Wikiwand AI

Wie in schlechten Romanen

Erzählung von Heinrich Böll (1956) From Wikipedia, the free encyclopedia

Wie in schlechten Romanen ist der Titel einer 1956[1] publizierten satirischen Erzählung von Heinrich Böll über einen Jungunternehmer, der in der Nachkriegszeit seine ersten Erfahrungen mit der Ausschreibung eines Bauauftrags und der Bestechung des für die Zuteilung verantwortlichen Kommissionschefs sammelt.

Heinrich Böll

Inhalt

Der Erzähler hat in ein Ausschachtungsunternehmen eingeheiratet und ist bei der Organisation eines Auftrags, an dem er 20.000 Mark verdienen könnte, noch unerfahren. Seine Frau Bertha möchte, dass ihr Mann selbst lernt, „solche Sachen zu erledigen“ und allein den Auftrag zu bekommen, denn für ihren Vater hätte ein Telefongespräch zur Regelung der Angelegenheit genügt.[2] Sie lädt am Abend vor dem Zuschlag des Auftrags das Ehepaar Zumpen zum Essen ein. Zumpen ist Chef einer Kommission, die nach Ausschreibungen Aufträge bei großen Siedlungen vergibt. Bertha ist gesellschaftlich erfahren (Kleidung, Getränke, Essen, Nachtisch) und berät ihren Mann (Begrüßung, Unterhaltung über Filme, Bücher, Fotos der Hochzeitsreise, dann Gespräch vorsichtig auf den Auftrag lenken), aber er findet keine Gelegenheit, das für ihn heikle Thema der Bestechung diskret anzusprechen, und die Gäste verabschieden sich.

Bertha greift nun ein und empfiehlt, sofort zu den Zumpens zu fahren. Das Leben bestehe darin, „Kompromisse zu schließen und Konzessionen zu machen“, belehrt sie ihn.[3] Die beiden werden schon von Frau Zumpen erwartet. Ihr Mann ist noch ausgegangen, aber sie weiß Bescheid, holt sofort den Schnellhefter „Siedlung Tannenidyll – Ausschachtarbeiten“, zeigt dem Erzähler, dass sein Kubikmeterpreis-Angebot 30 Pfennig unter dem nächstbietenden liegt, und rät ihm, seinen Preis um 15 Pfennige zu erhöhen. Da er zu aufgeregt ist, übernimmt Bertha die Korrektur und stellt auf Anweisung Frau Zumpens einen Barscheck über dreitausend Mark aus.

Nach der Rückkehr in die Wohnung ist der Erzähler alles andere als glücklich und geht sofort nachdenklich in sein Arbeitszimmer. Hier erreicht ihn Zumpens Telefonanruf. Bertha sei ein Fehler unterlaufen. Sie habe den Preis um 25 Pfennige angehoben und dafür müsse er noch mit einem Scheck über 1000 Mark nachzahlen. Der Erzähler hat schnell gelernt, wie die Geschäfte laufen. Er handelt schrittweise die Summe auf 750 Mark herunter und bringt den Scheck dem in seinem Auto wartenden Zumpen.

Als er ins Haus zurückkehrt, hat sich Bertha zurückgezogen. Er weiß, was sie denkt: „Er muss darüber kommen, und ich muss ihn allein lassen, er muss das begreifen.“ Aber der Erzähler wird, wie er resümiert, das nie begreifen, und es sei auch unbegreiflich.[4]

Rezeption und Interpretation

In der Rezeptionsgeschichte hat sich die Bewertung der literarischen Werke Bölls geändert.[5][6][7] Im Zentrum des Interesses stehen nicht mehr seine als zeitgebunden empfundenen Romane, sondern seine metaphorische kleine Prosa. Mit dem „Blick für das einzelne, auf eine charakteristische Situation, […] bisweilen sogar mit der Akzentuierung einer scheinbar nebensächlichen Banalität“, werde von Böll „Parabelhaftes“ angestrebt: „Von Anfang an suchte er das Gleichnis, die Überhöhung.“ Viele seiner frühen Arbeiten seien zudem Ausdruck einer „fast antikisch anmutenden Schicksalsmächtigkeit“.[8]

Ein Beispiel ist Bölls 1956 veröffentlichte Erzählung Wie in schlechten Romanen, die in viele Erzählsammlungen[9] aufgenommen wurde.

