Stadtkirche Lindow (Mark)

Kirchengebäude im Landkreis Ostprignitz-Ruppin, Brandenburg From Wikipedia, the free encyclopedia

Die evangelische Stadtkirche Lindow ist eine barocke Saalkirche in Lindow (Mark) im Landkreis Ostprignitz-Ruppin in Brandenburg. Sie gehört zur Kirchengemeinde Lindow (Mark) im Kirchenkreis Oberes Havelland der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und kann nach Anmeldung besichtigt werden.[1]

Stadtkirche Lindow Mark
Innenansicht zur Orgel
Turm im Stadtbild

Bedeutung

Die Stadtkirche ist das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt Lindow. Durch ihren an die Hauptstraße vorgeschobenen Turm wirkt sie als markanter und stadtbildprägender Blickpunkt. Sie ist ein anschauliches Zeugnis für die barocke Kirchenbaukunst in friederizianischer Zeit und dokumentiert den nur noch in wenigen Beispielen vorhandenen Bautyp der Querkirche. Die Stadtkirche ist ein Hauptwerk des bislang wenig bekannten Landbaumeisters G. Ch. Berger, der als Schüler von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff gilt und Mitarbeiter von Friedrich Wilhelm Diterich war. In beeindruckender Vollständigkeit ist das bauzeitliche Inventar der Kirche erhalten, das eine Vorstellung von der Ausstattung einer brandenburgischen Stadtkirche um die Mitte des 18. Jahrhunderts vermittelt.

Der barocke Kirchenbau steht am südlichen Rand des Stadtkerns und ist mit einem Ostturm dicht an die Hauptstraße gerückt. An den Längsseiten der Kirche erstrecken sich schmale Rasenflächen. Nördlich der Kirche liegt ein kleiner rechteckiger Platz, an dem Pfarrhaus, Schule sowie ein ehemaliges Kantor- und Schulhaus stehen (Mittelstraße 32–34). Auf der Platzfläche befinden sich seit dem späten 19. Jahrhundert zwei Linden und eine Eiche.[2]

Geschichte und Architektur

Im Mittelalter besaß die Stadt Lindow keine Pfarrkirche, da das Kloster diese Funktion übernahm. Erst 1457 erhielt die südlich des Marktes entstandene Neustadt eine eigene Kirche, während die nahe beim Kloster gelegene Altstadt weiterhin von der Klosterkirche versorgt wurde. Infolge der Umwandlung des Klosters nach der Reformation in ein evangelisches Damenstift und seiner Zerstörung 1638 diente die Kirche der Neustadt nunmehr der gesamten lutherischen Stadtgemeinde. Seit der Vereinigung mit der reformierten Gemeinde (gegründet 1690) im Jahr 1922 ist sie Pfarrkirche der evangelischen Gemeinde. Bereits zuvor waren die lutherische und reformierte Kirche wechselnd von beiden Gemeinden genutzt worden (reformierte Kirche um 1878/79 abgebrochen).

Lindow wird stets als Mutterkirche genannt. Tochterkirche ist Keller, zeitweilig waren es auch Glambeck und Vielitz. Gühlen und Klosterheide sind nach Lindow eingepfarrt. Die Patronatsrechte besaß bis 1541 das Kloster, danach der Landesherr beziehungsweise der Fiskus. Nach der Reformation waren Inspektorat beziehungsweise Superintendentur mit der Kirche verbunden. Als erster evangelischer Pfarrer wird 1541 Caspar Grobe (oder Grabow) genannt. Pfarrer 1749 war Erasmus Friedrich Holtorff, tatkräftiger Förderer des Wiederaufbaus der Kirche und 1875–82 Heinrich Steinhausen.

Im Jahr 1457 wurde wegen der stark gewachsenen Einwohnerzahl Lindows die erste Pfarrkirche errichtet. Sie war ein kreuzförmiger Feldsteinbau, deren hölzerner Turm 1634 wegen Baufälligkeit abgebrochen und durch einen massiven Turm ersetzt wurde. Vermutlich erhielt dieser Turm bereits seinen Standort an der östlichen Kirchenseite. Bis 1620 umgab der Friedhof die Kirche, die beim Stadtbrand 1746 zerstört wurde.

