Monsterstudie
Experiment in der Psychologie
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Die später mit dem Spitznamen Monsterstudie bezeichnete Untersuchung war ein Experiment, das 1939 in Davenport an 22 Waisenkindern zum Thema Stottern durchgeführt wurde. Es wurde von Wendell Johnson von der University of Iowa geleitet, wobei das eigentliche Experiment von seiner Doktorandin Mary Tudor durchgeführt wurde. Ausgangspunkt war die Theorie Wendell Johnsons, dass Stottern durch die Reaktionen der Umwelt auf normale kindliche Sprechfehler entsteht; sobald Eltern oder andere Bezugspersonen ein Kind als „Stotterer“ markieren, werde das Kind verunsichert und aus dieser Verunsicherung heraus entwickelt sich echtes Stottern („Diagnosogenic Theory“). Der Schimpfname „Monsterstudie“ wurde in den 1940er und 1950er Jahren von Mitarbeitern des Stotterforschungsprogramms an der Universität von Iowa geprägt.[1]
Studienaufbau
256 Kinder wurden von Tudor und fünf weiteren Doktoranden untersucht. Sie hörten sich die Sprachäußerungen einzelner Kinder an und bewerteten sie auf einer Skala von 1 (schlecht) bis 5 (flüssig). 22 Probanden im Alter von 5 bis 16 Jahren wurden für die Studie ausgewählt. Zehn davon waren vor Beginn der Studie von Lehrern und Betreuern als stotternd eingestuft worden. Die übrigen zwölf galten als „normal“ sprechend. Beim ersten Besuch testete Tudor zudem den IQ jedes Kindes und ermittelte dessen Händigkeit (Links- oder Rechtshänder). Die Versuchsphase dauerte von Januar bis Ende Mai 1939, und die eigentliche Intervention bestand darin, dass Tudor alle paar Wochen nach Davenport fuhr und mit jedem Kind etwa 45 Minuten lang sprach.
Die Kinder wurden in zwei nach IQ und Händigkeit parallelisierte Gruppen aufgeteilt, wobei sich in beiden Gruppen Kinder mit und ohne Stottern befanden. Die eine Gruppen wurde als „normale Sprecher“ bezeichnet, die andere als „Stotterer“. Das experimentelle Treatment bestand darin, dass den Kindern der „normalen Sprecher“, auch wenn sie Stottersymptome aufwiesen, gesagt wurde, sie würden nicht stottern, indem ihnen unter anderem erzählt wurde: „Ihr werdet das Stottern überwinden und sogar noch viel besser sprechen können als jetzt … Kümmert euch nicht darum, was andere über eure Sprechfähigkeit sagen, denn sie verstehen zweifellos nicht, dass dies nur eine Phase ist." („positive Therapie“). Hingegen wurde den nicht stotternden Kindern in der „Stotterer“-Gruppe gesagt, sie würden stottern: „Das Personal ist zu dem Schluss gekommen, dass ihr große Schwierigkeiten mit eurer Sprache habt … Ihr zeigt viele Symptome eines Kindes, das anfängt zu stottern. Ihr müsst sofort versuchen, damit aufzuhören. Setzt eure Willenskraft ein … Tut alles, um nicht zu stottern … Sprecht nur, wenn ihr es richtig könnt.“ („negative Therapie“).[2]
Ergebnisse
Die als „normale Sprecher“ eingestuften Kinder zeigten kaum Wirkung durch das Lob der Forscher. Nur bei einem Kind war eine Verbesserung festzustellen. Den Kindern der „Stotterer“-Gruppe ging es schlechter. Nicht alle dieser Kinder stotterten tatsächlich, aber von den sechs Kindern, die fälschlicherweise für ihre Aussprache getadelt wurden, entwickelten fünf Sprachprobleme. Diese Kinder zogen sich zurück und einige hörten ganz auf zu sprechen. Die schulischen Leistungen aller Kinder dieser Gruppe ließen nach. Eine statistische Reanalyse der quantifizierbaren Daten (Bewertungen der Gutachter vor und nach der Behandlung, Unterschiede in der Häufigkeit spezifischer Sprechunflüssigkeitstypen vor und nach der Behandlung) ergab im Übrigen keinerlei signifikante Ergebnisse; demnach ist die Schlussfolgerung, dass die Daten Johnsons „diagnosogene Theorie“ in irgendeiner Weise stützen, unhaltbar.[3]
Aber Tudor selbst war durch diese Auswirkungen betroffen. Dreimal, nachdem ihr Experiment offiziell beendet war, kehrte sie freiwillig ins Waisenhaus zurück, um die Kinder nachzubetreuen. In einem Brief vom 22. April 1940 schrieb sie an Johnson über die Waisenkinder: „Ich glaube, dass sie sich mit der Zeit erholen werden, aber wir haben sie sicherlich nachhaltig geprägt.“ Sie versuchte, die negativen Auswirkungen des Experiments rückgängig zu machen und bedauerte in ihren Briefen an Johnson, dass sie nicht genügend positive Therapie anbieten konnte, um die schädlichen Folgen vollständig zu beseitigen. Johnson veröffentlichte die Ergebnisse nie; ein 1988 im „Journal of Fluency Disorders“ veröffentlichter Artikel legt nahe, dass er die Ergebnisse des Experiments aus Scham nie veröffentlichte und die ethischen Implikationen seines Experiments an schutzbedürftigen Kindern, die nicht einwilligungsfähig waren, in einer Einrichtung, in der kein Elternteil oder Erziehungsberechtigter einer Teilnahme wirksam zugestimmt hatte, durchaus verstand.[4]
