ANO 2011

tschechische Partei From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Politische Bewegung ANO 2011 (tschechisch Politické hnutí ANO 2011; Kurzform ANO, „ano“ bedeutet auf Tschechisch ‚ja‘, zugleich steht es für akce nespokojených občanů, „Aktion unzufriedener Bürger“) ist eine rechtspopulistische und europaskeptische Partei in Tschechien um den Chemie- und Agrarunternehmer Andrej Babiš.[2][3]

Schnelle Fakten
ANO 2011
Partei­vorsitzender Andrej Babiš
Gründung 2011 (Bürgerinitiative),
2012 (Partei)
Hauptsitz Prag
Ausrichtung Rechtspopulismus
Catch-all-Partei
konservativ-liberal[1]
Farbe(n) Blau
Sitze Abgeordnetenhaus
80 / 200 (40,0 %)
Sitze Senat
12 / 81 (14,8 %)
Sitze EU-Parlament
7 / 21 (33,3 %)
Europapartei Patriots.eu
EP-Fraktion Patrioten für Europa
Website www.anobudelip.cz
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Die Ideologie der Partei galt lange als unbestimmt,[4][5][6] sie wurde oft nur als populistisch beschrieben. Sie positioniert sich gegen die „etablierte politische Elite“ und „gegen Korruption“.[7][8][9]

Von 2013 bis 2017 war ANO Juniorpartner in einer Koalitionsregierung. Nach dem Wahlsieg 2017 führte sie selbst die Regierung mit Babiš als Ministerpräsidenten. Bei den Wahlen 2021 verlor ANO knapp gegen das Wahlbündnis Spolu und ging in die Opposition, um 2025 mit 34,5 % der Stimmen das bisher beste Ergebnis bei Parlamentswahlen zu erreichen. Daraufhin wurde Babiš erneut Ministerpräsident.

Geschichte

Gründung und Frühphase (2011–2013)

Vorläuferin der Partei war die 2011 gegründete Bürgerinitiative Akce nespokojených občanů (‚Aktion unzufriedener Bürger‘). Im Mai 2012 erfolgte ihre Registrierung als politische Bewegung unter dem Namen ANO 2011. Das tschechische Wort ano bedeutet auf Deutsch „ja“. Ihr Slogan ist Ano, bude líp. („Ja, es wird besser.“)

Hinter der Bewegung steht der tschechische Unternehmer und Milliardär Andrej Babiš als Vorsitzender. Dieser war von 2013 bis 2024[10] an der größten tschechischen Zeitung Mladá fronta Dnes, Lidové noviny, der Gratis-Zeitung Metro, an Internetportalen, privaten Fernsehsendern und Druckereien beteiligt.[11][12] Der Kauf wurde im August 2013 genehmigt und kurz vor der Abgeordnetenhauswahl im Oktober durch das tschechische Kartellamt genehmigt.[13] Bei dieser Wahl traten für ANO unter anderem der ehemalige EU-Kommissar Pavel Telička und der ehemalige tschechische Kulturminister Martin Stropnický an. Unterstützt wurden Andrej Babiš und seine Partei durch die US-amerikanische PR-Agentur Penn Schoen Berland (PSB), die unter anderem für Bill und Hillary Clinton tätig war.[14]

Aufstieg und Juniorpartner in der Regierung (2013–2017)

Bei der vorgezogenen Abgeordnetenhauswahl 2013 wurde ANO mit 18,65 Prozent auf Anhieb zweitstärkste Kraft im Parlament und unterzeichnete am 6. Januar 2014 mit den Sozial- (ČSSD) und Christdemokraten (KDU-ČSL) einen Koalitionsvertrag, nach dem die ANO sechs Mitglieder im Kabinett von Bohuslav Sobotka (ČSSD) erhielt.[15][16]

Bei der Europawahl 2014 wurde ANO 2011 aus dem Stand mit 16,1 Prozent stärkste Kraft in Tschechien und zog mit vier Abgeordneten ins Europäische Parlament ein. Bei den Kommunalwahlen 2014 erreichte ANO im landesweiten Schnitt 14,6 Prozent. In Prag wurde ANO mit 22,1 Prozent stärkste Kraft und stellte anschließend bis 2018 mit Adriana Krnáčová die Bürgermeisterin.

Im November 2014 wurde die Partei Mitglied der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (ALDE).[17] Die von ANO nominierte EU-Kommissarin Věra Jourová war bis 2024 im Amt und genoss hohes Ansehen.

Bei den Regionalwahlen in Tschechien 2016 erzielte ANO mit 21 % die meisten Stimmen aller Parteien.

