Sandra Scarr
US-amerikanische Psychologin und Professorin
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Sandra Wood Scarr (auch Scarr-Salapatek, * 8. August 1936 in Washington, D.C.; † 8. Oktober 2021 in Holualoa, Hawaii) war eine US-amerikanische Psychologin und Professorin der University of Virginia.[1]
Leben
Sie wurde als Tochter von Jane Powell Wood und John Ruxton Wood geboren. Ihr Vater war Berufsoffizier und Medizinforscher am Walter Reed Army Institute of Research. Sie erwarb 1958 ihren B.A. am Vassar College. Danach wechselte sie an die Harvard University und promovierte (Ph.D.) hier bei Irving Gottesman 1965 in Psychologie und Sozialbeziehungen mit einer Dissertation, die den genetischen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung bei eineiigen und zweieiigen weiblichen Zwillingen untersuchte. Dabei fand sie heraus, dass genetische Einflüsse insgesamt für Unterschiede in der intellektuellen Entwicklung verantwortlich waren, aber Umwelteinflüsse bei schwarzen Kindern stärker ausgeprägt sind als bei weißen. Sie führte diese Unterschiede auf die unterschiedlichen Chancen weißer und schwarzer Kinder zurück. Danach begann sie ihre universitäre Karriere als Entwicklungspsychologin. Sie hatte akademische Positionen an der University of Maryland (1965), der University of Pennsylvania (1966–1971), der University of Minnesota (1972–1975) inne. 1977 wurde sie als die erste ordentliche Professorin an die Yale University berufen. 1983 wurde sie von der University of Virginia als Commonwealth Professorin berufen, einer der höchsten Auszeichnung für Hochschullehrer. 1990 trat Scarr dem Vorstand der KinderCare Learning Centers, dem größten Kinderbetreuungsunternehmen der USA, bei und führte eine Akkreditierung für die Zentren ein, von 1995 bis 1997 fungierte sie hier als Geschäftsführerin. 1995 ging sie an der Universität in den Ruhestand.
Werk
Sie nutzte verschiedene Methoden zur Erfassung von Erfahrungen und Entwicklung, darunter Studien zu frühkindlicher Intervention, Erziehungseffekten sowie genetischen und umweltbedingten Einflüssen anhand verhaltensgenetischer Studien mit adoptierten Kindern und Jugendlichen. Zu den Höhepunkten ihrer Forschungskarriere zählten Zwillings- und Adoptionsstudien zur Erblichkeit von Intelligenz und dem Einfluss des familiären Umfelds auf den IQ. Zu diesen Studien gehörten die Minnesota Transracial Adoption Study und die Minnesota Adolescent Adoption Study, die sie gemeinsam mit Richard A. Weinberg am Institute of Child Development der University of Minnesota leitete. Einer ihre theoretischen Beiträge ist der Scarr-Rowe-Effekt, der besagt, dass die Erblichkeit von Intelligenz in Abhängigkeit vom sozioökonomischen Status variieren kann.[2] Diese Hypothese ist eines der ersten Beispiele für eine Gen-Umwelt-Interaktion und wurde durch eine 1971 von ihr durchgeführten Zwillingsstudie gestützt, die 1999 von David C. Rowe repliziert wurde. Sie drängte auf die Anwendung der Psychologie auf reale Lebenssituationen, wie ein 1990 erschienener Artikel über die Auswirkungen der Kinderbetreuung auf die kindliche Entwicklung zeigt, den sie gemeinsam mit den Entwicklungsforscherinnen Deborah A. Phillips und Kathleen McCartney verfasste.
Äußerst einflussreich war auch ihre Annahme, dass die Umwelt durch die Gene des Menschen geprägt werden könne. Diese Hypothese wandte sie bei Studien zu benachteiligten Umgebungen, Interventionen, Zwillingspaaren und Familien an. Dabei argumentierte sie, dass die Auswirkungen genetischer Prädispositionen im Kindes- und Jugendalter zunehmen sollten, da Individuen zunehmend freier in der Wahl ihrer eigenen Umwelt seien. Ihre Ansichten über genetisch geprägte Umgebungen sind heute die Hauptströmung bei dieser Frage und bilden die Grundlage für weitere Arbeiten zu den Wechselwirkungen zwischen genetischen und Umweltvariablen; der heuristische Wert ihrer theoretischen Arbeit reicht über die Entwicklungspsychologie hinaus bis in die Sozial- und Verhaltenswissenschaften im Allgemeinen.
