Aufrüstung
Zunahme des Militärpotentials eines Staates oder eines Militärbündnisses
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Aufrüstung bezeichnet den Vorgang einer Zunahme des Militärpotentials bzw. militärischer Kapazitäten eines Staates oder eines Militärbündnisses. Sie ist gekennzeichnet durch eine Vergrößerung bestimmter oder aller Streitkräfte, insbesondre durch die Beschaffung neuer Waffen und militärischer Ausrüstung. Dies umfasst auch Soldaten sowie die Aufrüstung von Infrastruktur und Informationstechnologie gegen Cyberkrieg bzw. für die elektronische Kampfführung.
Eine Aufrüstung kann einer Militarisierung folgen. Ebenso kann eine verstärkte militärische Öffentlichkeitsarbeit oder auch Propaganda kann der Aufrüstung vorangehen und/oder sie begleiten.
Aufrüstung ist das Gegenteil von Abrüstung (englisch disarmament). Eine Rolle in diesem Kontext spielt auch Rüstungskontrolle (englisch arms control). Aufrüstung ist verwandt mit der Ausrüstung.
Verteidigungstechnik
Für die Aufrüstung wird Wehrtechnik benötigt. Diese umfasst beispielsweise Waffen, Waffensysteme oder Trägermittel, die von einer sogenannten Rüstungsindustrie [offiziell auch die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie[1] (SVI) bezeichnet] entwickelt, produziert und bei Bestellung geliefert werden. Ebenso liefern staatliche Institutionen Wehrgerät und Technologie. Ein Beispiel ist das ehemalige US-amerikanische Redstone Arsenal, das einen großen Teil der militärischen Raketentechnik entwickelt hat. Für die Entwicklung von Raketenwaffen und Interkontinentalraketen war über mehrere Jahrzehnte die U.S. Army Ballistic Missile Agency (ABMA) zuständig.
Neben der Wehrtechnik ist auch die Forschung und Entwicklung (F&E) eine Grundlage für neue Wehrprodukte und damit der Rüstungsindustrie. In der Geschichte sprach man zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs sogar von einer „Schlacht der Labore“, wobei speziell die US-amerikanischen und britischen Entwicklungsarbeiten im Rahmen des Manhattan Engineer District (MED) sowie die sowjetischen Entwicklungen in den Bereichen Waffentechnik und Raumfahrt gemeint waren.
Zur Aufrüstung gehören auch neue Konzepte, die auf der kontinuierlichen und unaufhaltsamen Weiterentwicklung der Technologie basieren.[2] Einige dieser Konzepte erweisen sich jedoch als nicht tragfähig, trotz öffentlicher Ankündigungen. Ein Beispiel dafür ist die Strategic Defense Initiative (SDI), ein geplantes Abwehrsystem gegen nukleare Angriffe. Die ab den 1970er Jahren entwickelte MIRV-Technologie erschwert die Abwehr eines nuklearen Angriffs erheblich, da sie es einer einzigen Rakete ermöglicht, mehrere Sprengköpfe auf verschiedene Ziele zu lenken. Dies macht es nahezu unmöglich, alle ankommenden Bedrohungen effektiv abzufangen.
Aufgrund der Unberechenbarkeit von Krieg ist auch die Planung von Rüstung äußerst komplex. Es gilt, die Prioritäten zu klären: Produktion von schwerem Gerät, Flugzeugen und Ausrüstung für Streitkräfte oder Investitionen in neue Technologie? Gefragt sind jedoch nicht nur neue Technologien wie Drohnen, die im Vergleich zu alten Fronten eine mehrere Meilen große „Killzone“ (Todeszonen) schaffen können.[3][4][5] Im Krieg[6], wie am Beispiel des russisch-ukrainischen Kriegs (ab 2014, intensiviert ab 2022 mit dem Überfall durch Russland), sind auch Systeme wie das bereits 1967 (Bereitstellung 1980er Jahre) entwickelte Patriot-Flugabwehrraketen-System gefragt.[7][8] Die zukünftige Verteidigungsfähigkeit wird von diesen und vielen anderen Fragen und Entscheidungen beeinflusst.[9] Zu diesem Thema, speziell im Kontext des Atomzeitalters, haben sich jedoch auch schon Militärstrategen geäußert. Der französische General Beaufre warnt „Man muss sich vor Lösungen hüten, die allzu stark auf den gerade in Mode gekommenen Thesen und Lehrmeinungen aufbauen, denn das könnte schlimme Folgen haben. Ein Wehrgefüge darf nicht wie ein nach Maß geschneiderter Anzug sitzen, es muss Spielraum für die notwendigen Anpassungen und Veränderungen lassen.“[10]
Siehe die Entwicklungen weiter unten.
