sitzt mit Königen und Königinnen an einem Tisch, und dann ist der erste Job einfach nur ein Job. Man kann nicht mehr so leben wie früher, weil man aus der einen Welt herausgerissen und in die andere eingeführt wurde. Das wird zu einer Herausforderung und macht einem zu schaffen.“

– Wilma Rudolph[10]

In ihrer 1977 erschienenen Autobiographie geht Rudolph nur allgemein auf ihre verschiedenen Arbeitsstellen ein und beschreibt auch nicht, ob ihr Ehemann Robert Eldridge sie bei ihren Ortswechseln begleitete.[3.37] Eldridge war zunächst Student an der Tennessee State University und erkrankte später schwer. Rudolph war oft Alleinverdienerin in der Familie und hatte Mühe, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.[6.14] Trotz ihrer Popularität erhielt sie anfänglich entgegen ihrer Hoffnung keine Werbeverträge.[5.11]

Die mittleren und späten 1970er-Jahre markierten für Rudolph den Übergang zu einem etwas gefestigteren Leben.[8.12] Der besonders in den USA ausgeprägte Laufboom jener Zeit führte zu einem wachsenden Interesse an Rudolphs Geschichte. Sie wurde für Vortragsreihen an Hochschulen gebucht, in denen sie über Selbstdisziplin sprach, und warb unter anderem für das Nahrungsergänzungsmittel Geritol.[5.14] Für die Organisation ihrer öffentlichen Auftritte gründete Rudolph die Firma Wilma Unlimited.[6.15] Ihre Autobiographie wurde unter Regie von Bud Greenspan verfilmt und im Dezember 1977 unter dem Titel Wilma in dem Netzwerk NBC ausgestrahlt.[5.14] 1980 ließ sie sich von ihrem Ehemann Eldridge scheiden.[4.11] Ein Jahr später rief sie unter ihrem Namen in Indianapolis eine gemeinnützige Stiftung ins Leben. Die Wilma Rudolph Foundation machte jungen Leichtathleten Trainingsangebote und unterstützte sie akademisch.[5.15] Mitte der 1980er-Jahre nahmen mehr als 1000 Sportler an dem Programm teil.[4.11] Zwischenzeitlich trainierte Rudolph während ihrer Jahre in Indiana außerdem die Leichtathletinnen der DePauw University.[6.15] Die vierfache Sprintolympiasiegerin Evelyn Ashford beschrieb sie als ungewöhnlich großzügig beim Verteilen von Trainingsratschlägen.[5.15] 1992 zog Rudolph nach Nashville in ihren Heimatstaat Tennessee, wo sie Vizepräsidentin des örtlichen Baptistenkrankenhauses wurde. Im Juli 1994 diagnostizierten ihr Ärzte sowohl Kehlkopfkrebs als auch einen Hirntumor.[4.11] Ihre Situation verschlechterte sich schnell.[5.16] Rudolph starb am 12. November 1994 im Alter von 54 Jahren in Brentwood.[6.15] Zu ihrer Trauerfeier wenige Tage später erschienen Tausende,[3.38] darunter die Olympiasiegerinnen Jackie Joyner-Kersee, Florence Griffith-Joyner und Gail Devers.[5.16]

Wahrnehmung und Würdigung

Öffentliches Bild

Vor allem unmittelbar nach ihren drei Olympiasiegen 1960 löste Rudolph in Europa und in Amerika eine große Welle der Begeisterung aus, die sich nicht alleine mit ihrer sportlichen Leistung erklären ließ.[8.13] Die Historikerin Jennifer Lansbury erkennt mehrere Faktoren, die den von ihr als solchen bezeichneten Hype um Rudolph begünstigten. Zum einen waren die Spiele von Rom die ersten Sommerspiele, die live im europäischen Fernsehen übertragen wurden (die Ausstrahlung in den USA fand wegen der Zeitverschiebung zwischen den Kontinenten verzögert statt). Dadurch hätten mehr Zuschauer Bewegtbilder von Rudolph gesehen, was weiteres Interesse an ihr geweckt hätte. Dass sie früh im Leben mit schweren Krankheiten zu kämpfen hatte, habe sie auf emotionaler Ebene zu einem Liebling der Öffentlichkeit gemacht. Ferner zitiert Lansbury Rudolphs Trainer Ed Temple mit der Einschätzung, Rudolph sei unter allen von ihm trainierten Sportlerinnen durch ihre Persönlichkeit herausgestochen. Andere Athletinnen seien sehr still und sachlich gewesen, Rudolph hingegen immer kontaktfreudig und zu jedem freundlich. Ihre Anwesenheit habe einen Raum belebt, sobald sie ihn betreten habe.[8.14]

