Palazzo Rucellai
Bauwerk in Florenz
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Der Palazzo Rucellai ist ein Wohngebäude des 15. Jahrhunderts in Florenz. Es entstand zwischen ca. 1450 und 1455 im Auftrag des reichen Textilunternehmers Giovanni di Paolo Rucellai (1403–1481) aus mehreren einzelnen Häusern, denen eine einheitliche Fassade zur Via della Vigna Nuova vorgeblendet wurde. Als Architekten werden in der Forschung Leon Battista Alberti und Bernardo Rossellino diskutiert. Gegenüber vom Palazzo Rucellai befindet sich die von 1461 bis 1463 errichtete Loggia Rucellai.

Lage und Baugeschichte
Das Gebäude liegt auf der Nordseite der Via della Vigna Nuova an der Ecke zur engen Gasse Via dei Palchetti. Ihm gegenüber liegt die kleine dreieckige Piazza Rucellai.
Der Besitzer Giovanni di Paolo Rucellai hatte ab Ende der 1420er Grundstücke und Nachbarhäuser erworben.[1] Um 1450 begannen die Arbeiten durch die sukzessive Verbindung einzelner Häuser.[2][3] Giovanni Rucellai schreibt in seinen Erinnerungen („Zibaldone quaresimale“, 1457–1476), dass er „aus acht Häusern eines gemacht habe“.[4][5] Dem Baukörper wurde schrittweise – und möglicherweise erst ab 1455 oder noch später – eine gemeinsame Fassade vorgeblendet.[6][7] Die nördliche Kante war anscheinend für eine Fortsetzung des Fassadenprospekts vorbereitet worden. Die Impresen in den Friesen – geblähte Segel als Glückssymbol[8] und eine Kombination aus einem Diamantring und Straußenfedern – werden in der Forschung als Argumente für und gegen eine Datierung der Fassaden vor 1461 herangezogen.
Der Palazzo gehört bis heute der Familie Rucellai. Bis vor wenigen Jahren befand sich im Erdgeschoss des Palazzo Rucellai das Museum für die Geschichte der Fotografie (Museo di Storia della Fotografia Fratelli Alinari).
Im Zusammenhang mit der Restaurierung 1995–2005 unter der Leitung der Architektin Simonetta Bracciali erfolgte eine gründliche Untersuchung der Baugeschichte.[9][10][11] Sie konnte auf frühere architekturhistorische Forschungen aufbauen.[12][13][14]

Auftraggeber
Das Gebiet um die Kirche San Pancrazio war bereits seit dem 13. Jahrhundert Wohngebiet mehrerer Zweige der Rucellai-Familie.[15] Der Bauherr des Palasts, Giovanni di Paolo Rucellai, gehörte zu einem sehr wohlhabenden Familienzweigs, der mit dem Färben von Stoff zu Reichtum gekommen war. Laut der Steuererhebung von 1457 musste er nach den Familien Medici und Benci die höchsten Steuern entrichten.[16] Wegen früherer Beziehungen seiner Familie zu den Medici-feindlichen Strozzi war er von politischen Ämtern ausgeschlossen. In den 1460er Jahren bemühte sich Giovanni di Paolo um ein gutes Verhältnis zu den Medici und verheiratete 1466 seinen Sohn Bernardo mit Lucrezia, Nannina de’ Medici genannt, Nichte von Cosimo de’ Medici und Tochter von Lorenzo. Deren 1468 geborener Sohn erhielt den Namen Cosimo, was als klares Bekenntnis zur Medici-Partei gelten muss.[16] 1462 bekleidete Giovanni erstmals ein öffentliches Amt; in den folgenden Jahren wurde er Prior des Gonfalone Leon rosso (1463), Mitglied im Gran Consiglio (1471) und sogar Gonfaloniere della Giustizia (1475), das höchste Amt der Republik.[17]
