Alice Ceresa

schweizerisch-italienische Autorin From Wikipedia, the free encyclopedia

Alice Ceresa (* 25. Januar 1923 in Basel; † 22. Dezember 2001 in Rom; heimatberechtigt in Cama GR) war eine schweizerisch-italienische Autorin.

Leben

Ceresa war die Tochter eines italienischsprachigen Vaters und einer Deutschschweizer Mutter.[1] Sie wuchs in Bellinzona auf, lebte ab 1943 in Zürich, wo sie Ignazio Silone kennenlernte, und siedelte 1951 nach Rom über, wo sie bis zu ihrem Tod 2001 blieb.[1] Sie arbeitete zunächst zehn Jahre lang als Sekretärin der von Silone gegründeten Organisation Associazione Italiana per la Libertà della Cultura.[1]

Daneben und danach war sie als Übersetzerin, Journalistin und Schriftstellerin tätig, unter anderem als Redaktorin für die Zeitschrift Tempo presente sowie als Übersetzerin und Lektorin für den Verlag Longanesi. Für das Schweizer Radio arbeitete sie zudem regelmäßig an Beiträgen rund um die Themen weibliche Ungleichheit, Familie und Feminismus, die unter anderem in die Erzählung Der Tod des Vaters und das posthum erschienene Kleine Wörterbuch der weiblichen Ungleichheit mündeten.[2]

Ceresa stand der literarischen Avantgarde ebenso nahe wie der frühen feministischen Bewegung Italiens und Frankreichs. In den Kreisen der italienischen Avantgarde war sie in den 1960er Jahren bald keine Unbekannte mehr, insbesondere nach der Veröffentlichung ihres experimentellen Debütromans La figlia prodiga im Jahr 1967.[2]

Sie hinterlässt mehrere unvollendete Werke. Ihr Nachlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.

Werk

Mit der Arbeit an dem Piccolo dizionario dell’inuguaglianza femminile begann Ceresa Anfang der 1970er Jahre; es blieb bis zu ihrem Tod 2001 unvollendet.[2] Nach der Herausgeberin Marie Glassl und der Literaturwissenschaftlerin Tatiana Crivelli erklärt sich diese Unabgeschlossenheit aus Ceresas grundsätzlicher Abneigung gegen abgeschlossene Ordnungssysteme sowie aus ihrem von Selbstzweifeln und Perfektionismus geprägten Arbeiten, das zu ständigen Umarbeitungen und einer schmalen Publikationsliste bei gleichzeitig umfangreichem Nachlass führte.[2]

In den kurzen, lexikonartig angelegten Einträgen zu Stichworten wie „Mutterschaft“, „Kultur“ oder „Katholische Kirche“ verbindet Ceresa gemäss Marianne Lieder postmodernen Spieltrieb mit beißender Ironie und parodiert den apodiktischen Ton klassischer Lexika und Enzyklopädien.[2] Das Werk markiere einen differenzfeministischen Ansatz, der sich nicht mehr mit Gleichheitsforderungen begnügt, sondern den Abweichungs- und Differenzcharakter des Weiblichen betont und die Nicht-Integrierbarkeit weiblicher Erfahrungen in ein als universal behauptetes, in Wahrheit aber patriarchal strukturiertes System hervorhebe.[2] Zugleich warne Ceresa davor, eine neue Essenz des Weiblichen zu postulieren, bleibe einer dekonstruktiven Perspektive verpflichtet und lasse Vorstellungen von Identität oder vermeintlicher Natürlichkeit immer wieder ironisch kollabieren.[2]

Veröffentlichungen

Die Werke Ceresas erscheinen seit 2024 im Diaphanes Verlag (Zürich/Berlin) erstmals auch auf Deutsch. Die Neuübersetzungen, insbesondere des Kleinen Wörterbuchs der weiblichen Ungleichheit, tragen dazu bei, dass Ceresa seit den 2020er Jahren im deutschsprachigen Raum als wichtige feministische Stimme und Autorin der italienischen Avantgarde wiederentdeckt wird.[2]

  • Gli altri. In: «Svizzera italiana», n. 17–20, Lugano, 1943.
  • La figlia prodiga. Giulio Einaudi Editore (La ricerca letteraria, n. 1), Turin 1967r).
  • La morte del padre. In: «Nuovi Argomenti», n. 62, aprile-maggio 1979, S. 69–90.
    • In Buchform: La morte del padre. Mit Ritratto di Alice von Patrizia Zappa Mulas. Edizioni et al., Mailand 2013, ISBN 978-88-6463-102-8.
    • Der Tod des Vaters. Übersetzt und mit einem Nachwort von Marie Glassl. Diaphanes, Zürich/Berlin 2025, ISBN 978-3-0358-0692-2.
  • Bambine. (Bambine – Geschichte einer Kindheit), Einaudi (Nuovi coralli n. 423), Turin 1990.
  • La figlia prodiga e altre storie. La Tartaruga, Mailand 2004, ISBN 978-88-7738-418-8.
  • Piccolo dizionario dell’inuguaglianza femminile. Postfazione di Jacqueline Bisset, Nottetempo, Roma, 2007, ISBN 978-88-7452-107-4.

Auszeichnungen

Literatur

Einzelnachweise

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