Rüstungsbeschaffung
Kosten der Rüstung
Finanzierungsinstrumente
Im Zuge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine seit etwa 2022 stellen die Europäische Union und ihre Partner (USA, NATO) die folgenden Finanzierungsinstrumente bereit:
- ERA-Kreditmechanismus (Extraordinary Revenue Acceleration)[11]
- Prioritised Ukraine Requirements List (PURL)[12][13]
- Security Action for Europe (SAFE)[14]
- Gründung einer eigenen Verteidigungsbank, die Defence, Security and Resilience Bank (DSR-Bank)
Das Instrument SAFE stellt EU-Mitgliedstaaten Darlehen für den Erwerb von vorrangigen, in der EU hergestellten Verteidigungsgütern zur Verfügung. Die Herausforderungen und Möglichkeiten zur Finanzierung der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI) sind in der 2024 Nationale Sicherheits- und Verteidigungsindustriestrategie unter den Kapiteln 3.2 und 4.5 dokumentiert.[15] Vgl. auch das Weißbuch der Bundeswehr.
NATO
Auf dem NATO-Gipfel 2025 in Den Haag haben sich die Bündnispartner verpflichtet, bis 2035 jährlich 5 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für die Kernanforderungen im Verteidigungsbereich sowie für verteidigungs- und sicherheitsbezogene Ausgaben aufzuwenden. Auf der Grundlage der vereinbarten Definition der NATO-Verteidigungsausgaben werden sie bis 2035 jährlich mindestens 3,5 % des BIP für die Deckung des Kernverteidigungsbedarfs und die Erfüllung der NATO-Fähigkeitsziele bereitstellen.[16][17]
Aufrüstung in der Geschichte
Aufrüstung in Deutschland vor den Weltkriegen

Im Zeitalter des Imperialismus hatte das Militär im Deutschen Kaiserreich einen hohen Stellenwert. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es ein Deutsch-Britisches Flottenwettrüsten.
1893 löste Wilhelm II. den 1890er Reichstag auf, weil dieser die – auch von ihm gewünschte – Aufrüstung des Heeres abgelehnt hatte. Im darauf folgenden Wahlkampf siegten die Befürworter der wilhelminischen Politik aus der Konservativen und Nationalliberalen Partei. Auch die von Alfred von Tirpitz propagierte Aufrüstung der Kaiserlichen Marine, im Volk durchaus populär,[18] wurde in der Folgezeit von Wilhelm gefördert, obwohl General Leo von Caprivi, v. Bismarcks Nachfolger von März 1890 bis Oktober 1894, dagegen war (er war entschieden englandfreundlich).
Auch deutsche Kolonialismus-Pläne (siehe Deutsche Kolonien und Schutzgebiete, Platz an der Sonne (1897)) trugen dazu bei, einer leistungsfähigen Marine ein hohes Gewicht beizumessen. Z. B. schickte Kaiser Wilhelm II. 1911 das Kanonenboot Panther nach Agadir, nachdem französische Truppen Fès und Rabat besetzt hatten. Die am 1. Juli 1911 eingetroffene Panther wurde nach wenigen Tagen durch zwei andere deutsche Kriegsschiffe, den Kleinen Kreuzer Berlin und das Kanonenboot Eber, ersetzt. Es kam zur Zweiten Marokkokrise.
Die Rüstungsmaßnahmen bzw. -ausgaben verursachten nach 1906 Haushaltsdefizite und Staatsverschuldung. Kanzler Bethmann Hollweg versuchte, diesen Prozess von 1909 bis 1911 durch Einsparungen zu bremsen. Die Rüstungsausgaben stagnierten und gingen in einem Jahr sogar zurück. Ab 1912 stiegen die Rüstungsausgaben wieder; ab 1914 infolge des Eintritts in den Ersten Weltkrieg exponentiell. Zu Beginn der Weimarer Republik wurden Kontingente, Bewaffnung und Organisation der Reichswehr durch den Versailler Friedensvertrag festgelegt. Trotzdem fasste das Kabinett der Regierung unter SPD-Kanzler Hermann Müller 1929 Beschlüsse zur personellen und materiellen Rüstung.
Nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 hatte die Aufrüstung der Wehrmacht hohe Priorität. Die Rüstungspolitik wirkte sich positiv auf den Beschäftigungsstand aus; sie wurde als Arbeitsbeschaffung deklariert. Die Rüstung wurde – gegen den Widerstand des Reichsbank-Präsidenten Hjalmar Schacht – primär durch Neuverschuldung (vgl. Mefo-Wechsel) finanziert.
Atomare Aufrüstung von 1945 bis 1990

Seit dem Beginn des Atomzeitalters und der militärischen Nutzung der Kernenergie gibt es nukleare Bewaffnung oder Atomrüstung, die von den fünf Atommächten betrieben wird. Weitere Länder, die im Besitz von Kernwaffen sind, sind Indien, Pakistan, Nordkorea und vermutlich auch Israel.
Die fünf Kernwaffenstaaten – speziell die USA und die ehemalige Sowjetunion – betrieben eine massive Aufrüstung von Atomwaffen in den 1950er bis 1980er Jahren (vgl. Kalter Krieg). Die Mehrzahl dieser Waffen bzw. Kernsprengköpfe wurde durch diverse Abkommen und Abrüstungsvereinbarungen bereits abgebaut. Die großen Kernwaffenkomplexe der USA und der UdSSR wurden von einer Massenproduktion auf einen Laborbetrieb umgestellt. Der Atomwaffensperrvertrag gilt bis heute als sicherheits-politisches Instrument, um die Verbreitung von Atomwaffen zu vermeiden und einer nuklearen Aufrüstung entgegenzuwirken.
Neue Entwicklungen sind unten aufgeführt.
Aufrüstung und Sicherheit in Europa
Beispiele für paneuropäisches Rüstungsprojekte sind der Tornado, Tiger, oder der Eurofighter Typhoon. Das Programm des Eurofighter läuft bereits seit Anfang der 1990er Jahre.
In Europa hat man 2004 den Vertrag über eine Verfassung für Europa unterzeichnet, wobei in Artikel I-41 Absatz 3: „Die Mitgliedstaaten verpflichten sich, ihre militärischen Fähigkeiten schrittweise zu verbessern.“ Der Vertrag trat jedoch nicht in Kraft. Sein Nachfolger war der Vertrag von Lissabon aus dem Jahr 2007, welcher am 1. Dezember 2009 in Kraft trat. Der Vertrag beschreibt die Rüstungspolitik in Europa als Teil der Europäischen Verteidigungsagentur (EVA), welche in dem Jahr 2004 gegründet wurde. In einem mehrseitigen Bericht (Originalname: Safer Together – Strengthening Europe’s Civilian and Military Preparedness and Readiness) von Sauli Niinistö aus dem Jahr 2024, wird Europas zivile und militärische Abwehrfähigkeit und Bereitschaft der EU-Staaten gefordert.[19]
Ein weiteres Projekt der EU ist die im Jahr 2004 gegründete Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache (Frontex). Seit ihrer Gründung ist die Agentur in ihrer Personalstärke gewachsen. Bis 2030 soll eine Reserve von über 10.000 Personen aufgebaut werden. In den letzten 20 Jahren hat Frontex seine Überwachungstechnologie aufgerüstet. Im Rahmen der Recherchen zu den „Frontex Files“ hat das ZDF Magazin Royale einige Details zur Ausrüstung und zu den Inhalten der Agentur aufgedeckt.[20]
Weitere Entwicklungen sind unten aufgeführt.
Aufrüstung Irans
Mohammad Reza Pahlavi, der letzte Schah von Persien bzw. Iran, bestieg am 18. September 1941 den Pfauenthron. Am selben Tag marschierten britische und sowjetische Truppen, die bis dahin nur den Norden und Süden Irans besetzt hatten, in Teheran ein und übernahmen die Kontrolle über die iranische Regierung. Später (und bis gegen Ende seiner Regierungszeit 1979) betrieb der Schah eine massive Aufrüstung der iranischen Armee. Dies konnte er dank des enormen Ölreichtums seines Landes. Diese Aufrüstung trug dazu bei, dass die Islamische Republik Iran im Iran-Irak-Krieg (22. September 1980 bis zum 20. August 1988) den überraschenden Angriff des Irak schnell stoppen konnte und in den folgenden Jahren meist die militärische Oberhand hatte.
