Der Lacher

Erzählung von Heinrich Böll (1952) From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Lacher ist der Titel einer 1952[1] veröffentlichten satirischen Erzählung von Heinrich Böll über einen professionellen Lacher, der als Privatmann ein stiller und ernster Mensch ist.

Heinrich Böll

Inhalt

Der Erzähler der Geschichte gibt verlegen zu, dass er ein professioneller Lacher ist, dass er sein Gewerbe wie ein Handwerk erlernt hat und damit sein Geld verdient.

Er kann lachen „wie ein römischer Imperator oder wie ein sensibler Abiturient, das Lachen des 17. Jahrhunderts […] wie das des 19. […] alle Gesellschaftsklassen, alle Altersklassen […] schwermütig, gemäßigt, hysterisch […] das Lachen am Morgen, das Lachen am Abend, nächtliches Lachen und das Lachen der Dämmerstunde, kurzum: wo immer und wie immer gelacht werden muss: [er] mach[t] es schon“.[2] Er lacht virtuos auf Schallplatten, in Hörspielen und in Varietés als „eine subtile Art Claqueur, um an schwachen Stellen des Programms ansteckend zu lachen.“[3]

Nach Feierabend und im Urlaub verspürt er allerdings „wenig Neigung zum Lachen“ und er führt mit seiner Frau eine „stille, eine friedliche Ehe.“[4] Denn der Erzähler ist von Kindheit an „ein todernster Mensch“, geht mit „unbewegter Miene […] durch sein eigenes Leben“ und die Leute halten ihn – „vielleicht mit Recht – für einen Pessimisten.“[5]

So lacht er „auf vielfältige Weise“, aber sein „eigenes Lachen“ kennt er nicht.[6]

Rezeption und Interpretation

In der Rezeptionsgeschichte hat sich die Bewertung der literarischen Werke Bölls geändert.[7][8][9] Im Zentrum des Interesses stehen nicht mehr seine als zeitgebunden empfundenen Romane, sondern seine metaphorische kleine Prosa mit existentieller und schicksalhafter Thematik. Mit dem „Blick für das einzelne, auf eine charakteristische Situation, […] bisweilen sogar mit der Akzentuierung einer scheinbar nebensächlichen Banalität“ werde von Böll „Parabelhaftes“ angestrebt: „Von Anfang an suchte er das Gleichnis, die Überhöhung.“ Viele seiner frühen Arbeiten seien zudem Ausdruck einer „fast antikisch anmutenden Schicksalsmächtigkeit“.[10]

Böll gilt als ein wichtiger Vertreter der deutschsprachigen Kurzgeschichte und der Autor hat sie in einem Interview mit Reich-Ranicki 1967 als „die schönste aller Prosaformen“ bezeichnet.[11]

Ein Beispiel ist Bölls im Sonntagsblatt, Hamburg, 1952, veröffentlichte Erzählung Der Lacher, die in viele Erzählsammlungen des Autors aufgenommen wurde.[12]

Wie viele andere frühe Werke des Schriftstellers ist auch diese Erzählung in der gesellschaftlichen Umbruchphase in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und dem beginnenden wirtschaftlichen Wohlstand in der Form der „satirischen Groteske“ entstanden, die v. Wiese als eine der beliebtesten Darbietungsformen zeitgenössischer Prosa zur Entlarvung der „Erbärmlichkeit des Realen“ bezeichnet: in ihr existiere „Unvereinbares im gleichen Raum“.[13] Nach Kilchemann verwirklicht Böll in seinen Kurzgeschichten seine Ansicht, „dass das Wirkliche phantastisch sei“, und lasse „diese phantastische Wirklichkeit Gestalt werden, indem er dem Schein die Maske abreißt. Seine Angriffe auf die Auswüchse der Nachkriegsgesellschaft treffen gut gezielt ins Schwarze.“ Der Ausdruck sei „präzis und prägnant, die Waffe scharf geschliffen.“[14]

Böll vertritt im Spektrum der Satire-Literatur eine besondere Stilart: die Verbindung von Kritik, moralischer Position und Groteske. Als „Moralist aus Güte“ scheue der Autor als „genaue[r] Beobachter seiner Zeitgenossen auch nicht den bitteren Humor, die maliziöse Satire auf die neu arrangierte Gesellschaft“.[15]

Für Korn steht Böll als Polemiker und heimlicher Moralist in seiner Zeit ziemlich allein da: Sein scharfes Auge sehe „die Abnormität im gesellschaftlichen Leben“. Weil jedoch die moralischen Traktate und Predigten nicht mehr wirken, gehe er Umwege. Er halte sich an das, was die Sprache sehr genau sage, Ver-rückte. Die Karikatur seiner Satire enthalte eine allgemeine Wahrheit, „weil die Normalen allesamt als mehr oder weniger ver-rückt erscheinen“. Indem er ins Groteske gesteigerte Geschichten erzähle, vermeide er, „aus klugem Instinkt“, den Zorn. Er habe die Lacher auf seiner Seite. Sein Stil sei forciert realistisch, die Ironie dosiert, die Absicht geschickt verkleidet. So treffe er wie absichtslos neuralgische Punkte: „schlimme Konstruktionsfehler unserer technisch organisierten verwalteten Welt […] groteske Missbildungen“.[16]

Nach Rasch erzeugen Bölls Erzählungen „Unbehagen, Unruhe bei denen, die […] allzu zeitgerecht leben und sich den erfolgverheißenden Spielregeln der gegenwärtigen Wirklichkeit ohne Vorbehalt anzupassen versuchen“. Beim Lesen der Geschichten spüre man, „dass im selbstzufriedenen Behagen ein Verlust enthalten ist, im Wohlstand eine Verarmung, im Erfolg Versäumnis“. Es fehle oft etwas Wesentliches, das „ein menschlich erfülltes Dasein“ ermöglichen würde. Bölls Dichtung entfalte sich „am Widerstand gegen diesen Anspruch der kompakten Realität“, aus dem „Spannungsverhältnis zu ihr“ springe „der Funke erzählerischer Inspiration“: Böll „erfindet Geschichten, einfache, klar gebaute, von innerer Spannung vibrierende Stories, die gleichzeitig auch mehr sind: Enthüllungen, Bloßlegungen einer Wahrheit, auch Anklage und Protest - aber es ist stets ein dichterisch geformter, in der Gestalt der Erzählung eingeformter Protest, als Gleichnis darstellend“.[17]

Literatur

  • Erhard Friedrichsmeyer: Die satirische Kurzprosa Heinrich Bölls. Chapel Hill 1981.
  • Manfred Durzak: Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart. Autorenporträts, Werkstattgespräche, Interpretationen. Stuttgart, 1980.
  • Harald Gerber: Erläuterungen zu Heinrich Böll. Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane. Teil I. Krieg und Nachkrieg. C. Bange Verlag. Hollfeld/Ofr. 1987.
  • Manfred Jurgensen: ‚Die Poesie des Augenblicks‘. Die Kurzgeschichten S. 43–60. In: Bernd Balzer (Hrsg.): Heinrich Böll 1917–1985 zum 75. Geburtstag. Peter Lang AG Bern 1992.
  • Werner Bellmann (Hrsg.): Das Werk Heinrich Bölls. Bibliographie mit Studien zum Frühwerk. Westdeutscher Verlag, Opladen 1995.
  • Werner Bellmann (Hrsg.): Heinrich Böll, Romane und Erzählungen. Interpretationen. Reclam, Stuttgart 2000.

Anmerkungen

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