Phosphorbombe

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Eine Phosphorbombe ist eine Bombe die in der Regel ein Gemisch aus Weißem Phosphor und Bindemitteln enthält. Sie wird sowohl als Brandbombe wie auch als Nebelkampfstoff eingesetzt.[1] Der Begriff Phosphorbombe wird mehrdeutig für mit Phosphor befüllte Fliegerbomben, Granaten und Geschosse verwendet.

Einsatz einer AN-M47-Phosphorbombe 1966 im Vietnamkrieg

Technik & Funktionsweise

Fliegerbomben befüllt mit Phosphor haben in der Regel eine geringe Wandstärke um im Bombenkörper eine große Menge Phosphor-Brandmischung unterzubringen. Phosphorbomben überschreiten selten ein Gewicht von 450 kg. Die Bomben werden beim Aufschlag oder in der Luft über dem Ziel gezündet. Die Brandmischungen bestehen aus Weißem Phosphor und Passivierungs- und Bindemitteln wie Naturkautschuk, Natriumhydroxid, Kunstharzen, Pflanzenöle usw. Die sogenannten „Phosphorkanister“ und „Brandkanister“ aus dem Zweiten Weltkrieg bestanden aus einem Blech-Kanister, befüllt mit Mischungen aus Phosphor, Leichtbenzin, Gummilatex, Naturkautschuk o. Ä.. Phosphorbomben benötigen neben dem Zünder in der Regel keine zusätzliche Anzündladung, da der pyrophore Weiße Phosphor sich im Kontakt mit Luftsauerstoff selbst entzündet.

Weißer Phosphor ist die reaktivste Modifikation des Phosphors. Es brennt mit einer 1300 Grad Celsius heißen Flamme unter starker Entwicklung von weißem Rauch (Phosphorpentoxid), der gesundheitsschädlich ist. Brennender weißer Phosphor ist durch Wasser löschbar, entzündet sich aber nach der Trocknung von neuem. Daher sollte man zum Löschen brennenden Phosphors auf Sand zurückgreifen.[2][3]

Aktuell spielt Weißer Phosphor als Brandkampfstoff für Fliegerbomben nur noch eine untergeordnete Rolle. Vielmehr wird es als Füllung von Artilleriegeschossen, Mörsergranaten, Handgranaten sowie für Gefechtsköpfe von Artillerieraketen verwendet. Daneben kommt es auch für Rauchgranaten und Nebelmittelwurfanlagen zur Anwendung. Viele westliche Streitkräfte verwenden für diese anstelle von Weißem Phosphor schon seit längerer Zeit Roter Phosphor, Hexachlorethan, Titantetrachlorid, Zinntetrachlorid oder Chlorsulfonsäure.

Auswirkungen auf den Menschen

Foto, das laut International Solidarity Movement die Verletzungen eines Jugendlichen durch weißen Phosphor in Gaza 2009 zeigen soll.

Eine mit Phosphor in Kontakt gekommene Person wird versuchen, die brennenden Stellen auszuschlagen. Da Phosphor in Brandbomben jedoch mit Bindemitteln versetzt wird, bleibt die zähflüssige Masse an der bis dahin noch nicht brennenden Hand haften und wird so weiter verteilt. Weißer Phosphor erzeugt in der Regel drittgradige Verbrennungen, zum Teil bis auf den Knochen. Da diese bei einem Angriff meist großflächig sind, sterben Betroffene langsam an ihren Verbrennungen, sofern sie nicht durch Inhalation der giftigen Dämpfe, Verbrennung der Atemwege oder Intoxikation zu Tode gekommen sind.

Neben der Brandwirkung und den schwer heilenden Verletzungen, die ein Hautkontakt schon bei geringen Mengen verursacht, sind weißer Phosphor und seine Dämpfe giftig. Dosen ab 15 mg weißem Phosphor können schwere toxische Wirkungen auslösen. Mengen ab 50 mg (ca. 1 mg/kg Körpergewicht) können letal wirken.[4] Der Tod tritt nach 5 bis 10 Tagen aufgrund schwerer Stoffwechselstörungen sowie Schädigung von Leber, Herz und Nieren ein. Bei dermaler Aufnahme, d. h. über die Haut, ist die Gefahr geringer.

