Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit
Wirtschaftsforschungsinstitut mit Sitz in Bonn
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Das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) war ein 1998 von der Deutsche-Post-Stiftung[1] gegründetes und gefördertes privates Wirtschaftsforschungsinstitut in der Rechtsform einer gemeinnützigen Kapitalgesellschaft.[2][3] Es hatte seinen Sitz in den Gebäuden der ehemaligen Landesvertretung Bremens in Bonn und wurde 2025 geschlossen.[4]
| Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) | |
|---|---|
Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit | |
| Kategorie: | Wirtschaftsforschungsinstitut |
| Bestehen: | 1998 bis 2025 |
| Rechtsform des Trägers: | gemeinnützige GmbH |
| Standort der Einrichtung: | Bonn |
| Art der Forschung: | Arbeitsmarktforschung |
| Fächer: | Wirtschaftswissenschaft |
| Grundfinanzierung: | Deutsche-Post-Stiftung |
| Leitung: | Martin T. Clemens |
| Mitarbeiter: | zuletzt rund 50 Mitarbeiter |

Zusammensetzung
Das IZA wurde von der Deutsche-Post-Stiftung gefördert. Darüber hinaus wurde Auftragsforschung für Institutionen wie die Europäische Kommission,[5] das EU-Parlament,[6] das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie,[7] das Bundesministerium für Arbeit und Soziales[7] das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend,[8] das Bundesministerium der Finanzen,[9] die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS),[10][11] die Internationale Organisation für Migration (IOM),[12] die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und die Bertelsmann-Stiftung betrieben. Zudem kooperierte das IZA mit zahlreichen internationalen Organisationen und Netzwerken, darunter der OECD,[13] Rand Europe,[14] Society of Labor Economists (SOLE),[15] dem CEPR[16] und der Slowenischen Zentralbank.[17]
Zur Förderung der Arbeitsmarktforschung in Transformations- und Entwicklungsländern hatte das IZA zusammen mit der Weltbank ein gemeinsames Forschungsprogramm zu Beschäftigung und Entwicklung initiiert.[18] Für das britische Entwicklungshilfeministerium (DFID) koordinierte das IZA ein Forschungsprogramm zur Förderung von Wachstum und Beschäftigung in Entwicklungsländern.[19] Das IZA war an den wissenschaftlichen Lehrbetrieb der Universität Bonn angebunden und in die Doktorandenausbildung der Bonn Graduate School of Economics integriert.
Laut RePEc-Ranking zählte das IZA zu den zehn forschungsstärksten wirtschaftswissenschaftlichen Institutionen in Europa,[20] und war weltweit an zweiter Stelle im Bereich Arbeitsökonomie,[21] stand an erster Stelle in Deutschland[22] und gehörte zu den drei bedeutendsten wirtschaftswissenschaftlichen Denkfabriken weltweit.[23]
Zusätzlich bot das IZA Politikberatung in allen Bereichen der Arbeitsmarktökonomie an. 2010 beriet das IZA u. a. die Bundesregierung bei der Reform der Hinzuverdienstregeln. Ebenso unterstützte es Projekte auf europäischer und internationaler Ebene. Das IZA war 2024 mit rund 2.000 Wissenschaftlern das weltweit größte Forschungsnetzwerk der Ökonomie.[24] Zu seinen internationalen Research Fellows zählten u. a. die Nobelpreisträger George Akerlof, James Heckman, Dale Mortensen und Christopher Pissarides.
Leitung
Präsident des Instituts war Klaus Zumwinkel, der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutsche Post World Net.
