Wendell Johnson
US-amerikanischer Sprachpsychologe
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Wendell („Jack“) Johnson (* 16. April 1906 in Roxbury; † 29. August 1965 in Iowa City) war ein US-amerikanischer Sprachpsychologe und Professor an der University of Iowa.[1]
Leben
Er wurde 1906 auf einer Vieh- und Weizenfarm nahe des Dorfes Roxbury im zentralen Kansas als der Sohn von Andrew und Mary (Tarnstrom) Johnson geboren. Er war wie sein Kollege Charles Van Riper ein Stotterer. Trotz seines Stotterns wurde er Klassensprecher an seiner High School, Kapitän der Football-, Baseball- und Basketballmannschaften und Jahrgangsbester. Zwei Jahre lang besuchte er das McPherson College, mit zwanzig Jahren schrieb er sich als Student im dritten Studienjahr für Anglistik an der University of Iowa ein. Kurz nach seiner Ankunft in Iowa City wurde er einer der ersten Studienteilnehmer im neu gegründeten Labor für Sprachpathologie. Wie er später beschrieb: „Das erwies sich als der Beginn einer langen Lehrzeit als ‚professionelle weiße Ratte‘.“ Es war auch der Beginn seines Lebenswerks: der Erforschung von Sprachstörungen und der umfassenderen Frage der menschlichen Kommunikation. Er erwarb 1928 hier seinen Bachelor in Anglistik und 1929 seinen Mastertitel in Psychologie. 1931 promovierte (Ph.D.) er hier in Klinischer Psychologie und Sprachpathologie. Zudem besaß er ein Diplom in Klinischer Psychologie des „American Board of Examiners in Professional Psychology“.
1941 hatte er während der Zeit seiner Genesung von einer Notoperation am Blinddarm Zeit, sich durch Alfred Korzybski Werk „Science and Sanity“, eine Einführung in die Allgemeine Semantik, zu arbeiten. Zwei Ideen Korzybskis beeindruckten ihn sehr: Die eine besagte, dass die Art und Weise, wie ein Mensch Symbole verwendet, viel damit zu tun zu haben scheint, wie er sein Leben gestaltet. Die andere Idee war, dass die wissenschaftliche Methode auf alltägliche Probleme überall und jederzeit angewendet werden kann, und zwar von jedem, der bereit ist, drei Fragen zu untersuchen: Was meinen Sie? Woher wissen Sie das? Was dann? In der Verknüpfung und den Auswirkungen dieser beiden Grundideen sah er etwas „etwas Neues“, von dem er hoffte, es zur Bewältigung seines Stotterns nutzen zu können. Welche Feinheiten die Veränderung tatsächlich beinhaltete, lässt sich schwer sagen, aber danach erlangte er seine Sprechfähigkeit wieder und bis zu seinem Lebensende sprach er relativ flüssig.
Unter der Mentorschaft von Lee Edward Travis war er der Universität Iowa lange verbunden und arbeitete sich in der akademischen Hierarchie nach oben. Zunächst war er viele Jahre Forschungsassistent in der Sprachklinik, bevor er 1943 Assistenzprofessor, dann außerordentlicher Professor und schließlich ordentlicher Professor wurde. Im selben Jahr übernahm er die Leitung der Iowa Speech Clinic. 1947 wurde er zum Verwaltungsleiter des Iowa-Programms für Sprachpathologie ernannt und 1951 zum Vorsitzenden des Rates für Sprachpathologie und Audiologie; von diesen Ämtern trat er 1955 nach einem Herzinfarkt zurück. 1956 war er Mitbegründer der „American Speech Foundation“. Diese ging aus dem „Demosthenes Club“ hervor, den er einige Jahre zuvor gegründet hatte, um Stotterer zusammenzubringen und ihnen bei ihrer Sprachentwicklung zu helfen. 1963 wurde er zum „Louis W. und Maud Hill Forschungsprofessor“ ernannt, sodass er mehr Zeit zum Schreiben und Forschen hatte.
Werk
Seine zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema Stottern brachten ihm nationale und internationale Anerkennung ein. Sein erstes Buch, „Weil ich stottere“, erschien 1930 und bot dem Leser einen authentischen Einblick in das Leben mit dieser Störung. Neben seinem Engagement in der „American Speech-Language-Hearing Association“ (ASHA, dt. Amerikanische Stiftung für Sprachkorrektur und -therapie, früher „Speech Correction Research Foundation“) war er Berater verschiedener Bundesbehörden, darunter der Veteranenverwaltung, des Nationalen Instituts für Neurologische Erkrankungen und Blindheit sowie des US-Bildungsministeriums. Er erklärte das Stottern mit seiner „Diagnosogenic Theory“: Stottern entsteht nicht primär durch eine biologische Störung, sondern durch die Reaktionen der Umwelt auf normale kindliche Sprechfehler. Sobald Eltern oder Bezugspersonen ein Kind als „Stotterer“ markieren, wird das Kind verunsichert – und aus dieser Verunsicherung heraus entwickelt sich echtes Stottern. Dieser Erklärungsversuch führte direkt zu seinem später berüchtigten Experiment, das mit dem Spitznamen Monsterstudie bezeichnet wurde.