Danach wurde die heutige Kirche an der Stelle ihres Vorgängerbaus unter Aufsicht des „Churmärkischen Amts-Kirchen-Revenuen-Direktoriums“ als große verputzte Saalkirche in den Jahren 1751–1755 von Landbaumeister Georg Christoph Berger erbaut. Sein gelieferter Entwurf wurde vom Kriegs- und Domänenrat Friedrich Wilhelm Diterichs überarbeitet. Als Entrepreneur (Bauunternehmer) fungierte der Lindower Amtsrat Mund. 1838 und 1848 fanden Umbauten statt, die durch die Bauinspektoren Herrman aus Zehdenick beziehungsweise Schneider aus Gransee geleitet wurden. Dabei erhielt das Kirchenschiff hohe Rundbogenfenster und im Innern eine Holzdecke. Damals wurde auch das Äußere des Schiffs verändert, das heute mit seiner strengen Gliederung im Kontrast zu den detailreichen barockbewegten Turmfassaden steht. 1912 erfolgte der Einbau einer Zentralheizung. Eine 1938/39 geplante Restaurierung kam wegen des Zweiten Weltkriegs nicht zu Stande. 1959/60 fand eine Renovierung des Innern statt. Dabei erhielten Wände, Kanzelaltar, Orgel und Empore den heutigen Anstrich. Auf der Nordempore wurde damals die Stiftsdamenloge (wohl 2. Hälfte 19. Jahrhundert) beseitigt. Das Äußere des Bauwerks wurde zuletzt 1995–2002 restauriert.

Die Kirche ist im Grundriss ein langgestrecktes rechteckiges Schiff, welches durch den Langwänden vorgelagerte Annexe kreuzförmig ausgebildet ist (für die Vorhalle mit Stiftsloge und die Sakristei). Der hohe quadratische Ostturm ist städtebaulich wirksam in die Flucht der Hauptstraße gerückt und wird bekrönt von einem stark verjüngten Aufsatz mit Schweifhaube. Für seine Lage an der liturgisch sonst nicht üblichen Kirchenseite dürften vor allem städtebauliche Gründe den Ausschlag gegeben haben, die vermutlich bereits für den Vorgängerbau maßgeblich gewesen sind. Dadurch dient der Turm als Blickpunkt für die hier dicht vorbeiführende Hauptstraße.

Der leicht geböschte Sockel der Kirche ist aus Kalkstein gemauert. Die übrigen Wandbereiche bestehen aus Ziegelmauerwerk, in das einige Feldsteine eingelassen sind. Die Außenseiten der Kirche sind glatt verputzt, wobei der Sockel raue Oberflächen aufweist und die Gebäudeecken durch Putzquaderungen betont sind. Das Schiff wird durch hohe Rundbogenfenster von 1838 und eine Eckquaderung gegliedert, die Portale der Kreuzarme sind durch Doppelpilaster gerahmt, am Turm ist ebenfalls eine Pilastergliederung zu finden. In den seitlichen Anbauten befinden sich jeweils ein Portal- und Rechteckfenster, die von toskanischen Pilasterpaaren gerahmt werden. Der hohe Innenraum wird als Querkirche genutzt und ist durch den geschwungenen Grundriss und die bewegt plastische Gestaltung der dreiseitig umlaufenden Doppelempore sowie die bauzeitliche Ausstattung geprägt (die Holzdecke stammt von 1838). Das weit überstehende Dachgesims bildet den oberen Abschluss. Der Turm besteht aus einem höheren, knapp den Dachfirst des Schiffes überragenden Unterbau und einen kleinen Aufsatz. Die Wandflächen des Turmes werden durch aufwendige Fensterrahmungen (gerohrte Faschen, Volutenkonsolen, geschwungene beziehungsweise gerade Verdachungen), Wandnischen, Putzfenster, Lisenen, Balusterfenster und antikisierende Pilaster abwechslungsreich gegliedert. Über dem Ostportal ist ein Okulus eingelassen. Der Turm wird von einer Schweifhaube mit Schieferdeckung und Wetterfahne mit der Jahreszahl 1751 bekrönt.

