Rupertsberger Codex

Prachthandschrift des Visionswerkes Scivias der Hildegard von Bingen From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Rupertsberger Codex ist die seit 1945 verschollene, reich illuminierte Prachthandschrift des Visionswerkes Scivias der Hildegard von Bingen. Die Handschrift entstand im 12. Jahrhundert im Kloster Rupertsberg bei Bingen und wurde in der Hessischen Landesbibliothek Wiesbaden unter der Signatur Hs. 1 aufbewahrt. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gilt sie als verschollen. Ihr Text- und Bildbestand ist heute nur noch durch eine 1927 angefertigte Fotografie und ein zwischen 1927 und 1933 gefertigtes Pergamentfaksimile in der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim-Eibingen zugänglich.[1][2][3]

Blatt aus dem Rupertsberger Scivias-Codex (Wiesbaden, Hessischen Landesbibliothek Wiesbaden, Hs. 1): oben Szenen zur Ankunft und Prüfung der Seele, unten Schöpfung, Sündenfall und Erlösung (Fotografie der Wellcome Library, London).

Beschreibung und Kodikologie

Bei dem Rupertsberger Codex handelt es sich um einen zweispaltig angelegten Prachtkodex auf Pergament mit insgesamt 235 Blättern im Format von etwa 32,1 × 23,1 cm; der Schriftspiegel misst rund 24,3 × 17,5 cm.[1.1] Die Handschrift besteht aus 29 Lagen, von denen 27 Quaternionen, eine Lage mit neun und eine mit zehn Blättern gebildet sind; der überwiegende Teil der Lagen ist durch Kustoden gekennzeichnet.[1.1] Die Schrift ist sorgfältig ausgeführt; insgesamt lassen sich drei beteiligte Schreiberhände unterscheiden, die sämtlich der Rupertsberger Schreibstube zugerechnet werden können. Hinzu kommen verschiedene Rubrikatoren und Korrektoren.[1.1]

Die Anlage der Handschrift ist eng mit dem Aufbau des Scivias verzahnt. Vor jeder Vision stehen zunächst die dazugehörigen Capitula; es folgt eine Miniatur, die jeweils nur einen Teil des Blattes einnimmt, und erst dann setzt mit einer Zierinitiale der Visionstext ein.[2.1] Insgesamt enthält der Codex 35 Miniaturen, die – wie Louis Baillet zeigen konnte – im Zuge der Herstellung der Handschrift gleichzeitig oder in kurzem Abstand voneinander eingesetzt wurden, wobei der Schreiber den für die Bilder vorgesehenen Raum beim Kopieren freiließ.[3.1] Die Miniaturen übersetzen die oft schwer vorstellbaren Bildaussagen der Visionen in ein eigenständiges ikonographisches Programm und gelten in der Forschung als unter Hildegards inhaltlicher Leitung entstanden.[3.1]

Entstehung und Datierung

Der Rupertsberger Codex wird in der Regel noch in die Lebenszeit Hildegards datiert. Adelgundis Lengenfelder spricht für die Handschrift von einem um 1165 entstandenen Prachtkodex, der nach Ansicht vieler Forscher „noch zu Hildegards Lebzeiten geschrieben und illuminiert wurde“.[2.2] Michael Embach datiert den „illuminierten Scivias“ (Wiesbaden, HLB, Hs. 1) insgesamt in die Zeit um 1170/79, wobei die Ausführung der Miniaturen möglicherweise kurz nach Hildegards Tod (1179) anzusetzen ist.[1.2]

Die neuere kunsthistorische Forschung tendiert dazu, Schrift und kodikologische Anlage weiterhin dem Rupertsberger Skriptorium zuzuschreiben, den Illustrationszyklus aber in das Jahrzehnt nach Hildegards Tod zu datieren und seine Ausführung in ein bedeutendes mittelrheinisches Skriptorium (unter anderem wurden Andernach oder Maria Laach vorgeschlagen) zu verlegen.[2.1] Unabhängig von der genauen Lokalisierung wird der Codex in jedem Fall als Werk eines streng organisierten, arbeitsteilig vorgehenden Skriptoriums gewertet; Hand 1, der Hauptschreiber, ist mit der sogenannten „Hand A“ der ältesten Rupertsberger Güteraufzeichnungen und des ältesten Totenbuchs identisch, was für die Datierung und textkritische Bewertung der Handschrift bedeutsam ist.[1.3]

Provenienz und Verlust

Ein Besitzeintrag auf der Innenseite des Einbanddeckels, den Louis Baillet ins 13. Jahrhundert datierte, weist den Codex als Eigentum des Klosters Rupertsberg aus (LIBER SCI. RVPERTI APUT BINGAM).[1.4] Noch 1554 berichtet Georg Witzel in seinem Chorus Sanctorum Omnium von einem „großen Buch“ mit den Gesichten Hildegards, das auf dem Rupertsberg aufbewahrt werde.[4] Das Compendium des Eibinger Klosterpropstes Edmund Watzelhahn aus dem 18. Jahrhundert erwähnt den illuminierten Scivias ausdrücklich und bezeugt damit die Verbringung der Handschrift vom Rupertsberg nach Eibingen infolge der Zerstörung des Klosters Rupertsberg im Jahr 1632.[3.2]

