Thelma Golden

US-amerikanische Kuratorin und Museumsdirektorin From Wikipedia, the free encyclopedia

Thelma Golden (* 22. September 1965 in Queens, New York City) ist eine US-amerikanische Kuratorin und Museumsdirektorin. Seit 2005 ist sie Direktorin und Chefkuratorin des Studio Museum in Harlem in New York City und zählt zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Kunstwelt. Sie wurde unter anderem als Mitschöpferin des Begriffs Post-Blackness bekannt und realisierte eine Reihe wegweisender Ausstellungen, zunächst am Whitney Museum of American Art und später am Studio Museum in Harlem.

Thelma Golden (2019)

Leben

Thelma Golden wuchs in Queens in New York City auf. Bereits als Kind entwickelte sie eine Leidenschaft für Kunst, die zunächst durch Reproduktionen von Werken aus der Sammlung des Art Institute of Chicago geweckt wurde. Besonders prägend war für sie H. W. Jansons Standardwerk History of Art. Ihre erste praktische Ausbildung erhielt sie als Schülerin der New Lincoln School, wo sie in ihrem letzten Schuljahr ein kuratorisches Praktikum am Metropolitan Museum of Art absolvierte. Maßgeblich beeinflusst wurde ihre Entscheidung, Kuratorin zu werden, durch Lowery Stokes Sims, die erste afroamerikanische Kuratorin dieses Hauses.

Im Jahr 1987 erwarb Thelma Golden einen Bachelor of Arts in Kunstgeschichte und Afroamerikanistik am Smith College. Während ihres Studiums war sie an der Erarbeitung mehrerer Ausstellungen im Smith College Museum of Art beteiligt, darunter eine Schau über die MoMA-Kuratorin Dorothy Canning Miller. Zudem absolvierte sie 1985 ein Praktikum im Studio Museum in Harlem, wo sie unter anderem den Nachlass des Malers Benny Andrews katalogisierte und mit der Kuratorin Kellie Jones zusammenarbeitete. Thelma Goldens erste kuratorische Stelle hatte sie 1987 am Studio Museum in Harlem inne. Ab 1988 war sie Kuratorin am Whitney Museum of American Art. Von 1989 bis 1991 leitete sie als Direktorin für bildende Kunst das Jamaica Arts Center in Queens, wo sie acht Ausstellungen kuratierte. Anschließend wurde sie 1991 zur Leiterin der Zweigstelle des Whitney Museum im Philip Morris Building in Midtown Manhattan ernannt.

Im Jahr 1993 war Thelma Golden Mitglied des kuratorischen Teams für die Whitney Biennial, gemeinsam mit Elisabeth Sussman, Lisa Phillips und John Hanhardt. Die Schau wurde von einigen Kritikern wegen ihrer gesellschafts- und sozialpolitischen Themen angefochten und galt als eine der umstrittensten Whitney-Ausstellungen überhaupt. Thelma Golden selbst bezeichnete die Biennial später als eine für sie transformative Erfahrung.

Studio Museum Harlem Logo

Im folgenden Jahr kuratierte Golden eine noch kontroversere Ausstellung: Black Male: Representations of Masculinity in Contemporary American Art (1994–95) untersuchte negative Stereotype schwarzer Männlichkeit, darunter Obdachlosigkeit und Kriminalität. Zu den ausgestellten Künstlern gehörten Jean-Michel Basquiat, Robert Mapplethorpe, Glenn Ligon, Dawn DeDeaux und David Hammons; daneben wurden Filme wie Gordon ParksShaft und Marlon RiggsTongues Untied gezeigt. Einige etablierte Künstler kritisierten den Umgang der Ausstellung mit Stereotypen als unverantwortlich und bemängelten eine ihrer Ansicht nach zu starke Präsenz nicht-schwarzer Künstler. Die Kunsthistorikerin Linda Nochlin würdigte die Ausstellung hingegen in der Zeitschrift ARTnews als eine der lebhaftesten und visuell anregendsten der Saison. Die New York Times hob hervor, dass die Ausstellung ungewöhnlich viele schwarze Besucher ins Museum gebracht habe, die Werke selbst jedoch geteilte Reaktionen hervorgerufen hätten. Obwohl die Ausstellung anfänglich stark kritisiert wurde, verbesserte sich ihr Ruf in den folgenden Jahren erheblich: Sowohl ARTnews als auch das Whitney Museum selbst bezeichneten sie zwei Jahrzehnte später als Landmark Exhibition (Wegweisende Ausstellung).

