Alligator Alcatraz
Hafteinrichtung in Florida, USA
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Alligator Alcatraz ist eine Haft- und Abschiebeeinrichtung für Migranten in Südflorida, USA.[3] Sie befindet sich am Dade-Collier Training and Transition Airport im Big Cypress National Preserve Gebiet westlich von Miami.[4][5] Die Anlage ist die erste ihrer Art, die vom Bundesstaat betrieben wird.[6]
| Informationen zur Anstalt | |
|---|---|
| Name | Alligator Alcatraz |
| Bezugsjahr | 2025 |
| Haftplätze | ca. 3000[2] |
| Anstaltsleitung | Ministerium für Innere Sicherheit der Vereinigten Staaten zusammen mit der Abteilung für Notfallmanagement des Bundesstaates Florida |
Das Projekt wurde Mitte Juni 2025 vom Generalstaatsanwalt von Florida James Uthmeier der Öffentlichkeit durch ein Video auf der Social-Media-Plattform X vorgestellt[7] und bereits Anfang Juli nach einer Tour des US-Präsidenten Donald Trump eröffnet.[4] Die Einrichtung steht im Mittelpunkt zahlreicher Klagen von Umweltschutzorganisationen, Bürgerrechtsgruppen und dem Stamm der Mikasuki. Gemeinsam mit 67 Kongressabgeordneten stellen sie die Rechtmäßigkeit der Einrichtung infrage[8] – unter anderem wegen unmenschlicher Haftbedingungen,[9] negativer Umweltauswirkungen[10] und der Verletzung des Schutzes indigener Stammesgebiete.[11]
Der Name referenziert sowohl die umliegenden Alligatorengebiete als auch das ehemalige Hochsicherheitsgefängnis Alcatraz.
Geschichte
Everglades Jetport

Im Jahr 1968 begann die Konstruktion des neuen Miami Jetports in den Everglades. Angedacht waren sechs Landebahnen für Überschallflieger, womit der Big Cypress Swamp Jetport der größte seiner Zeit gewesen wäre.[5] Einsprüche zur Errichtung des Flugplatzes kamen von Ureinwohnern, Jägern und Umweltaktivisten, welche die Zerstörung des Ökosystems in Südflorida vorhersagten.[12] Der Bau wurde nur zwei Jahre später eingestellt, nachdem ein Stopp der Entwicklung der Boeing 2707 absehbar geworden war. Fertiggestellt war zu dem Zeitpunkt eine 3,2 km lange Landebahn.[13]
Nationales Schutzgebiet
Durch andauernde Bemühungen um den Schutz des Gebietes wurde das Big Cypress National Preserve am 11. Oktober 1974 zu einem der ersten Nationalen Schutzgebiete im Nationalparksystem der Vereinigten Staaten. Das Big Cypress National Preserve gewährt den Mikasuki, Seminolen und weiteren Ureinwohnern das dauerhafte Recht, das Land auf traditionelle Weise zu bewohnen und zu nutzen. Darüber hinaus haben sie das Vorrecht einkommensschaffende Unternehmen im Zusammenhang mit den Ressourcen und der Nutzung des Schutzgebiets, wie zum Beispiel geführte Touren, zu gründen.[14][15]
Das Big Cypress National Preserve wurde 2016 zum DarkSky International Park ernannt und ist damit das erste Naturschutzgebiet der USA, welches diese Ehre verliehen bekam.[16]
Hintergrund
Stephen Miller, Trumps oberster Berater beim Thema Einwanderung, erklärte im November 2023 dem konservativen Aktivisten Charlie Kirk auf seinem Podcast, dass Trump, sollte er wiedergewählt werden, bis zu 10 Millionen Einwanderer, welche illegal unter der Biden-Administration eingereist sein sollen, deportieren möchte. Dafür würde man diese in groß angelegten Razzien festnehmen und in Internierungscamps nahe der Grenze zu Mexiko sammeln. Von diesen Lagern aus würde die Regierung ununterbrochen Flüge organisieren, um Migranten in ihre Heimatländer zurückzubringen.[17]