Ein weiterer Schwerpunkt ihres Forschungsprogramms bezog sich auf die Verbesserung der Qualität der Kinderbetreuung. Ihre Forschung zusammen mit Margaret Williams zeigte, dass stimulierende Praktiken (z. B. Musik und Schaukeln) sich positiv auf das spätere Wachstum und die Entwicklung von Frühgeborenen auswirken. Dies revolutionierte die Standards der Neugeborenenversorgung in Krankenhäusern. In ihrem Buch „Mother Care/Other Care“ identifizierte sie entscheidende Faktoren, die Mütter dazu veranlassten, berufstätig zu werden und nicht zu Hause zu bleiben. Sie widersprach auch der Annahme, dass die Berufstätigkeit von Müttern negative Auswirkungen auf die Entwicklung kleiner Kinder habe, und vertrat die Ansicht, dass Kinder auch von anderen Personen als ihren Eltern gut betreut werden können unter der Bedingung einer qualitativ hochwertigen Kinderbetreuung und insbesondere mit einem niedrigen Betreuungsschlüssel und einer anregenden Kindertagesstätte.
„Children thrive in a variety of family forms; they develop normally with single parents, with unmarried parents, with multiple caretakers in a communal setting, and with traditional two-parent families. What children require is loving and attentive adults, not a particular family type.“
„Kinder gedeihen in den unterschiedlichsten Familienformen; sie entwickeln sich normal bei Alleinerziehenden, bei unverheirateten Eltern, bei mehreren Bezugspersonen in einer Wohngemeinschaft und in traditionellen Zwei-Eltern-Familien. Was Kinder brauchen, sind liebevolle und aufmerksame Erwachsene, nicht einen bestimmten Familientyp.“
Ehrungen/Positionen
- Mitglied im Lenkungsausschuss für Präventionsforschung und dem Ausschuss für Längsschnittforschung im Bereich der psychischen Gesundheit am National Institutes of Mental Health
- Mitglied im Expertenausschuss der Environmental Protection Agency (EPA) zu den neurologischen Auswirkungen von Bleibelastung auf Kinder
- Mitglied im Unterausschuss für Zwillinge im Ausschuss für Epidemiologie des National Research Council
- Mitglied im Ausschuss für bildungsrelevante Grundlagenforschung der National Academy of Sciences
- 2004: Dobzhansky Lifetime Achievement Award der Behavior Genetics Association
- 1996–1997: Gründungsmitglied und Präsidentin der Association for Psychological Science (APS)
- 1993: APS James McKeen Cattell Award
- 1989: Mitglied der American Academy of Arts and Sciences
- 1989: Mitglied der American Association for the Advancement of Science
- 1989–1991: Präsidentin der Society for Research in Child Development
- 1988: Distinguished Contributions to Research in Public Policy der American Psychological Association (APA)
- 1985–1986: Präsidentin der Behavior Genetics Association
- 1985: National Book Award der American Psychological Association (APA) für ihr Buch „Mother Care/Other Care“
- Herausgeberin von American Psychologist (1981–1986), von Developmental Psychology (1981–1986) und von Current Directions in Psychological Science (1991–1995)
Privates
Sie war zuerst mit Harry Scarr verheiratet; diese Ehe wurde 1972 geschieden. In zweiter Ehe war sie verheiratet mit Philip Salapatek. Sie hatte einen Sohn sowie drei Töchter.[3] Nach ihrer Frühpensionierung im Jahre 1996 zog sie nach Kona, Hawaii, wo sie weiterhin ein sehr aktives Leben führte; sie lernte Quilten, leitete dort Daily Fix, eine kleine Kaffeefarm, züchtete Labrador Retriever und Orchideen und engagierte sich in der Lokalpolitik und in Gemeindegruppen. Sie starb zwei Tage nach einem Sturz im Alter von 85 Jahren.
Publikationen (Auswahl)
- Monografien
- Mit Jeffrey S. Lande; Nina Gunzenhauser: Caring for Children: Challenge To America. Taylor & Francis Inc, Milton Park 1989, ISBN 978-0805802559.
- Understanding Development. Thomson Learning, London 1986, ISBN 978-0155928640.
- Understanding Psychology/With Student Self-Tutor. Random House Inc, New York City, U.S.1987, ISBN 978-0075552475.
- Mother Care/Other Care. Basic Books, New York 1984, ISBN 978-0465047345.
- Deutsche Ausgabe: Wenn Mütter arbeiten: wie Kinder und Beruf sich verbinden lassen (3., aktualisierte Aufl.). Beck, München 1990, ISBN 978-3-406-32310-2.