Rudolphs Lebensgeschichte wurde in einem Fernsehfilm sowie in mehr als 20 Biographien aufgegriffen. Diese Biographien sind an Kinder und Jugendliche gerichtet[2.7] und erschienen mehrheitlich im 21. Jahrhundert, somit mehrere Jahre nach Rudolphs Tod.[2.8] Die Sportwissenschaftlerinnen Rita Liberti und Maureen Smith analysieren in ihrer 2015 erschienenen Monographie (Re)Presenting Wilma Rudolph, wie sich an Rudolph im kollektiven Gedächtnis erinnert wird.[11] Dass gerade ihr Leben noch Jahrzehnte nach ihren Goldmedaillen von Rom so große Beachtung findet, während andere amerikanische Olympiasiegerinnen jener Zeit in Vergessenheit gerieten,[12] erklären Liberti und Smith mit der besonderen historischen Konstellation: Die Erfolge der aus armen Verhältnissen stammenden Afroamerikanerin Rudolph in den Anfangsjahren der Bürgerrechtsbewegung lieferten demnach Belege für die Großartigkeit Amerikas, wie sie die Goldmedaillen anderer (weißer) Sportlerinnen schlichtweg nicht hätten veranschaulichen können.[2.9] Der Historiker Aram Goudsouzian ordnete Rudolphs Auftritte bei den Olympischen Spielen 1960 mit Blick auf den historischen Kontext wie folgt ein:

“She ran as a woman, shattering stereotypes of female athletes and building her sport’s legitimacy. She ran as an African American, suggesting new racial possibilities in an arena of Cold War athletic competition. And she ran as Wilma Rudolph, the poor sick girl from Clarksville, Tennessee, who found her own personal freedom as she sped down a track.”

„Sie lief als Frau, zerschlug Stereotypen über Sportlerinnen und verschaffte ihrer Sportart Anerkennung. Sie lief als Afroamerikanerin und ließ damit neue Möglichkeiten für verschiedene ethnische Gruppen in einer Welt des sportlichen Wettkampfs während des Kalten Krieges erahnen. Und sie lief als Wilma Rudolph, das arme, kranke Mädchen aus Clarksville, Tennessee, das seine persönliche Freiheit fand, während es über die Laufbahn flog.“

– Aram Goudsouzian[5.1]

Rita Liberti und Maureen Smith sehen als vorherrschende Form der Erzählung über Rudolph ein Narrativ des sozialen Aufstiegs. Beschreibungen von Sportlerbiographien seien oft durchdrungen von dem Grundgedanken des American Dreams und Aschenputtel-ähnlichen Handlungssträngen. Dadurch entstünden mythische Verklärungen der Athleten. Rudolphs Weg vom „armen, schwarzen, behinderten Mädchen“ (im Original: „poor, black, and disabled girl“) zur erfolgreichen Sportlerin biete sich für eine solche Darstellung an. Auch darin liege ein Grund für die fortlaufende Rezeption ihrer Lebensgeschichte.[2.10] Vorherrschendes Motiv in den Biographien über Rudolph sind laut Liberti und Smith die Hindernisse, die sie überwunden habe. Ihr Leben werde – in vielen Fällen dicht orientiert an Rudolphs Autobiographie[2.11] – als inspirierende Geschichte erzählt, bei der die individuelle Bewältigung von Problemen im Vordergrund stehe. Der breitere historische Kontext und systemische Ungleichheit inklusive Rassismus, Klassismus und Sexismus würden weitgehend ausgeblendet.[2.12] Als Beispiel führen die Autorinnen den Umgang mit der Teenagerschwangerschaft Rudolphs an. Sofern sie überhaupt Erwähnung finde, werde sie in vielen Biographien zurückhaltend als „unerwartete Komplikation“ dargestellt und die Unterstützung betont, die Rudolph durch ihre Familie erfahren habe. Nur selten finde eine Einordnung statt, welchem Stress Rudolph in ihrer Rolle als Frau und junge Mutter ausgesetzt gewesen sei.[2.13]