Donald Trump und seine Administration bestätigten diese Linie in seiner zweiten Amtszeit durch eine Reihe migrationspolitischer Maßnahmen. Die Regierung verfolge eine deutlich verschärfte Einwanderungs- und Abschiebepolitik in enger Zusammenarbeit mit der Polizei- und Zollbehörde des Ministeriums für Innere Sicherheit ICE. Der Anstieg der Festnahmen von Nichtstaatsangehörigen führte zu einem erhöhten Bedarf an Unterbringungskapazitäten in den Internierungseinrichtungen, in denen die Betroffenen während ihrer Abschiebeverfahren festgehalten werden.[18] Um Betrieb, Verwaltung und Aufsicht dieser Einrichtungen zu gewährleisten, unterstützt die Regierung den neuartigen Ansatz von Abschiebegefängnissen unter der Verwaltung der Bundesstaaten. Alligator Alcatraz gilt als Modellprojekt dafür.[19]
Über den staatlichen Haushalt für die Deportationsvorhaben der aktuellen Regierung wurde am 1. Juli 2025 innerhalb des Gesetzgebungsverfahrens zum „One Big Beautiful Bill Act“ abgestimmt, in welchem 45 Milliarden US-Dollar für Immigrationshaftanstalten vorgesehen sind. Dies entspricht einem Anstieg von 265 % des jährlichen Budgets für ICE.[20]
Konstruktion und Inbetriebnahme
Lokalisierung von Alligator Alcatraz. |
Bekannt wurde das Projekt am 19. Juni 2025 über ein Video, hochgeladen auf dem X Account von Floridas Generalstaatsanwalt James Uthmeier. Unter dem Titel „Alligator Alcatraz: the one-stop shop to carry out President Trump’s mass deportation agenda.“ präsentiert Uthmeier den alten Flugplatz als perfekten Ort für eine Übergangshaftanstalt.[7]
Floridas Gouverneur Ron DeSantis nutzte daraufhin das seit 2023 bestehende Notstandsgesetz für Einwanderung aus, um den im Besitz des Landkreises befindlichen Flugplatz zu beschlagnahmen und die Konstruktion ohne die Kollaboration mit der lokalen Politik oder der sonst üblichen Prüfung des Einflusses auf die Umwelt zu starten.[21][22][23] Abgeordnete der Demokratischen Partei hinterfragten, ob es sich dabei nicht um eine Überschreitung der aus dem Notstandsgesetz resultierenden Befugnisse handelt.[22]

Am 21. Juni 2025 mobilisierte DeSantis eine Gruppe privater Unternehmen für den Bau des Komplexes und setzte die Nationalgarde ein, um die Umgebung zu sichern.[21] Die Anlage wurde innerhalb von, abhängig von der Quelle, sieben bis acht Tagen errichtet.[24.1][25] In der Woche darauf, dem 1. Juli 2025, besichtigten Donald Trump, Ron DeSantis und die Ministerin für Innere Sicherheit Kristi Noem zusammen mit anderen führenden Politikern Floridas die Konstruktion. Donald Trump lobte den Bau mit den Worten: „Es könnte so gut sein wie das echte Alcatraz.“[24.2]
Der erste Transport mit Inhaftierten traf am 2. Juli 2025 ein. Er markierte damit den Beginn des Betriebes der Haftanstalt.[26]
Kosten
Es wird geschätzt, dass der Betrieb des Lagers jährlich 450 Millionen US-Dollar kosten wird.[3][5] Die Kosten pro Bett belaufen sich dabei auf rund 245 US-Dollar, was etwa 58 US-Dollar mehr als den durchschnittlichen Inhaftierungskosten der ICE entspricht.[27.1] Bis zum 29. August 2025 hatte der Bundesstaat Florida bereits 218 Millionen US-Dollar an irreversiblen Baukosten für das Haftzentrum ausgegeben, finanziert aus dem Fonds für Notfallvorsorge und -bewältigung des Bundesstaates.[27]
Auftragsvergabe
Floridas Abteilung für Notfallmanagement und das Büro des Gouverneurs nutzten den seit Januar 2023 bestehenden „Immigrationsnotstand“ um Beschaffungs- und Ausschreibungsregeln zu umgehen. Dadurch konnten sie legal Verträge mit wichtigen Wahlkampfunterstützern von DeSantis und Spendern der republikanischen Partei abschließen.[22][28][29]
