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Freie Republik Wackerland

Hüttendorf auf dem Baugelände der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf (WAA) in Bayern From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Freie Republik Wackerland (auch Freies Wackerland oder Wackerland) war ein Hüttendorf auf dem Baugelände der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf (WAA) in Bayern. Die Erbauer wollten durch die Bauplatzbesetzung den Bau der kerntechnischen Anlage und die Wald-Rodung behindern. Das Protest-Dorf im Taxöldener Forst bestand 18 Tage vom 21. Dezember 1985 bis zum 7. Januar 1986 und wurde von starken Einsatzkräften der Polizei und des Bundesgrenzschutzes geräumt.

"Verhindert den WAAHNSINN"
"Freie Republik Wackerland"
Dorfkreuz, WAAldbühne, Baumhäuser, Gemeinschaftshaus und weitere Hütten

Vorgeschichte

Am 4. Februar 1985 entschied sich die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) für den WAA-Standort Wackersdorf. Der Schwandorfer Landrat Hans Schuierer verweigerte jedoch die wasser- und baurechtliche Genehmigung, woraufhin am 23. Juli 1985 vom Bayerischen Landtag die "Lex Schuierer" erlassen wurde. Das Bayerische Umweltministerium erteilte dann am 27. September 1985 die erste Teilerrichtungsgenehmigung. Auch die Regierung der Oberpfalz konnte durch das neue Selbsteintrittsrecht am 11. November 1985 anstelle des Schwandorfer Landratsamtes die erforderlichen Genehmigungen erteilen. Am 10. Dezember 1985 genehmigte der Bayerische Verwaltungsgerichtshof die Rodung des Taxölderner Forstes und am 11. Dezember 1985 begann die DWK sogleich mit den Rodungsarbeiten.[1] Schon im August 1985 versuchten Demonstranten eine erste Bauplatzbesetzung, die aber von der Polizei innerhalb weniger Stunden geräumt wurde.[2] Der Bau eines "Freundschaftshauses" sollte ein Test für den Rodungsbeginn sein.[3]

Freie Oberpfalz

Am 14. Dezember 1985 errichteten Demonstranten das Hüttendorf „Freie Oberpfalz“ aus den gerodeten Bäumen und besetzten so einen Teil des Baugeländes. In den Hütten übernachteten etwa 1000 Menschen bei klirrender Kälte.[4] Nach zwei Tagen wurde das Hüttendorf am 16. Dezember durch 3.700 Polizisten geräumt. 1.500 WAA-Gegner wurden vom Platz entfernt und 869 Demonstranten wurden festgenommen.[5] Auch Innenminister Karl Hillermeier beobachtete das Geschehen.[6][7] Die Freie Oberpfalz gab es nach 60 Stunden nicht mehr, allerdings hatte Hillermeier seinen Rücktritt versprochen, falls in Bayern eine Besetzung länger als 24 Stunden andauern sollte.[8][9]

Freie Republik Wackerland

Am 21. Dezember 1985 (vier Tage vor Weihnachten) wurden die Rodungsarbeiten eingestellt und es herrschte „Weihnachtsfriede“.[10][11] Kaum waren die Polizisten abgezogen, besetzen wieder ca. 400 WAA-Gegner den Bauplatz und begannen bei eisigen Temperaturen mit dem Hüttenbau. So entstand die „Freie Republik Wackerland“ (in Anlehnung an die 1980 bestandene Freie Republik Wendland)[12] mit vielen Hütten,[13] Zelten, Baumhäusern, Blockhütten, Beobachtungstürmen und mehr.[14] Das Baumaterial lag im gerodeten Wald überall herum und tausende Einheimische unterstützten die Hüttenbewohner mit Baumaterialien, Werkzeugen, Lebensmittel, Wasser und allem Lebensnotwendigen und boten auch Dusch- und Wasch-Möglichkeiten an oder halfen selbst beim Hüttenbau mit.[15][16]