Darstellung als feminine schwarze Sportlerin

Schwarzweißfoto: Zwei weiße Männer in Anzügen mit Krawatten und eine schwarze Frau im Abendkleid stehen hinter zwei prachtvoll geschmückten Pokalen.
Rudolph (rechts) bei einer öffentlichen Veranstaltung im Jahr 1961 gemeinsam mit dem Baseballspieler Roger Maris (links)

Mitte des 20. Jahrhunderts rückte die Leichtathletik der Frauen erst langsam in das Blickfeld der amerikanischen Öffentlichkeit.[8.15] Seit Jahrzehnten herrschte dort die nur allmählich verblassende Ansicht vor, Leichtathletik sei kein Sport für „echte“ Frauen, sondern für vermännlichte Sonderlinge. Entsprechend fanden in der Sportpresse regelmäßig sexistische und teils frauenfeindliche Kommentare Platz.[8.16] In den 1950er- und 1960er-Jahren propagierten Befürworter des Sports, insbesondere Rudolphs Trainer Ed Temple, ein neues Image der Frauen-Leichtathletik. Sie stellten heraus, dass körperliche Ertüchtigung Frauen schlank und in guter Form halte, ihre Attraktivität also nicht mindere, sondern steigere. Temple betonte unter anderem, er bringe den von ihm trainierten Sportlerinnen des Tigerbelle-Teams bei, vorrangig junge Damen zu sein und erst in zweiter Linie Leichtathletinnen (im Original: „young ladies first and track girls second“). Nach Wettkämpfen hielt er die Tigerbelles an, sich die Haare zu kämmen und Lippenstift aufzutragen, damit sie bei Interviews – in seinen Worten – „vorzeigbar“ aussahen (im Original: „I want you to […] comb your hair and put some lipstick on so you look presentable when somebody interviews you“).[8.17] Die Historikerin Jennifer Lansbury ordnet Temples diesbezüglichen Einsatz als pragmatisch ein: Dadurch, dass sich die Tigerbelles die stereotype Weiblichkeit der weißen amerikanischen Mittelschicht der 1950er-Jahre zu eigen gemacht hätten, sei die Frauen-Leichtathletik für ein breiteres Publikum interessant geworden.[8.18]

Wilma Rudolph verkörperte das von Temple entworfene Bild vollumfänglich[8.8] und wurde zum Paradebeispiel einer femininen Leichtathletin. In Interviews verwies sie auf ihre Vorlieben für High Heels und Goldschmuck und betonte ausdrücklich, kein Tomboy zu sein, selbst wenn sie mit ihren Brüdern gelegentlich Basketball spiele.[8.19] Insgesamt stellte sie die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen öffentlich nicht in Frage. Bei einer Pressekonferenz 1961 wies sie die Frage, ob sie sich Rennen gegen Männer vorstellen könne, mit der Aussage zurück, sie sei eine junge Dame.[6.16] Ed Temple lobte Rudolph gegenüber dem Nachrichtenmagazin Time, sie begehe nicht den verbreiteten Fehler, beweisen zu wollen, dass sie so gut wie ein Mann sei.[8.20] Sportjournalisten hoben neben ihrem sportlichen Talent und ihrer als fügsam dargestellten Persönlichkeit ihr gutes Aussehen hervor. Ein Reporter von Sports Illustrated nannte sie ein „bezaubernd anmutiges, hübsches Mädchen“ (im Original: „delightfully graceful, pretty girl“) und verwies auf ihre „langen bronzefarbenen Beine“ („long bronze legs“).[6.17] In der Berichterstattung über Rudolph nach ihren olympischen Erfolgen sieht die Historikerin Lansbury ein „sexualisiertes Spektakel“,[8.21] das Rennveranstalter für Vermarktungszwecke nutzten.[8.22] Lansbury vermutet zudem, dass Rudolphs vergleichsweise helle Haut und ihre Annahme weißer Geschlechterstereotype es (weißen) Sportjournalisten und der Öffentlichkeit ermöglichten, ihre Identität als Schwarze zu ignorieren.[8.23] Die zeitgenössische amerikanische Presse verwies nur selten direkt auf ihre Hautfarbe, übernahm aber teilweise die Spitznamen „La Perle Noire“ (französisch für „Schwarze Perle“) und „La Gazzella Nera“ (italienisch für „Schwarze Gazelle“), die ihr die europäische Presse verliehen hatte.[6.18] Die Sporthistorikerin Cat Ariail kommt diesbezüglich zu der Einschätzung, Rudolphs „normative Weiblichkeit“ habe eine konservative, auf Assimilation beruhende und daher bequeme Vorstellung von Gleichberechtigung zwischen Schwarzen und Weißen in Amerika verkörpert.[13.1]