Aufrüstung der Vereinigten Staaten und Übersee-Präsenz

Die Aufrüstung der Vereinigten Staaten von Amerika (USA) hat in mehreren Phasen stattgefunden, speziell durch den Zweiten Weltkrieg (vgl. die NSC-68 Strategie), den Koreakrieg, den Vietnamkrieg und den Kalten Krieg. Spezielle Rüstungsprogramme waren z. B. das Armored Systems Modernization (ASM) aus den 1980er und später das Programm Future Combat Systems (FCS) ab den 1990er Jahren.
Mit ihrer Flotte an Atom-U-Booten haben die Vereinigten Staaten ab den 1960ern die ehemalige See- und Kolonialmacht, das British Empire, abgelöst. Die USA sind ein Kernwaffenstaat nach dem Nichtverbreitungsvertrag (NVV bzw. NPT) und Teil der NATO. Im Verlauf der letzten Jahrzehnte wurden diverse US-amerikanische Waffensysteme in verschiedenen europäischen Ländern zur Abschreckung des Warschauer Pakts stationiert, d. h., Europa wurde militärisch gegen die konventionellen Kräfte der ehemaligen Sowjetunion gestärkt.
Über mehrere Jahrzehnte hinweg waren Hunderttausende US-Soldaten in Europa auf 31 feste Basen stationiert. Nach dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1990[21] wurde das Personal der US-Streitkräfte um etwa 60 % von etwa einer halben Million reduziert.[22]
Im Jahr 2024 waren etwa 67.200[23][24] aktive US-Soldaten in Europa stationiert, die größten Kontingente befanden sich in Deutschland (etwa 35.068 aktive Soldaten[25][26]), Italien (12.375 Soldaten) und dem Vereinigten Königreich (10.058 Soldaten).[23][22]
Kontroversen
Wettrüsten
Das Aufrüsten eines Staates kann einen anderen Staat oder mehrere andere Staaten dazu veranlassen, ebenfalls aufzurüsten. Letzteres nennt man in dem Kontext auch Nachrüstung. Wenn der zuerst aufrüstende Staat die Nachrüstung anderer zum Anlass nimmt, weiter aufzurüsten, kann ein Wettrüsten (viz. Rüstungswettlauf) in Gang kommen. Dies geschah z. B. nach dem Zweiten Weltkrieg im Kalten Krieg zwischen den beiden Bündnissen, der NATO und dem Warschauer Pakt. Jedes Aufrüsten kann das (stets bestehende) Sicherheitsdilemma verstärken.
Als Teil der 1979 gegründeten United Nations Office for Disarmament Affairs (UNODA) kritisiert und mahnt der UN-Generalsekretär Antonio Guterres in dem Jahr 2025, dass „das Vertrauen sinkt, während Ungewissheit, Unsicherheit, Straflosigkeit und Militärausgaben zunehmen“.[27]
Verdeckte Aufrüstung
Aufrüstung kann offen oder verdeckt betrieben werden. Im letzteren Fall versucht ein Land, die Höhe seiner Rüstungsausgaben zu verschleiern bzw. nur einen Teil öffentlich bekannt werden zu lassen. In Demokratien sind dem Grenzen gesetzt; in Diktaturen bzw. Zentralwirtschaften wie der DDR war dies leicht möglich.
Öffentlichkeitsarbeit

Weltweit gibt es einige Museen bzw. Besucherzentren, die Rüstung oder Wehrtechnik ausstellen. Ein Beispiel ist das Air Force Armament Museum neben der Eglin Air Force Base (AFB) bei Valparaiso in Florida. Zwei weitere Beispiele sind das Musée Royal de l’Armée in Brüssel oder das Imperial War Museum in London, die die Geschichte der Rüstung ausstellen. Eine Umfangreiche Ausstellung von Wehrtechnik bietet das Wehrtechnische Studiensammlung Koblenz.
Eine weitere bekannte Methode, um militärische Kapazitäten zu präsentieren, ist die Durchführung von Militärparaden.[28] Dabei werden in der Regel Truppen, Panzer, Artillerie, Raketen, ballistische Raketen und Flugzeuge sowie meist auch neue Wehrtechnik öffentlich präsentiert.[29] Ein weiterer Aspekt im Zusammenhang mit der Rüstungsproduktion ist die Propaganda bzw. Werbung dafür.
