William Ritchie Russell
britischer Neurologe und Professor
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William Ritchie Russell (* 7. Februar 1903 in Edinburgh; † 8. Dezember 1980 in Oxford) war ein Neurologe und emeritierter Professor an der Universität Oxford.[1][2]
Leben
Er wurde als das älteste von sechs Kindern geboren. Seine Mutter war Beatrice Ritchie (deren Mädchenname später sein bevorzugter Name werden sollte) und hatte an der Universität Brüssel ihr Medizinstudium abgeschlossen. Obwohl sie voll qualifiziert war, wurde ihr die Approbation verweigert. Bei Kriegsausbruch schloss sie sich der Bewegung der Scottish Women’s Hospitals an, um ein Netzwerk von vierzehn Krankenhäusern in ganz Europa zu leiten. Sein Vater William Russell war Professor für Medizin an der Universität Edinburgh, einer seiner Brüder, Scott Russell, war Professor für Geburtshilfe und Gynäkologie an der University of Sheffield. Er selbst besuchte die Edinburgh Academy und studierte danach Medizin an der Universität Edinburgh; hier schloss er sein Studium 1926 mit einem Bachelor of Medicine, Bachelor of Surgery (MB ChB) ab. Seine Facharztausbildung als Assistenzarzt und Assistenzchirurg absolvierte er am Royal Infirmary of Edinburgh und ab 1928 verbrachte er zwei Jahre als Oberarzt am National Hospital am Queen Square in London. 1930 kehrte er als klinischer Tutor nach Edinburgh zurück und erhielt gleichzeitig ein Forschungsstipendium des Medical Research Council. 1932 promovierte er und erhielt den Doktortitel (Medicinæ Doctor); in seiner Dissertation hat er den Zusammenhang zwischen posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) und Schädel-Hirn-Trauma (SHT) nachgewiesen. 1934 wurde er Assistenzarzt am Royal Infirmary in Edinburgh. Von 1940 bis 1945 diente er im Royal Army Medical Corps und wurde Leiter der medizinischen Abteilung des National Military Hospital for Head Injuries (MHHI) in Oxford sowie beratender Neurologe der Streitkräfte im Nahen Osten im Rang eines Brigadegenerals. 1966 wurde er der erste Professor für klinische Neurologie an der Universität Oxford. 1970 ging er in den Ruhestand.
Werk
Der Schwerpunkt seiner Arbeiten bezog sich auf Kopfverletzungen während des Zweiten Weltkrieges. Das von ihm angelegte Patientenregister mit Hirnverletzten bildete die Grundlage für zahlreiche Veröffentlichungen von ihm und seinen Kollegen, sowohl während des Krieges als auch in den Nachkriegsjahren. Die detaillierten Aufzeichnungen, insbesondere über penetrierende Schussverletzungen, ermöglichten genaue Vergleiche zwischen dem Ort der Hirnverletzung und den funktionellen Beeinträchtigungen. Er erkannte auch die Bedeutung medizinisch betreuter Rehabilitation für Menschen mit neurologischen Erkrankungen. Dabei gehörte er zu den Ersten, die Physio- und Ergotherapie als aktive Bestandteile in die Behandlung integrierten. Die Koordination einer umfassenden Versorgung und Dokumentation war eine enorme logistische Leistung, wobei er den Kontakt zu Tausenden von Patienten aufrechterhielt und ein zentrales, durchsuchbares Datenarchiv aufbaute. Nach dem Krieg begann er ein Projekt, das postalische Umfragen mit einem neuartigen System zur systematischen Speicherung klinischer Daten im Binärformat auf gelochten Karteikarten kombinierte. Mit dieser Methode erfasste er die Ergebnisse von 1166 Patienten über fünf Jahre und ermittelte so die Belastung durch posttraumatische Epilepsie, Behinderung und Arbeitslosigkeit bei Überlebenden mit penetrierender Hirnverletzung. Bis zum Ende des Koreakriegs 1953 hatte er eine Kohorte von über 3000 Veteranen definiert, die mit den Folgen von Hirnverletzungen – von Gehirnerschütterungen bis hin zu Schusswunden – lebten. Die MHHI-Kohorte zählt bis heute zu den größten Datensätzen, die Langzeitfolgen nach einem Schädel-Hirn-Trauma beschreiben. Weitere von ihm untersuchte Themen bezogen sich auf Phantomschmerzen, Multiple Sklerose und die Behandlung von Menschen mit chronischen neurologischen Behinderungen.