Politische Rolle im Kalten Krieg und in der Bürgerrechtsbewegung

Sport entwickelte sich in den 1950er- und 1960er-Jahren zu einem Konfliktfeld des Kalten Kriegs zwischen den westlichen Staaten unter amerikanischer Führung und den Staaten des Ostblocks rund um die Sowjetunion.[8.24] Das wichtigste sportliche Kräftemessen waren die Olympischen Spiele, an denen die Sowjetunion seit 1952 teilnahm. Um auch abseits der nur im Vierjahrestakt ausgetragenen Olympischen Spiele einen regelmäßigen Vergleich zwischen den US-amerikanischen und den sowjetischen Leichtathleten zu ermöglichen, fanden ab dem Sommer 1958 jährlich Länderkämpfe zwischen beiden Nationen statt. In insgesamt 32 Disziplinen für Männer und Frauen traten pro Land je zwei Sportler an, die Ergebnisse wurden miteinander verrechnet.[8.25] Laut der Sporthistorikerin Cat Ariail entfaltete es propagandistische Wirkung, dass junge schwarze Frauen – darunter die Tigerbelles um Wilma Rudolph – die USA bei diesen Wettkämpfen prominent vertraten. Von sowjetischer Seite wurde verstärkt öffentlich auf die Ungleichheiten in der amerikanischen Gesellschaft hingewiesen. Die Tigerbelles sollten nun als Gegenbeweis zeigen, dass „Americanness“ (auf Deutsch in etwa: „Amerikanischsein“) inklusiver geworden war.[13.2]

Ein weiteres Ziel der Länderkämpfe war die Völkerverständigung zwischen den USA und Sowjetunion. Gemäß der Darstellung des Magazins Sports Illustrated stieß Rudolph bei ihren Auftritten in Moskau 1961 im Rahmen eines Länderkampfs beim russischen Publikum auf ebenso viel Begeisterung wie im Vorjahr bei den Olympischen Spielen in Rom. Auf dieser Grundlage nennt Cat Ariail Rudolph eine „ideale sportliche Botschafterin“ in Zeiten des Kalten Kriegs.[13.3] Die United States Information Agency produzierte einen Dokumentarfilm über sie (Wilma Rudolph: Olympic Champion), der sowohl in den USA selbst als auch im Ausland gezeigt wurde. Der Film präsentierte Rudolph als Leitfigur des amerikanischen Individualismus und ihre Erfolgsgeschichte als Beweis für die Möglichkeiten, die allen Mitgliedern einer demokratischen Gesellschaft offenstünden.[13.4] Bei ihrer Rückkehr von der Reise als Goodwill-Botschafterin des US-Außenministeriums nach Westafrika 1963 bezeichnete sie ein Mitarbeiter der Behörde als „wandelnde Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika“, weil sie sich so gut eignete, um die Ideale der Nation zu verkörpern.[13.5]

