Kaiser-Wilhelm-Straße (Berlin-Mitte)
ehemalige Straße in Berlin-Mitte
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Die Kaiser-Wilhelm-Straße (bis 1906: Kaiser Wilhelmstraße) war eine Geschäftsstraße durch die Historische Mitte der Stadt Berlin, sie entstand ab 1877 und verschwand bis 1969 im Rahmen zweier großer Flächensanierungen. Geplant als Prachtstraße und gleichzeitig mit der Berliner Stadtbahn angelegt, wurde die nach Wilhelm I. benannte Straße vom Berliner Schloss nordostwärts quer durch den mittelalterlichen Stadtkern gebrochen und anschließend durch das Spandauer Viertel bis zum heutigen Rosa-Luxemburg-Platz verlängert. Für diesen „größten Straßendurchbruch der Kaiserzeit“[1] ließ die Stadt Berlin mehrere Armenviertel großflächig abreißen, darunter die Gasse An der Königsmauer und das damalige Scheunenviertel. Die Straße war im frühen 20. Jahrhundert Standort mehrerer Banken, großer Geschäftshäuser sowie der Berliner Zentralmarkthallen am Alexanderplatz.
Spandauer Viertel
Ab 1920: Berlin-Mitte
1887 (Namensgebung)
| Kaiser-Wilhelm-Straße (Berlin-Mitte) | |
|---|---|
| Ort | Berlin |
| Ortsteil | Alt-Berlin Spandauer Viertel Ab 1920: Berlin-Mitte |
| Angelegt | 1877–1908 1887 (Namensgebung) |
| Umbenannt | 1947 in Liebknechtstraße |
| Abgerissen | 1968/69 (Südwestteil) |
| Anschluss-straßen | Lustgarten Hankestraße / Weydingerstraße (ab 1908) |
| Querstraßen | Burgstraße Heiligegeiststraße Spandauer Straße Rosenstraße Klosterstraße Neue Friedrichstraße An der Stadtbahn (ab 1902: Dircksenstraße) Münzstraße Memhardstraße (ab 1932) Hirtenstraße (ab 1891) |
| Plätze | Neuer Markt Bülowplatz (ab 1908) |
| Bauwerke | Marienkirche (um 1270) Zentralmarkthallen (1886/93) Kaiser-Wilhelm-Brücke (1890) Lutherdenkmal (1895) |
Nach einem Teilabriss unter den Nationalsozialisten und größeren Schäden im Zweiten Weltkrieg wurde die Kaiser-Wilhelm-Straße 1947 in Liebknechtstraße umbenannt. Bis 1969 ließ die DDR die erhaltene Bebauung im südwestlichen Straßenabschnitt vollständig abreißen und eine neue Straße mit geändertem Verlauf anlegen, die heutige Karl-Liebknecht-Straße.
Lage

In östlicher Verlängerung der Straße Unter den Linden begann die Kaiser-Wilhelm-Straße an der Spree gegenüber dem Berliner Schloss und dem Berliner Dom an der damaligen Kaiser-Wilhelm-Brücke. Sie führte zunächst in Richtung Ostnordost durch das Heilige-Geist-Viertel direkt auf den Turm der Marienkirche zu, passierte im Marienviertel mit leichten Schwenk Richtung Norden Zentralmarkthalle und Stadtbahngleise und führte weiter Richtung Nordnordost durch das Spandauer Viertel im Verlauf der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße. Zu Zeiten ihrer größten Ausdehnung endete die Straße 1934 am Lichtspieltheater am Bülowplatz.[2] Das Haus der Volksbühne war als nördlicher point de vue ihr städtebaulicher Abschluss.

Gut zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde 1969 der geschwungene westliche Straßenverlauf geändert, die DDR-Staatsführung ließ mit Ausnahme der Marienkirche sämtliche erhaltenen Gebäude abreißen und in gerader Linie die etwa doppelt so breite, achtspurige Karl-Liebknecht-Straße anlegen.
Die Kaiser-Wilhelm-Straße verlief zwischen Spree und Spandauer Straße entlang der Südseite der heutigen Karl-Liebknecht-Straße, ab Höhe der Marienkirche zunehmend weiter nördlich, dort quert seit 1968 der zwölfgeschossige, sogenannte Liebknechtriegel [3][4] den alten Straßenverlauf.[5] Die Führung der südlichen Rosa-Luxemburg-Straße hingegen entspricht der historischen Kaiser-Wilhelm-Straße.