Beispielsweise wählten sie IRG Global Emergency Management, welche am 24. Juni 2025 10.000 US-Dollar an die Republikanische Partei Floridas gespendet hatten, für einen Vertrag im Wert von 1,1 Millionen US-Dollar aus. Diese sollen „betriebliche Unterstützungsdienste zur Unterstützung von Migrationsmaßnahmen im Bundesstaat“ leisten. Es folgten zwei weitere Verträge mit dem Bundesstaat im Gesamtwert von über 5 Millionen US-Dollar für Shuttleservices, Schutzausrüstung, Notfalldienste und Luftoperationen von Ort.[30.1][31] IRG ist ein Ableger von Access Restoration Services US, Inc., der insgesamt fast 400.000 US-Dollar an die Republikanische Partei gespendet hat.[31]
Insgesamt wurden vier Akteure bestätigt, mit denen Verträge über Konstruktion und Betrieb abgeschlossen wurden und die in der Vergangenheit an die Republikanische Partei gespendet haben.[28.1][32]
Namensgebung

Der Begriff „Alligator Alcatraz“ wurde zum ersten Mal durch das Video Uthmeiers auf X geprägt. Er referenziert sowohl die in den Everglades vorhandene Alligatorenpopulation als auch das ehemalige Hochsicherheitsgefängnis Alcatraz. Im Juli 2025 bekannten sich Floridas Politiker und weitere Quellen zu dem offiziellen Namen Alligator Alcatraz.[25][33][34]
In anderen Berichten heißt es jedoch, dass der offizielle Name „South Florida Detention Facility“ sein soll, und Alligator Alcatraz lediglich ein Spitzname ist.[35.1][36][37] Die Tampa Bay Times führte die Geschwindigkeit der Konstruktion als Grund für die Verwirrung darüber an, ob es sich bei dem Namen Alligator Alcatraz um die offizielle Bezeichnung oder um einen Werbenamen handelt. Ein Sprecher des Generalstaatsanwaltes von Florida widersprach letzterem.[33]
Auf den Schildern außerhalb der Einrichtung lässt sich „Alligator Alcatraz“ lesen.[34]
Berichte über menschenunwürdige Bedingungen
Berichten zufolge gebe es im Lager limitierten Zugang zu Wasser, das Essen reiche nicht aus und die Inhaftierten sollen bei der Ausübung ihrer Religion gehindert werden. Insassen haben zudem unhygienische Zustände beschrieben, wie den Überlauf von Sanitäranlagen und Insektenbefall. Dazu komme eine unzureichende medizinische Versorgung.[3][38][39]
Die Anlage befindet sich in einer Region, die regelmäßig von extremen Wetterereignissen betroffen ist, darunter Hurrikans, starke Regenfälle, hohe Temperaturen und in der Trockenzeit auch Waldbrände. Fachleute äußerten Bedenken, dass die Einrichtung ausreichend gegen solche Risiken geschützt sei. Jason Houser, ehemaliger Stabschef von ICE, merkte an, dass mit der aktuellen Struktur der Zelte sowohl das Personal als auch die Inhaftierten dem Risiko von ernstzunehmenden Verletzungen ausgesetzt sind, sollte ein Extremwettereignis eintreten.[40]
Durch Interviews von Human Rights Watch, Americans for Immigrant Justice und Sanctuary from the South kamen Vorwürfe der Inhaftierten gegen die Verantwortlichen des Lagers an die Öffentlichkeit. Wiederholt wurde von ihnen die Qualität der Verpflegung und deren Verabreichung beanstandet. Es soll vorgekommen sein, dass den Insassen bis um 19 Uhr Essen verweigert wurde. Zudem äußerten weibliche Gefangene, dass sie die Toiletten in Sicht der Männer nutzen müssen und ihnen auch sonst keine geschlechtsspezifische Pflege gewährt wird.[41]
Am 22. Juli 2025 begannen Häftlinge einen Hungerstreik, um gegen die unmenschlichen und gefährlichen Lebensbedingungen im Lager zu protestieren,[42] der Informationen zufolge nach 14 Tagen noch nicht beendet war.[43] Einige Häftlinge erzählten von Maden im Essen und davon, dass sie wegen Störungen an den Sanitäranlagen „die Fäkalien mit bloßen Händen aus den Toiletten herausschaufeln“ mussten.[43.1] Die Florida Division of Emergency Management und die Federal Emergency Management Agency widersprechen den Berichten.[44] Eine unabhängige Untersuchung durfte bislang nicht durchgeführt werden.
