Hier ist Tibten

Erzählung von Heinrich Böll (1956) From Wikipedia, the free encyclopedia

Hier ist Tibten ist der Titel einer 1956[1] veröffentlichten satirischen Erzählung von Heinrich Böll, in der der Kulturtourismus einer kleinen Stadt parodiert wird.

Heinrich Böll

Inhalt

Der Erzähler verwahrt sich am Anfang und Ende seiner Geschichte gegen die Vorwürfe, seine Beschäftigung entspreche nicht seinem Bildungsgrad und sei seiner unwürdig. Zwar habe er an fünf Universitäten studiert und zwei Doktorgrade erworben, aber sein Beruf ernähre ihn und erfülle ihn sogar mit Befriedigung. Er ist Bahnhofssprecher, sagt in seiner Nachtschicht „den Leuten, wo sie sind“ und erinnert sie zögernd und „mit viel Beschwörung“ in seiner Stimme, an die Attraktion des Städtchens: „Hier ist Tibten – Sie sind in Tibten! Reisende, die das Grab des Tiburius besuchen wollen, müssen hier aussteigen!“[2]

Vor 1800 Jahren hat der römische Jüngling Tiburtius im Auftrag seines Vaters, eines Heereslieferanten, die Stadt besucht, um Blei einzukaufen. Bei seinem Aufenthalt hat er sich, Werther-ähnlich, aus unglücklicher Liebe zu einem germanischen Mädchen in einer Bleigrube ertränkt. Über seine Geschichte – „Er war noch ein Knabe, doch die Liebe überwältigte ihn“[3] – und die Grabfunde, darunter einige Tierfiguren aus Elfenbein, sind verschiedene Untersuchungen publiziert worden (Brusler: Theorie über das Grab des Tiburtius. Volker von Volkersen: Tiburtius, ein römisches Schicksal, das sich in unserer Stadt vollendete), denen der Erzähler widerspricht: Es seien keine Schach-, sondern Spielfiguren eines Kindes.

In diesem Zusammenhang legt der Erzähler ein Geständnis ab: Er hat zwei Elefanten, ein Pferd und eine Dogge aus dem Heimatmuseum entwendet und gegen Duplikate ausgetauscht, die er als Gratiszugaben beim Kauf von Klüßhenners Eigelb-Margarine erhalten hat: „Sie erfüllen denselben Zweck“. Denn die gerührten Besucherinnen, die Rosen auf den Grabstein legen, könnten an den Figürchen „die Weisheit dieser Welt studieren, aber sie tun’s nicht.“[4]

Der Erzähler hat allerdings wenig Freude an dem gestohlenen Spielzeug. Er hat die Originale zusammen mit den gesammelten Margarinefiguren in eine Schublade gelegt und kann die echten nicht mehr von den anderen unterscheiden.

Rezeption und Interpretation

In der Rezeptionsgeschichte hat sich die Bewertung der literarischen Werke Bölls geändert.[5][6][7] Im Zentrum des Interesses stehen nicht mehr seine als zeitgebunden empfundenen Romane, sondern seine metaphorische kleine Prosa. Mit dem „Blick für das einzelne, auf eine charakteristische Situation, […] bisweilen sogar mit der Akzentuierung einer scheinbar nebensächlichen Banalität“, werde von Böll „Parabelhaftes“ angestrebt: „Von Anfang an suchte er das Gleichnis, die Überhöhung.“ Viele seiner frühen Arbeiten seien zudem Ausdruck einer „fast antikisch anmutenden Schicksalsmächtigkeit“.[8]

Böll gilt als ein wichtiger Vertreter der deutschsprachigen Kurzgeschichte, die er in einem Interview mit Reich-Ranicki 1967 als „die schönste aller Prosaformen“ bezeichnet.[9]

Ein Beispiel ist Bölls 1956 veröffentlichte „leichtherzige“[10] Erzählung Hier ist Tibten, die in viele Erzählsammlungen[11] aufgenommen wurde.

In der Rezeption werden die inhaltlichen und stilistischen Elemente der Erzählung – Übersteigerung ins satirisch Groteske, Ironie, schwarzer Humor – meist im Zusammenhang mit anderen Satiren und Grotesken analysiert und interpretiert.[12]

Für die gesellschaftliche Umbruchphase in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und mit dem beginnenden wirtschaftlichen Wohlstand wird die „satirische Groteske“ als eine der beliebtesten Darbietungsformen zeitgenössischer Prosa zur Entlarvung der „Erbärmlichkeit des Realen“ bezeichnet: in ihr existiere „Unvereinbares im gleichen Raum“.[13] Böll vertrete im Spektrum der Satire-Literatur eine besondere Stilart: die Verbindung von Kritik, moralischer Position und Groteske. Als „Moralist aus Güte“ scheue der Autor als „genaue[r] Beobachter seiner Zeitgenossen auch nicht den bitteren Humor, die maliziöse Satire auf die neu arrangierte Gesellschaft“.[14]