Entwicklungen
Atomare Aufrüstung durch Verbreitung von Atomwaffen seit den 1960er Jahren
Die Verbreitung von Wehrtechnik und Kernmaterial stellt im Kontext von Aufrüstung ein weltweites Sicherheitsproblem dar. Dies betrifft sowohl konventionelle als auch nukleare Technologien. Die Exportkontrolle zielt darauf ab, dies zu verhindern bzw. zu reduzieren. Im Falle von Atomwaffen spielt der Atomwaffensperrvertrag und seine Kontrollinstanzen eine entscheidende Rolle.
Nordkorea und der Iran sind Beispiele für Staaten, die ein Verbreitungsrisiko darstellen: Ersteres hat bereits nukleare Sprengsätze getestet, Letzteres verfolgt vermutlich ein verdecktes Atomprogramm zu militärischen Zwecken. Die diplomatischen Bemühungen zur Verhinderung der nuklearen Aufrüstung in Iran und Nordkorea dauern seit vielen Jahrzehnten an, jedoch sind die Fortschritte und die aktuellen Situationen in beiden Ländern unterschiedlich.[30][31]
In diesem Zusammenhang sei noch angemerkt, dass Nordkorea seit den 1960er Jahren (vgl. auch der Koreakrieg) unter Kim Il-sung und später ab 1994 einer unter Kim Jong-il eingeleiteten Songun-Politik bis heute im konventionellen und nuklearen Bereich aufrüstet.[32][33] Des Weiteren sei darauf hingewiesen, dass dem Staat Israel seit spätestens den 1980er Jahren eine atomare Kapazität (vgl. Israelisches Kernwaffenprogramm und das Kernforschungszentrum Negev) zugeschrieben wird, die als „offenes Geheimnis“ bezeichnet wird. Auch dies ist im Rahmen der Proliferation von Atomwaffen zu verstehen.
Rafael Grossi, Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), äußerte sich in dem Jahr 2025 besorgt—ohne Panik verbreiten zu wollen: "Der Prozess der Abrüstung oder des kontrollierten Abbaus der Atomwaffenarsenale ist zum Stillstand gekommen" und weiter "Diejenigen, die Atomwaffen besitzen, produzieren mehr davon, auch China." und schließlich "Eine Welt mit 20 bis 25 Staaten mit Atombomben ist unberechenbar und gefährlich."[34]
Militärhilfe für die Ukraine ab 2022
Im Zuge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine leisten die USA und Europa Militärhilfen bzw. Rüstungsexporte im Milliardenumfang.[35] Dabei kommt der sog. ERA-Kreditmechanismus (Extraordinary Revenue Acceleration)[11] zum Einsatz. Ein weiteres Finanzinstrument ist die Prioritised Ukraine Requirements List (PURL), über die der Ukraine Finanzmittel aus Geberländern bereitgestellt werden.[12][13]
Die Kennzahlen werden vom Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) in einem sog. Ukraine Support Tracker gesammelt und aufgearbeitet. Den Fachleuten zufolge erfolgt ab August 2025 der Übergang von der Abgabe von Lagerbeständen von Waffengeräten zu direkten Rüstungsverträgen mit der Rüstungsindustrie.[36]
Ein Beispiel für diese Vorhaben ist die Ankündigung Frankreichs, bis zu einhundert Rafale-Mehrzweckkampfflugzeuge und weitere Mittel an die Ukraine zu liefern.[37]
Sicherheit in Europa und Deutschland ab 2022
Im Zuge der sich verschärfenden weltweiten Krisen und Kriege seit der Coronapandemie haben einige Länder, speziell in Europa, mit einer Auf- oder Nachrüstung begonnen.[38][39] Insbesondere der russisch-ukrainische Krieg (ab 2014, intensiviert ab 2022 mit dem Überfall durch Russland) stellt eine besondere Herausforderung für die europäische Sicherheitslage dar.[40][41][42]
In Deutschland wird in den Medien von einem „Rüstungsboom“ gesprochen.[43][44][45] Als Teil ihrer 2024 verabschiedeten europäischen Industriestrategie für den Verteidigungsbereich (EDIS)[46] gibt die EU vor, dass ihre Mitglieder bis 2030 mindestens 50 % und bis 2035 mindestens 60 % ihres Beschaffungsbudgets innerhalb der EU ausgeben. Des Weiteren wurde im Frühjahr 2025 die Initiative Readiness 2030 (ehemals: ReArm Europe) ins Leben gerufen, die in den kommenden Jahren rund 800 Milliarden Euro für Rüstungsgüter aufwenden will.[47]
In der Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsindustriestrategie des BMVg und BMWK aus dem Jahr 2024 wird eine Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI) als notwendig erachtet, um der sich verändernden Sicherheitslage gerecht zu werden. Ein Ziel sei demnach das „Streben nach einer kontinuierlich laufenden Produktion von Rüstungsgütern durch die SVI“. Die Herausforderung für die SVI bestehe darin, „die erforderlichen Kompetenzen und Kapazitäten aufzubauen“.[15] Eine weitere Herausforderung besteht darin, die Bürokratie (z. B. acht- bis zehnmonatige Sicherheitsüberprüfungen neuer Mitarbeiter) und die manufakturartige Fertigung zu verbessern.[48] Experten sehen hier und in anderen Bereichen, z. B. der Software[49], große Schwierigkeiten, die die neue Aufrüstung Deutschlands gefährden könnten.[50]
Aufgrund der Bedrohungslage durch das Nachbarland Russland haben die Länder Finnland, Polen, Estland, Lettland und Litauen das Ottawa-Abkommen gekündigt oder gedenken dies zu tun.[51] Dies könnte im Sinne einer Aufrüstung zur Folge haben, dass die Länder die Herstellung und den Einsatz von Landminen wieder aufnehmen.