Geologisch lag die Straße in voller Länge im Talsand des Berliner Urstromtals, angeschwemmt im unteren Pleistozän und anthropogen überformt durch Aufschüttungen in frühester Stadtgeschichte. In Höhe des heutigen Fernsehturms kreuzte die Straße einen trockenliegenden Altwasserlauf der Spree, in dessen Verlauf die mittelalterliche Berliner Stadtmauer gebaut worden war.[6]
Name
Der greise Wilhelm I. benannte die Straße per Kabinettsordre am 16. Juni 1887 nach sich selbst,[7] sein Enkel Wilhelm II. legte im Mai 1893 der ersten Straßenverlängerung den gleichen Namen bei.[8][9] Die Schreibweise war anfangs Kaiser Wilhelmstraße, ab 1906 Kaiser-Wilhelm-Straße. Gebräuchlich waren auch die Varianten Kaiser Wilhelm-Straße, Kaiser-Wilhelmstraße und – seltener – Kaiserwilhelmstraße.[10] Der Name ging auf einen Vorschlag[11] des Architekten August Orth aus dem Jahre 1871 zurück.[12]
Straßenbau 1877 bis 1908

Der Durchbruch der Straße zog sich über gut drei Jahrzehnte und verlief in mehreren Abschnitten. Er begann 1877 im Marienviertel am heutigen Fernsehturm, als die Stadt Berlin den Abriss des damaligen Bordell- und Armenviertels An der Königsmauer in Angriff nahm. 1884 bis 1887 folgte der große Straßendurchbruch quer durch Alt-Berlin vom Lustgarten nordostwärts bis zur Münzstraße. Für eine erste Verlängerung wurde 1891 das monumentale Victoria-Theater am Ort der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße abgerissen, für die zweite Verlängerung ließ die Stadt Berlin 1906–1908 ein ganzes weiteres Stadtviertel, das damalige Scheunenviertel niederlegen. In der heutigen Architektursoziologie gilt der Bau der Kaiser-Wilhelm-Straße als erstes Beispiel einer Kahlschlagsanierung in Berlin.[13]
Abbruch der Gasse An der Königsmauer / Kleiner Jüdenhof, 1877
Vorrangiges Ziel des Straßendurchbruchs war für den Magistrat die „Beseitigung“ mehrerer Straßenzüge entlang der ehemaligen, mittelalterlichen Berliner Stadtmauer, darunter die damals stadtweit verrufene Gasse An der Königsmauer, deren eine Häuserseite mit der Rückseite gegen die Stadtmauer gebaut war.[14] Die Gasse war kaum drei Meter breit, etwa vierhundert Meter lang und verlief in einem großen Bogen an der Innenseite der Stadtmauer zwischen Königstraße und nördlicher Klosterstraße – durch das heutige Gebiet zwischen Fernsehturm und der Evangelischen Schule an der Rochstraße.[15]

Außen an die alte Stadtmauer hatte die preußische Armee bereits unter Friedrich Wilhelm I. die ersten Soldatenquartiere der Stadt gebaut,[16][17] 1748 hieß die Straße dort Hinter den Paraquen oder Casernen.[18] Innen an der Mauer wurde die Gasse An der Königsmauer um 1840 zum Zentrum der „polizeilich geordneten Bordellprostitution“ Berlins.[19] Die Stadtverwaltung konzentrierte dort gut vierzig Bordelle – fast ausschließlich von Frauen betrieben – in denen mehrere hundert Prostituierte arbeiteten.[20] In den folgenden Jahrzehnten erwuchs ein „bürgerlicher Widerwille gegen die Gasse“,[14] das Armenviertel um die Königsmauer wurde zur „vielgenannten Unzierde der Stadt“.[21]
Nachdem Wilhelm I. ein neues Gesetz zur Enteignung von Grundeigentum erlassen hatte,[22] nutzte dies der Magistrat für den Straßenbau und erwarb bis 1876 etwa dreißig Grundstücke für knapp zwei Millionen Mark.[14] Im Oktober 1877[23] begannen die Abbrucharbeiten nördlich der Marienkirche, inmitten der Altstadt wurde in Verlängerung der Papenstraße eine siebzig Meter lange Schneise zwischen Klosterstraße und Neuer Friedrichstraße gebrochen,[24] querliegend zur Gasse An der Königsmauer.