Völkerrechtliche Einordnung

Der Einsatz von Brandwaffen gegen Zivilpersonen bzw. in einer Art und Weise, in der es leicht zu Begleitschäden kommen kann, ist entsprechend dem Verbot von unterschiedslosen Angriffen in den Zusatzprotokollen von 1977 zu den Genfer Abkommen von 1949 verboten, nicht jedoch ihr Einsatz im Allgemeinen.[5]

Kritiker sehen in Phosphorbomben einen Verstoß gegen Artikel 35 des ersten Zusatzprotokolls, der „Waffen, Geschosse und Material sowie Methoden der Kriegführung“ verbietet, falls sie „geeignet sind, überflüssige Verletzungen oder unnötige Leiden zu verursachen“ oder „dazu bestimmt sind oder von [ihnen] erwartet werden kann, dass sie ausgedehnte, lang anhaltende und schwere Schäden der natürlichen Umwelt verursachen“.

Umstritten ist, ob Phosphorbomben nicht nur als Brandwaffe, sondern wegen ihrer Giftigkeit auch als chemische Waffe anzusehen sind; deren Einsatz würde gegen die Chemiewaffenkonvention verstoßen.

Israel hat das betreffende Protokoll nicht unterzeichnet, die Vereinigten Staaten haben es erst 2009 übernommen.[6] Zu US-Einsätzen von Phosphorbomben kam es während des Irak-Kriegs. Israel warf im Libanonkrieg 2006 und im Januar 2009 bei der Operation Gegossenes Blei im Gazastreifen Phosphorbomben ab,[7][8] laut eigener Aussage zur sofortigen Nebelerzeugung.[9]

Einsatzgeschichte

Erster Weltkrieg

Phosphorbombe 1918 während einem Militärmanöver

Die Brand- und Nebelwirkung von weißem Phosphor wurde im Ersten Weltkrieg entdeckt und waffentechnisch genutzt. Mehrere Kriegsparteien verwendeten Fliegerbomben sowie Artilleriegeschosse, Mörsergranaten und auch Handgranaten mit Phosphor. Solche Handgranaten enthielten in der Regel eine Lösung aus weißem Phosphor in Kohlenstoffdisulfid sowie Bündel aus getränkten Textilien. Bei der Explosion der Granate wurden diese Bündel auseinandergeschleudert und entzündet.[10][11]

Zwischenkriegszeit

Im Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg (1937–1945) setzten die Streitkräfte des Japanischen Kaiserreichs Phosphorbomben bei Luftangriffen gegen Städte und Ortschaften in China ein.[12]

Zweiter Weltkrieg

Explodierende Phosphorbombe 1943 bei einem Luftangriff auf Rabaul

In großem Maßstab wurde weißer Phosphor aber erst im Zweiten Weltkrieg in Brandbomben eingesetzt, beispielsweise in den deutschen Brandbomben C 50 A und C 250 A oder in den britischen Brandbomben INC 30 lb, bei denen die Brandmasse aus 6,2 kg weißen Phosphor, Benzol, Benzin und Kautschuk bestand.[13] In der britischen Nebelbombe Bomb Smoke 100 lb (von der Zivilbevölkerung, aber auch von der NS-Propaganda[14] aufgrund seiner Form „Phosphorkanister“ genannt), dienten deren 40 kg Phosphorlösung selbst als Brandmasse. Die United States Army Air Forces setzten hauptsächlich die rund 45 kg schwere Phosphorbombe vom Typ AN-M47 ein. Die Sowjetunion verwendete ZAB-Brandbomben sowie ASh-2-Ampullen mit Phosphor als Brandmittel. Bei Tieffliegerangriffen wurden auch Sprühtanks vom Typ VAP 500 mit flüssigen Phosphorlösungen eingesetzt. Beides soll nach Wolfgang Thamm keine große moralische Wirkung auf die deutschen Truppen gehabt haben. Begonnen hat der sowjetische Phosphoreinsatz mit dem Abwurf von pflaumengroßen Phosphorstücken. Es wurden auch Glasröhrchen und Glasflaschen mit 0,5 bis 1,5 Liter Phosphor-Benzin-Gemisch abgeworfen.[15] Weiter warf die Royal Air Force bei der Operation Razzle auch Brandplättchen über Deutschland ab. Diese bestanden aus Zelluloidkarten, die mit einem Loch versehen waren. Jeweils zwei Karten wurden mit einem Stück Gaze dazwischen verklebt. Die Gaze diente als Träger für feuchten weißen Phosphor, der im Lochbereich aufgetragen wurde. Bis zum Abwurf wurden die Brandplättchen feucht gelagert. Sie entzündeten sich, wenn sie nach dem Abwurf getrocknet waren, und dienten dazu, reife Getreideschläge in Brand zu setzen und so die Ernte des Feindes zu vernichten. Diese Angriffe zeigten aber kaum eine Wirkung und wurden nach kurzer Zeit wieder eingestellt.