Das Innere ist als Quersaal eingerichtet und somit nicht nach Osten, sondern Süden orientiert. Der hohe Raum wird an drei Seiten von einer geschwungenen, zweigeschossigen Empore auf toskanischen Säulen umzogen. Die nördliche Emporenseite war ehemals den Stiftsdamen vorbehalten. An der Ostseite befindet sich die Orgel. Vor der Südwand gibt es eine separate zweigeschossige Empore, in deren Mitte der Kanzelaltar angeordnet ist. Zwei seitliche Türen führen zur Sakristei im Anbau. Die hölzernen Säulen und Brüstungen der Emporen sowie der Kanzelaltar besaßen ursprünglich – wie an einzelnen Stellen sichtbar – eine Bemalung. Der Fußboden ist mit Keramikplatten beziehungsweise Ziegeln ausgelegt. Der Raum wird von einer flachen Holzdecke überspannt. Möglicherweise gab es an ihrer Stelle ursprünglich einen gewölbten Raumabschluss. Das vollständig erhaltene bauzeitliche Dachwerk weist eine liegende Stuhlkonstruktion auf.[2]

Ausstattung

Kanzelaltar

Kanzelaltar, Foto Sigrid Busse

Zentral vor der südlichen Längswand ist der um 1751/55 erbaute Kanzelaltar, ein geschwungener Kanzelkorb mit Volutenlisenen vor einer kurzen, ebenfalls zweigeschossigen Empore angeordnet; am Schalldeckel mit kräftig profiliertem Gesims und aufwendiger Tuchdraperie sind stuckierte Stoffgehänge und eine Strahlengloriole mit Gotteauge angebracht. Auf der Kanzelbrüstung befindet sich ein Stundenglas (1840 restauriert). Vor dem Altar befindet sich eine schlichte Mensa mit Leuchterpaar (Ende 17. Jahrhundert, Messing) und Kruzifix (Ende 19. Jahrhundert, Eisenguss). Hinter der Altarwand liegt die Sakristei, auf der Empore gegenüber die frühere Loge der Damen des Stifts in Kloster Lindow.

Gestühl

Das Gestühl aus Holz ist um 1751/55 geschaffen worden. Es ist jeweils in zwei Blöcken östlich und westlich des Kanzelaltars sowie auf den Emporen aufgestellt.[2]

Emporen

Empore und Gestühl, Foto Sigrid Busse

Die aus Holz bestehenden Emporen sind um 1751/55 erbaut worden. Zweistöckig mit toskanischen Säulen sind sie umlaufend an Nord-, Ost und Westseite sowie hinter dem Kanzelaltar angeordnet. Auf der Nordempore befand sich ehemals die Loge der Stiftsdamen. Die ursprünglich mehrfarbige Bemalung wurde 1960 überstrichen.[3] Vor der Orgel wurde die Empore 1960 verbrettert.

Taufe

Taufe, Foto Sigrid Busse

Eine achteckige um 1751/55 hergestellte Holztaufe gehört ebenfalls zur Ausstattung. Die Taufschüssel aus dem 16. Jahrhundert ist in Messing ausgeführt und zeigt Adam und Eva als Reliefdarstellung.

Die Taufe erinnert an die Stellung der Kirche im Laufe der Zeit. Lindow wird stets als Mutterkirche genannt. Tochterkirche ist Keller, zeitweilig waren es auch Glambeck und Vielitz. Gühlen und Klosterheide sind nach lindow eingepfarrt. Die Patronatsrechte besaß bis 1541 das Kloster, danach der Landesherr beziehungsweise der Fiskus. Nach der Reformation waren Inspektorat beziehungsweise Superintendenteur mit der Kirche verbunden. Als erster evangelischer Pfarrer wird 1541 Caspar Grobe (oder Grabow) genannt. Pfarrer war 1749–96 Erasmus Friedrich Holtorff, tatkräftiger Förderer des Wiederaufbaus der Kirche und 1875–82 Heinrich Steinhausen, Verfasser des Klosterromans „Irmela“ (1880).

