Seán Binder
deutscher Menschenrechtsaktivist
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Seán Binder (* 1996) ist ein deutscher Menschenrechtsaktivist und ausgebildeter Rettungsschwimmer. Als Sohn eines Flüchtlings aus Vietnam und einer deutschen Mutter wuchs er in Irland auf und studierte später an Universitäten in Dublin und London. Von 2017 bis 2018 arbeitete er als Freiwilliger bei einer griechischen humanitären Nichtregierungsorganisation auf der Insel Lesbos und unterstützte Flüchtlinge, die in kleinen Booten von der nahe gelegenen türkischen Küste ankamen.
Zusammen mit der syrischen Menschenrechtsaktivistin Sarah Mardini wurde Binder 2018 verhaftet und von den griechischen Behörden der Spionage, der Unterstützung von illegaler Einwanderung und der Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation beschuldigt. Diese Anschuldigungen wurden von der UN-Sonderberichterstatterin zur Lage von Menschenrechtsverteidigern und Organisationen wie Amnesty International zurückgewiesen und als Kriminalisierung humanitärer Handlungen bezeichnet.
Nach mehr als sieben Jahren wiederholter Gerichtsverfahren entschied ein griechisches Gericht am 15. Januar 2026, dass Binder, Mardini und weitere 22 Angeklagte freigesprochen werden, da ihr Ziel „nicht darin bestand, Straftaten zu begehen, sondern humanitäre Hilfe zu leisten.“
Jugend und Ausbildung
Binder zog im Alter von fünf Jahren mit seiner deutschen Mutter nach Castlegregory, einem kleinen Dorf an der Westküste der Grafschaft Kerry in Irland.[1] Er schloss sein Studium der Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Soziologie und Philosophie am Trinity College in Dublin ab und erwarb außerdem einen Master-Abschluss in Internationalen Beziehungen an der London School of Economics. Da er sich während seines Studiums auf Konfliktmanagement konzentriert hatte, beschloss er, als Freiwilliger bei einer griechischen Nichtregierungsorganisation zu arbeiten, um vor dem Einstieg ins Berufsleben praktische Erfahrungen zu sammeln.[2]
Binder ist Sohn eines vietnamesischen Vaters, der als Flüchtling aus Vietnam nach Deutschland gekommen war, wo er seine zukünftige Frau kennenlernte. Diese Familiengeschichte wurde in der Presse als einer der Gründe für Binders Solidarität und Empathie für Flüchtlinge angeführt.[3]
Aktivismus für Flüchtlinge, Verhaftung und gerichtliche Anschuldigungen
2017 reiste Binder nach Lesbos, einer griechischen Insel etwa 11 km vor der türkischen Küste, um sich als Rettungsschwimmer bei Emergency Response Centre International (ERCI) zu engagieren, einer registrierten griechischen humanitären Nichtregierungsorganisation für Flüchtlinge, die mit Frontex, der EU-Grenzschutzagentur, und den griechischen Grenzbehörden zusammenarbeitete.[4] ERCI leistete zwischen 2016 und 2018 humanitäre Hilfe und organisierte Such- und Rettungsaktionen im Mittelmeer.[5]
Darüber hinaus betrieb ERCI ein medizinisches Zentrum im Flüchtlingslager Moria, das von Human Rights Watch und anderen Organisationen als „Freiluftgefängnis“ bezeichnet wurde.[6] Während der Flüchtlingskrise 2015 war Lesbos zu einem wichtigen Einreisepunkt für Flüchtlinge aus der Türkei in die Europäische Union geworden, wobei täglich etwa 5000 Migranten und Flüchtlinge, die größtenteils vor dem Bürgerkrieg in Syrien flohen, auf der Insel ankamen.[5]
Bei ERCI traf Binder Sarah Mardini, die 2015 aus ihrem Heimatland Syrien geflohen war, zuerst in Lesbos Zuflucht fand und später politisches Asyl in Deutschland erhielt.[7] Beide halfen neu angekommenen Flüchtlingen und nutzten ihre Fähigkeiten als Rettungsschwimmer bis 2018 im Rahmen von ERCI. Im Februar 2018 waren Binder und ein weiteres Mitglied von ERCI mit Routinearbeiten beschäftigt, als die Polizei eintraf und die beiden Freiwilligen festnahm. Da zunächst keine Anklage erhoben wurde, setzte Binder seine Aktivitäten fort.[5]
Am 21. August 2018 wurde Sarah Mardini auf dem Flughafen von Lesbos festgenommen, als sie nach Deutschland zurückkehren wollte. Am selben Tag ging Binder zur Polizeistation, um Mardini zu treffen, und wurde ebenfalls festgenommen. Binder und Mardini wurden mit Handschellen gefesselt und zu einem Gerichtsgebäude auf der Insel Lesbos gebracht.[8]