Zugleich mit der Zuschüttung des angrenzenden Königgrabens wurde dieser erste Abschnitt der Kaiser Wilhelmstraße bis 1879 kanalisiert, gepflastert und mit Gaslaternen beleuchtet.[14] Sämtliche freigeräumten Grundstücke beiderseits der geplanten „Prachtstraße“ lagen zunächst fast ein Jahrzehnt brach, die Fachpresse monierte „eine Reihe von Ruinenfeldern“, die „das Auge beleidigen“.[25] Die umliegende Bebauung umfasste auch den mittelalterlichen, seit 1354 bestehenden Kleinen Jüdenhof,[26] Zeitzeuge Julius Rodenberg beschrieb ihn als verlassenen Ort:
„Bis zuletzt hat der Kleine Jüdenhof etwas Trauriges und Finsteres gehabt […] von unglaublich elenden Häusern umgeben, kleinen Häusern, mit hölzernen, halbverfaulten Treppen davor. […] Düster, drückend […] ein böser Traum, aus dem man zu erwachen scheint, wenn man nun endlich […] heraustritt und die erste Bahnbrecherin in dieser Gegend [erblickt], die Stadtbahn, und aus einer Welt von Trümmern mächtig emporragend die der Vollendung nahende Central-Markthalle, das erste Merkmal der imposanten neuen Kaiser-Wilhelm-Straße.“
Großer Durchbruch zur Spree, 1884–87

Sieben Jahre nach dem ersten Durchbruch an der Königsmauer und nach langen Verhandlungen der Stadt mit den Grundeigentümern[28] bestätigte Wilhelm I. per Kabinettsordre im Mai 1884 die geplanten Baufluchtlinien.[29] Kurz darauf schlossen die Stadt Berlin und die Großbank Berliner Handels-Gesellschaft einen Vertrag zur Gründung der Baugesellschaft Kaiser Wilhelmstraße, einer Aktiengesellschaft in Öffentlich-privater Partnerschaft,[30] subventioniert von der Stadt mit vier Millionen Mark, etwa einem fünftel des Gesamtkapitals.[31] Auftrag der Baugesellschaft war sowohl der Durchbruch als auch die Neubebauung großer Teile der Straße. Sie begann sogleich, auf einer Fläche von gut zwei Hektar knapp siebzig Grundstücke aufzukaufen, die zwischen Spree und Münzstraße sowie entlang der verbliebenen Königsmauer lagen.
Bereits im Herbst 1884 begannen die Abrissarbeiten, zunächst wurde vom Lustgarten zum Neuen Markt eine breite Schneise durch die Altstadt geschlagen. In der Burgstraße an der Spree schloss im Oktober das israelitische Traditionshaus Hotel de Saxe[32][33] und wurde ab November abgebrochen.[34] Im Januar 1885 fielen angrenzend die ersten Häuser in der Kleinen Burgstraße,[35] darunter auch das ehemalige Wohnhaus von Schlossbaumeister Caspar Theiss und Lehnssekretär Joachim Steinbrecher aus dem im 16. Jahrhundert.[36] In der Brauhausstraße mussten die Bewohner der Nordseite ab Herbst 1885 ihre Häuser räumen, zugleich begannen weiter östlich die großen Abbrucharbeiten um die alte Stadtmauer, die Königsmauer wurde nun auf voller Länge niedergelegt, das letzte Haus der Gasse fiel im Dezember. Das Berliner Volksblatt sah „Eine Stadt in Trümmern“:
„Rücksichtsloser gegen Alter und Ueberlieferung kann Haußmann in Paris nicht gewüthet haben. […] Die Brauhausstraße fällt bereits auf der einen Seite, wie weggefegt ist die Kleine Burgstraße mit der düsteren Durchfahrt, verschwunden Hotel de Saxe, Kriegsakademie, Joachimsthalsches Gymnasium. Hier streben ebenfalls schon Neubauten in die Höhe […] Das Nebeneinander von Einreißen und Aufbauen [ist] besonders charakteristisch. Wer weiß, ob in unseren Tagen in Berlin sich noch einmal Gelegenheit bieten wird, Aehnliches zu sehen.“
Abbruch des „Apothekerflügels“, 1885
Zu den kunstgeschichtlich bedeutendsten Gebäudeverlusten zählte die Hofapotheke, seit 1598 untergebracht im nördlichen Renaissanceflügel zur Spree, im damals ältesten Teil des Berliner Schlosses. Für den westlichen Straßenanschluss an den Lustgarten und die Straße Unter den Linden wurde die Hofapotheke zu gut einem Drittel abgetragen, hinter ihren „efeubewachsenen Mauern und reizvollen Türmchen“ befand sich zuletzt ein aus Mahagoni und Bronze gearbeiteter großer Apothekenraum mit Kreuzgewölbe, ferner der ehemalige Lesesaal der Königlichen Bibliothek sowie ein von Friedrich Wilhelm I. und Hofapotheker Caspar Neumann reich ausgestattetes Laboratorium. Als eine der „bedeutendsten Apotheken die existieren“ versorgte sie Mitte des 19. Jahrhunderts sowohl den Königlichen Hof als auch die Berliner Krankenhäuser Charité und Bethanien mit Medikamenten.[38][39] Nach dem Abriss im Sommer 1885 zahlte die Stadt Berlin an den Hof eine halbe Million Mark Entschädigung,[40] die Apotheke zog um und richtete sich im südlichen Torbau von Schloss Monbijou neu ein.[41]