Ein ethischer Fehltritt in seiner Forschung führte viele Jahre nach seinem Tod zu einer Klage. Ende der 1930er-Jahre hatte er das Forschungsdesign einer seiner Doktorandinnen genehmigt, die vorschlug, in der später so genannten „Monsterstudie“ aus 22 Waisenkindern eines örtlichen Heims ohne deren Zustimmung in einem Stotterexperiment unter dem Deckmantel angeblicher Sprachtherapie künstlich Stotterer zu machen. In der Klage wurde behauptet, dass das Experiment viele dieser Kinder dauerhaft traumatisiert habe.[2][3] Die Universität von Iowa einigte sich mit den Klägern, indem sie 925.000 US-Dollar als Entschädigung für lebenslange psychische und emotionale Schäden, die ihnen durch sechsmonatige Qualen während des Experiments an der Universität von Iowa zugefügt wurden, an die Kläger zahlte und sie entschuldigte sich 2001 öffentlich.[4]
Ehrungen/Positionen
- 1968: Gründung des Wendell Johnson Speech and Hearing Center an der University of Iowa
- Mitglied der American Psychological Association
- Ehrenmitglied von Phi Beta Kappa
- Ehrenmitglied von Sigma Xi
- 1958–1965: Mitglied des internationalen Herausgeberbeirats der Sektion Rehabilitation der „Excerpta Medica“
- 1950: Präsident der „American Speech-Language-Hearing Foundation“
- 1946: “Honors of the Association Award” der “American Speech and Hearing Association”
- 1945–1947: Präsident der „International Society for General Semantics“
- 1946–1960: Vorsitzender des Stiftungsrats der „American Speech-Language-Hearing Foundation“
- 1946: Gründungsmitglied der „Speech Correction Research Foundation“
- 1943–1948: zweiter Herausgeber des „Journal of Speech and Hearing Disorders“
Privates
Er war bereits am McPherson College Mitarbeiter der Schülerzeitung und später Redakteur. Als er nach Iowa kam, meldete er sich auch in der Redaktion des „Iowa Literary Magazine“, einer Studentenzeitung, und schrieb für diese, und im darauffolgenden Jahr wurde er deren Herausgeber. Während der Weltwirtschaftskrise, als die Gehälter sehr niedrig waren, schrieb er sogar Groschenromane unter den Pseudonymen Dr. Robert Clark und Dr. George Hall, um Geld zu verdienen, und verkaufte diese an das Des Moines Register, eine Tageszeitung in Des Moines. Zu Beginn seines ersten Jahres in Iowa lernte er Edna Bockwoldt kennen, eine Studentin, die gerne Reime und Limericks schrieb und die seine Begeisterung für das Finden des perfekten Wortes teilte. An dem Tag seines Master-Abschlusses 1929 heirateten sie. Das Ehepaar bekam den Sohn Nicholas, ein US-amerikanischer Jurist und Leiter der US-Seefahrtsbehörde, der von 1966 bis 1973 Mitglied der „Federal Communications Commission“ (FCC) war, und die Tochter Katherine. Er verstarb im Alter von 59 Jahren an einer Herzinsuffizienz.
Publikationen (Auswahl)
- Monografien
- Living with Change: The Semantics of Coping. Harper & Row, New York City 1972, ISBN 978-0-06-043348-2.
- Verbal Man the Enchantment of Words. Collier Books, Hatfield 1965.
- Diagnostic Methods in Speech Pathology. Harper & Row, New York City 1963, ISBN 978-0-06-043400-7.
- Stuttering and What you can do About it. Univ. of Minnesota Press, Minneapolis 1961, ISBN 978-0-8166-6039-1.
- The Onset of Stuttering: Research Findings and Implications. University of Minnesota Press, Minneapolis 1959, ISBN 978-0-8166-6885-4.
- Speech handicapped school children. Harper, New York City 1956.
- Span. Ausgabe: Problemas del habla infantil. Kapelusz, Biblioteca de Cultura Pedagógica, Buenos Aires 1973.
- Your most enchanted listener. Harper, New York City 1956.
- Mit Ralph R. Leutenegger: Stuttering in Children and Adults: Thirty Years of Research at the University of Iowa (Minnesota Archive Editions). Univ. of Minnesota Press, Minneapolis 1955, ISBN 978-0-8166-6009-4.
- Recovery From Aphasia (4th ed.). The Ronald Press Company, New York 1951.
- People in Quandaries: The semantics of personal adjustment. Harper & Brothers, New York City 1946.
- Because I Stutter. D. Appleton, New York City 1930 (zugleich Master Thesis).
Weblinks
- Literatur von und über Wendell Johnson im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Wendell Johnson, A Son’s Perspective, abgerufen am 17. März 2026.
- David Hudson: Johnson, Wendell (April 16, 1906–August 29, 1965) auf University of Iowa Press Digital Editions, abgerufen am 17. März 2026.
Literatur
- Dorothy Moeller: Wendell Johnson: The Addiction to Wonder auf University of Iowa, abgerufen am 17. März 2026.
- Dave Williams: A Remembrance of Them and Their Era auf Minnesota State University, abgerufen am 17. März 2026.
- Dean Williams: Remembering Wendell Johnson. In: ETC: A Review of General Semantics, 1992-93, 49 (4), S. 433–435.
- Dr. Wendell Johnson, 59, Dies; Speech Therapist at U. of Iowa; n Authority on Stuttering,! He Overcame His Own Speaking Difficulty. In: New York Times vom 31,. August 1965, abgerufen am 17. März 2026.