Laut einem Bericht in The Guardian wurden die beiden und zwei weitere NGO-Mitglieder anschließend 106 Tage lang in Untersuchungshaft im Hochsicherheitsgefängnis Korydallos in Athen festgehalten. Nach mehr als drei Monaten im Gefängnis wurden Binder und Mardini gegen eine Kaution von 5000 Euro freigelassen und konnten Griechenland verlassen.[8] Mardini, Binder und weitere griechische Aktivisten wurden von den griechischen Behörden beschuldigt, als Mitglieder einer kriminellen Vereinigung Spionage, Menschenhandel und Betrug begangen zu haben.[9]
Über seine Zeit im Gefängnis sagte Binder später: „Man gilt als unschuldig, bis die Schuld bewiesen ist, aber in der Praxis bedeutet das, dass ich mit Handschellen an einen Mann gefesselt war, der zwei Menschen ermordet hatte. Ich saß mit 17 verurteilten Straftätern in einer Zelle.“[8]
Gerichtsverfahren und endgültiger Freispruch
Die Anwälte der Angeklagten erklärten, die griechischen Behörden hätten keine konkreten Beweise für die Vorwürfe vorgelegt. Im Falle einer Verurteilung hätten die Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von 25 Jahren verurteilt werden können.[10] Neben den 24 ehemaligen Mitgliedern der ERCI wurden auch mehrere andere humanitäre Helfer in Griechenland strafrechtlich verfolgt, ähnlich wie in Italien, wo im selben Jahr die Seenotrettung für Migranten ebenfalls unter Strafe gestellt wurde.[11]
Erste Gerichtsverhandlungen
Am 18. November 2021 vertagte das Strafgericht in Mytilini auf Lesbos das Verfahren gegen 24 Mitglieder der ERCI, darunter Mardini und Binder, „wegen Unzuständigkeit des Gerichts“ und verwies den Fall an ein höheres Gericht.[12] Ein Jahr später, am 18. November 2022, erschienen Binder, Mardini und der griechische Mitangeklagte Nassos Karakitsos vor dem Gericht erster Instanz und erklärten, dass sie ihren früheren Aussagen nichts hinzuzufügen hätten. Der nächste Verhandlungstermin wurde für Januar 2023 angesetzt.[13]
Prozess im Januar 2023
Der Prozess gegen die 24 Angeklagten, darunter Binder und Mardini, begann am 10. Januar 2023.[14] Am 13. Januar entschied das Gericht, dass die Spionagevorwürfe gegen sie und die anderen Angeklagten zumindest teilweise unzulässig waren, und folgte damit den Einwänden ihrer Anwälte. Zu den Einwänden gehörten unter anderem, dass das Gericht es zunächst versäumt hatte, Dokumente für die ausländischen Angeklagten in eine für sie verständliche Sprache zu übersetzen, sowie die mangelhafte Dokumentation einiger Anklagepunkte. Die Vorwürfe des Menschenhandels blieben jedoch bestehen, und die Angeklagten lebten bis zum letzten Prozess weiterhin in Unsicherheit. Laut einem Bericht in der Wochenzeitung Die Zeit war das Urteil 2023 für Mardini, Binder und die anderen Angeklagten zwar kein vollständiger Freispruch, aber zumindest ein Teilerfolg und ein politisches Signal in einem Verfahren, das in einem Bericht des Europäischen Parlaments als „der derzeit größte Fall der Kriminalisierung von Solidarität in Europa“ bezeichnet worden war.[15]
Angesichts von mehr als vier Jahren langwieriger Gerichtsverfahren seit seiner ersten Verhaftung, mit psychischer Belastung und Unsicherheit über seine Zukunft, erklärte Binder, er wolle unverzüglich ein weiteres Verfahren, um sich zu allen Anklagepunkten zu äußern und seinen Namen reinzuwaschen. Nach dem Freispruch vom Vorwurf der Spionage erklärte Binder gegenüber Journalisten vor dem Gerichtssaal: „Wir wollen, dass dieser Fall verhandelt wird. Wir wollen Gerechtigkeit. Heute gibt es weniger Ungerechtigkeit, aber keine Gerechtigkeit.“[15]
Freispruch im Januar 2026
Nach mehr als sieben Jahren, in denen sie sich vor griechischen Gerichten verantworten mussten, wurden Binder, Mardini und alle anderen Angeklagten des ehemaligen Emergency Response Center International am 15. Januar 2026 freigesprochen.[16] „Alle Angeklagten werden von den Anklagen freigesprochen“, da ihr Ziel „nicht darin bestand, Straftaten zu begehen, sondern humanitäre Hilfe zu leisten“, erklärte der vorsitzende Richter Vassilis Papathanassiou vor Gericht. Binder und Mardini waren bei der Freisprechung anwesend, wobei Mardini sagte: „Menschenleben zu retten ist kein Verbrechen.“ und „Wir haben nie etwas Illegales getan, denn wenn es ein Verbrechen ist, Menschen zu helfen, dann sind wir alle Verbrecher.“ In einem Interview mit der BBC sprach Binder über die negativen Auswirkungen auf sein Leben in den letzten sieben Jahren. Obwohl er inzwischen eine Ausbildung zum Anwalt absolviert hatte, durfte er seine Mandanten nicht vertreten, so lange er selbst unter Anklage stand.[17] Der Anwalt der Angeklagten bezeichnete die lange Dauer der Anklage als „inakzeptabel“ und erklärte, dass das Ziel solcher rechtlichen Schritte darin bestand, „humanitäre Hilfe zu kriminalisieren und Menschenrechtsorganisationen zu beseitigen“.[18]