Giovanni di Paolo beauftragte neben dem Bau seines Palast die Errichtung einer Familien-Loggia an der Piazza Rucellai, die Inkrustierung der Fassade der Kirche Santa Maria Novella, den Bau eines prächtigen Grabmals in der Kirche San Pancrazio und von zwei Villen in Quaracchi[18] und Poggio a Caiano.[19] In seinen Erinnerungen („Zibaldone quaresimale“, 1457–1476) schreibt er: „Ich habe auch größte Ausgaben getätigt für mein Haus und die Fassade der Kirche Santa Maria Novella und in der Kapelle mit dem Heiligen Grab in der Kirche von San Pancrazio [...] und für die meinem Palast gegenüber liegende Loggia und mein Haus und Garten an meinem Ort bei Quaracchi und in Poggio a Caiano. Aber vor allem haben mir die genannten Dinge größte Zufriedenheit und größte Freude bereitet, weil sie der Ehre Gottes und der Ehre der Stadt und meiner Memoria dienen.“ („Anchora ò fatto grandissima spesa nella detta mia chasa e nella facciata della chiesa di Sancta Maria Novella e nella chapella chol sepolchro fatto fare nella chiesa di Sancto Branchazio, [...], e nella logga dirinpetto alla chasa mia e nell’abitazione e gardino del luogho mio da Quarachi e al Poggio a Chaiano. Tutte le sopra dette chose m’ànno dato e danno grandissimo chontentamento e grandissimo dolcezza, perchè raghuardano in parte all’onore di Dio e all’onore della città e a memoria di me.“).[4]
Architektur
Gebäudekomplex
Der Gebäudekomplex besteht aus dem überwiegend dreigeschossigen Palazzo zur Straße, einem Innenhof mit Loggien und Wirtschaftsgebäuden. Der Wohnbereich und der Hof werden durch einen Korridor (Androne) erschlossen. Im ersten Obergeschoss (Piano nobile) befindet sich neben anderen Wohnräumen der Saal (Sala) als größter Raum des Palasts.
Innenhof
Der rechteckige Innenhof wird durch eine Mauer mit Tor zur angrenzenden Via dei Palchetti abgeschlossen. Er besitzt heute auf zwei Seiten Loggien, die Arkaden der Nordseite sind vermauert. Die Rundbögen werden von monolithischen Säulen aus lokalem grauen Sandstein (Macigno) mit aufwändig gearbeiteten korinthischen Kapitellen getragen.[20] Im Fries oberhalb der Archivolten befindet sich ein Bernardo Rossellino zugeschriebenes Wappen-Tondo aus Sandstein (Macigno) mit der Imprese des Hausherrn.[21] Er wird wegen der Helmform auf um 1465 datiert.[21]
Die Wände des Innenhofs waren mit Sgraffito-Dekorationen versehen, von der jedoch während der Restaurierung des Palastes nur geringe Reste dokumentiert werden konnten.[22] Vermutlich zeigte die Innenseite der Mauer zur Via dei Palchetti in der ersten Bauphase eine Art Scheinarchitektur in Sgraffito,[23] die bereits Ende der 1450er oder in den 1460er Jahren durch die Errichtung der westlichen Loggia mit dem darüberliegenden Verbindungsgang (Verone) verdeckt wurde.[24]
Innenräume
Die Raumgestaltung des Quattrocento ist bis auf geringe Reste – einige Konsolkapitelle und verzierte Deckenbalken – verloren. Auch die nachweislich 1455 vom Florentiner Maler Neri di Bicci ausgeführten Fresken – er nennt sie in seinem Kontobuch – sind nicht erhalten.[25] Einige Räume wurden im 18. Jahrhundert mit Fresken von Giovanni Domenico Ferretti, Lorenzo del Moro und Pietro Anderlini geschmückt.