Nach ihren olympischen Erfolgen in Rom erfuhr Rudolph als Symbolfigur auch verstärkt innenpolitische Beachtung. Im Frühjahr 1961 traf sie im Weißen Haus den US-Präsidenten John F. Kennedy und seinen Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson. Laut der Historikerin Ariail war die Begegnung eine Möglichkeit für Kennedy, auf „sichere, aber nicht wesentliche“ Weise (im Original: „safely but not substantially“) seine Unterstützung für schwarze Amerikaner zum Ausdruck zu bringen.[13.6] Die NAACP, eine der führenden Organisationen der Bürgerrechtsbewegung, lud Rudolph als Ehrengast zu ihrem jährlichen Freedom Fund Dinner ein.[13.7] Ariail weist darauf hin, dass sich die schwarze US-Bevölkerung in erster Linie für Rudolphs konventionelle Attraktivität begeisterte. Als sie 1963 an einem Protest gegen die Rassentrennung in Clarksville teilnahm, habe dies hingegen kaum Aufmerksamkeit nach sich gezogen. Ariail folgert, Rudolph sei nicht die Rolle einer Aktivistin zugedacht worden. Sie habe stattdessen – vergleichbar mit schwarzen Schönheitsköniginnen – Einstellungen der weißen Mehrheitsgesellschaft alleine durch ihr Lächeln und ihren Charme ändern sollen.[13.8]

Rückblickend äußerte sich Rudolph kritisch zu ihrer politischen Vereinnahmung. Vor den Olympischen Spielen 1972 in München sagte sie dem deutschen Magazin Stern, sie sei „als Symbol des freien Amerikas gefeiert worden“, wisse nun aber, dass sie in dieser Hinsicht „missbraucht“ worden sei.[14] In ihrer Autobiographie schrieb sie wenige Jahre später:

“[P]eople were always expecting me to be a star, but I wasn’t making the money to live like one. I felt exploited both as a woman and as a black person, and this bothered me very much.”

„Die Leute haben immer erwartet, dass ich ein Star bin, aber ich verdiente nicht genug Geld, um wie einer zu leben. Ich fühlte mich sowohl als Frau als auch als Schwarze ausgenutzt, und das hat mich sehr gestört.“

– Wilma Rudolph[15]

Insgesamt übernahm Rudolph in weiten Teilen ihres Buches nicht die übermäßig positiven Interpretationen ihres Werdegangs.[13.9] Sie schloss mit der Aussage, schwarze Sportlerinnen stünden im amerikanischen Sport „ganz unten auf der Leiter“ (im Original: „black women athletes are on the bottom rung of the ladder in American sports“).[16] Cat Ariail schreibt zu Rudolphs finanziellen Schwierigkeiten nach ihrer sportlichen Laufbahn und dem daraus resultierenden Frust, Rudolph habe die von ihr nach außen verkörperten Möglichkeiten Amerikas selbst selten gelebt. Dennoch sieht Ariail Rudolph nicht als bloße Spielfigur, die von amerikanischen Institutionen genutzt worden sei, um ein irreführendes positives Bild des Landes nach außen zu tragen. Sie reihe sich vielmehr in eine Gruppe schwarzer amerikanischer Sportlerinnen ein – angefangen mit der ersten schwarzen Olympiasiegerin Alice Coachman 1948 –, die Chancen genutzt hätten, um von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Ohne ihr aktives Mitwirken hätten sie die Positionen in erster Reihe nicht erreicht. Damit hätten diese Athletinnen die amerikanische Identität in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg mitbestimmt.[13.10]

