Thorner Brauhaus
Brauerei in der Stadt Thorn in der Provinz Westpreußen
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Das Thorner Brauhaus war eine Brauerei in der Stadt Thorn in der Provinz Westpreußen, die von 1865 bis 1945 existierte. Es war ein historischer Industriekomplex im Stadtteil Nowe Miasto am Neustädtischen Markt 235, heutzutage die ulica Browarna 1 (auf Deutsch sinngemäß: „Brauereistraße 1“).[1] Die Brauerei zählt zu wichtigen Zeugnissen der industriellen Entwicklung der Region und steht heute als denkmalgeschütztes Gebäude im Zentrum zahlreicher Revitalisierungsbemühungen.[2]

Geschichte
Der Rat der Stadt Thorn betrieb bereits zwischen 1608 und 1815 eine Brauerei in Wiesenburg westlich der Stadt. Das Thorner Brauhaus wurde hingegen – genau 50 Jahre nach dem Ende der Wiesenburger Brauerei – im Jahr 1865, vom deutschen Unternehmer Theodor Sponnagel unter dem Namen Brauerei Th. Sponnagel gegründet. Andere Quellen nennen hingegen das Jahr 1866 als Gründungsjahr der Brauerei. Als rechtlicher Nachfolgebetrieb der Braustätte in Wiesenburg darf das Thorner Brauhaus allerdings nicht gesehen werden, da die Brauerei in Wiesenburg bereits ein halbes Jahrhundert vorher geschlossen wurde und eine vom Thorner Stadtrat verpachtete Brauerei war, wohingegen das Thorner Brauhaus explizit als moderne Privatbrauerei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet wurde.
Zu dieser Zeit wurden – auch in den dünner besiedelten und eher agrarisch geprägten ostelbischen Gebieten – viele moderne (Industrie-)Brauereien gegründet. Vier Jahre vor der Gründung des Thorner Brauhauses, wurde beispielsweise 1861 in Podgorz die Brauerei Podgorz gegründet. Des Weiteren wurde bereits 1845 in Thorn die Unionsbrauerei von Friedrich Streich gegründet, die bis 1912 bestand und unter anderem Bockbier und das spätere – vom Westpreußischen Brauhaus wiederbelebte – helle Lagerbier unter dem Namen Copernicus-Bräu herstellte. Die Unionsbrauerei braute des Weiteren auch Helles und Dunkles Lagerbier sowie Märzenbier.[3][4] Weitere Beispiele aus der Region sind die Aktienbrauerei Kunterstein aus Graudenz die Bromberger Brauerei aus Bromberg und die Brauerei Höcherl aus Kulm, die in den Jahren 1850, 1858 und 1874 gegründet wurden.
Sponnagel ließ die Anlage in zwei spätgotischen Getreidespeichern einrichten, die zuvor im 17. und 18. Jahrhundert umgebaut worden waren. Die Brauerei hatte unter anderem einen Bierausschank bzw. ein Restaurant in einem reich verzierten und bestückten Bürgerhaus aus dem späten 16. Jahrhundert am Neuen Marktplatz 5 (auf Polnisch: Rynek Nowomiejski 5).[5] Das Bier wurde ebenfalls unter anderem im „Bier-Versand-Geschäft“ am Altstädtischen Markt 12 (heute: Rynek Staromiejski 12) von Friedrich Windmüller verkauft. Windmüller braute hingegen selbst seit mindestens 1908 Weißbier.[6]
Im Jahr 1874 entstand an der heutigen ulica Browarna 1 ein vierstöckiges Brauereigebäude mit hohem Schornstein, das für die industrielle Bierproduktion genutzt wurde.[7] Später, im Jahr 1893, wurde das Gebäude um eine weitere Etage erhöht und ein höherer Schornstein errichtet. Kurz danach im Jahr 1898, installierte man moderne Dampfmaschinen und Kesselanlagen, um die Produktion und Effizienz zu steigern.