Für Korn steht Böll als Polemiker und heimlicher Moralist in seiner Zeit ziemlich allein da: Sein scharfes Auge sehe „die Abnormität im gesellschaftlichen Leben“. Weil jedoch die moralischen Traktate und Predigten nicht mehr wirken, gehe er Umwege. Er halte sich an das, was die Sprache sehr genau sage, „Ver-rückte“. Die Karikatur seiner Satire enthalte eine allgemeine Wahrheit, „weil die Normalen allesamt als mehr oder minder ver-rückt“ erscheinen. Indem er ins Groteske gesteigerte Geschichten erzähle, vermeide er, „aus klugem Instinkt“, den Zorn. Er habe die Lacher auf seiner Seite. Sein Stil sei forciert realistisch, die Ironie dosiert, die Absicht geschickt verkleidet. So treffe er wie absichtslos neuralgische Punkte: „schlimme Konstruktionsfehler unserer technisch organisierten verwalteten Welt […] groteske Missbildungen“.[15]

Kilchemann zählt Bölls satirische Erzählungen zu den besten in der zeitgenössischen Literatur.[16] Hier verwirkliche Böll seine Ansicht, „dass das Wirkliche phantastisch sei“, und lasse „diese phantastische Wirklichkeit Gestalt werden, indem er dem Schein die Maske abreißt. Seine Angriffe auf die Auswüchse der Nachkriegsgesellschaft treffen gut gezielt ins Schwarze.“ Der Ausdruck sei „präzis und prägnant, die Waffe scharf geschliffen.“[17]

Nach Rasch wird Bölls „Deutung der Zeitwirklichkeit“ darin sichtbar, dass er „mit Sympathie und Liebe offensichtlich nicht die zeitgemäßen und erfolgreichen Menschen darstellt, sondern die Außenseiter, die Erfolglosen“. Er liebe die schwarzen Schafe, die er „als tragikomische Figuren mit liebevollem Spott“ vorführe, aber er ziele mit seiner Kritik über sie hinaus auf gesellschaftliche Missstände.[18] Bölls Erzählungen erzeugen für Rasch „Unbehagen, Unruhe bei denen, die […] sich den erfolgverheißenden Spielregeln der gegenwärtigen Wirklichkeit ohne Vorbehalt anzupassen suchen […] Man spürt, dass im selbstzufriedenen Behagen ein Verlust enthalten ist, im Wohlstand eine Verarmung, im Erfolg Versäumnis. […] Wenn Bölls Menschen nicht wissen, woran es ihnen eigentlich mangelt, so wissen sie wenigstens, dass ihnen etwas fehlt, etwas Wesentliches, dass ihnen ein menschlich erfülltes Dasein vorenthalten bleibt […] Jede Erzählung Bölls setzt uns in Misstrauen gegenüber unserer Wirklichkeit, unseren Lebensverhältnissen. […] Bölls Dichtung entfaltet sich am Widerstand gegen diesen Anspruch der kompakten Realität, aus dem Spannungsverhältnis zu ihr entspringt der Funke erzählerischer Inspiration. Er erfindet Geschichten, einfache klar gebaute, von innerer Spannung vibrierende Stories, die gleichzeitig auch mehr sind: Enthüllungen, Bloßlegungen einer Wahrheit, auch Anklage und Protest – aber es ist stets ein dichterisch geformter, in der Gestalt der Erzählung eingeformter Protest, als Gleichnis darstellend“.[19]

Literatur

  • Erhard Friedrichsmeyer: Die satirische Kurzprosa Heinrich Bölls. Chapel Hill 1981.
  • Manfred Durzak: Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart. Autorenporträts, Werkstattgespräche, Interpretationen. Stuttgart 2. Aufl. 1982.
  • Harald Gerber: Erläuterungen zu Heinrich Böll. Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane. Teil I. Krieg und Nachkrieg. Bange, Hollfeld/Ofr. 1987.
  • Manfred Jurgensen: „Die Poesie des Augenblicks“. Die Kurzgeschichten, S. 43–60. In: Bernd Balzer (Hrsg.): Heinrich Böll 1917–1985 zum 75. Geburtstag. Lang, Bern 1992.
  • Werner Bellmann (Hrsg.): Das Werk Heinrich Bölls. Bibliographie mit Studien zum Frühwerk. Westdeutscher Verlag, Opladen 1995.
  • Werner Bellmann (Hrsg.): Heinrich Böll, Romane und Erzählungen. Interpretationen. Reclam, Stuttgart 2000.

Anmerkungen

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