Neben seiner Arbeit an Kopfverletzungen widmete er sich nach dem Krieg einem weiteren neurologischen Problem, das neu in Großbritannien war: der Kinderlähmung. Zusammen mit Edgar Schuster entwickelte er 1953 die Radcliffe-Beatmungspumpe. Diese ermöglichte eine präzisere Steuerung von Druck, Frequenz und Volumen und erzeugte eine Wellenform mit schnellem Fluss und Druckanstieg bei der Inspiration, um Luft durch die Trachealkanüle zu pressen.
Nach seiner Pensionierung blieb sein Interesse an der Neurologie bestehen. Er wirkte zudem maßgeblich an der Planung und dem Bau eines speziell für Senioren konzipierten Wohnblocks in Oxford mit; dieser wurde nach ihm „Ritchie Court“ genannt, und er verbrachte dort seine letzten Jahre, wenn er nicht in seinem Haus in Südfrankreich war. Er engagierte sich auch stark bei Exit, einer Organisation für Sterbehilfe, deren Prinzipien er auch für sein eigenes Lebensende einsetzte. In Ritchie Court starb er am 8. Dezember 1980.
Ehrungen/Positionen
- 1952: Commander of the Order of the British Empire (CBE)
- 1948–1969: Herausgeber des Journal of Neurology, Neurosurgery, and Psychiatry
- 1937: Fellow of the Royal Society of Edinburgh
- 1934: Mitglied der Harveian Society of Edinburgh
Privates
1932 heiratete er Jean Stuart Low. Das Paar hatte einen Sohn, der Arzt wurde, und eine Tochter.
Publikationen (Auswahl)
- Monografien
- Multiple sclerosis, control of the disease. Pergamon Press, Oxford 1976, ISBN 978-0080210025.
- Mit A. J. Dewar: Explaining the Brain. Oxford University Press, Oxford 1975, ISBN 978-0192176509.
- The Traumatic Amnesia (Neurological Monograph). Oxford University Press, London 1971, ISBN 978-0198572046.
- Brain Memory and Learning - a Neurologist's View. Oxford University Press, New York 1959.
- Mit M. L. E. Espir: Traumatic aplasia. Oxford University Press, London 1961.
- Poliomyelitis. Edward Arnold & Co, London 1952.
- Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
- Mit E. F. M. Wijdicks; A.B. Baker; Fred Plum: Pioneers of ventilatory management in poliomyelitis. In: Neurology, 2016, 87, S. 1167–1170.
- Disability caused by brain wounds. In: Journal of Neurology, Neurosurgery and Psychiatry, 1951, 14, S. 35–39.
- Cerebral involvement in head injury. A study based on the examination of two hundred cases. In: Brain, 1932, 55, S. 549–603.
Weblinks
- Literatur von und über William Ritchie Russell im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- (William) Ritchie Russell (1903–1980) auf Deutsche Digitale Bibliothek, abgerufen am 29. Januar 2026.
Literatur
- Jonathan Attwood; Juliette Houchois; Margaret M. Esiri; Edward H. F. de Haan; Gabriele De Luca: (William) Ritchie Russell (1903–1980) . In: Journal of Neurology, 2024, 271 (6), S. 3693–3695.
- J. Walton: Russell, (William) Ritchie (1903–1980), neurologist. In: Oxford Dictionary of National Biography vom 23. September 2004