Über dem zweiten Obergeschoss befindet sich ein Dachbaufbau (Altana) mit einer in Terra Verde gemalten Fresko-Dekoration, die eine Thebais und Szenen aus dem Leben des (alttestamentarischen) Joseph zeigt.[26] Sie werden dem Florentiner Maler Giovanni di Francesco di Giovanni del Cervelliera (1459 gestorben)[27] zugeschrieben.[26]
Fassade

Der Palazzo Rucellai gehört zu den ersten Florentiner Palästen, die an der Fassade ein Gliederungssystem aus Stützen (hier Pilastern) und Gebälk zeigen, hier noch dazu in einer Art Superposition aus verschiedenen Ordnungen. Die Pilasterkapitelle im Erdgeschoss erinnern an die toskanische Ordnung, die in den Geschossen darüber an die korinthische Ordnung.[28][29] Dass die Gestaltung das Tabulariumsmotiv bzw. die auch beim Kolosseum zu beobachtende Verbindung aus seitlichen Stützen und Bögen aufnimmt, wie gelegentlich in der älteren Forschung behauptet, wird mittlerweile bezweifelt: eine solche Bezugnahme sei im Florentiner Kontext unwahrscheinlich.[30][31]
Die Fassade ist lediglich vorgeblendet; Pilaster und Gebälke haben keine statische Funktion. Die nur wenig aus der Mauerflucht heraustretenden Pilaster wirken wie glatte Streifen, die von Mauerwerk mit lebhafter Binnenzeichnung umgeben sind.[32] Die vertikalen Strukturen liegen in drei Stufen übereinander und beginnen über dem an ein Opus reticulatum erinnernden Sockel. Ein dreiteiliges Gebälk markiert die Trennung der Stockwerke. Die Fassade schließt nach oben – ähnlich dem etwa gleichzeitig entstehendem Palazzo Medici – ein stark vorkragendes Kranzgesims ab. Oberhalb der Traufkante befindet sich ein Dachaufbau, die Altana.
Der Baumeister, Bronzekünstler und Architekturtheoretiker Antonio Filarete lobte in seinem Trattato di architettura (1460–1464) die Fassade dafür, dass sie ganz aus behauenem Stein bestehe und komplett "auf antike Art" gemacht sei ("tutta la facciata dinanzi composta di pietre lavorate, e tutta fatta al modo antico").[33]
Sowohl in ihrer Zeit als auch in den folgenden Jahrzehnten blieb die Gestaltung des Palazzo Rucellai unter den Florentiner Haustein-Fassaden eine Ausnahme. Eine ganz ähnliche Strukturierung durch vertikale Stützen und horizontale Gebälke findet sich jedoch bei Sgraffito-Fassaden der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, wie beispielsweise beim Palazzo Dietisalvi Neroni (auch Geroni) in der Via dei Ginori, am Palazzo Nasi in der Via de’ Bardi, am Palazzo Lenzi an der Piazza Ognissanti und am Palazzo Capponi in der Via Coverelli.[34]
- Gesamtansicht der Fassade
- Fassadendetail, fotografiert von Paolo Monti, 1972: Erdgeschoss
- Fassadendetail, fotografiert von Paolo Monti, 1972: obere Fenster
Zuschreibung
Von wem der Entwurf für die für Florenz ungewöhnliche Fassade stammt, ist in der kunstwissenschaftlichen Forschung umstritten. Diskutiert werden die Namen des Architekten und Kunsttheoretikers Leon Battista Alberti und des Bildhauers und Architekten Bernardo Rossellino. Giovanni Rucellai nennt in seinen Erinnerungen („Zibaldone quaresimale“, 1457–1476) keinen Namen.[35]
Alberti war, hier ist sich die Forschung sicher, für die ebenfalls von Giovanni Rucellai beauftragte Fassade der Kirche Santa Maria Novella und das Grabmal in der Kirche San Pancrazio verantwortlich; ihn auch die Fassade zuzuschreiben, lag daher nahe. Einen zeitgenössischen Beleg hierfür gibt es jedoch nicht. Erst Giorgio Vasari bringt in der zweiten Edition seiner Künstlerbiografien (1468) den Namen Albertis – mit einem zeitlichen Abstand von über 100 Jahren – ins Spiel;[36] den Auftraggeber bezeichnet Vasari irrtümlich mit Cosimo Rucellai, ein Enkel Giovannis. Alberti habe, so Vasari wörtlich, „dann zurückgekehrt nach Florenz, für Cosimo Rucellai das modello seines Palasts in der la Vigna genannten Straße angefertigt; und die Loggia ebenfalls“ („[r]itornato poi a Fiorenza, fece a Cosimo Rucellai il modello del palazzo loro nella strada chiamata la Vigna; e la loggia similmente“).[37] Bei dem erwähnten modello kann es sich um ein hölzernes Modell oder Zeichnungen handeln. Auf Vasaris Zuschreibung beziehen sich weitere, aber ebenso unsichere Quellen aus dem 16. und aus dem 17. Jahrhundert.[38]