Hütten und Einrichtungen

Nach und nach entstanden in den 18 Tagen über 150 Hütten und Zelte und die Infrastruktur des Dorfes wurde immer weiter ausgebaut. Baumhäuser, Waaldbühne, dreibeiniges Info-Center, Gemeinschaftshaus (Günter-Sare-Haus), Haus der Begegnung, Amberger Hütte, Landshuter Turm, Versorgungshaus, Teeküche, Schwitzhütte (Sauna), Hexenhaus, Villa Kunterbunt, Aussichtstürme, Dorfkreuz, Marien-Bildstock, Weihnachtskrippe usw. machten das Dorf zu einer Wohn- und Begegnungsstätte. Jung und Alt, Einheimische und Auswärtige, brave Bürger und gewaltbereite Autonome arbeiteten und feierten zusammen. Es gab sogar eine eigene Hüttendorf-Zeitung "Tax News" in Anlehnung an den Taxöldener Forst.[17] Sowohl das "Günter-Sare-Haus"-Transparent als auch das Transparent mit einem Zitat und dem Bildnis der damals schon verstorbenen Links-Terroristin Ulrike Meinhof wurden 1986 nach der Hüttendorfräumung im Bayerischen Landtag lebhaft und kontrovers diskutiert.[18]

Dorfkreuz mit Marien-Bildstock

Der Holzbildhauer Stefan Preisl aus Burglengenfeld beteiligte sich früh an den Widerstandsaktionen gegen die WAA und schnitzte aus einem gerodeten Baumstamm im Hüttendorf eine Christusfigur (das Gestohlene Kreuz von Wackersdorf). Der Korpus wurde an einem Kreuz aus Baumstämmen angebracht, aufgestellt und am 31. Dezember 1985 von Pfarrer Andreas Schlagenhaufer[19] gesegnet. Dorfkreuz und Segnung wurden von Politik und Kirche stark kritisiert.[20] Am Fuße des Kreuzes wurde ein Marien-Bildstock angebracht.[21][22] Ein Modell der Christus-Figur, die am 20. Februar 1986 neben dem Franziskus-Marterl gestohlen wurde, ist heute im Haus der Bayerischen Geschichte (HdBG) in Regensburg zu sehen.

Weihnachtskrippe

Zu Weihnachten kamen ca. 1500 Bürger aus nah und fern und feierten Heilig Abend im Hüttendorf.[23] Die offizielle Weihnachtsfeier zelebrierten zwei katholische und drei evangelische Priester außerhalb des Hüttendorfs am Roten Kreuz, ohne Wissen ihrer Kirchenleitungen.[24] Die Bereitschaftspolizisten feierten ihn ihren Unterkünften am Ortsrand von Wackersdorf.[25] Christbäume wurden geschmückt und eine Weihnachtskrippe aus Tonfiguren angefertigt und unter dem "Kufiya-Kreuz"[26] aufgebaut.[27] Die Original-Krippenfiguren Maria mit dem Jesuskind und Josef (ohne Hut) sind im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg ausgestellt.

Waaldbühne

Wackerland wurde zu einem „Kulturzentrum der Oberpfalz“[28] und die WAAldbühne zum kulturellen Mittelpunkt des Hüttendorfes.[29] Vor allem an den Feiertagen (Weihnachten, Sylvester, Neujahr, Heilig Drei König) und an den Wochenenden strömten Scharen von Menschen aus Schwandorf und den umliegenden Dörfern herbei und bevölkerten den Dorfplatz, der dann einem riesigen Jahrmarkt glich.[30] Am 29. Dezember kamen rund 3000 Menschen zum Bürgerfest und zu den Sylvester-Feierlichkeiten kamen ca. 2000 Besucher ins Hüttendorf. Auch zu den Auftritten verschiedenster Künstler kamen tausende Zuschauer. Höhepunkt war das Bürger- und Kulturfest am 5./6. Januar 1986 u. a. mit Gerhard Polt und der Biermösl Blosn zu dem über 10.000 Besucher in das Hüttendorf strömten. Die Biermösl Blosn (Christoph Well, Hans Well, Michael Well) und Gerhard Polt demonstrierten musizierend auf der WAAldbühne gegen die WAA.[31] Auf der Wackerland-Bühne waren zuvor auch die Mehlprimeln[32] und d' Nussgackl[33] aufgetreten. Christoph Well (Biermösl Blosn) traf sich 2018 im Rahmen seiner BR-Fernseh-Sendung "Stofferl Wells Bayern" wieder mit den damaligen Mitstreitern und WAA-Gegnern Hans Schuierer und Irmgard Gietl am Franziskus-Marterl.[34]