Gründungsdirektor war von April 1998 bis Februar 2016 Klaus F. Zimmermann, der bis Februar 2011 zugleich auch Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin war. Von März 2016 bis Mai 2022 leitete Hilmar Schneider das IZA.[25] Danach war bis Ende 2023 Simon Jäger Leiter der Einrichtung.[26] Von Anfang 2023 bis Ende 2025 war Martin T. Clemens letzter Geschäftsführer.[27]
Umstrukturierungen
Ausgliederung von Briq 2016
Das IZA wurde durch Klaus Zumwinkel, Vorstand der Deutsche-Post-Stiftung und Präsident des IZA, zum 1. März 2016 umstrukturiert.[28] Der Fokus sollte neben dem Ausbau der akademischen „Spitzenforschung“[29] noch stärker auf der „Lösung wirtschaftspolitischer Probleme“ liegen.[28] Das internationale Forschernetzwerk des IZA blieb bestehen und wurde von Daniel S. Hamermesh koordiniert.[28] IZA-Gründungsdirektor Klaus F. Zimmermann, der diese Entwicklungen nach eigener Aussage nicht mittragen wollte,[30] verließ zum 1. März 2016 das Institut.[31]
Neuer Institutsleiter wurde Hilmar Schneider, zuletzt Direktor des Luxembourg Institute of Socio-Economic Research.[31] Zusätzlich gründete die Deutsche-Post-Stiftung ein weiteres Institut, das Behavior and Inequality Research Institute (Briq), das sich „unter Leitung des Bonner Universitätsprofessors Armin Falk den Forschungsfeldern Verhaltensökonomie und Ungleichheit widmen“ sollte.[31]
Wiedervereinigung mit Briq 2024
Am 10. November 2023 gab die Deutsche-Post-Stiftung bekannt, die Fördermittel für das IZA und das Briq halbieren zu wollen und das Briq daher wieder ins IZA zu integrieren. Daraufhin kündigte der, erst zwei Jahre zuvor aufwändig angeworbene, Direktor Simon Jäger seinen Rückzug aus dem Projekt an. Die Leitung des zusammengelegten Instituts sollte ab Januar 2024 der Direktor des Briq, Armin Falk, übernehmen.[26]
Wissenschaftler und Politiker zeigten sich bestürzt über die Entwicklung. Die Zusammenlegung der beiden Institute war intern erst eine Stunde vor der öffentlichen Bekanntmachung kommuniziert worden. Der Weggang Jägers wurde als „schwer zu begreifen“ und „großer und bedauerlicher Verlust“ bezeichnet.[32] Der baden-württembergische Finanzminister, Danyal Bayaz, wandte sich an die Deutsche-Post-Stiftung und bat darum, die Entscheidung zu überdenken.[33]
Nachdem binnen kurzer Zeit über 700 der 2.000 Mitglieder des Forschungsnetzwerks mit dem Austritt drohten, falls Falk die Leitung des fusionierten Instituts übernähme, kündigte dieser seinen Rückzug zum Jahreswechsel an. Neben Unzufriedenheit mit der massiven Kürzung der Fördermittel, wurde Falks Umgang mit Vorwürfen von Fehlverhalten gegenüber einer Kollegin kritisiert. Die Vorwürfe selbst wurden zwar entkräftet,[34] sein Umgang damit und mit der Kollegin wurde jedoch als unwürdig wahrgenommen.[35] Stattdessen übernahm Finanzvorstand Martin T. Clemens vorläufig die Geschäftsführung[27] und ein Beratungsgremium wurde zur Betreuung des Forschungsnetzwerks eingesetzt.[36]
Ziele
Das Institut zur Zukunft der Arbeit verstand sich als Wirtschaftsforschungsinstitut für internationale Arbeitsmarkt-Grundlagenforschung und Politikberatung sowie als weltweit vernetzte Denkfabrik für ökonomische Analysen nationaler wie internationaler Entwicklungen im Bereich Arbeit und Beschäftigung.
Das Forschungsprogramm des Instituts erstreckte sich über acht Bereiche:
- Evaluation arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen
- Verhaltens- und Personalökonomie
- Migration, Integration, demografischer Wandel
- Arbeitsmärkte und Institutionen
- Arbeitsmärkte in Transformations- und Schwellenländern
- Zukunft von Arbeit und Beschäftigung
- internationale Beschäftigung und Entwicklung
- Umwelt und Beschäftigung
Das IZA verfolgte damit drei zentrale Aufgaben:
- international wettbewerbsfähige Forschungstätigkeit auf allen Gebieten der Arbeitsökonomie
- Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in praktikable Konzepte
- Vermittlung von Forschungsergebnissen und Konzepten an die Öffentlichkeit.