Nachkriegszeit

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Phosphorbomben bei vielen Konflikten mit hoher Intensität eingesetzt: Koreakrieg, Vietnamkrieg, Nahostkonflikten, den Indisch-Pakistanischen Kriegen, den Kriegen in Afghanistan, den Jugoslawienkriegen, den Tschetschenienkriegen sowie im Krieg gegen den Terror.[16][17]

Irakkrieg

Luftdetonationen von Phosphor-Artilleriegranaten bei der Operation Phantom Fury 2004

Der italienische Fernsehsender RaiNews24 deckte im November 2005 auf, dass die USA im zweiten Irakkrieg Phosphor-Brandwaffen einsetzten. Beispielsweise wurden in Falludscha während der Operation Phantom Fury Aufständische mit WP-Granaten aus geschützten Stellungen getrieben, um sie dann mit anderen Waffen bekämpfen zu können. US-Streitkräfte hätten nach RAI-Angaben in Falludscha zudem eine Art Napalm und weißen Phosphor gegen Zivilisten eingesetzt. Die Autoren beriefen sich auf Aussagen amerikanischer Soldaten, die Szenen von durch Phosphorgranaten verbrannten Körpern zahlreicher Zivilisten schilderten.[18][19] Dies wurde vom US-Außenministerium bestritten. Die United States Army leugnete den Einsatz zunächst, gab ihn jedoch später zu. Ein GI berichtete, er habe Leichen von Phosphorwaffen-Opfern beseitigen müssen. Die USA haben die Zusatzprotokolle von 1977 zu den Genfer Abkommen von 1949, die unterschiedslose Angriffe untersagen, nicht unterzeichnet. Sie rechtfertigen den Einsatz weißen Phosphors damit, dass er nicht als chemische Waffe auf Grund seiner Giftigkeit verwendet werde, sondern als Brandmittel für eine konventionelle Waffe.

Libanonkrieg 2006

Wie mittlerweile auch von offizieller Seite bestätigt, setzten die Israelischen Streitkräfte im Libanonkrieg 2006 Artilleriegranaten mit Phosphorfüllung gegen die Hisbollah ein.[20] Auf Grund der Verletzungsmuster vermuteten die Ärzte im Libanon zuerst den Einsatz von Phosphorbomben. Die Untersuchung von Partikeln aus den Wunden ergaben aber ein Gemisch aus Wolfram-Kupfer-Aluminium, was den Einsatz von DIME-Bomben (Dense Inert Metal Explosive) nahelegt. Das Verletzungsbild ähnelt dem der Phosphorbomben, zusätzlich entsteht aber eine starke gerichtete Impulswirkung.[21][22]

Operation Gegossenes Blei 2009

Luftdetonation einer Phosphor-Artilleriegranate der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte über Gaza während der Operation Gegossenes Blei um den Jahreswechsel 2008/2009; Bild von Al Jazeera.

Im Zuge der Operation Gegossenes Blei im Gazastreifen wurden Artilleriegranaten mit Phosphorfüllung eingesetzt.[23] Die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte sollen am 15. Januar 2009 auch das Hauptquartier des Uno-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA), sowie eine Uno-Schule im Flüchtlingscamp al-Schati mit Phosphorgranaten beschossen haben;[24] mehrere tausend Tonnen Lebensmittel und Medikamente wurden vernichtet. Außerdem wurden Berichte über viele Verletzte durch Phosphorgranaten bekannt.[25] Israel hat wenige Tage später den Einsatz der Phosphorgranaten in Gaza bestätigt.[26]

Krieg in Israel und Gaza und Gefechte im Libanon seit 2023

Die Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch und Amnesty International werfen dem israelischen Militär vor, im Krieg in Israel und Gaza seit Oktober 2023 bei Militäroperationen im Gazastreifen und bei Gefechten im Libanon weißen Phosphor eingesetzt zu haben.[27][28] Die Zeit berichtet von Bauern im Libanon, die aufgrund der Toxizität der Substanz ihre Ernte nicht mehr verkaufen könnten.[29] Nach Angaben von Human Rights Watch sei im Libanon bis April 2024 der Einsatz von Phosphormunition in fünf Siedlungsgebieten nahe der Grenze zu Israel dokumentiert, darunter Kafr Kila, Markaba und Mays al-Jabal.[30] Das israelische Militär nahm gegenüber der Presseagentur Associated Press Stellung, dass Israel Phosphormunition als Nebelbombe einsetze und keine Zivilisten damit angreife. Zudem sei der Einsatz in dicht besiedelten Gebieten nicht vorgesehen, jedoch bestünden davon gewisse Ausnahmen. Internationales Recht würde eingehalten.[31]