Laut dem Bundesministerium der Verteidigung belaufen sich die Ausgaben für die Beschaffung von Rüstungsgütern seit 2022 auf rund 111 Mrd. Euro, die sich auf etwa 47.000 Rüstungsverträge mit der Rüstungsindustrie verteilen.[52]
Mittelstreckensysteme seit den 1980er Jahren bis heute
Im Rahmen des INF-Vertrags wurden vor dem Ende des Kalten Krieges alle in Europa stationierten nuklearen Mittelstreckenraketen sowohl der USA als auch der Sowjetunion abgezogen und abgerüstet. Der Vertrag kam 1988 in Kraft und wurde 2019 von den USA und Russland gekündigt. In diesem Zusammenhang sei das neue russische Mittelstreckensystem Oreschnik erwähnt, welches trotz INF-Vertrag entwickelt wurde. Ein weiteres neues Waffensystem ist der neue Marschflugkörper Novator 9M729. Schon lange vor dem Rücktritt der USA von dem Abkommen war der INF-Vertrag laut Fachleuten damit tot—INF sei ein „Produkt des Kalten Kriegs“.[53][54][55]
Seit etwa 2024 gibt es Überlegungen einiger Länder, neue Mittelstreckenraketen zur Abschreckung Russlands zu stationieren. In diesem Zusammenhang ist das Typhon-System[56] zu erwähnen, ein neues US-amerikanisches Waffensystem, was auch von der Bundeswehr erprobt wird. Ein weiteres im Gespräch befindliches System ist das Global Mobile Artillery Rocket System (GMARS)[57] von Lockheed Martin oder das Programm European Long-range Strike Approach (ELSA).
Erhaltung der nuklearen Abschreckung seit 1990 bis heute
Seit dem Ende des Kalten Kriegs wurden die großen Kernwaffenkomplexe der USA und der UdSSR zum Teil in kooperativer Zusammenarbeit abgebaut. Kernmaterial und Produktionsanlagen wurden dafür zum vollständigen Stopp gebracht, vgl. Hanford. Neben den anderen Testverboten und Abrüstungsabkommen verhinderte der Teststopp-Vertrag (CTBT) von 1996 ein aktives Testen nuklearer Sprengkörper und damit deren Entwicklung und eine mögliche Aufrüstung. Der LTBT-Vertrag verbannte das aktive Testen bereits unter die Erde (Untergrundtests). Die USA testeten ihren letzten Kernsprengkopf (Divider) unter der Erde am 23. September 1992 auf der Nevada Test Site (NTS). Die Sowjetunion beendete am 24. Oktober 1990 auf dem Testfeld Nowaja Semlja ihre aktiven nuklearen Tests.
Nichtsdestotrotz wird der aktuelle Bestand an Kernwaffen seit den 1990er Jahren durch einen Laborbetrieb instand gehalten und beispielsweise in Fragen der Sicherheit oder Technologie verbessert. Es werden auch neue Varianten produziert, wie die Freifallbombe oder taktische Kernwaffe B61-12 und -13. Die Entwicklung ist damit eingeschränkt, jedoch nicht gestoppt. In diesem Zusammenhang kommt es seit mehreren Jahren auch zur Erneuerung von Trägersystemen wie Atom-U-Booten. Beispiele sind die neuen russischen Atom-U-Boote der Yasen- oder Borei-Klasse. Auch die Länder USA oder Großbritannien planen und bauen neuen Atom-U-Boote der Columbia- und der Dreadnought-Klasse, als neue Nachfolger zur Aufrechterhaltung der nuklearen Abschreckung.