IZA Prize in Labor Economics
Der IZA Prize in Labor Economics wurde seit 2002 vom IZA als Wissenschaftspreis in der Wirtschaftsforschung verliehen, für „besondere wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der Arbeitsökonomie“, und gehörte zu den wichtigsten internationalen Auszeichnungen für Ökonomen.[37]
Veröffentlichungen
Das IZA gab die halbjährlich erscheinende referierte Serie Research in Labor Economics zusammen mit Emerald Group Publishing heraus.[38] Darüber hinaus veröffentlichte das IZA seit 2012 eine Serie von fünf open access referierten Fachzeitschriften, die sich jeweils auf verschiedene internationalen Arbeitsmarktthemen spezialisierten:
- IZA Journal of Labor Economics
- IZA Journal of Labor Policy
- IZA Journal of Migration
- IZA Journal of Labor & Development
- IZA Journal of European Labor Studies
Die Fachzeitschriften wurden zusammen mit Springer Science+Business Media herausgegeben und stellten den Autoren keine Gebühren in Rechnung, jedoch wurde erwartet, dass Autoren als Gutachter im Gutachterprozess beitragen.[39][40]
In Zusammenarbeit mit Bloomsbury Publishing veröffentlichte das IZA mit IZA World of Labor ein open access Internet-Kompendium, das Politik und interessierte Öffentlichkeit ermöglichte, sich zu einem breiten Themenspektrum von Arbeitsmarktfragen wissenschaftlich objektiv zu informieren.[41]
Positionen des IZA
Migration und Integration
Im November 2010 wurde die „Agenda Zuwanderung: Ein Zehn-Punkte-Aktionsplan für gesteuerte Arbeitsmigration und bessere Integration“ veröffentlicht.[42] Wiederholt hat IZA-Direktor Klaus F. Zimmermann gefordert, im transatlantischen Freihandelsabkommen auch die Arbeitsmärkte einzubeziehen.[43][44]
Die Zeit veröffentlichte im Januar 2014 einen Beitrag von Klaus F. Zimmermann zur Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik der Großen Koalition. Darin spricht er sich u. a. für eine größere Mobilität auf den europäischen Arbeitsmärkten aus.[45] Klaus F. Zimmermann hat sich wiederholt für eine umfassende Reform der deutschen wie europäischen Zuwanderungs- und Flüchtlingspolitik eingesetzt.[46][47][48][49][50] Laut Studien und Stellungnahmen des IZA hat die EU-Osterweiterung in Deutschland weder zu „Lohndumping“ noch „Sozialtourismus“ geführt.[51][52][53][54][55] Allerdings fordert das IZA eine bessere europaweite Integration der Roma.[56] Auf Initiative des IZA haben führende europäische Arbeitsökonomen ein Manifest zum Ausbau der Freizügigkeit von Arbeitnehmer innerhalb der Europäischen Union unterzeichnet, welches in mehr als 10 europäischen Ländern abgedruckt wurde.[57][58][59][60][61][62][63][64]
In der deutschen Zuwanderungsdiskussion plädierten IZA Experten mit einem konkreten Gestaltungsvorschlag für die Einführung eines Punktesystems, das kurzfristige Arbeitsmarktengpässe und langfristige Humankapitalaspekte und Integrationsfragen aktiv und transparent gestalten soll.[65] Zur Stärkung der Willkommenskultur fordert der Direktor des IZA, Klaus F. Zimmermann, in einem Beitrag für Vorwärts die Schaffung eines Bundesministeriums für Migration und Integration.[66]
Vor dem EU-Sondergipfel im April 2015 forderte IZA Direktor Klaus F. Zimmermann eine Neuausrichtung der Europäischen Asyl- und Flüchtlingspolitik und feste Quoten zur Erreichung einer gerechteren Verteilung der Flüchtlinge, die sich z. B. an der Bevölkerungsgröße und Wirtschaftskraft orientieren können.[67] Er plädierte in diesem Zusammenhang dafür, qualifizierten Flüchtlingen Zugang zum europäischen Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu gewähren und eine Mittelmeerunion zwischen Europa und den Anrainerstaaten in Nordafrika und dem Nahen Osten zu schaffen.[68]