Im August kontaktierten Insassen des Alligator Alcatraz und Familien von Häftlingen die spanische Nachrichtenagentur Noticias 23 und berichteten von einem angeblichen Aufruhr. Drei der Festgenommenen sagten telefonisch aus, dass mindestens vier Häftlinge verletzt worden seien und Tränengas eingesetzt wurde um die Situation unter Kontrolle zu bringen.[45] Stephanie Hartman, Kommunikationsdirektorin der Florida Division of Emergency Management, sagte dazu: „Diese Berichte sind erfunden. Es gibt keinen Aufstand in Alligator Alcatraz. Die Insassen leben unter sauberen und sicheren Bedingungen, und die Wärter sind in allen staatlichen und bundesstaatlichen Vorschriften ordnungsgemäß geschult.“[46]
Reaktion der Politik
Nach der Ankündigung des Abschiebegefängnisses begann Floridas Republikanische Partei, Merchandise-Artikel mit dem Thema Alligator Alcatraz zu bewerben. Darunter befinden sich T-Shirts, Mützen und Kühltaschen mit KI-generierten Bildern, welche als „offizieller Alligator Alcatraz Merchandise“ an konservative Influencer verteilt wurden.[24.3][33.1][34][47]
Am 23. Juni 2025 schrieb die Bürgermeisterin des Miami-Dade County an das Ministerium Floridas und erklärte, dass seit 2019 über $10 Milliarden in die Aufbereitung und den Schutz der Everglades investiert wurden. Aus diesem Grund sei eine detaillierte Analyse der Auswirkungen auf die Umwelt durch das Lager wünschenswert.[48]
In der darauffolgenden Woche verfassten Janelle Bynum, Maxwell Frost und 22 weitere Kongressmitglieder ein Schreiben an Kristi Noem und beklagten, dass Inhaftierte in Zelten mit unzureichenden sanitären Anlagen gehalten würden und aufgrund tödlicher Krankheitserreger, extremer Witterung sowie täglicher Durchschnittstemperaturen von 32 Grad unerträglichen Bedingungen ausgesetzt seien.[49]
Im Juli schlossen sich die Abgeordnete aus Florida, Anna Eskamani, und der Staatssenator Shevrin Jones anderen Gesetzgebern an, um DeSantis zu verklagen und Zugang zu dem Gelände zu erhalten. Daraufhin wurde ihnen eine geführte Tour durch ausschließlich noch nicht besetzte Zellen gewährt. Die Besucher bestätigten anschließend Berichte über unhygienische Zustände, unter anderem aufgrund der Vielzahl an Mücken, sowie über extreme Hitze, die trotz installierter Klimaanlagen bis in die Zelte vordringe.[9] Debbie Wasserman Schultz sagte während einer Konferenz zu den Räumlichkeiten: „[Die Inhaftierten] werden in Käfige gestopft, Menschen dicht an dicht, 32 Häftlinge pro Käfig.“[50]
Am 20. August 2025 wurde ein Schreiben von Demokraten im Senat und im Repräsentantenhaus an das Heimatschutzministerium unter Kristi Noem veröffentlicht. 67 Politiker äußerten in diesem Besorgnis über das Modell zur Inhaftierung von Einwanderern auf Bundesebene, besonders unter den Aspekten der Legalität unter dem Bundesgesetz und der Rechenschaft der Bundespolitik für die Bedingungen in den Anstalten.[8][51]
Rechtmäßigkeit
Klage zur Prüfung der Auswirkungen auf die Umwelt
Am 27. Juni 2025 reichte eine Koalition unter Führung von Friends of the Everglades und dem Stamm der Mikasuki eine Klage vor einem Bundesgericht ein, um eine einstweilige Verfügung zu erwirken, bis eine vollständige Prüfung der Auswirkungen auf die Umwelt abgeschlossen ist. Die Kläger argumentieren, dass das Projekt den Lebensraum gefährdeter Arten, unter anderem den Florida Puma und die Florida-Bulldoggfledermaus, bedroht. Dies verstoße sowohl gegen das nationale Umweltgesetz als auch gegen den Schutz der kulturellen Ressourcen der indigenen Stämme.[11][52][53][54]