Für die Zuschreibung an Bernardo Rossellino sprechen eine in Florentiner Steuerakten belegte Zahlung aus dem Jahr 1458 („da Giovanni Ruscelai e C[ompagn]i banchieri f. 169 1/2“; ASF, Catasto 829 (1458), cc. 671r–675r)[39][40] und die nur wenig später entstandene, ganz ähnliche Fassade des Palazzo Piccolomini (1459–1461) in der päpstlichen Residenzstadt Pienza, für die Bernardo als Baumeister dokumentiert ist. Hinzu kommen zwei Hinweise aus dem 16. Jahrhundert: zum einen aus dem sogenannten „Libro di Antonio Billi“ (1516–1525, Codice Petrei; „Bernardo [...] machte das modello des Hauses der Rucellai“;[35] „Fu Bernardo architettore suo fratello [=Antonio Rossellino], che fecie il modello della casa de Ruciellai [...]“)[41] und zum anderen aus dem Codex Magliabecchianus (1537–1542).[42]
Für Bernardo Rossellino als Autor des Entwurfs plädieren u. a. Julius von Schlosser,[43] Leo Planiscig,[44] Charles Randall Mack[45] und Kurt W. Forster.[46] Von Albertis Autorschaft sind hingegen u. a. Brenda Preyer,[47] Christoph Luitpold Frommel[48][49] und Gottlieb Leinz[50] überzeugt; zum Teil gestehen sie jedoch Bernardo Rossellini die Bauleitung bzw. die praktische Umsetzung zu.[47]
Loggia Rucellai
Der Palastfassade gegenüber befindet sich an der kleinen Piazza Rucellai die zwischen 1461 und 1463 errichtet Loggia, die als repräsentativer Rahmen für familiäre und geschäftliche Anlässe diente.[51] Die Aufgabe, für den Familienverband (consorteria) eine Loggia zu errichten, war Giovanni Rucellai bereits 1456 von Ugolino di Ugolino Rucellai angetragen worden.[52] Ugolino stellte hierzu im Erdgeschoss seines Wohnhauses an der Ecke Via della Vigna Nuova/Via del Purgatorio befindliche Laden-/Werkstatträume (Bottega) zur Verfügung, die jedoch für einen anspruchsvollen Bau zu klein waren. Erst nach dem Tod von Ugolinos Witwe konnte Giovanni Rucellai das Haus abreißen lassen und so Raum für die Platzanlage und die Loggia schaffen – „um mehr Luft zu geben, und einen Blick auf seinen neuen Palast“ („perche dava maggior Aria, e veduto al suo nuovo Palazzo“), wie Giovanni Rucellai in seinen Erinnerungen schreibt.[53]
Auch die Zuschreibung von Entwurf und Ausführung der Loggia sind unklar; die Quattrocento-Spezialistin Brenda Preyer schließt eine Beteiligung Leon Battista Albertis aus.[54] Die im sogenannten „Libro di Antonio Billi“ (1516–1525, im Codice Petrei) überlieferte Zuschreibung („Fu Bernardo architettore suo fratello [=Antonio Rossellino], che fecie il modello della casa de Ruciellai et della loggia de Ruciellai fecie il modello Antonio di Migliorino Guidotti.“)[41] an den heute weitgehend unbekannten Antonio di Migliorino Guidotti gilt jedoch als unwahrscheinlich.[55]
Die 1677 vermauerten Arkaden sind bei einer umfangreichen Restaurierung zwischen 1963 und 1964 wieder geöffnet worden.[56] Von der Freskierung der Wandflächen – sie zeigten Szenen aus dem Leben des hl. Benedikt und des (alttestamentarischen) Joseph[57] – sind nur geringe Reste erhalten. An den Wänden im Innern läuft eine durchgehende steinerne Sitzbank entlang.
Tempietto di Santo Sepolcro in San Pancrazio
Neben der Dominikaner-Kirche Santa Maria Novella, deren inkrustierte Fassade Giovanni Rucellai zwischen 1456 und 1470 fertigstellen ließ, war der nördlich an das Quartier des Familienverbands angrenzende Komplex der Pfarrkirche San Pancrazio war für die Rucellai von großer Bedeutung; auch hier besaßen sie Kapellen und bestatteten ihre Toten. In der heute als Museo Marino Marini genutzten Kirche befindet sich das wahrscheinlich von Leon Battista Alberti entworfene und 1467 fertiggestellte Grabmonument für Giovanni di Paolo Rucellai, das auf das Heilige Grab in Jerusalem Bezug nimmt.[58]