Drohnen und autonome Waffen seit den 2000er Jahren
Derartige neue Waffensysteme, z. B. Autonome Waffen (AWS), spielen im sicherheitspolitischen Kontext eine neue Rolle.[58] Dabei spielen neue unbemannte und autonome Waffensysteme[59][60] wie Luftfahrzeuge, Wasserfahrzeuge, Militärroboter[61] usw. eine gewisse Rolle. Im Zuge des russisch-ukrainischen Krieges und dem Einsatz dieser Kriegsmittel erkennen und planen Länder wie Großbritannien eine Änderung ihrer aktuellen Kriegsstrategie.[62]
Schließlich rüsten auch andere Staaten, wie beispielsweise die VR China, ihre Arsenale auf oder testen, wie im Falle Russlands, experimentelle Waffen in Kriegen.[63] Andererseits sehen Fachleute auch eine Aufrüstung im Bereich der Drohnenabwehrsysteme bzw. Luftverteidigungssystemen.[64] Sie fordern, dass unbemannte Luftfahrtsysteme die gewöhnlichen Streitkräfte verstärken, sie jedoch nicht ersetzen sollen.[65] Fachleute äußern sich jedoch kritisch: „Neu bedeutet nicht immer besser.“[66]
Globaler Schlag und Hyperschallwaffen seit den 2000er Jahren
Ein kritisches Aufrüstungsprojekt ist das US-amerikanische Conventional-Prompt-Strike-Programm (CPS) seit den 2000er Jahren, welches unmittelbar im Zusammenhang mit den sicherheitspolitischen Reaktionen auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 gesehen werden kann. Im Rahmen des CPS und verwandten Programmen werden neuartige Hyperschallwaffen entwickelt.[67] Dabei handelt es sich um Fluggeräte, die mit konventionellen oder vielleicht auch nuklearen Sprengköpfen ausgestattet sind und Geschwindigkeiten von Mach > 10 oder mehr erreichen sollen. In diesem Zusammenhang seien die von Vertretern der russischen Rüstungsindustrie ab 2018 angekündigten „Superwaffen“ erwähnt. Dabei handelt es sich um neue, bewaffnete Lenkraketensysteme, mit teilweise hyperschallähnlichen Fähigkeiten, siehe dort.
Künstliche Intelligenz seit den 2020er Jahren
Seit dem raschen Aufkommen moderner KI-Systeme (Software und Hardware) versuchen Militärs, diese Technologie für militärische Zwecke zu erproben und als Teil einer modernen Kriegsführung zu adaptieren. Im Fall des US-Militärs wird seit 2025 im Rahmen verschiedener Strategien und Initiativen versucht, moderne KI-Modelle (z. B. LLMs) zu beschaffen und nutzen zu wollen.[68] Die Entwicklungen laufen parallel zu den autonomen Waffensystemen, die in einigen Bereichen durch KI-Technologie befähigt werden können.
Das Pentagon[69] unter Kriegsminister Pete Hegseth versucht seit spätestens dem Jahr 2025, moderne KI (LLMs oder andere KI-Software) für militärische Zwecke zu beschaffen. Dazu wurde auch eine Artificial Intelligence Strategy artikuliert.[70][71] Das Chief Digital and Artificial Intelligence Office (CDAO)[72] wurde speziell für die KI-gestützte Kampf- oder Kriegsführung ins Leben gerufen. Fachleute sehen jedoch Probleme in der zunehmenden Verbreitung von KI-Systemen über ältere, bestehende Systeme.[73]
Anfang 2026 kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem LLM-Hersteller Anthropic und dem Pentagon.[74][75] Die Firma wollte vom US-Militär die Zusage, dass dieses ihr LLM-Modell Claude nicht in autonomen Waffensystemen (AWS) einsetzen wird, die in der Lage sind, Ziele ohne menschliches Eingreifen zu identifizieren und zu bekämpfen. Ebenso wurde keine Massenüberwachung gefordert. Ein Sprecher des Pentagon dementierte: „Wir fordern Folgendes: Erlauben Sie dem Pentagon, das Modell von Anthropic für alle rechtmäßigen Zwecke zu nutzen. Dies ist eine einfache, vernünftige Forderung, die verhindern wird, dass Anthropic kritische Militäroperationen gefährdet und möglicherweise unsere Soldaten in Gefahr bringt.