Einfluss auf spätere Athletinnen

In den Jahrzehnten nach Wilma Rudolphs Erfolgen in Rom siegten mehrere weitere afroamerikanische Sprinterinnen bei den Olympischen Spielen. Zunächst stammten diese Athletinnen wie Rudolph aus den Reihen der Tigerbelles: Wyomia Tyus gewann sowohl 1964 als auch 1968 Gold im 100-Meter-Lauf (und 1968 zusätzlich mit der 4-mal-100-Meter-Staffel), Edith McGuire siegte 1964 über 200 Meter. Anschließend verlor die Tennessee State University ihre dominante Position in der amerikanischen Frauenleichtathletik, auch weil immer mehr Universitäten Leichtathletikprogramme für Frauen anboten. Weder bei den Spielen 1972 in München noch 1976 in Montreal gewann eine Leichtathletin aus den USA olympisches Gold.[3.39] In den 1980er-Jahren gehörten Evelyn Ashford und Valerie Brisco-Hooks zu den führenden afroamerikanischen Läuferinnen. Bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles gewann Ashford über 100 Meter und mit der 4-mal-100-Meter-Staffel die olympische Goldmedaille, Brisco-Hooks siegte über 200 und 400 Meter sowie mit der 4-mal-400-Meter-Staffel. 1988 in Seoul triumphierte Florence Griffith-Joyner auf den gleichen Strecken wie Wilma Rudolph 28 Jahre zuvor, über 100 Meter, über 200 Meter und mit der 4-mal-100-Meter-Staffel. Rudolph freute sich über diese Erfolge:

“It was a great thrill for me to see. I thought I'd never get to see that. Florence Griffith Joyner — every time she ran, I ran.”

„Das zu sehen, war für mich ein unglaubliches Erlebnis. Ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals erleben würde. Florence Griffith Joyner – jedes Mal, wenn sie lief, lief ich mit.“

– Wilma Rudolph[3.40]

Griffith-Joyner erlangte große mediale Popularität. Sie erschien auf Titelbildern von Magazinen und auch bei ihr stand das bewusst weibliche Auftreten im Vordergrund (sie trug Rennanzüge, die nur ein Bein mit Stoff bedeckten, und hatte lange Fingernägel).[3.41] Die Leichtathletik wurde durch die Lockerung der olympischen Amateurregeln ab den 1980er-Jahren kommerzieller. Griffith-Joyner, ihre Schwägerin Jackie Joyner-Kersee und Gwen Torrence, die 200-Meter-Olympiasiegerin von 1992, verdienten mit hochdotierten Werbeverträgen teils mehrere Millionen US-Dollar.[3.40] Maureen Smith sieht Rudolph in ihrer Biographie als Wegbereiterin dieser Erfolgsgeschichte.[3.42] Auch mehrere der aufgeführten Olympiasiegerinnen nannten Rudolph ausdrücklich als Vorbild oder Mentorin. Evelyn Ashford sagte, sie habe Rudolph als Kind im Fernsehen gesehen und gewusst, sie wolle ihr nacheifern (im Original: „when I saw her on TV I knew I wanted to be like her“). Die Siebenkämpferin und Weitspringerin Jackie Joyner-Kersee erklärte, Rudolph habe immer hinter ihr gestanden und sei bei Problemen erreichbar gewesen (im Original: „She was always in my corner. If I had a problem, I could call her at home.“).[3.43]

Die Historikerin Cat Ariail macht in der Entwicklung der amerikanischen Frauenleichtathletik eine „Periode reger Aktivität“ (im Original: „a period of vigorous action within the sport“) in den 1960er-Jahren aus, die sie als Zeichen für den Einfluss von Rudolphs Erfolgen wertet.[13.11] Die Amateur Athletic Union habe angefangen, Leichtathletikprogramme für Frauen engagierter zu bewerben, wovon allerdings in erster Linie weiße Sportlerinnen profitiert hätten.[13.12] Das von Sportmagazinen wie Sports Illustrated propagierte Schönheitsideal der amerikanischen Leichtathletin sei von jungen blonden Frauen verkörpert worden, etwa Janell Smith oder Pat Daniels. Aus Ariails Sicht diente die institutionelle Ausweitung der Leichtathletikprogramme daher vor allem dazu, solche (weißen) Stars zu finden.[13.12] Sportlich dominierten in den USA weiterhin schwarze Läuferinnen,[13.13] etwa Wyomia Tyus, die als erste Person – unabhängig vom Geschlecht – einen Olympiasieg über 100 Meter wiederholte. Tyus genoss in der Öffentlichkeit nie das Ansehen, das Rudolph entgegengebracht wurde. Ariail sieht einen Grund dafür darin, dass Tyus die „fesselnde Weiblichkeit“ (im Original: „captivating femininity“) Rudolphs gefehlt habe.[13.14] Die mediale Inszenierung Rudolphs habe die Erwartung etabliert, dass Sportlerinnen Weiblichkeitsidealen entsprächen. Diese Entwicklung habe schwarzen Sportlerinnen den Weg zur öffentlichen Anerkennung erschwert. Ihre Weiblichkeit habe ohnehin in Frage gestanden, nun hätten sie sich zum einen an Rudolph messen lassen müssen und zusätzlich an der stetig wachsenden Zahl „angemessen femininer“ (im Original: „appropriately feminine“) weißer Sportlerinnen.[13.15] Ariail bezeichnet die Anspruchshaltung an schwarze Sportlerinnen, die sich bis in das 21. Jahrhundert gehalten habe, als „Rudolph model“: Schwarze Athletinnen würden nur dann populär, wenn sie auf Hautfarbe und Geschlecht beruhende Vorstellungen stützten und nicht bedrohten (im Original: „They must bolster, not threaten, the racialized and gendered foundations […]“).[13.16]