Im Zuge der Säkularisation gelangte der Codex zu Beginn des 19. Jahrhunderts in die damalige Zentrale Regierungsbibliothek Wiesbaden, die spätere Hessische Landesbibliothek. Johann Wolfgang von Goethe erwähnte die Handschrift in seiner Schrift Kunst und Alterthum am Rhein und Main als „merkwürdiges altes Manuscript“ mit den Visionen Hildegards.[5] 1940 wurde der Codex aus Kriegsgründen nach Dresden ausgelagert; seit den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges gilt er als verschollen.[1.5]

Die Handschrift hat in der modernen Überlieferungsgeschichte des Scivias eine herausgehobene Stellung. Adelgundis Führkötter und Angela Carlevaris legten ihrer kritischen Edition (CCCM 43/43A, 1978) den Text und das Bildprogramm des Rupertsberger Codex zugrunde und schöpften dabei aus einer 1927 hergestellten Fotografie in Originalgröße sowie aus einem 1927–1933 gefertigten Pergamentfaksimile in Eibingen.[1.6][3.3]

Rüdesheimer Codex (Pergamentfaksimile)

Neuzeitliche kolorierte Wiedergabe der Schöpfungsminiatur (Sechs Tage der Schöpfung) nach der Überlieferung des Rupertsberger Scivias-Codex.

Das in der Bibliothek der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim-Eibingen aufbewahrte Pergamentfaksimile der Wiesbadener Handschrift Hs. 1 entstand zwischen 1927 und 1933. Grundlage waren Schwarzweiß-Fotografien des Originals, die 1927 in Originalgröße angefertigt wurden; Benediktinerinnen der Abtei übertrugen Text und Bilder auf Pergament.[2.3] In der Hildegard-Forschung wird dieses Faksimile häufig als „Rüdesheimer Codex“ bezeichnet, um es vom verlorenen Rupertsberger Original zu unterscheiden.

Die Miniaturen des Faksimiles wurden von der Eibinger Künstlerin Josepha Knips, einer Vertreterin der Beuroner Kunstschule, nach den Fotografien der Originalhandschrift neu gemalt.[3.4] Führkötter betont den Eigencharakter der Malerei des Originals gegenüber dem Eibinger Faksimile, sieht in letzterem jedoch ein sorgfältig gearbeitetes Hilfsmittel zur Erhaltung und wissenschaftlichen Auswertung des verlorenen Codex.[3.1] Die Farbmikrofiche-Ausgabe von 2002 und die neuere Forschung zu Text und Bild des Scivias stützen sich wesentlich auf diese Eibinger Überlieferung.[2.4]

Bedeutung

Der Rupertsberger Codex bildet den frühesten und textkritisch maßgeblichen Zeugen des Scivias und ist zugleich die einzige vollständig erhaltene mittelalterliche Handschrift, in der alle Visionen Hildegards von Bingen mit einem zusammenhängenden, eigenständigen Illustrationszyklus versehen waren.[1.7] Er steht damit im Zentrum der Überlieferungsgeschichte des Werkes und spielt sowohl für die Editionspraxis als auch für die ikonographische Forschung eine Schlüsselrolle.

Die durch Fotografie und Pergamentfaksimile gesicherte Text- und Bildgestalt des Rupertsberger Codex hat die moderne Rezeption von Scivias in entscheidender Weise geprägt – von der lateinischen kritischen Edition bis zu volkssprachlichen Übersetzungen und kunsthistorischen Studien zu Hildegards Bildwelt.[3.5][2.5]

Literatur

  • Adelgundis Führkötter, Angela Carlevaris (Hrsg.): Hildegardis Scivias. 2 Bde. Turnhout 1978 (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis, 43 und 43A).
  • Adelgundis Lengenfelder: Liber Scivias. Kommentar zur Farbmikrofiche-Ausgabe. Luzern 2002.
  • Michael Embach: Die Schriften Hildegards von Bingen. Studien zu ihrer Überlieferung. Berlin/New York 2003.
  • Hildegard Schönfeld, Wolfgang Podehl: Scivias. Die Miniaturen vom Rupertsberg. Salzburg 1979.
  • F. W. E. Roth: Die Codices des Scivias der hl. Hildegardis O.S.B. in Heidelberg, Wiesbaden und Rom in ihrem Verhältnis zueinander und zur Editio princeps 1513. In: Quartalblätter des historischen Vereins für das Großherzogtum Hessen 1887, Nr. 1, S. 18–26.

Einzelnachweise

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