Während ihrer Zeit am Whitney organisierte Thelma Golden außerdem Einzelausstellungen zu Bob Thompson, Lorna Simpson und Jacob Lawrence. Im November 1998 trat sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Elisabeth Sussman von ihrer Position zurück, da der neue Museumsdirektor Maxwell L. Anderson ihnen keine Arbeitsbereiche zugewiesen hatte. Der Philanthrop Peter Norton, der Goldens Ausstellung Black Male mitfinanziert hatte, legte als Reaktion auf ihren Abgang sein Mandat im Kuratorium des Whitney Museums nieder.

Zwischenstation und Rückkehr zum Studio Museum (1998–2005)

Von 1998 bis 2000 arbeitete Thelma Golden als Special Projects Curator für die Kunstsammler Peter Norton und Eileen Harris Norton. Im Jahr 2000 kehrte sie als stellvertretende Direktorin für Ausstellungen und Programme zum Studio Museum in Harlem zurück. Zu diesem Zeitpunkt war es das einzige akkreditierte Museum für afroamerikanische Kunst in den Vereinigten Staaten. In dieser Funktion kuratierte sie eine Reihe bedeutender Ausstellungen, darunter Isaac Julien: Vagabondia (2000), Martin Puryear: The Cane Project (2000), Glenn Ligon: Stranger (2001), Black Romantic: The Figurative Impulse in Contemporary Art (2002), Harlemworld: Metropolis as Metaphor (2004) und Chris Ofili: Afro Muses (2005). Sie förderte aktiv Künstlerinnen und Künstler wie Kehinde Wiley, Glenn Ligon und Njideka Akunyili Crosby.

Besondere Bedeutung erlangte die Ausstellung Freestyle (2001). Thelma Golden kuratierte darin die Arbeiten von 28 aufstrebenden schwarzen Künstlern und charakterisierte die präsentierten Werke als Post-Black Art. Den Begriff hatte sie gemeinsam mit dem Künstler Glenn Ligon in den späten 1990er Jahren geprägt; er bezeichnet Kunst, die von Künstlern stammt, die sich weigern, als schwarze Künstler etikettiert zu werden, obwohl ihre Arbeit tief in der Auseinandersetzung mit komplexen Vorstellungen von Blackness verwurzelt ist. Freestyle war der Auftakt einer fortlaufenden Reihe von Ausstellungen mit dem Anfangsbuchstaben F, zu der später Frequency, Flow, Fore und Fictions gehörten.

Direktorin des Studio Museum in Harlem (seit 2005)

Studio Museum in Harlem (November 2025)

Im Jahr 2005 wurde Thelma Golden zur Direktorin und Chefkuratorin des Museums ernannt und trat damit die Nachfolge von Lowery Stokes Sims an. Unter ihrer Leitung erfuhr das Museum eine deutliche institutionelle Stärkung. So passte sie den Veranstaltungskalender so an, dass mittwochs Schulausflüge und geschlossene Veranstaltungen stattfanden, während donnerstags und freitags die Öffnungszeiten bis in den Abend hinein verlängert wurden, um einem breiteren Publikum den Besuch zu ermöglichen. Die Besucherzahlen stiegen im ersten Jahrzehnt ihrer Amtszeit um 27 Prozent und die Sammlung des Museums wuchs um mehr als 2000 Werke.

Im Jahr 2019 initiierte Thelma Golden eine mehrjährige Kooperationspartnerschaft zwischen dem Studio Museum und dem Museum of Modern Art, die Ausstellungen und Programmangebote an beiden Institutionen umfasst. Damit rief sie ein Modell der Zusammenarbeit ins Leben, das dem Studio Museum während der Schließungsphase für den Neubau eine weitere Präsenz und Gemeinschaftsanbindung sicherte. Als Direktorin trieb sie den Bau des ersten eigens für das Museum entworfenen Gebäudes in dessen über fünfzigjähriger Geschichte voran.