In der Rezeption werden die inhaltlichen und stilistischen Elemente der Erzählung – Übersteigerung ins satirisch Groteske, Ironie, schwarzer Humor – meist im Zusammenhang mit anderen Satiren und Grotesken analysiert und interpretiert.[10]

Für die gesellschaftliche Umbruchphase in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und mit dem beginnenden wirtschaftlichen Wohlstand wird die „satirische Groteske“ als eine der beliebtesten Darbietungsformen zeitgenössischer Prosa zur Entlarvung der „Erbärmlichkeit des Realen“ bezeichnet: in ihr existiere „Unvereinbares im gleichen Raum“.[11] Böll vertrete im Spektrum der Satire-Literatur eine besondere Stilart: die Verbindung von Kritik, moralischer Position und Groteske. Als „Moralist aus Güte“ scheue der Autor als „genaue[r] Beobachter seiner Zeitgenossen auch nicht den bitteren Humor, die maliziöse Satire auf die neu arrangierte Gesellschaft“.[12]

Für Korn steht Böll als Polemiker und heimlicher Moralist in seiner Zeit ziemlich allein da: Sein scharfes Auge sehe „die Abnormität im gesellschaftlichen Leben“. Weil jedoch die moralischen Traktate und Predigten nicht mehr wirken, gehe er Umwege. Er halte sich an das, was die Sprache sehr genau sage, Ver-rückte. Die Karikatur seiner Satire enthalte eine allgemeine Wahrheit, „weil die Normalen allesamt als mehr oder weniger ver-rückt erscheinen“. Indem er ins Groteske gesteigerte Geschichten erzähle, vermeide er, „aus klugem Instinkt“, den Zorn. Er habe die Lacher auf seiner Seite. Sein Stil sei forciert realistisch, die Ironie dosiert, die Absicht geschickt verkleidet. So treffe er wie absichtslos neuralgische Punkte: „schlimme Konstruktionsfehler unserer technisch organisierten verwalteten Welt […] groteske Missbildungen“.[13]

Böll gilt als ein wichtiger Vertreter der deutschsprachigen Kurzgeschichte und der Autor hat sie in einem Interview mit Reich-Ranicki 1967 als „die schönste aller Prosaformen“ bezeichnet.[14] Kilchemann zählt Bölls satirische Erzählungen zu den besten in der zeitgenössischen Literatur.[15] Hier verwirkliche Böll seine Ansicht, „dass das Wirkliche phantastisch sei“, und lasse „diese phantastische Wirklichkeit Gestalt werden, indem er dem Schein die Maske abreißt. Seine Angriffe auf die Auswüchse der Nachkriegsgesellschaft treffen gut gezielt ins Schwarze.“ Der Ausdruck sei „präzis und prägnant, die Waffe scharf geschliffen.“[16]

Nach Rasch erzeugen Bölls Erzählungen „Unbehagen, Unruhe bei denen, die […] sich den erfolgverheißenden Spielregeln der gegenwärtigen Wirklichkeit ohne Vorbehalt anzupassen suchen […] Man spürt, dass im selbstzufriedenen Behagen ein Verlust enthalten ist, im Wohlstand eine Verarmung, im Erfolg Versäumnis. […] Wenn Bölls Menschen nicht wissen, woran es ihnen eigentlich mangelt, so wissen sie wenigstens, dass ihnen etwas fehlt, etwas Wesentliches, dass ihnen ein menschlich erfülltes Dasein vorenthalten bleibt […] Jede Erzählung Bölls setzt uns in Misstrauen gegenüber unserer Wirklichkeit, unseren Lebensverhältnissen. […] Bölls Dichtung entfaltet sich am Widerstand gegen diesen Anspruch der kompakten Realität, aus dem Spannungsverhältnis zu ihr entspringt der Funke erzählerischer Inspiration. Er erfindet Geschichten, einfache klar gebaute, von innerer Spannung vibrierende Stories, die gleichzeitig auch mehr sind: Enthüllungen, Bloßlegungen einer Wahrheit, auch Anklage und Protest – aber es ist stets ein dichterisch geformter, in der Gestalt der Erzählung eingeformter Protest, als Gleichnis darstellend“.[17]

Film

Literatur

  • Erhard Friedrichsmeyer: Die satirische Kurzprosa Heinrich Bölls. Chapel Hill 1981.
  • Manfred Durzak: Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart. Autorenporträts, Werkstattgespräche, Interpretationen. Stuttgart 2. Aufl. 1982.
  • Harald Gerber: Erläuterungen zu Heinrich Böll. Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane. Teil I. Krieg und Nachkrieg. Bange, Hollfeld/Ofr. 1987.
  • Manfred Jurgensen: „Die Poesie des Augenblicks“. Die Kurzgeschichten, S. 43–60. In: Bernd Balzer (Hrsg.): Heinrich Böll 1917–1985 zum 75. Geburtstag. Lang, Bern 1992.
  • Werner Bellmann (Hrsg.): Das Werk Heinrich Bölls. Bibliographie mit Studien zum Frühwerk. Westdeutscher Verlag, Opladen 1995.
  • Werner Bellmann (Hrsg.): Heinrich Böll, Romane und Erzählungen. Interpretationen. Reclam, Stuttgart 2000.

Anmerkungen

Related Articles

Timelines

Top Qs

Fact Checks