Räumung durch die Polizei

Nach dem eingehaltenen Weihnachtsfrieden[35] begannen am 7. Januar 1986 frühmorgens 2000 Polizisten das Hüttendorf zu räumen.[36] Bei der Räumung, die bis in die Nacht andauerte, wurden über 1000 Menschen (meist Auswärtige) zur erkennungsdienstlichen Erfassung festgenommen.[37] Einige Baumhäuser wurden vom Hubschrauber aus eingenommen und SEK-Polizisten seilten sich vom Polizeihubschrauber auf die hohen Baumhäuser ab. Es kamen Schlagstöcke und Polizeihunde zum Einsatz. Mehrere WAA-Gegner wurden von den Hunden zum Teil erheblich verletzt.[38] Landrat Hans Schuierer, der auch beinahe von einem Hund gebissen worden wäre, bezeichnete das Vorgehen der Polizisten als "Terror in Vollendung" und bekam u. a. dafür ein Disziplinarverfahren.[39][40] Die SPD-Landtagsabgeordnete Christa Meier (MDL) fuhr am Räumungstag um 5:30 Uhr zusammen mit Otto Benner (MdL), Wolfgang Sieler (MdB), Landrat Hans Schuierer und weiteren Schwandorfern zum Hüttendorf in den Taxöldener Forst und schilderte am 20. Februar im Bayerischen Landtag, wie dramatisch sie die Hüttendorf-Räumung erlebt hatte.[41]

Das Dorfkreuz von Stefan Preisl und der Marien-Bildstock am Fuße des Kreuzes wurden bei der Räumung von der Polizei nicht angerührt. Das Kreuz, das erst vor einer Woche vom katholischen Pfarrer Andreas Schlagenhaufer geweiht worden war, musste erst vom Regensburger Polizeiseelsorger Heinrich Wachter entweiht werden.[42] Danach wurde das schwere Kreuz abgesägt und mit Hilfe eines Kranes umgelegt. Während das Kreuz von der Polizei abgenommen wurde, verlas Pfarrer Leo Feichtmeier, der den Text zur Weihe des Kreuzes geschrieben hatte, über Lautsprecher den Bibeltext über die Kreuzabnahme Jesu (Joh 19,38–40 EU).[43] Anschließend trugen Polizisten den Kreuz-Korpus und den Marien-Bildstock zu einem Polizeilastwagen zum Abtransport. Nachdem die Polizei die Jesus-Figur wieder den WAA-Gegnern überlassen hatte, wurde sie neben dem Franziskus-Marterl angebracht und dort am 22. Februar 1986 gestohlen (Gestohlenes Kreuz von Wackersdorf).

Der Einsatzleiter der Polizei, Polizeipräsident Hermann Friker, wurde für seine Taktik und die späte Räumung des Hüttendorfes von Ministerpräsident Franz Josef Strauß und der CSU-Landtagsfraktion stark kritisiert.[44] Die bayerische Staatsregierung warf Friker „halbherziges“[45] und „liberales“ Vorgehen vor.[46] Im Mai 1986 wurde Friker abgelöst und durch Wilhelm Fenzl ersetzt.[47]

Aus- und Nachwirkungen

Lagerfeuer im Wackerland

Die Hüttendörfer konnten den Bau der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf (WAA) nur unmerklich verzögern. Seit dem Rodungsbeginn im Dezember 1985 reisten allerdings Atomkraftgegner aus ganz Deutschland zu Protesten nach Wackersdorf. Viele hatten schon Erfahrungen bei den Protesten in Gorleben (Wendland), Wyhl, AKW Brokdorf, Grohnde, der Startbahn West oder in den autonomen Szenen in Hamburg oder Berlin gesammelt. Konservative Oberpfälzer WAA-Gegner trafen so bei ihren Protesten immer häufiger auf linke und autonome Gruppen.[48] Das gemeinsame Essen und Singen und die gemeinsam verbrachten Nächte im Hüttendorf schufen eine verschworene Gemeinschaft und ein Gemeinschaftsgefühl, "das Beamtinnen, Punks, Städterinnen und Provinzler, Linke und Konservative näher brachte."[49] Im Hüttendorf konnte die einheimische Bevölkerung durch das Zusammentreffen mit verschiedensten demonstrationserfahrenen Gruppen Erfahrungen austauschen und neue Argumente kennenlernen.[50] So wurde das Hüttendorf "das prägende Ereignis für den inneren Zusammenhalt der Bewegung gegen die Wiederaufarbeitungsanlage".[51] Wackerland schaffte ein enges Band zwischen den als Chaoten[52] diffamierten und den einheimischen WAA-Gegnern und durch das Zusammenleben von ländlicher Bevölkerung und den (auswärtigen) Demonstranten konnten Misstrauen und Vorurteile abgebaut werden.[53][54] Das Wackerland schuf den Schulterschluss zwischen oberpfälzischen und auswärtigen WAA-Gegnern und mobilisierte die Menschen vor Ort.[55] - Das Zitat von Peter Herzig formuliert dies treffend: Am Lagerfeuer, mit heißen Gesichtern und frierendem Rücken, näherten wir uns[56] einander in der Sprache und im Denken, in den Eß- und Trinkgewohnheiten, in den Überlegungen zum WAA-Widerstand und im Umgang mit Menschen, mit denen man vorher vielleicht nicht so viel am Hut hatte und die einem auf einmal so verwandt erschienen. (Peter Herzig)[57]