Lehrtätigkeit und Gremienarbeit

Thelma Golden hatte Gastprofessuren an der Yale University, der Columbia University, der Cornell University sowie am Bard College inne und war von 1994 bis 2008 kontinuierlich Mitglied des Graduiertenausschusses des Center for Curatorial Studies am Bard College. Sie ist Mitglied der Verwaltungsräte der Obama Foundation, des Los Angeles County Museum of Art, der Andrew W. Mellon Foundation und des Crystal Bridges Museum of American Art. Außerdem gehört sie dem Beratungsausschuss für die Initiative Goldman Sachs One Million Black Women[1] sowie dem Advisory Board der Black Trustee Alliance for Art Museums[2] an. Im Jahr 2023 war sie Mitglied der internationalen Jury der Architektur-Biennale in Venedig.

2010 berief Präsident Barack Obama Thelma Golden in das Committee for the Preservation of the White House, dem sie bis 2016 angehörte. 2015 trat sie dem Board of Directors der Obama Foundation bei. Beim Staatsbankett zu Ehren des französischen Präsidenten François Hollande im Weißen Haus am 11. Februar 2014 saß sie unmittelbar links neben Präsident Obama.

Auszeichnungen und Ehrungen

First Lady Michelle Obama im Gespräch mit Direktorin und Chefkuratorin Thelma Golden während einer Führung durch das Studio Museum in Harlem, New York, N.Y., 21. September 2011. (Offizielles Foto des Weißen Hauses von Chuck Kennedy)

Im Jahr 2016 erhielt Thelma Golden den Audrey Irmas Award for Curatorial Excellence des Center for Curatorial Studies am Bard College. Im Jahr 2018 wurde ihr die J. Paul Getty Medal verliehen, gemeinsam mit Agnes Gund und Richard Serra.[3] Ebenfalls 2028 wurde sie zum Mitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt.[4] Im Jahr 2023 wurde Thelma Golden als erste Kuratorin überhaupt mit dem Dorothy and Lillian Gish Prize ausgezeichnet, einem der renommiertesten Kunstpreise der Vereinigten Staaten. Das Hutchins Center for African and African American Research der Harvard University ernannte sie zur W.E.B. Du Bois Medal-Trägerin des Jahrgangs 2023; die Verleihungszeremonie fand am 1. Oktober 2024 in Sanders Theatre statt. Zu den weiteren Preisträgerinnen und Preisträgern desselben Jahrgangs zählten der Filmregisseur Spike Lee, der Musiker Ice T, die Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw sowie der Schauspieler LeVar Burton. Die W.E.B. Du Bois Medal ist die höchste Auszeichnung der Harvard University auf dem Gebiet der afrikanischen und afroamerikanischen Studien. Im Jahr 2024 wurde Thelma Golden in die TIME100-Liste des Magazins Time aufgenommen, die jährlich die hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt versammelt.

Von 2003 bis 2009 und von 2015 bis 2020 war Thelma Golden durchgängig in der ArtReview-Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der internationalen Kunstwelt vertreten. Darüber hinaus erhielt Thelma Golden Ehrendoktortitel von der New School (2022), der Columbia University (2018), dem Barnard College (2010), dem City College of New York (2009), dem San Francisco Art Institute (2008) sowie dem Smith College (2004). Im Jahr 2015 wurde sie als Ford Foundation Fellow[5] ausgezeichnet, im Jahr 2008 als Henry Crown Fellow.

Literatur

Von Thelma Golden herausgegebene oder verfasste Ausstellungskataloge (Auswahl):

  • Thelma Golden (Hrsg.): Black Male: Representations of Masculinity in Contemporary American Art. Whitney Museum of American Art, New York 1994, mit einem Vorwort von Henry Louis Gates Jr. sowie Essays von Elizabeth Alexander, bell hooks, Isaac Julien, Kobena Mercer, Tricia Rose, Andrew Ross und Greg Tate.
  • Thelma Golden (Einleitung): Freestyle. Studio Museum in Harlem, New York 2001, ISBN 978-0-942949-21-6, 90 Seiten. Katalog zur Ausstellung vom 28. April bis 24. Juni 2001.
  • Thelma Golden und Christine Y. Kim: Frequency. Studio Museum in Harlem, New York 2005, 120 Seiten. Katalog zur Ausstellung November 2005 bis März 2006, mit Essays von Franklin Sirmans und Malik Gaines.
  • Weblinks

Einzelnachweise

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