Auszeichnungen und Ehrungen

Farbfoto: Eine befahrene zweispurige Straße. Am Rand ist ein grünes Schild mit der weißen Aufschrift „Wilma Rudolph Boulevard“ zu sehen.
Nach Rudolph benannter Abschnitt des U.S. Highway 79 in Clarksville (Wilma Rudolph Boulevard)

Bereits zu Lebzeiten erfuhr Wilma Rudolph viele Ehrungen, die ihr sportliches Vermächtnis würdigten. Unter anderem war sie 1974 beziehungsweise 1983 jeweils Gründungsmitglied der National Track and Field Hall of Fame sowie der United States Olympic Hall of Fame.[8.12] Ferner wurde sie 1973 in die Black Athletes Hall of Fame und 1980 sowohl in die International Sports Hall of Fame als auch in die Women’s Sports Foundation Hall of Fame aufgenommen.[6.15] Bei der ersten Verleihung der National Sports Awards im Juni 1993 ehrte sie der damalige US-Präsident Bill Clinton gemeinsam mit dem Golfer Arnold Palmer, dem Basketballer Kareem Abdul-Jabbar, dem Boxer Muhammad Ali und dem Baseballspieler Ted Williams als „ganz Große“ (im Original: „the Great Ones“).[3.42] Sie erhielt außerdem Preise wie den Humanitarian of the Year Award of the Special Olympics (1985) oder den National Collegiate Athletic Association’s Silver Anniversary Award (1987).[6.15] Posthum wurde Rudolph 2014 in die Hall of Fame des internationalen Leichtathletik-Verbandes aufgenommen.

Die Stadt Clarksville benannte 1994 Teile des durch die Stadt führenden U.S. Highway 79 – an der Stelle von Rudolphs Geburtsort Saint Bethlehem – in Wilma Rudolph Boulevard um.[2.14] Clarksville ließ zudem eine lebensgroße Bronzestatue von Rudolph anfertigen,[3.42] die 1996 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde und die Sportlerin beim Laufen zeigt, mit einem in den Nacken gelegten Kopf und schwingenden Armen.[2.15] Die Statue wurde innerhalb der Stadt mehrmals versetzt und 2012 am Eingang des neu eröffneten Wilma Rudolph Event Centers aufgestellt.[2.16] Ferner trägt seit 1995 ein Studentenwohnheim der Tennessee State University in Nashville Rudolphs Namen, ebenso seit 2000 eine Gesamtschule in Berlin-Zehlendorf (als Wilma-Rudolph-Oberschule).[17] Der Gouverneur von Tennessee Don Sundquist erklärte 1997 den 23. Juni – ihren Geburtstag – staatsweit zum Wilma Rudolph Day. 2004 ehrte der United States Postal Service die Olympiasiegerin mit der Abbildung auf einer Briefmarke der Reihe Distinguished Americans (auf Deutsch: „Bedeutende Amerikaner“).[4.12] Der Sportsender ESPN führte Rudolph auf Platz 41 der Liste der 100 besten nordamerikanischen Sportler des 20. Jahrhunderts. Hinter Babe Didrikson Zaharias (auf Platz 10), Martina Navratilova (auf Platz 19) und Jackie Joyner-Kersee (auf Platz 23) war sie damit die am vierthöchsten positionierte Frau auf dieser Liste.[18]