“ Das Pentagon drohte Anthropic damit, die nicht verfügbaren Services (LLM-Modelle) als Lieferkettenproblem zu bezeichnen und den Defense Production Act zu aktivieren, um die Kontrolle über das Unternehmen zu erlangen.[76] Außerdem plant das Pentagon einzelnen Firmen den Zugang zum Trainieren von LLMs auf der Grundlage klassifizierter Daten zu ermöglichen.[77] Aufgrund der Spannungen wurde ebenfalls der LLM-Hersteller OpenAI angefragt.[78] Sam Altman kommentierte, dass OpenAI keinen Einfluss auf operative Entscheidungen hat und der Vertrag um folgende Formulierung ergänzt werden soll: „In Übereinstimmung mit den geltenden Gesetzen, einschließlich des Vierten Zusatzartikels zur Verfassung der Vereinigten Staaten, des National Security Act von 1947 und des FISA Act von 1978, darf das KI-System nicht absichtlich zur Überwachung von US-Bürgern und Staatsangehörigen im Inland eingesetzt werden.“ Auch die KI-Software des Unternehmens Palantir soll Teil der Beschaffungsstrategie sein.[79]
Bei der umfangreichen Nutzung von elektronisch-digitalen Daten spielt auch die Software-definierte Verteidigung (SdV) eine zukünftige Rolle und stellt eine Art von Auf- oder Umrüstung einer bestehenden Infrastruktur dar. Die Technologie der SdV ist jedoch nicht per se mit künstlicher Intelligenz gleichzusetzen. Ob KI im Einzelfall verwendet wird, ist unklar.
Weblinks
- Die Datenbank SIPRI Military Expenditure Database (Milix) beinhaltet Informationen zur Auf-/Abrüstung seit 1949.[80]
Literatur
Fachartikel oder Berichte
- T. Krebs, P. Kaczmarczyk: Wirtschaftliche Auswirkungen von Militärausgaben in Deutschland. Lehrstuhl für Makroökonomik und Wirtschaftspolitik, Mannheim 2025 (uni-mannheim.de [PDF]).
Journale
- Soldat und Technik – Zeitschrift für Wehrtechnik, Rüstung und Logistik
- Journale aus dem Verlag Mittler, z. B. Europäische Sicherheit & Technik (ES&T)
Bücher
- Stefan Th. Possony: Die Wehrwirtschaft des totalen Krieges. Gerold & Co., Wien 1938.
- Chalmers M. Roberts: The Nuclear Years. The Arms Race and Arms Control, 1945-70. Frederick A. Praeger, New York 1970 (englisch, archive.org).
- Emil Obermann (Hrsg.): Verteidigung. Ein Handbuch. Stuttgarter Verlagskontur, Stuttgart 1970.
- Michael Kidron: Rüstung und wirtschaftliches Wachstum: Ein Essay über den westlichen Kapitalismus nach 1945 (= Edition Suhrkamp. Band 464). Suhrkamp Verlag, 1971.
- Dieter Senghaas: Rüstung und Militarismus (= edition suhrkamp. Band 498). Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1972 (Kapitel III: Die Konfiguration des amerikanischen Rüstungskomplexes und die darin enthaltenen Quellen.).
- Ulrich Albrecht, Peter Lock, Herbert Wulf: Mit Rüstung gegen Arbeitslosigkeit? (= Rororo Rororo aktuell. Band 5122). Rowohlt-Taschenbuch-Verl, Reinbek b. Hamburg 1982, ISBN 3-499-15122-7.
- Michael Kidron, Dan Smith: Die Aufrüstung der Welt: ein politischer Atlas; Kriege und Waffen seit 1945 (= Rororo rororo-aktuell. Band 5237). Rowohlt-Taschenbuch-Verl, Reinbek bei Hamburg 1983, ISBN 3-499-15237-1.
- Michael Geyer: Deutsche Rüstungspolitik 1860-1980 (= Neue historische Bibliothek. es 1246, N.F., Bd. 246). 1. Aufl., Erstausgabe. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-518-11246-5.
- Dieter S. Lutz: Lexikon Rüstung, Frieden, Sicherheit (= Beckʼsche Reihe. Band 323). C.H. Beck, München 1987, ISBN 3-406-32008-2.
- SIPRI: SIPRI Yearbook: Armaments, Disarmament and International Security. SIPRI, Stockholm 2025 (sipri.org).