Abbruch des nördlichen Marienkirchhofs, 1886
Durch lange Enteignungsverfahren um ein Jahr verzögert, begann ab April 1886 der Abriss von neunzehn Häusern nordwestlich der Marienkirche,[42][43][44] darunter der „Markstein des geselligen Lebens in der Altstadt“,[17] der traditionsreiche Ausschank der Brauerei Patzenhofer zwischen Marienkirchhof und Papenstraße 20/21.[45]
„Ehemals war die Kirche ganz in ein Häuserviertel eingeschlossen. Bei Anlage der Kaiser Wilhelm-Strasse ist die nordwestliche Häuserreihe dieses Viertels zum Abbruch gelangt und es hat sich nun zwischen Strasse und Kirchhof ein […] unglaublich hässlicher Platz gebildet, den der Blick auf die Hinterseiten der stehen gebliebenen Häuserreihen nicht verschönert.“
Auch am Neuen Markt wurden mehrere Häuser abgebrochen und der Kirchenbau freigelegt, „damit die Westfront in der Kaiser-Wilhelm-Straße ein point de vue bilde.“[47] Zur Verschönerung ließ Stadtbaurat Hermann Blankenstein wenige Jahre später die Marienkirche umgestalten und auch ihren Fassadensockel freilegen, dadurch bildete sich entlang der Kaiser Wilhelmstraße ein Gefälle zum nun tieferliegenden Gelände des Marienkirchhofs.[48]
In westlicher Verbindung zum Lustgarten wurde im November 1887 der Anschluss an den Neubau der Kaiser-Wilhelm-Brücke über die Spree hergestellt und „Ende December der Durchgangsverkehr von der Straße Unter den Linden über die Brücke auf der ganzen Länge der Kaiser-Wilhelmstraße eröffnet.“[49] Obwohl passierbar, blieb die reich verzierte und mit Bögen aus massivem Granit äußerst aufwendig konstruierte Brücke noch drei weitere Jahre eine Baustelle bis zu ihrer Vollendung im Spätjahr 1890.[50]
Durchbruch nordostwärts zur Hirtenstraße, 1891
Für die erste Straßenverlängerung wurde 1891 an der Münzstraße der monumentale Neorenaissancebau des Victoria-Theaters abgerissen, 1859 eröffnet als das größte Theater der Stadt mit der größten Bühnenanlage Europas. Bekannt für aufwendige Ausstattungsstücke und damals populäre Feerien, erlangte es theatergeschichtliche Bedeutung mit den Berliner Erstaufführungen von Goethes Faust II und Richard Wagners Ring des Nibelungen. Nördlich des Theaters lag ein größerer Konzertgarten mit Orchesterhalle an der Hirtenstraße.
Im Sommer 1888 verkauften die Erben des Gründers das Victoria-Theater für angeblich drei Millionen Mark an die Königstädtische Baugesellschaft,[51] die daraufhin mit dem Magistrat einen Plan für den Abriss und den Straßendurchbruch erarbeitete. Das Projekt wurde im Frühjahr 1891 von der Dresdner Bank übernommen, die Stadt zahlte einen Baukostenzuschuss von 400.000 Mark.[52]

Nach zuletzt monatelang ausverkauftem Haus fand die letzte Vorstellung im April 1891 statt, der Abriss folgte im Sommer und stellte einen tiefen Einschnitt für das Viertel dar: „Es war, als ob die Gegend ihre Anziehungskraft verloren hatte.“[53] Im ersten Winter wurde auf der Brache zunächst ein künstlicher See für eine Eisbahn angelegt, daneben erhob sich „ein wunderlicher kleiner Bau“, in dem im Januar 1892 ein Affentheater eröffnete,[54] die Tiere stammten aus dem seinerzeit berühmten Niederländischen Affentheater von Louis Broekmann.[55] Gut ein Jahr später – nach erfolgter Kanalisation und Pflasterung – benannte Wilhelm II. den neuen Straßenabschnitt ebenfalls als Kaiser Wilhelmstraße, im südlichen Teil zur Münzstraße entstanden ab 1894 mehrere repräsentative Wohn- und Geschäftshäuser, am nördlichen Ende zur Hirtenstraße erwiesen sich mehrere große Grundstücke als unverkäuflich und blieben über fast vier Jahrzehnte unbebaut.
Durchbruch zur Lothringer Straße, 1908
„Der dritte und letzte Abschnitt des Straßendurchbruchs, der den Anschluss der Kaiser-Wilhelm-Straße an die östlichen Stadtviertel und die Sanierung des Scheunenviertels mit sich bringt, erweist sich als der schwierigste und langwierigste.“
Fünfzehn Jahre, von 1891 bis 1906, dauerten allein die Planungen und Vorbereitungen, erneut wurde der Straßendurchbruch mit dem Abriss eines ganzen Stadtviertels kombiniert – wie bereits zuvor an der Königsmauer.[57] Nach dem dortigen Abriss hatte sich nur fünfhundert Meter weiter stadtauswärts ein neues Armenviertel etabliert, in den ehemaligen Scheunengassen nördlich des Victoria-Theaters. Mit wachsender Armutsprostitution bekam es um 1890 den Spitznamen Neue Königsmauer.