Statistik

Ergebnisse bei internationalen Meisterschaften

Wilma Rudolph trat zwischen 1956 und 1960 in den Sprintdisziplinen zu internationalen Meisterschaften an. Sie nahm an zwei Olympischen Spielen teil und gewann dort drei Goldmedaillen und eine Bronzemedaille. Außerdem siegte sie einmal mit der 4-mal-100-Meter-Staffel bei den Panamerikanischen Spielen.

Weitere Informationen Jahr, Ort ...
Jahr Ort 100 m 200 m 4 × 100 m
Olympische Spiele
1956Melbourne–VLBronze 3.
1960RomGold 1.Gold 1.Gold 1.
Panamerikanische Spiele
1959ChicagoSilber 2.–Gold 1.
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Ergebnisse bei nationalen Meisterschaften

Rudolph gewann in den 1960er-Jahren fünf nationale Meistertitel im Freien. Zwei weitere Siege feierte sie bei den US Olympic Trials, der nationalen Olympia-Qualifikation.

Die folgende Tabelle nennt Rudolphs Platzierungen bei US-Meisterschaften und bei US Olympic Trials. Sie baut auf den Angaben der Track & Field News auf.[19] Nicht aufgeführt werden die (nicht vollständig vorliegenden) Ergebnisse bei US-Hallenmeisterschaften. Hier gewann Rudolph fünf weitere Titel über 50 Yards (1959 und 1960), 100 Yards (1960 und 1961) sowie über 220 Yards (1960).[20]

Weitere Informationen Jahr, Ort ...
Jahr Ort 100 m 1 200 m
US-Meisterschaften (Freiluft)
1956Philadelphia–Silber 2.
1959ClevelandGold 1.Bronze 3.
1960Corpus ChristiGold 1.Gold 1.
1961GaryGold 1.–
1962Los AngelesGold 1.–
US Olympic Trials
1956Los Angeles–Silber 2.
1960AbileneGold 1.Gold 1.
Schließen
1 
Bei den US-Leichtathletikmeisterschaften 1961 und 1962 wurden nicht 100 Meter, sondern 100 Yards gelaufen.

Veröffentlichungen

Film

Literatur

  • Cat Ariail: Passing the Baton: Black Women Track Stars and American Identity . University of Illinois Press, Urbana 2020, ISBN 978-0-252-04348-2
  • Aram Goudsouzian: Wilma Rudolph (1940–1994): Running for Freedom. In: Sarah Wilkerson Freeman (Hrsg.): Tennessee Women. Band 1. University of Georgia Press, Athens 2009. ISBN 978-0-8203-2948-2. S. 305–332.
  • Jennifer H. Lansbury: “Foxes, not oxes”: Wilma Rudolph and the De-Marginalization of American Women’s Track and Field. In: A Spectacular leap: Black Women Athletes in Twentieth-Century America. University of Arkansas Press, Fayetteville 2014, ISBN 978-1-55728-658-1. S. 115–150.
  • Rita Liberti und Maureen M. Smith: (Re)Presenting Wilma Rudolph. Syracuse University Press, Syracuse 2015, ISBN 978-0-8156-3384-6
  • Steven J. Overman und Kelly Boyer Sagert: Wilma Rudolph (1940–1994). In: Icons of Women’s Sport. Band 2. Greenwood, Santa Barbara 2012, ISBN 979-8-216-10061-4. S. 503–521.
  • Maureen M. Smith: Wilma Rudolph: A Biography. Greenwood Publishing Group, Westport 2006, ISBN 0-313-33307-6
  • Wayne Wilson: Wilma Rudolph: The Making of an Olympic Icon. In: David K. Wiggins (Hrsg.): Out of the Shadows: A Biographical History of African American Athletes. University of Arkansas Press, Fayetteville 2006, ISBN 1-55728-826-7. S. 207–221.
Commons: Wilma Rudolph – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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