Woranso-Mille

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Woranso-Mille (auch: Woranso-Mille study area) ist ein paläontologisches Grabungsgebiet im westlichen Zentrum der Afar-Region in Äthiopien, ungefähr 360 Kilometer nordöstlich von Addis Abeba. Das Gebiet ist seit den 1970er-Jahren als fossilienführend bekannt, wird aber erst seit 2003 unter Leitung von Yohannes Haile-Selassie genauer erkundet.[1]

Lage von Woranso-Mille (oben) am Rande des Afar-Dreiecks
Burtele-Fuß, die erhalten gebliebenen Vorfußknochen

Aus der Grabungsstätte Burtele 2 stammt der 2012 wissenschaftlich beschriebene Burtele-Fuß,[2] der 2025 der Art Australopithecus deyiremeda zugeordnet wurde. Australopithecus deyiremeda war 2015 anhand von Fragmenten zweier Kiefer, die unweit des Burtele-Fußes geborgen worden waren, als neue Art der Gattung Australopithecus benannt worden.

Historischer Hintergrund

Woranso-Mille liegt südlich der Straße von Bati nach Mille und nördlich der Straße von Mille nach Chiffra, 35 bis 40 Kilometer westlich der Stadt Mille. Anfang der 1970er-Jahre begann ein Team von jungen Geologen und Paläontologen, darunter Yves Coppens, Donald Johanson, Jon Kalb und Maurice Taieb, die Badlands im Afar-Dreieck zu kartieren und dabei potentielle Fundstellen von Fossilien zu erfassen.[3][4] Ergebnis dieser Erkundungen durch diese International Afar Research Expedition war unter anderem die Lokalisierung der Fossilienfundstätten Hadar und Gona.[5] Auch im heute Woranso-Mille genannten Gebiet wurden bereits 1971 und 1973 mehrere hundert Wirbeltier-Fossilien aufgesammelt; sorgfältig dokumentiert und publiziert wurden jedoch nur Funde von Meerkatzenverwandten, die ungefähr ein Viertel der – im damals noch Ahmado genannten Gebiet – geborgenen Knochen ausmachten.[6]

Erst nachdem Yohannes Haile-Selassie im Herbst 2002 vom äthiopischen Kultusministerium eine Grabungslizenz zugesprochen worden war, wurden ab dem Jahr 2003 weitere Studien in diesem Gebiet begonnen (Woranso-Mille Paleontological Research Project, WORMILPRP). Potentiell ertragreiche Örtlichkeiten wurden anhand von Luftbildfotografien und Satellitenfotografien vorab eingegrenzt.

Im Nordosten grenzt Woranso-Mille an das Grabungsgebiet Mille-Logya,[7] das seit 2012 von Wissenschaftlern um Zeresenay Alemseged erforscht wird.

Funde

Schon während der ersten Grabungsperiode 2003/04 wurden unter anderem ein hominines Oberarmknochen-Fragment und – zwei Meter von diesem entfernt – ein mutmaßlich ebenfalls homininer oberer Schneidezahn entdeckt. 2005 wurden weitere hominine Knochen geborgen – darunter das 2010 erstmals beschriebenes Teilskelett KSD-VP-1/1 von Australopithecus afarensis[8] – sowie mehr als 600 weitere Fossilien von überwiegend landlebenden Wirbeltieren, darunter Großkatzen, Schleichkatzen und Bären, Hornträger, Schweine, Riedböcke, Pferde und Giraffenartige sowie Schlank- und Stummelaffen und einige Überreste von Karpfenfischen (Barbus). Das Teilskelett – wegen seiner auf fast zwei Meter geschätzten Größe Kadanuumuu („Big Man“) genannt – gilt als besonders aufschlussreicher Fund, weil Schulterblatt sowie Teile des Beckens und eines Beins erhalten geblieben sind; aus deren Bau konnte abgeleitet werden, dass „Big Man“ zu Lebzeiten fast wie ein anatomisch moderner Mensch (Homo sapiens) aufrecht gehen konnte. Für die infolge Bodenerosion an der Oberfläche zu Tage tretenden Fossilien wurde mit Hilfe der 40Ar-39Ar-Methode ein Alter von mindestens 3,5 Millionen und durch biostratigraphische Analysen ein Alter von ungefähr 3,8 bis 3,6 Millionen Jahren bestimmt.

Zu den bedeutendsten Funden zählt ferner der im Februar 2016 entdeckte Schädel MRD-VP-1/1 von Australopithecus anamensis mit teilweise erhaltenem Oberkiefer, dem ein Alter von rund 3,8 Millionen Jahre zugeschrieben wurde.[9]

Das frühpliozäne Forschungsgebiet Woranso-Mille gilt insofern als bedeutend, als aufgrund anderer Grabungen vermutet wird, dass sich in der Zeit zwischen rund 3,8 und 3,5 Millionen Jahren vor heute der evolutive Übergang von Australopithecus anamensis zu Australopithecus afarensis ereignet hat, der fossil aber bislang kaum belegt ist.[10][11]

Der Burtele-Fuß war aufgrund seiner weit abspreizbaren Zehe der erste Beleg dafür, dass vor 3,4 Millionen Jahren neben Australopithecus afarensis noch eine zweite Art der Hominini in Ostafrika existierte.[12] Obwohl 2015 Australopithecus deyiremeda anhand von benachbart aufgesammelten Fossilien benannt worden war, wurden die Fuß-Knochen erst zehn Jahre später, nach der Entdeckung weiterer Zähne und eines dritten Unterkiefers, offiziell Australopithecus deyiremeda zugeordnet.[13]

Paläoökologie

In einer Anfang 2022 publizierte paläoökologische Studie kamen Denise F. Su und Yohannes Haile-Selassie zu dem Ergebnis,[14] dass es während des Pliozäns im Gebiet des heutigen Woranso-Mille ein Mosaik aus unterschiedlichen Habitaten gab. Hierzu gehörten Auwälder und zeitweise überflutetes Grasland entlang von Flüssen, die in einen See mündeten, aber auch weniger feuchte Biotope wie Wälder, Buschland und offene Savannen. Die augenscheinlich hohe Heterogenität der Vegetation könnte den beiden Autoren zufolge Spezialisierungen bei der Ernährung unterschiedlicher Arten von Australopithecus und so die Herausbildung unterschiedlicher ökologischer Nischen ermöglicht haben, was wiederum die Koexistenz mehrerer Australopithecus-Arten in Woranso-Mille begünstigt haben könnte.

Literatur

Belege

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