Der Durchbruch der Kaiser-Wilhelm-Straße sollte quer durch dieses Viertel verlaufen, im Laufe der Planungen wurde das Sanierungsgebiet ausgeweitet und eine Gabelung der Straße vorgesehen, um einen Anschluss sowohl an das Prenzlauer Tor als auch an das Schönhauser Tor herzustellen. Diese Straßenführung ermöglichte eine Vergrößerung des Abrissgebiets auf insgesamt vier Hektar – das betroffene Altstadtquartier wurde mit zunehmender Verwahrlosung ab 1894 bekannt als Scheunenviertel.
1908 war der Abriss des Scheunenviertels und der Straßendurchbruch abgeschlossen, die Gabelstraßen bekamen letztlich nicht den Namen Kaiser-Wilhelm-Straße sondern Amalienstraße und Weydingerstraße, eine kleinere Grünfläche an der Gabelung hieß ab 1910 Bülowplatz. Nördlich davon, auf der riesigen Brache, entstand ein „selten günstiger Bauplatz“, auf dem 1913/14 der Verein Freie Volksbühne nach Plänen von Oskar Kaufmann das große Haus der Volksbühne errichtete:
„Es war möglich, das Theater ganz freizustellen […]. Das Haus konnte in der Achse und als Abschluss der Kaiser-Wilhelm-Straße so monumental ausgestaltet werden, daß es als baulicher Mittelpunkt das ganze Viertel beherrscht.“
Die abgerissene Fläche des Scheunenviertels um die Volksbühne blieb viele Jahrzehnte unbebaut, erst 1931 wurden die letzten Mietshäuser am nördlichen Ende der Kaiser-Wilhelm-Straße errichtet (Siehe unten: Bauwerke).
Rezeption des Straßenbaus
Das Unternehmen Kaiser-Wilhelm-Straße vereinte den Bau einer neuen Verkehrsachse mit einer Stadtsanierung – es galt als das „wichtigste, teuerste, und dennoch erfolglose Durchbruchsprojekt der Kaiserzeit“[59] und befand sich im Zentrum des rasanten Umbaus der Berliner Innenstadt von einem Wohn- in ein Geschäftsviertel.
„Wenn man [um 1880] in diesen Teil des rechten Spreeufers kam, so konnte man sich sagen, daß er fast unberührt noch so sei, wie Lessing und Mendelssohn, Ramler und Nicolai denselben gesehen, mit den Häusern, in denen sie gewohnt, und den schmalen Fußsteigen, auf denen sie gegangen. Seitdem ist, beim Alexanderplatz angefangen, eins nach dem andern davon abgebröckelt; und die Kaiser-Wilhelm-Straße mit ihren gewaltigen Bauprojekten hat ihm den Rest gegeben.“
„An der Entwicklung dieser Strasse ist deutlich zu erkennen, wie rasch sich in Berlin der Uebergang vom vereinigten Geschäfts- und Wohnhause zum reinen Geschäftshause vollzogen hat. Würde die Kaiser Wilhelm-Strasse heute [1902], nach kaum 15 Jahren von neuem aufgebaut werden, so würde man zweifellos nur reine Geschäftshäuser zur Ausführung bringen und Wohnungen ganz fortlassen.“
Das Tempo und die Gleichzeitigkeit von Stadtumbau und Straßenbau führten zu zahlreichen Planungsmängeln,[62] der Wunsch der Stadtverwaltung, rasch das „verhasste Quartier“ um die Königsmauer zu beseitigen, überwog alle vernünftigen Einwände und „verhinderte so eine verkehrstechnisch und wirtschaftlich rationale Planung“.[63]
„Von vornherein fehlte ein einheitlicher Plan, auch verging bei dem umfangreichen Verwaltungsapparat viel Zeit, bis die einzelnen Abschnitte ausgeführt werden konnten. Die Projekte waren lange vor der Ausführung in der Stadt bekannt, und die Spekulation konnte ungehindert ihre Tätigkeit entfalten.“
Die Umgebung der Straße – zuvor „von privaten Grundeigentümern heruntergewirtschaftet“ – wurde zunächst mit „enormen öffentlichen Mitteln“ aufgewertet und schließlich mit mäßigem Erfolg „der privaten baulichen Verwertung“ überlassen.[65] Sowohl für die Stadt, die insgesamt zwanzig Millionen Mark Subventionen zahlte, als auch für die private Immobilienspekulation war das Unternehmen finanziell ein „Verlustgeschäft“. Die neuerrichteten Wohnungen und Geschäftsräume erbrachten anfangs nur ein Drittel der erwarteten Mieteinnahmen – weit weniger als vergleichbare Lagen damals in Charlottenburg.[66]
Carl Fürstenberg, damaliger Direktor der Berliner Handels-Gesellschaft, resümierte 1931:
„Als wir sie anlegten, beherrschte uns der Gedanke, die Hauptstraße Berlins in ansehnlicher Breite bis zur Münzstraße weiterzuführen und hier einen neuen städtischen Mittelpunkt zu schaffen. Leider scheiterte die Durchführung des Plans an dem mangelnden Verständnis der Stadtväter, die nach Fertigstellung der beabsichtigten Prachtstraße an dem nördlichen Endpunkt die Berliner Zentralmarkthallen errichten ließen, wodurch die Gegend für elegante Läden und repräsentative Büros ungeeignet wurde.“
Stadtplaner Otto Schilling kritisierte den Straßenbau als „ein Zeugnis von den städtebaulichen Prinzipien der alten Schule. Die übermäßig breite Anlage ist mit Gewalt und ohne Verständnis für die Umgebung in den Stadtplan eingezwängt“, mit „starrer Linienführung der neuen Straßen im Scheunenviertel“ und „unglücklich geformten Baustellen“.[68] Der Architektursoziologe Harald Bodenschatz sah „in dem ganzen Unterfangen ein erstes und schlechtes Beispiel für die in den 1960er Jahren in Berlin großflächig einsetzende Kahlschlagsanierung“.[69]
Verkehr
Mit dem Durchbruch der Kaiser Wilhelmstraße als neuer Hauptverkehrsstraße wollte die Berliner Stadtverwaltung die parallel südlich verlaufende Königsstraße entlasten. Dieses Ziel wurde verfehlt: Die Kaiser Wilhelmstraße erwies sich als „ziemlich zwecklose Entlastungsstraße“.[70]
„Die Kaiser-Wilhelm-Straße hat nur einen geringen Verkehr an sich gezogen, und auch heute noch [1921] macht sie nicht den Eindruck einer belebten Geschäftsstraße. [Es] wurden neue Geschäftshäuser errichtet, die vorwiegend dem Großhandel in Konfektionswaren dienen […]. So hat die Kaiser-Wilhelm-Straße noch nicht den Lokalverkehr einer ‚Prachtstraße‘ erhalten, als die sie gedacht war, und auch der Durchgangsverkehr ist nicht von erheblicher Bedeutung.“
Die Straßenbreite war streckenweise zu gering ausgelegt, der Abschnitt mit der höchsten Verkehrsdichte zwischen den Zentralmarkthallen war werktags oft stundenlang von Lieferverkehr blockiert.[72][73] Über ihre gesamte Länge variierte die Breite der Kaiser Wilhelmstraße relativ stark, sie begann an der Spree „mit einer Breite von 26 Metern, öffnete sich bei der Spandauer Straße bis zu 28 Meter, verbreiterte sich von da bis auf 33 Meter und führte 22 Meter breit von der Klosterstraße […] bis zur Münzstraße.“[74] Die 1891 angelegte Erweiterung bis zur Hirtenstraße war ebenfalls 22 Meter breit, die Fahrbahnen über die ganze Straßenlänge hinweg zwölf Meter.
1913 bestand der Straßenbelag zwischen Spree und Heiligegeiststraße aus geräuschdämmendem Holzpflaster gefolgt von Asphalt bis zur Kreuzung mit der Stadtbahn sowie Großsteinpflaster auf dem nördlichen Abschnitt zur Hirtenstraße.[75] Zur Beleuchtung wurde der westliche Straßenabschnitt 1888 mit repräsentativen Schupmann-Kandelabern ausgestattet.[76]
Straßenbahn
Bereits vor dem Straßendurchbruch verliefen ab 1883 in der Papenstraße Gleise der Großen Berliner Pferde-Eisenbahn auf einem kurzen Stück zwischen Rosen- und Spandauer Straße.[77] Im Mai 1914 befuhren insgesamt 13 Straßenbahnlinien die Kaiser-Wilhelm-Straße. Die Linien 5 (Gerichtsring) und 84 (Pappelallee/Schönhauser Allee – Friedenau, Südwestkorso/Laubacher Straße) befuhren ab 1912 beziehungsweise 1913 in Richtung Schloßplatz ab Spandauer Straße weiter zur Heiligegeiststraße. Ebenfalls seit 1883 verlief zudem eine Straßenbahnstrecke durch die kreuzende Münzstraße. Die Gleise wurden bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Linienverkehr befahren.[78] Danach dienten sie noch rund 20 Jahre als Betriebsstrecke.[79]
U-Bahn-Tunnel
Im frühen 20. Jahrhundert wurden in der Kaiser-Wilhelm-Straße mehrere U-Bahn Tunnel gegraben, die teilweise unterhalb bestehender Eckgebäude verliefen, die Bauausführung galt deswegen als besonders aufwendig: 1912 ließ die Hochbahngesellschaft für die Nord-Süd-Bahn (heutige U2) das nordöstliche Eckhaus zur Münzstraße unterqueren sowie einen Tunnel unterhalb der Straße bis zum Bülowplatz fertigstellen.