Regierungen Babiš I und II (2017–2021)

Bei der Abgeordnetenhauswahl im Oktober 2017 wurde ANO mit 29,6 % der Stimmen und großem Abstand auf die übrigen Parteien stärkste Kraft. Die Regierungsbildung gestaltete sich jedoch schwierig: Mit Ausnahme der nationalistischen und ebenfalls EU-skeptischen Svoboda a přímá demokracie (SPD) lehnten alle übrigen Parteien eine Koalition unter Babiš ab, der zu der Zeit unter dem Verdacht der missbräuchlichen Verwendung von EU-Fördergeldern für ein Freizeitareal stand und dem Spitzeltätigkeit für den kommunistischen Geheimdienst vor 1989 vorgeworfen wurde. Mit der SPD wiederum wollte ANO nicht koalieren.[18][19][20] Im Parlament kooperierte ANO zeitweise mit der SPD und der Kommunistischen Partei, um Ausschussposten zu besetzen.[21] Im Dezember 2017 wurde Babiš zum Ministerpräsidenten einer Minderheitsregierung ernannt, der nur ANO-Mitglieder und parteilose Minister angehörten.[22] Nach erneuten Verhandlungen bildete ANO im Juni 2018 eine zweite Minderheitsregierung in Koalition mit der sozialdemokratischen ČSSD, die sich im Parlament auf die Unterstützung der Kommunisten stützte.[23]

Opposition (2021–2025)

Bei der Abgeordnetenhauswahl 2021 verlor ANO Stimmanteile und wurde nur noch zweitstärkste Kraft. Zudem verpassten beide Koalitionspartner den Wiedereinzug ins Parlament. ANO ging in die Opposition.

Bei der Europawahl 2024 wurde die Partei mit 26,14 % stärkste Kraft. Nach der Wahl verließ die Partei die liberale ALDE und die Fraktion Renew Europe und gründete gemeinsam mit anderen Parteien die neue rechtspopulistische Fraktion Patrioten für Europa.[24]

Regierung Babiš III (seit 2025)

Bei der Abgeordnetenhauswahl 2025 konnte ANO mit 34,5 % der Stimmen um mehr 7 % zulegen und wurde erneut zur stärksten Partei. Sie trat daraufhin in Regierungsverhandlungen mit den Rechtsparteien SPD und Motoristé ein. Am 9. Dezember 2025 wurde Babiš erneut zum Ministerpräsidenten ernannt.[25]

Politische Einschätzung

Der Politikwissenschaftler Ladislav Cabada von der privaten Metropoluniversität Prag bezeichnete ANO als „Akteur jenseits der klassischen Links-Rechts-Skala“, die sich selbst bewusst als Bewegung sehe und das Wahlprogramm zuletzt mehrfach habe überarbeiten müssen. Unklar sei auch, wie unabhängig vom Gründer Babiš die über 40 Abgeordneten seien. Das alles erinnere „ein bisschen an Beppe Grillo in Italien“.[4] Der tschechische Journalist Jakub Patočko wiederum sieht Parallelen mit der Partei Silvio Berlusconis:

„Das politische Projekt Babiš’ lässt sich in der europäischen Politik am ehesten mit dem von Berlusconis Forza Italia vergleichen. Die ANO ist eine ideologisch nicht eingegrenzte, breite politische Bewegung eines urwüchsigen Oligarchen, der sich von der bisherigen politischen Elite abgrenzt. Mit Berlusconi verbindet Babiš zudem der Umstand, dass es sich bei beiden um mächtige Medienmagnaten handelt.“[26]

Wie Berlusconis Forza Italia wird ANO als eine Unternehmer- oder „Firmenpartei“ charakterisiert.[27] Sinnbildlich für Babiš Führungsstil in seiner Partei kann das Zitat „Ich bezahle, also entscheide ich“ angeführt werden, das er laut dem ehemaligen Parteimitglied Hana Greplová geäußert haben soll.[28] Kurz nach der Gründung von ANO verglich Babiš die Tschechische Republik mit einer „Firma mit zehn Millionen Aktionären“.[29] Im Wahlkampf 2013 stellte die Partei den Slogan „Ja, der Staat muss wie eine Firma regiert werden“ auf.[30]

Auch Karl-Peter Schwarz, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) schrieb, die ANO ähnele „einem blitzblanken, leeren Gefäß, das für alle möglichen Inhalte bereitsteht“. Das erkläre zwar teilweise ihren Erfolg bei den Wählern, mache sie aber zugleich für eventuelle politische Partnerschaften schwer berechenbar.[5] Die Auslandskorrespondentin der tageszeitung (taz), Alexandra Mostyn, bemerkte hingegen, Babiš gelte immerhin „im Gegensatz zu Vertretern der etablierten Parteien […] ob seines Milliardenvermögens als unbestechlich. Und das ist alles, was viele Wähler heute von ihren Politikern verlangen.“[31]

Die deutsche Konrad-Adenauer-Stiftung[32] und die österreichische Zeitung Der Standard[33] bezeichneten die ANO im Jahr 2016 als „liberalpopulistisch“. Die tschechischen Politologen Jan Bíba und Radek Buben sprechen von „Unternehmerpopulismus“.[34]