Am 7. August 2025 stoppte Bundesrichterin Kathleen Williams den Bau des Lagers vorläufig, um zu prüfen, ob die Haftanstalt gegen Umweltgesetze verstößt. Da sich die Anlage in einem tropischen Feuchtgebiet befindet, könnten Infrastruktur und Abwässer des Projekts sowohl Wasser- als auch Lichtverschmutzung verursachen. Zeugen berichteten, dass acht Hektar Land neu asphaltiert wurden.[53][54][55] William erließ zwei Wochen später eine einstweilige Verfügung, die es der Regierung untersagt, weiter Häftlinge an diesen Ort zu verlegen oder weitere Bauarbeiten durchzuführen. Sie ordnete die Trump-Regierung außerdem an, provisorische Zäune, Industriebeleuchtung, Generatoren, und Abwasser- und Abfallbehälter von dem Gelände zu entfernen.[56][57][58][59]
Uthmeier erklärte, dass trotz der Entscheidung der Plan verfolgt werde, die ICE-Einrichtung weiter zu betreiben.[60] Das Berufungsgericht der Vereinigten Staaten für den 11. Gerichtsbezirk setzte die einstweilige Verfügung in einer 2:1-Entscheidung bis zum Abschluss des Berufungsverfahrens aus. Die Anlage ist seitdem weiter in Betrieb.[61][62]
Infragestellung der Wahrung bürgerlicher Freiheiten
Am 16. Juli 2025 reichten die American Civil Liberties Union (ACLU), die ACLU of Florida und Americans for Immigrant Justice eine Sammelklage ein. Sie werfen der Trump-Regierung vor, die Rechte der Inhaftierten nach dem Ersten und Fünften Verfassungszusatz sowie die Rechte von Rechtsdienstleistungsorganisationen und Kanzleien, die Mandanten in der Einrichtung vertreten, zu verletzen. Die Bürgerrechtsorganisationen behaupten in ihrer Klage, dass Inhaftierte ohne Anklage festgehalten würden und keinen Zugang zu ihren Anwälten erhielten.[10][63][64]
Einwanderungsanwälte beschrieben die Haftanstalt als einen Ort, „an dem die normalen Regeln nicht gelten“. Interne Daten zeigen, dass die große Mehrheit der Inhaftierten vor ihrer Einweisung keinen endgültigen Abschiebungsbeschluss von einem Richter erhalten hatte. Aufgrund von Systemfehlern und Misskommunikation durch den rapiden Bau der Anlage ist es bereits mehrfach vorgekommen, dass Personen fälschlicherweise deportiert wurden.[65]
Im Rahmen der Klage ordnete Bundesrichter Rodolfo Ruiz am 18. August 2025 an, dass alle schriftlichen Vereinbarungen und Verträge offengelegt werden müssen, aus denen hervorgeht, wer die rechtliche Zuständigkeit für die Inhaftierten trägt. Zugleich wies er den Teil der Klage ab, der sich auf die Verweigerung des Zugangs zu Rechtsbeiständen bezog. Am Wochenende zuvor war ein Teil des Geländes für die Anhörungen der Inhaftierten vorgesehen worden. Nach Aussage von Eunice Cho, Anwältin der American Civil Liberties Union, habe die Bundesregierung erst infolge der Klage den Inhaftierten ermöglicht, Anträge vor einem Einwanderungsgericht zu stellen. Die verbleibenden Anklagepunkte sollen in höherer Instanz entschieden werden.[37][66]
Unauffindbarkeit von Insassen
Seit der Inbetriebnahme des Abschiebegefängnisses sind Berichte aufgekommen, wonach ehemalige Insassen von Alligator Alcatraz nach ihrem Aufenthalt weder von ihren Rechtsbeiständen noch von ihren Angehörigen erreicht werden konnten. Miami Herald überprüfte diese Angaben im September. In der Online-Datenbank der Einwanderungsbehörde ICE war für mehr als 450 Insassen kein aktueller Aufenthaltsort vermerkt. Für rund 800 weitere Personen gab es keinen Eintrag.[65]
Da Alligator Alcatraz vom Bundesstaat Florida betrieben wird, müssen die Daten der Insassen nicht zwingend in der Datenbank der Bundesbehörde ICE erfasst sein. Der Bundesstaat verfügt zudem über kein eigenes System zur Nachverfolgung des Aufenthalts seiner Gefangenen. Daher ist es möglich, dass sich die als vermisst gemeldeten Personen weiterhin in der Einrichtung in Florida befinden. Zugleich wurden jedoch Fälle dokumentiert, in denen Häftlinge entweder in andere Haftanstalten verlegt oder deportiert wurden – teilweise auch solche, die ein rechtmäßiges Aufenthaltsrecht in den Vereinigten Staaten besitzen.[65][67][36]
Kritik aus der Gesellschaft