Ab 1916 baute die AEG einen weiteren Tunnel für die GN-Bahn (heutige U8) zwischen Münzstraße und Zentralmarkthalle. Die Fundamente des Eckhauses Kaiser-Wilhelm-Straße 19 wurden dabei verstärkt und auf schwere Eisenträger gestellt sowie unter der Zentralmarkthalle I eine „schwierige und zeitraubende Unterfangung“ realisiert. Unter dem Pflaster der Kaiser-Wilhelm-Straße selbst war der Tunnelbau 1921 fertiggestellt.[80] Ab 1927 übernahm die Siemens-Bauunion den Streckenausbau und legte eine neue Kurve zur Dircksenstraße in Richtung Alexanderplatz an.[81] 1930 wurde die Strecke im heutigen Verlauf eröffnet.
1968 sollen mehrere ungenutzte Tunnelabschnitte der alten AEG-Bahn unter der Kaiser-Wilhelm- und Neuen Friedrichstraße zusammen mit den Zentralmarkthallen abgebrochen worden sein, ein etwa sechzig Meter langes Tunnelstück nördlich der Kreuzung mit der Stadtbahn war 2001 erhalten.[82]
Hausnummerierung
Die ersten Hausnummern wurden im Januar 1888 vergeben[83] und folgten zunächst der Hufeisennummerierung. In den folgenden acht Jahrzehnten wurde die Straße fünf Mal mit neuen Nummern oder Adressen versehen, zusätzlich wurden viele Flurgrenzen neu gezogen. Die historische Lokalisierung und Adressierung einzelner Grundstücke ist deshalb relativ unübersichtlich:

- Die erste Zählung von 1888 bis 1894 begann an der Spree und lief entlang der Südseite bis zur Nummer 18 an der Münzstraße. Die Nordseite der Straße hatte rücklaufend die Nummern 19 bis 49.
- Nach der ersten Straßen-Verlängerung gab es von 1895 bis 1913 zusätzlich ab der Münzstraße die Nummern 18a bis 18h bis zur Hirtenstraße – und an der Nordseite die 18i bis 18r zurück bis zur Münzstraße.[84]
- Von 1913 bis 1945 bestand eine neue Hufeisennummerierung, nur die Hausnummern 1–15 an der Südseite blieben unverändert. Neu vergeben wurden die Nummern 16 bis 27 von der Dircksen- bis zur Hirtenstraße. Rücklaufend änderten sich sämtliche Hausnummern der Nordseite von der 28 an der Hirtenstraße bis zur Kaiser-Wilhelm-Straße 62 Ecke Burgstraße.[85]
- Mit unveränderter Nummerierung waren die Häuser von Ende 1945 bis 1947 als Karl-Liebknecht-Straße amtlich verzeichnet.[86][87]
- Nach der amtlichen Umbenennung 1947 in Liebknechtstraße bestanden die Nummern zunächst fort, bevor 1950 eine Orientierungsnummerierung eingeführt wurde, beginnend mit der Nummer 1 an der Nordseite gegenüber dem Dom – bis zur Nummer 76 für das Kino Babylon am damaligen Luxemburgplatz.[88]
- Mit dem Abriss und der Überbauung der Straße bekamen die neuen Abschnitte 1969 die Namen Karl-Liebknecht-Straße und Rosa-Luxemburg-Straße mit jeweils neuer Hausnummerierung.
Zu den Gebäuden mit den meisten Adressänderungen gehörte das Kaufhaus Hamburg (siehe unten: Bauwerke). Es wurde 1895 erbaut auf dem ehemaligen Grundstück Papenstraße 8 Ecke Rosenstraße in der Kaiser Wilhelmstraße 36. 1913 bekam es die Adresse Kaiser-Wilhelm-Straße 50, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst zur Karl-Liebknecht-Straße 50 – 1947 zur Liebknechtstraße 50 – und schließlich 1968 als Liebknechtstraße 25 abgerissen. Seit 1969 heißt die Ecke: Karl-Liebknecht-Straße 9.
Bauwerke

Die heterogene Bebauung der Straße entstammte aus drei Epochen: zahlreiche bestehende Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert wurden beim Straßendurchbruch übernommen – hinzu kamen 1887 die vielen großen, öffentlich geförderten Neubauten, die das Straßenbild dominierten – gefolgt von vorwiegend privatwirtschaftlicher Bebauung bis in die 1930er Jahre.
Überlieferte Gebäude
Ehemalige Brauhausstraße 4–6 (abgerissen 1959)
Beim Straßendurchbruch wurden 1885 mehrere Häuser der Brauhausstraße stehengelassen und in die neue Baufluchtlinie integriert. Dazu gehörten die zwei sehr kleinen Gebäude der alten Brauhausstraße 7 und 8, sie wurden zur neuen Kaiser Wilhelmstraße 5 und 6.