Bürgerkrieg in Syrien und dem Irak

Laut Berichten von Augenzeugen wurden in Raqqa bei russischen Luftangriffen am 13. November 2015 Phosphorbomben eingesetzt.[32] Human Rights Watch geht aufgrund der Auswertung von Videoaufnahmen zudem davon aus, dass das irakische Militär bei der Befreiung von Mossul im Sommer 2017 ebenfalls Phosphorbomben eingesetzt hat.[33]

Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) kündigte in der Folge der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien 2019 in Rojava an, den Vorwurf zu untersuchen, die türkischen Streitkräfte hätten Phosphorbomben eingesetzt. Der Kurdische Rote Halbmond hatte angegeben, sechs Patienten mit Brandwunden unbekannten Ursprungs zu behandeln. Zunächst konnte die OPCW nicht bestimmen, wie glaubwürdig die Verwürfe seien. Die Vorsitzenden der Auswärtigen Ausschüsse der Parlamente Großbritanniens, Deutschlands, Frankreich der EU und der USA hatten die türkische Offensive als einen Verstoß gegen internationales Recht verurteilt.[34]

Russisch-Ukrainischer Krieg

Die ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Ljudmyla Denissowa beschuldigte Russland, am 13. März 2022 in der Ortschaft Popasna (Oblast Luhansk) bei einem Angriff verbotene Phosphormunition eingesetzt zu haben.[35] Am 23. März soll es nach Angaben des Bürgermeisters von Irpin, Oleksandr Markushyn, auch in Irpin und Hostomel (Oblast Kiew) zum Einsatz von Phosphorbomben durch die russischen Streitkräfte gekommen sein.[36] Am 24. März beschuldigte der Gouverneur von Luhansk die russischen Streitkräfte, Phosphorbomben auf Rubischne abgeworfen zu haben.[37] Am 15. Mai 2022 warfen russische Streitkräfte Phosphorbomben auf das Asow-Stahlwerk in Mariupol ab.[38] Die Ukraine wirft Russland weiterhin vor, am 1. Juli Phosphorbomben auf der Schlangeninsel abgeworfen zu haben.[39] Am 27. Januar 2023 beschoss Russland laut dem Gouverneur von Donezk das Dorf Swaniwka mit Phosphor-Munition.[40]

Irankrieg 2026

Im Irankrieg 2026 setzten die Israelischen Luftstreitkräfte die mit weißem Phosphor befüllten Spreng-Brandbomben BLU-119 gegen Ziele im Iran ein.[41][42][43]

Kampfmittelaltlasten

Weißer Phosphor sieht Bernstein ähnlich

Blindgänger derartiger Brandbomben sind auch heute noch eine Gefahr, da der Phosphor sich beim Freilegen von selbst entzündet und zum Beispiel die Ausstoßladung zur Explosion bringt. Bei Fehlwürfen von Phosphorbomben ins Wasser wurde vielfach der Phosphor zwar freigesetzt, entzündet sich allerdings unter Wasser nicht. Erst wenn er zum Beispiel im Spülsaum am Strand an die Oberfläche gelangt, kann er sich entzünden. An der Ostsee führt dies zu einem besonderen Problem: Aufgrund seines Aussehens wird der Phosphor oft irrtümlich für Bernstein gehalten. Im Zweiten Weltkrieg wurde die im Norden der Insel Usedom gelegene Heeresversuchsanstalt Peenemünde mehrfach bombardiert. Bis heute verursachen die Reste dieser Phosphorbomben besonders in den Strandbereichen von Karlshagen, Trassenheide und Zinnowitz immer wieder schwere Verbrennungen, wenn sich der vermeintliche Bernstein nach dem Abtrocknen entzündet und die Kleidung der Finder in Brand setzt. Daher wird empfohlen, diese Fundstücke nur mit einer Zange aufzunehmen und nicht am Körper, sondern in einem Glas mit Schraubverschluss zu transportieren.

Im März 2017 mussten wegen der Räumung eines Munitionsdepots aus dem Zweiten Weltkrieg mit etwa 10 Tonnen Kampfmitteln, darunter Phosphormunition, im Münchener Stadtteil Freimann etwa 200 Menschen evakuiert werden.[44] Auch auf dem Stadtgebiet der deutschen Bundeshauptstadt befinden sich nach Schätzungen des Berliner Senats noch rund 4.500 ungezündete Phosphorbomben.[45]

Literatur

Commons: Waffen mit Weißem Phosphor – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Phosphorbombe – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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