Einzelfälle
Eines ihrer Opfer war die 12-jährige Mary Korlaske. Sobald das Mädchen in der ersten Stunde ein Wort wiederholte, erklärte ihr die vorgebliche Therapeutin, sie sei auf dem Weg zur Stotterin. Diese Hinweise sollten das Problem noch verstärken. Das Mädchen musste seine Sprache ständig kontrollieren und widersinnige Gegenmaßnahmen ergreifen – etwa vor schwierigen Worten tief Luft holen. Bald versprach sich das Kind immer öfter. Den Leidensgenossen ging es nicht besser. Vier Monate später kämpften fünf der sechs Kinder, die zu Beginn normal geplaudert hatten, mit der Sprache. Auch bei den drei der fünf Kinder, die schon vorher gestottert hatten, war es mit dem Sprechen noch weiter bergab gegangen. Mary Korlaske lernte nie wieder richtig sprechen. Sechs Jahrzehnte später schrieb sie der Therapeutin einen Brief: „An Mary Tudor Jabobs, das Monster: Sie haben mein Leben zerstört. Ich hätte Wissenschaftlerin werden können, Archäologin oder sogar Präsidentin. Stattdessen wurde ich eine bemitleidenswerte Stotterin.”[5]
Öffentliche Reaktionen
Die Monster-Studie erlangte 2001 landesweite Bekanntheit. Jim Dyer, ein investigativer Journalist des San Jose Mercury News, veröffentlichte eine Artikelserie, nachdem er die „Monsterstudie“ im Keller der Universität von Iowa entdeckt hatte. Er war betroffen und nahm Kontakt zu den Testpersonen auf, um die Geschehnisse und ihre Folgen besser zu verstehen. Die Artikel enthüllten, dass einige der Kinder unter den langfristigen psychischen Folgen des Experiments litten. Eine Frau zeigte sich entsetzt, als sie erfuhr, dass sie ohne ihr Einverständnis und Wissen Teil eines Experiments gewesen war. Sie hatte ihr Leben lang geglaubt, zu stottern, und die negativen Reaktionen der Versuchsleiterin hätten dazu geführt, dass sie sich in vielen Lebensbereichen zurückgezogen hatte. Kinder einer der ursprünglichen Testpersonen berichteten, dass ihr Elternteil sehr still und unsicher in Bezug auf seine/ihre Sprache war.[6]
Anfang der 2000er-Jahre verklagten drei Teilnehmer der Stotterer-Gruppe die University of Iowa wegen seelischer Belastung und arglistiger Täuschung. Auch die Erben dreier weiterer Probanden wurden in die Klage einbezogen. Die Kläger gaben an, die Studie habe nachhaltige negative Auswirkungen auf sie gehabt. Eine Teilnehmerin spräche noch immer ungern. Eine andere, die heute ein gutes Leben führt, sagte, sie habe im Waisenhaus nur wenige Freunde gehabt, unter anderem, weil sie so schweigsam war. Letztlich gewannen sie einen Vergleich, die University of Iowa zahlte über eine Million Dollar an die Opfer und deren Erben und entschuldigte sich öffentlich.[7][8][9]
Die nachhaltigste Konsequenz dieser Studie liegt möglicherweise eher in der Forschungsethik als in der Sprachwissenschaft. Sie reiht sich in andere berüchtigte Experimente aus dem 20. Jahrhundert ein und veranschaulicht beispielhaft, was geschieht, wenn Forschende einer Hypothese den Vorrang vor dem Wohl ihrer Probanden geben, insbesondere wenn es sich bei diesen Probanden um Kinder ohne Fürsprecher handelt.[10][11] Zwischenzeitlich wurden diese ethischen Probleme in den Wissenschaften, die mit Menschen zu tun haben, aber erkannt, und es wurden entsprechende Regulierungen wie etwa im Nürnberger Kodex getroffen. Im akademischen Bereich werden Experimente an Menschen durch die orts- oder fachspezifischen Ethikkommissionen überwacht, um Fehlentwicklungen zu verhindern.
Siehe auch
Literatur
Weblinks
- Psychology Experiment - The Monster Study (One Of The Most Unethical Study Ever Conducted) auf YouTube, abgerufen am 19. März 2026.
- Gretchen Reynolds: The Stuttering Doctor’s ‘Monster Study. In: The New York Times vom 16. März 2003, abgerufen am 19. März 2026.
- F. H. Silverman: The ‘monster’ study. In: Journal of Fluency Disorders, 1988, 13 (3), S. 255–231.
- Jim Dyer: The Monster Study: How Doctors Tortured Orphans in the name of Medicine auf CVLT Nation vom 18. Juli 2024, abgerufen am 19. März 2026.