- Race, Social Class, and Individual Differences in I.Q.: New Studies of Old Issues. Erlbaum, Mahwah, NJ 1981, ISBN 978-0863770159.
- Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
- Mit Richard A. Weinberg; Irwin Waldman Manfred; H. M. van Dulmen: The Minnesota Transracial Adoption Study: Parent Reports of Psychosocial Adjustment at Late Adolescence. In: Adoption Quarterly, 2004, 8 (2), S. 27–44.
- Sandra Wood Scarr. In Agnes N. O’Connell and Nancy Felipe Russo (Hrsg.): Models of Achievement: Reflections of Eminent Women in Psychology (vol. 2.), 2001, S. 99–112. Erlbaum, Mahwah NJ.
- Freedom of Choice for Poor Families. In: American Psychologist, 1999, 54 (2), S. 144–145.
- American Child Care Today, In: American Psychologist, 1998, 53 (2), S. 95–108.
- How People Make their Own Environments: Implications for Parents and Policy Makers. In: Psychology, Public Policy, and Law, 1996, 2 (2), S. 204–228.
- Mit Richard Weinberg; Irvin Waldman: The Minnesota Transracial Adoption Study: A follow-up of IQ test performance at adolescence. In: Intelligence, 1992, 16, S. 117–135.
- Parenting Stress Among Dual-Earner Mothers and Fathers: Are There Gender Differences? In: Journal of Family Psychology, 1996, 10 (1), S. 45–59.
- Mit K. McCartney: How people make their own environments: A theory of genotype → environment effects. In: Child Development, 1983, 54 (2), S. 424–435.
- Mit Richard A. Weinberg: Nature and nurture strike (out) again. In: Intelligence, 1979, 3 (1), S. 31–39.
- R. A. Weinberg: The influence of “family background” on intellectual attainment. In: American Sociological Review, 1978, 43 (5), S. 674–692.
- Mit R. A. Weinberg: Attitudes, interests, and IQ. In: Human Nature, 1978, 1 (4), S. 29–36.
- Mit A. J. Pakstis; S. H. Katz; W. B. Barker: Absence of a relationship between degree of white ancestry and intellectual skills within a black population. In: Human Genetics, 1977, 39 (1), S. 69–86.
- Mit Richard A.Weinberg: Rediscovering old truths: or A word by the wise is sometimes lost. 1977, 32 (8), S. 681–683.
- Mit Andrew J. Pakstis; Herbert F. Polesky; Solomon H. Katz: Gene frequency estimates for samples of black and white twins from the Philadelphia metropolitan area. In: Hum Genet, 1978, 43, S. 159–177.
- Mit Richard A. Weinberg: The Influence of "Family Background" on Intellectual Attainment. In: American Sociological Review, 1978, 43 (5), S. 674–692.
- Mit A. J. Pakstis; S. H. Katz et al.: Absence of a relationship between degree of white ancestry and intellectual skills within a black population. In: Hum Genet, 1977, 39, S. 69–86.
- Mit Richard A. Weinberg: Intellectual similarities within families of both adopted and biological children. In: Intelligence, 1977, 1, (2), S. 170–191.
- Mit Harold D. Grotevant; Richard A. Weinberg: Intellectual Development in Family Constellations with Adopted and Natural Children: A Test of the Zajonc and Markus Model. In: Child Development, 1977, 48 (4), S. 1699–1703.
- Mit Richard A. Weinberg: IQ Test Performance of Black Children Adopted by White Families. In: American Psychologist, 1976, 31, S. 726–739.
- Sandra Scarr-Salapatek; L. Williams Margaret: The Effects of Early Stimulation on Low-Birth-Weight Infants. In: Child Development, 1973, 44, S. 94–101.
- S. Scarr-Salapatek: Race, social class, and IQ. In: Science, 1971, 174 (4016), S. 1285–1295.
Weblinks
Literatur
- Kathleen McCartney; Sandra Wood Scarr: Experience and Development: A Festschrift in Honor of Sandra Wood Scarr (Modern Pioneers in Psychological Science). Psychology Press Ltd, New York 2009, ISBN 978-1848728479.
- Kathleen McCartney; Kirby Deater-Deckard: Sandra Wood Scarr (1936–2021). In: American Psychologist, 2022, 77 (4), S. 624.
- Russell T. Warne: In praise of Sandra Scarr, abgerufen am 26. Oktober 2025.