1898 übernahm der jüdische Unternehmer Samuel Hortwitz die Brauerei, der bereits seit 1888 der Inhaber des Unternehmens war. 1914 übernahm Moritz Rosenwald den Brauereibetrieb. Von 1898 bis 1920 firmierte die Brauerei unter dem Namen Thorner Brauhaus und griff auf das Thorner Stadtwappen als Markenlogo für ihre Etiketten zurück. 1926–1927 wurde die Anlage erneut erweitert und auf angrenzende Grundstücke ausgedehnt und hieß in der Zwischenkriegszeit unter polnischer Leitung Browar Toruński Towarzystwo Akcyjne (Thorner Brauerei Aktiengesellschaft).[8]
Während der deutschen Besatzung der Stadt arbeitete die Brauerei erneut unter deutscher Leitung und wurde in Westpreußisches Brauhaus Thorn-Süd umbenannt. Während dieser Zeit nutzte die Brauerei Nikolaus Kopernikus, der in Thorn zur Welt kam, sowie den Deutschen Orden, der Thorn 1231 gründete, als Etiketten für ihre Bierflaschen, Biergläsern, Bierdeckel, sowie für verschiedene Biersorten. Das Logo beinhaltete zu dieser Zeit die Buchstaben „W“ und „B“ (für Westpreußisches Brauhaus) übereinander, darüber ein Hopfen, sowie links und rechts jeweils Gersten. 1943 ging sie in den Besitz der Aktienbrauerei Kunterstein aus Graudenz über. Zu dieser Zeit schien das ehemalige Thorner Brauhaus mit der Brauerei Podgorz südlich der Weichsel, bzw. südlich der Stadt Thorn, zusammengelegt und vom kommissarischen Verwalter Johannes Freining bis 1945 verwaltet worden zu sein.[9]
Nach dem Krieg verlor das Gelände seine ursprüngliche Funktion als Brauerei. Die industriellen Gebäude dienten zunächst als Lagerflächen und wurden nach 1995 für verschiedene kommerzielle Zwecke genutzt, darunter Musikclubs, Gastronomie, Handelsflächen und Büros. Dabei blieben viele charakteristische architektonische Elemente des Komplexes erhalten, wie die großen Industriehallen sowie die historischen Kellergewölbe.
Im Jahr 2006 verkaufte die Stadt Thorn das Objekt an einen privaten Investor für einen Betrag von etwa 3 Millionen Złoty. Seitdem wurde das Gelände nicht dauerhaft genutzt und verfiel zusehends.
In den letzten Jahren gab es zahlreiche Diskussionen und Pläne zur Reaktivierung und Umnutzung des ehemaligen Komplexes. Vorhaben, hier ein Hotelprojekt zu verwirklichen, wurden mehrfach angekündigt aber erst Ende 2024 bzw. Anfang 2025 konkretisiert. Ein neuer Eigentümer, die Firma ARD Garbary Toruń, begann im Sommer 2025 mit der Revitalisierung des Komplexes, die eine Restaurierung der denkmalgeschützten Bausubstanz vorsieht. Geplant ist der Ausbau zu einem Hotel mit mehreren hundert Zimmern, Veranstaltungsräumen und Gastronomie. Die Fertigstellung ist für Ende 2027 bzw. Anfang 2028 geplant.[10]
Im Jahr 2018 wurde der gesamte Gebäudekomplex in das Denkmalregister Polens eingetragen, wodurch der Schutz der historischen Bausubstanz rechtlich gesichert ist.
Sortiment
Das Sortiment der Brauerei beinhaltete bis 1945 die folgenden Biersorten, welche in Bügelverschluss-Flaschen abgefüllt wurden:[11][12][13][14][15][16][17][18]
- „Caramel“ – Malzbier
- „Kopernikus-Bräu“ – Helles Lagerbier
- „Ordens-Bräu nach Münchener Art“ – Dunkles Lagerbier
Man nutzte unter anderem die Werbesprüche: „Trink das Bier der Heimat“ für das Caramelbier, „Trink dein Heimatbier“ für das helle Lagerbier und „Trinkst du Bier dann nur dieses hier“ für das dunkle Lagerbier, wie Anzeigen aus der Zeitung Thorner Freiheit aus dem Jahr 1943 bezeugen.