Erklärungen internationaler Menschenrechtsorganisationen
Mary Lawlor, UN-Sonderberichterstatterin zur Lage von Menschenrechtsverteidigern, kritisierte die Weigerung der griechischen Behörden, Mardini die Teilnahme an der Gerichtsverhandlung im November 2021 zu gestatten, und erklärte: „Die Tatsache, dass die Behörden mehr als drei Jahre lang in diesem Fall ermittelt haben, hat die Zivilgesellschaft, die sich für die Rechte von Migranten in Griechenland einsetzt, abgeschreckt.“[19]
In Bezug auf die Vorwürfe gegen Mardini und Binder sagte Lawlor weiterhin: „Was ist aus uns geworden, dass wir gegen Menschen vorgehen, die Solidarität zeigen? Ein Schuldspruch für Frau Mardini und Herrn Binder wäre ein schwarzer Tag für Griechenland und ein schwarzer Tag für die Menschenrechte in Europa.“
Giorgos Kosmopoulos, Kampagnenleiter für Migration bei Amnesty International, wurde 2021 wie folgt zitiert: „Diese erfundenen Anschuldigungen sind lächerlich und hätten niemals dazu führen dürfen, dass Sarah und Seán vor Gericht erscheinen mussten. Die heutige Vertagung bedeutet, dass sich diese Tortur für Sarah und Seán, die bereits über drei Jahre gewartet haben, weiter hinziehen wird und sie in der Schwebe bleiben. Wir fordern die griechischen Behörden auf, ihren Menschenrechtsverpflichtungen nachzukommen und die Anklage gegen Sarah und Seán fallen zu lassen.“[12]
Sozialwissenschaftliche Rezeption
Eine 2022 an der Royal Holloway, University of London eingereichte Doktorarbeit mit dem Titel The Criminalisation of Pro-Migrant Civil Society in Europe (Die Kriminalisierung der migrationsfreundlichen Zivilgesellschaft in Europa), die auf Interviews in Italien, Frankreich und Griechenland basiert, befasste sich mit der Kriminalisierung der Zivilgesellschaft in Europa im Zusammenhang mit der europäischen Migrationskrise 2015. Die Anschuldigungen gegen Binder und Mardini dienten dabei als Pilotstudie auf der Insel Lesbos. Die Arbeit nennt eine Reihe ähnlicher Fälle, in denen NGOs und Rettungskräften kriminelle Handlungen vorgeworfen wurden. Demzufolge beschrieb die Autorin solche Fälle als Trend, um das Thema Migration für politische und für den Wahlkampf genutzte Debatten zu instrumentalisieren. Wenn Akteure der Zivilgesellschaft Zeugen von Sicherheitspraktiken des Staates und der EU werden, die „systematisch gegen Menschenrechte und internationales Recht verstoßen“, wurden sie strafrechtlich verfolgt.[20]
In einer wissenschaftlichen Abhandlung aus dem Jahr 2025 beschrieb der griechische Zivil- und Strafrichter Filippos Kourakis zahlreiche Fälle, in denen staatliche Behörden in Griechenland Akte der Solidarität mit Migranten unter Strafe gestellt haben. Unter anderem mit Bezug auf den Fall von Binder und Mardini erklärte Kourakis:[21]
„Im Zusammenhang mit „Solidaritätsdelikten“ wird das Strafrecht in Griechenland systematisch dazu eingesetzt, die härtesten Strafen zu verhängen, die Angeklagten dauerhaft auszugrenzen und gleichzeitig sein Schutzpotenzial zu negieren, indem das Recht auf ein ordentliches Verfahren verweigert wird. In Verfahren wegen Menschenhandel und Beihilfe zur illegalen Einreise werden regelmäßig und missbräuchlich Ausnahmeregelungen angewendet, was zur Inhaftierung von Personen führt, die sich solidarisch mit Migranten in Not zeigen.“
Weblinks
- Interview mit Seàn Binder auf YouTube (englisch).
- Video über die Vorwürfe gegen Binder, Mardini und andere Mitglieder der ERCI bei Amnesty International auf YouTube (englisch).
- 2020 Bericht über restriktive, sanktionierende und strafende Maßnahmen der EU gegen Personen, die sich für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten einsetzen. bei Amnesty International (englisch)