Seit Juni 2025 organisiert Betty Osceola, Stammesrichterin der Mikasuki und Mitglied des Everglades-Beirats, gemeinsam mit der Florida Interfaith Coalition indigene Gebetsversammlungen und öffentliche Demonstrationen. Ziel dieser Aktionen ist es, auf die Umwelt- und Kulturbedenken im Zusammenhang mit dem Bau und Betrieb von Alligator Alcatraz aufmerksam zu machen. Darüber hinaus setzen sich die Teilnehmer für die freie Ausübung verschiedener Religionen innerhalb des Gefängnisses ein.[68][69][70]
Amnesty International startete am 23. Juli 2025 eine Kampagne zur Schließung der Einrichtung als Reaktion auf berichtete unhygienische Bedingungen, mangelnde medizinische Versorgung und minimalen Zugang zu Rechtsanwälten. In einer wöchentlichen Mahnwache am Eingang des Lagers am 21. September sprach Amy Fischer, Direktorin für Flüchtlings- und Migrantenrechte bei Amnesty International USA, von einer Menschenrechtskatastrophe.[71][72]
Demografen der Florida State University stellten fest, dass die Anzahl der Einwanderer ohne legalen Immigrationsstatus seit 2018 zurückgegangen ist und merkten an, dass Maßnahmen, die neue Einwanderung verhindern und Auswanderung fördern, die robuste Wirtschaft Floridas und das Wohlergehen seiner Bevölkerung gefährden können.[73]
Umfrageergebnisse
In einer Umfrage von YouGov am 4. Juli 2025 stellte sich heraus, dass 48 % der Amerikaner Einwände gegen das Abschiebegefängnis haben, während 33 % die Einrichtung befürworten. Die Umfrageergebnisse zeigen eine große Diskrepanz zwischen Demokraten und Republikanern. 53 % derjenigen, die sich keiner Partei eindeutig zuordnen, sprachen sich gegen Alligator Alcatraz aus.[74][75]
43 % der Einwohner Floridas haben eine negative Einstellung zu Alligator Alcatraz. 59 % stellen sich gegen eine Nutzung der Steuergelder des Fonds für Notfallvorsorge und -bewältigung des Bundesstaates Florida zur Deckung der Kosten von jährlich 450 Millionen US-Dollar.[74][75]
Vergleiche mit Konzentrationslagern aus der NS-Zeit
Wegen umfangreicher medialen Berichterstattung über die Kontroversen rund um das Abschiebegefängnis haben sich in der Öffentlichkeit mehrere Bezeichnungen für Alligator Alcatraz etabliert. So wird die Einrichtung wegen des wiederholten Verschwindens von Häftlingen mitunter als „Schwarzes Loch“ bezeichnet.[76]
Seit Beginn ist zudem der Name „Alligator Auschwitz“ gefallen. Begründet wird der Vergleich mit der Auswahl durch Häftlinge primär wegen deren Ethnizität und damit, dass die meisten keine Straftat begangen haben. Zusätzlich sei das Ziel des Gesetzgebers nicht ausschließlich die Haft, sondern auch das Leiden der Internierten.[77]
Nach den Listen von Tampa Bay Times und Miami Herald stammten Mitte Juli über 95 % der Inhaftierten aus lateinamerikanischen Ländern: Je etwa 20 % aus Guatemala und Mexiko und ca. 10 % aus Kuba.[78.1] Unter den Insassen, die wegen Straftaten angeklagt und verurteilt wurden, befinden sich über 250 Personen, die wegen Verstößen gegen das Einwanderungsrecht registriert sind, aber keine Vorstrafen haben. Ein Drittel der Inhaftierten ist vorbestraft, andere lediglich vorläufig angeklagt.[78]
Jens-Christian Wagner, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Weimar, warnt vor Vergleichen mit Konzentrationslagern aus der NS-Zeit. Oft entstünden diese, um eine starke emotionale Reaktion zu provozieren und ließen den historischen Kontext des Nationalsozialismus außer Acht. Damit würden die Konzentrationslager verharmlost, die durch ein terroristisches Regime gebaut und von einer rassistischen und antisemitischen Ideologie angetrieben wurden. Schließlich galt der Rechtsstaat in diesen von Beginn an nicht, sodass sie als Folter- und Mordstätten benutzt werden konnten.[35]
Auch Alan R. Kramer äußert Kritik an dem Spitznamen; die NS-Konzentrationslager seien eher Vernichtungslager gewesen: „Will man das Lager ‚Alligator Alcatraz‘ mit den NS-Lagern der Kriegszeit vergleichen, in der fast alle deutschen Konzentrationslager zu Orten des täglichen Mordens und einige zu Stätten des Genozids wurden, dann wäre das eine sinnlose Übertreibung, die nicht zur Erhellung beiträgt.“[35]