Gemälde Auferstehung Christi

Auferstandener Christus mit Maria Magdalena, Foto Sigrid Busse

Ein Gemälde von 1771 mit einer Darstellung von Noli me tangere in Öl auf Leinwand, das 1771 von Heinrich Stadler geschaffen wurde, findet sich auf der westlichen Empore. Es wurde 1961 restauriert und zeigt den auferstandenen Christus mit Maria Magdalena.

Die Darstellung zeigt den auferstandenen Christus in Rot gekleidet. Das ist außergewöhnlich, denn die traditionelle Farbe des Auferstandenen ist Weiß. Die rechte Hand zeigt Daumen und Zeigefinger zum Himmel erhoben, Gott Vater und Sohn verbindend, während die übrigen Finger das Symbol der Trinität bilden. Die Hand durchbricht die Achse zwischen den Kreuzen von Golgatha am linken oberen Rand einerseits und dem Blick von Maria Magdalena andererseits. Die in Blau, die Farbe des Himmels symbolisierend gekleidete Maria Magdalena öffnet sich der Botschaft des Auferstandenen. Ihre Arme sind locker ausgestreckt und die Handflächen sind zum Christus gerichtet. Christus sieht Maria Magdalena freundlich und fest in die Augen und sie erwidert seinen Blick. Am rechten unteren Rand des Bildes steht noch das Gefäß mit den zur Einbalsamierung vorgesehenen Gewürzen – einen Spannungsbogen mit den Kreuzen am oberen Bildrand bildend.

Orgel

Orgelprospekt, Foto:Sigrid Busse

Die Orgel wurde 1812/13, 1857–1863 und 1872 restauriert. Das neue Orgelwerk von 1898 ist ein Werk von Wilhelm Sauer mit 17 Registern auf zwei Manualen und Pedal in einem Gehäuse mit aufwendiger Stoffdraperie und 4 Putten einer Orgel von Gottlieb Scholtz(e) aus Neuruppin aus den Jahren 1753–1755.[4] Die Orgel hat einen schlichten Holzaufbau mit verzierter Kartusche, wirkungsvoll eingefasst durch Pflanzenornamente und abgestufter Bekrönung mit Flammendarstellung auf der Spitze.

Die Orgel befindet sich auf der Empore an der östlichen Seite des Schiffs. Sie hat einen angenehmen und raumfüllenden Klang. Daher wird sie nicht nur zu Gottesdiensten und ähnlichen Anlässen gespielt; sie ist auch fester Bestandteil der jährlich veranstalteten „Lindower Sommermusiken“. Der unmittelbar neben dem Spieltisch gelegene Teil der Empore bietet Platz für Chor und Orchester.

Bleiglasfenster

Bleiglasfenster, Kreuzigung, Foto: Sigrid Busse

Beachtenswert sind die Bleiglasfenster mit den Motiven: „Kreuzigung“ und „Auferstehung Jesu“. Die Fenster befinden sich in der südlichen Außenwand beiderseits des Kanzelaltars

Sie waren 1898 von Dr. Wilhelm Richter und seiner Frau gestiftet worden. In den sechziger Jahren waren sie ausgebaut und unsachgemäß auf dem Dachboden des Gemeindehauses gelagert worden. Bei der Auffindung im Jahr 2002 waren sie weitgehend zersplittert, ihre rote Farbe hatte mit dem der Lagerung beigegebenen Stroh reagiert und war verschwunden. Im Jahr 2003 konnten die zuvor eingelagerten und beschädigten Fenster auf Initiative von Horst Borgmann mit Mitteln eines Förderprogramms für historische Fenster durch Ilona Berkei restauriert werden. Ihrem Wiedereinbau hatte die untere Denkmalbehörde des Landkreises Ostprignitz-Ruppin zugestimmt.

Epitaph

Epitaph, Foto: Sigrid Busse

An der nördlichen Außenwand befindet sich ein Epitaph aus Sandstein für Hans Bogislaw von Below (1716–73); Kriegsrat und Ruppiner Kreiskommissar.

Literatur

Einzelnachweise

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