Film- und Tondokumente

  • 1986: Wackersdorf – Das Hüttendorf / Szenen aus "Die Polizei fährt nach Wackersdorf". Ereignisse seit dem Rodungsbeginn bis zur Räumung des zweiten Hüttendorfs. Film von Victor Halb, 18 Min[58]
  • 1986: 18 Tage freies Wackerland. Medienwerkstatt Franken, Bibliothek des Widerstands Band 19, 4 Min[59][60]
  • 1986: 18 Tage freies Wackerland. Medienwerkstatt Franken, 13 Min[61]
  • 1986: 18 Tage freies Wackerland. Medienwerkstatt Franken, 11 Min[62]
  • 1986: Spaltprozesse Dokumentarfilm 1986, Hüttendorfbau, Hüttendorfräumung usw., 96 Min[63]
  • 1986: WAA Wackersdorf: Strahlende Zukunft für die Oberpfalz. Monitor-Beitrag, 15 Min[64]
  • 1986: Wackersdorf – Ein Mythos. Medienwerkstatt Franken, 24 Min[65]
  • 1986: Konstantin Wecker: Der Baum (WAA-Protest-Lied zur Wald-Rodung, Hüttendorfräumung, ...), 5 Min[66]
  • 1986: Biermösl Blosn: Es muss ein Sonntag g'wesen sein (WAA-Protestlied), ab Min 2[67]
  • 2006: Schreckgespenst WAA – Widerstand in Wackersdorf. Medienwerkstatt Franken, Bibliothek des Widerstands Band 19, 25 Min[68]
  • 2012: Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv / Die AKW-Protestbewegung: Von Wyhl bis Wackersdorf, ttt, 6 Min[69]
  • 2017: Atomstreit in Wackersdorf – Die Geschichte einer Eskalation. ARD/BR, Dokumentation, 44 Min[70]
  • 2018: Aufstand im Wackerland: Hörgeschichte auf Radio Z, 36 Min[71]

Zeitzeugen-Interviews

  • Hans Schuierer berichtet über die Räumung des zweiten Hüttendorfs, das harte Durchgreifen der Polizei, die Strafanträge gegen Polizisten und verletzte Demonstranten. HdBG 2014, 3 Min[72]
  • Irmgard Gietl berichtet über das Hüttendorf und die persönliche Auseinandersetzungen mit der Polizei. HdBG 2015, 3 Min[73]
  • Stefan Preisl berichtet über die Errichtung des Holzkreuzes mit der von ihm geschnitzten Christusfigur im Hüttendorf und die Abnahme durch die Polizei bei der Räumung. HdBG 2015, 3 Min[74]
  • Klaus Wolf berichtet über die Bedeutung der Errichtung des Hüttendorfs und die Räumung durch die Polizei. HdBG 2016, 3 Min[75]
  • Ulrich Lenz berichtet über den Beginn der Rodungen, das erste Hüttendorf und seine Festnahme beim Protest gegen die WAA. HdBG 2015, 3 Min[76]
  • Ruth Paulig berichtet über die Proteste gegen die WAA und wie breit das gesellschaftliche Bündnis war. HdBG 2010, 3 Min[77]
  • Jochen Stay berichtet über seine Erlebnisse im Hüttendorf und den Widerstand in Wackersdorf. Zeitzeugenportal 1988, 8 Min[78]

Literatur

Einzelnachweise

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