Arbeitsmarktreformen
Im März 2010 hat das IZA ein umfangreiches Positionspapier „Agenda 2020 – Strategien für eine Politik der Vollbeschäftigung“ vorgelegt. Am 8. Januar 2011 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung ein umfangreiches Positionspapier von IZA-Direktor Klaus F. Zimmermann zur Zukunft der Arbeit.[69] Ebenso forderte er, die „Energiewende“ im Blick auf die Arbeitsplatzwirkungen wissenschaftlich zu evaluieren und ein Projektmanagement mit umfassendem Monitoring zu installieren.[70][71]
Vor den Bundestagswahlen 2013 hat Klaus F. Zimmermann ein „10-Punkte-Programm für Deutschland 2020“ vorgelegt.[72] Zu den – teils kontrovers diskutierten – Reformvorschlägen des IZA für den deutschen Arbeitsmarkt zählen das Workfare-Konzept[73] als Alternative zum Kombilohn-Modell, die Ablehnung der flächendeckenden Einführung von Mindestlöhnen, flexiblere (längere) Arbeitszeiten, die Lockerung des Kündigungsschutzes, die Anhebung des Renteneintrittsalters, die Unterstützung des DGB-Aufrufs zur Abschaffung der Minijobs[74] sowie die Unterstützung des Vorschlags von IG Metall Chef Detlef Wetzel zur Einführung von individuellen Weiterbildungskonten für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte.[75]
Das IZA veröffentlichte am 24. November 2010 eine Pressemitteilung, laut der das IZA „seit langem“ für die Einführung einer Absolventensteuer als Alternative zu Studiengebühren plädiert.[76]
Das IZA unterstützt die von der IG Metall geforderten anonymisierte Bewerbungen gegen Diskriminierung in der Arbeitswelt,[77] die von Arbeitgeberverbänden teilweise abgelehnt werden.[78] Das IZA hat das entsprechende Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS)[79][80] und den Modellversuch des Integrationsministeriums des Landes Baden-Württemberg wissenschaftlich begleitet.[81][82]
Kritik
In der Monatszeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik kritisierte Werner Rügemer „eine neue Form des Lobbyismus“, bei der die Lobbyisten „längst im Staat“ sitzen und vielfach von diesem finanziert würden und benannte hierzu auch das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) als Beispiel „für diese Form des unsichtbaren Lobbyings unter staatlichem Siegel“.[83] Auch aufgrund der engen Zusammenarbeit mit Vertretern des Bundesverband der Deutschen Industrie und der arbeitgebernahen Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft stellte Rügemer die Unabhängigkeit und Neutralität des Instituts infrage. Der Artikel wurde später auch von dem Blog NRhZ-Online veröffentlicht.
IZA-Direktor Klaus F. Zimmermann verklagte daraufhin Werner Rügemer, die Monatszeitschrift und die Internet-Zeitung. In den Publikationen wurden nach einer einstweiligen Verfügung vorläufig die entsprechenden Stellen entfernt. Während die Monatszeitschrift eine Unterlassungserklärung unterzeichnete, verweigerten dies das Blog und auch Autor Rügemer, der weiterhin zu seinen Aussagen steht.[84] Die Klage wurde 2019 zurückgezogen und das IZA übernahm die Gerichtskosten und die Hälfte der Anwaltskosten von Werner Rügemer.[85]
Literatur
- Klaus F. Zimmermann: Reformen – jetzt! So geht es mit Deutschland wieder aufwärts. 2003, ISBN 3-409-12524-8.
- Hilmar Schneider, Marcus Hagedorn, Ashok Kaul, Tim Mennel: Reform der Arbeitslosenversicherung. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), 2004, ISBN 3-89204-736-7.
- Klaus F. Zimmermann: Deutschland – was nun? Reformen für Wirtschaft und Gesellschaft. 2006, ISBN 3-423-50900-7.
- Klaus F. Zimmermann: Migration, jobs and integration in Europe. Migration Policy Practice, Volume IV, Number 4, October–November 2014, S. 4–16; iom.int (PDF)