Die ehemalige Zugehörigkeit der ANO zum liberalen Parteienzusammenschluss ALDE führt der Politikwissenschaftler Vít Hloušek auf taktische Erwägungen zurück, ANO sei keine echte liberale Partei. Sie biete ein eher vermischtes, populistisches Programm, das gewisse liberale Elemente, aber auch Einflüsse anderer Ideologien und Themen aufweise und weit von der Hauptströmung der europäischen Liberalen entfernt sei.[35] Auch die übrigen ALDE-Mitgliedsparteien sahen die Mitgliedschaft von ANO aufgrund wiederholter rechtskonservativer Äußerungen durch Babiš und einem Treffen mit anderen rechtspopulistischen Politikern zunehmend kritisch. Im Juni 2024 verließ ANO schließlich ALDE und trat im September stattdessen der neuen rechtspopulistischen Partei Patriots.eu bei.[36][37] Diesen Schritt bezeichnete Politikwissenschaftler Jiří Pehe als deutlichen Rechtsruck der Partei.[38] Von einer stärkeren Orientierung nach Rechts in den vergangenen Jahren zeugt auch das Ausscheiden von zahlreichen hochrangigen Persönlichkeiten aus den Gründungsjahren, deren Politik als liberal eingestuft wurde, wie die Ex-Minister Martin Stropnický, Karla Šlechtová, Robert Pelikán, die EU-Abgeordneten Dita Charanzová und Martina Dlabajová sowie EU-Kommissarin Jourová.[39]

Der Politikwissenschaftler Vlastimil Havlík sieht eine mögliche Gefahr für die freiheitliche Demokratie in der autokratischen Struktur der Partei, der Konzentration von wirtschaftlicher, politischer und Medienmacht in der Person Babišs sowie dessen Politikverständnis, den Staat wie ein Unternehmen führen zu wollen, mit einem uneingeschränkten Entscheider (entsprechend dem Eigentümer des Unternehmens) und loyalen Untergebenen, ohne die Hemmnisse institutioneller Prozeduren und Minderheitenrechte. Da ANO bislang auf Koalitionspartner angewiesen war, habe sie entsprechende antidemokratische Maßnahmen aber (noch) nicht umsetzen können.[40]

Trotz seiner populistischen Kritik an der EU oder an der starken militärischen Unterstützung der Ukraine spricht sich Babiš für einen Verbleib Tschechiens bei der EU und der NATO aus.[41]

Programm

In ihrem Programm setzt sich die Bewegung unter anderem für Folgendes ein:

  • verbesserte Arbeitsbedingungen für Hochschulabsolventen, Menschen über 50 Jahre und Behinderte
  • es sollen keine Steuern erhöht werden und zudem soll die Mehrwertsteuer gesenkt werden
  • Steuern sollen konsequent eingetrieben werden
  • einfache und stabile Regeln für Unternehmen und Investoren
  • die Immunität der Abgeordneten und Senatoren im Parlament soll abgeschafft werden
  • die Vermögensverwaltung von Politikern und Beamten sollen offengelegt und einer unabhängigen Kontrolle unterzogen werden
  • das Glücksspiel soll beschränkt werden
  • das Bildungssystem soll besser gefördert und die finanziellen Mittel für Forschung und Wissenschaft sollen verdoppelt werden

Wahlergebnisse

Weitere Informationen Jahr, Wahl ...
Jahr Wahl Wähleranteil Parlamentssitze Platz Position
2013 Tschechien Abgeordnetenhauswahl 2013 18,65 %
47/200
2. Regierungsbeteiligung
2014 Europa Europawahl 2014 16,13 %
4/21
1.
2016 Tschechien Regionalwahlen 2016 21,05 %
176/671
1.
2017 Tschechien Abgeordnetenhauswahl 2017 29,64 %[42]
78/200
1. Minderheitsregierung
2019 Europa Europawahl 2019 21,18 %
6/21
1.
2021 Tschechien Abgeordnetenhauswahl 2021 27,1 %
72/200
2. Opposition
2024 Europa Europawahl 2024 26,14 %
7/21
1.
2025 Tschechien Abgeordnetenhauswahl 2025 34,5 %[43]
80/200
1.
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Bekannte Mitglieder

Siehe auch

Literatur

  • Lubomír Kopeček: “I’m Paying, So I Decide”. Czech ANO as an Extreme Form of a Business-Firm Party. In: East European Politics and Societies, Band 30 (2016), Nr. 4, S. 725–749.
  • Jakub Patočka: »Unternehmerpopulismus«. Der Aufstieg des Andrej Babiš in Tschechien. In: Ernst Hillebrand (Hrsg.): Rechtspopulismus in Europa. Gefahr für die Demokratie? Dietz, Bonn 2015, ISBN 978-3-8012-0467-9, S. 88 ff.
Commons: ANO 2011 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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