„Die beiden Baracken, welche auf der Südseite zwischen der Heiligengeist- und der Spandauer Straße liegend die neue Straße entstellen und verunzieren, [werden] hoffentlich nicht mehr lange den Blick des Beobachters stören.“
Die Kaiser Wilhelmstraße 6, „sehr schlicht, nur zwei Fenster breit“, aus dem 18. Jahrhundert,[90] sowie die 1885 renovierte Nummer 5, ein „zwei Stockwerke hohes Miniaturhäuschen aus gelben Ziegelsteinen mit einem hohen Schnörkelgiebel“[91] blieben jedoch erhalten und prägten sieben weitere Jahrzehnte die „heterogene Bebauung der Südseite der Kaiser-Wilhelm-Straße“.[92][93] Unter den Nationalsozialisten „arisiert“,[94] waren im Haus Nummer 5 während des Zweiten Weltkriegs 42 Zwangsarbeiter für die Gesellschaft für technischen Fortschritt GETEFO untergebracht.[95] Als die Häuschen in der DDR 1959 als Liebknechtstraße 10 und 12 abgerissen wurden,[96] waren sie die mit Abstand ältesten Häuser der Straße.
Ehemalige Papenstraße am Neuen Markt
In der Papenstraße wurde 1886 die gesamte Südseite abgerissen, zu den stehengelassenen Häusern der Nordseite gehörte die Papenstraße 10 am Neuen Markt,[97] dort hatte Karl Friedrich Schinkel ab 1794 seine erste Berliner Wohnung, im damaligen Prediger-Witwenhauses der Marienkirche.[98][99] Das Nachfolgegebäude wurde 1941 „arisiert“[100] und im März 1945 von einer Fliegerbombe getroffen,[101] die Ruine blieb bis in die späten 1950er Jahre stehen.[102] Auf dem Nachbargrundstück der alten Papenstraße 9 befand sich bis von 1861 bis 1910 das Stammhaus der Tabakfabrik J. Neumann, neue Adresse Kaiser-Wilhelm-Straße 38.[103][104]
1886 und 1893: Berliner Zentralmarkthallen (abgerissen 1968)
Halle I
Die erste große Baustelle an der projektierten Kaiser Wilhelmstraße war die Zentralmarkthalle, errichtet 1883 bis 1886 nach Plänen von Stadtbaurat Hermann Blankenstein. Die riesige Halle aus Stahl-Fachwerk hatte gut einen Hektar Grundfläche und stand auf dem Gebiet des ehemaligen Berliner Festungsgrabens westlich des kurz zuvor errichteten Bahnhofs Alexanderplatz und des Sedan-Panoramas. Für die Anlieferung der Waren wurde der Viadukt der Stadtbahn verbreitert und zwei Gleise direkt ins obere Galeriegeschoss der Halle geführt. Im Erdgeschoss erstreckten sich die Verkaufsflächen bis in die Stadtbahn-Bögen nordwärts zur Dircksenstraße. Die Zentralmarkthalle ersetzte die Freiluft-Wochenmärkte auf dem Alexanderplatz und dem Neuen Markt und wurde anfangs von Groß- und Einzelhändlern gleichermaßen genutzt.[105]
Halle Ia
Fünf Jahre nach der Eröffnung wurde wegen Platzmangels mit der Arbeiten an einem Zwillingsbau begonnen, einer zweiten Halle für den Großhandel an der gegenüber gelegenen Straßenseite, später genannt Markthalle Ia. Die Einweihung war im Juni 1893,[106] nach ihrer Fertigstellung war die Straße zwischen den Hallen mit 22 Metern Breite relativ eng:[107]

„Die an beiden Seiten anhaltenden Wagen nehmen den größten Teil des Fahrdammes ein, und in der Mitte bleibt nur ein schmaler Gang von wenig Metern Breite für den Durchgang frei. Die Kaiser-Wilhelm-Straße ist also durch den Markthallenverkehr fast immer gesperrt. Die Stauung, die zwischen 7 und 8 Uhr vormittags ihren Höhepunkt erreicht, währt fast den ganzen Tag.“
Unterhalb der Straße wurde ein etwa zwei Meter breiter Verbindungstunnel angelegt, die Galeriegeschosse der Hallen verband eine eiserne Brücke südlich der Stadtbahn. Trotz mehrerer Bombentreffer[109] überdauerten die Hallen den Zweiten Weltkrieg und waren weitere zwanzig Jahre in Betrieb, bis sie in der DDR 1968 abgerissen wurden. Quer über den alten Straßenverlauf wurde 1969/70 nach Plänen von Wolfgang Radtke die neue Berliner Markthalle errichtet.[110] Die ehemaligen Gleisanschlüsse der Zentralmarkthallen am Stadtbahnviadukt waren 2025 in Teilen erhalten.
1886/87: Bauten der Bau-Gesellschaft Kaiser Wilhelm-Straße

Die weitaus meisten Gebäude entlang der Straße errichtete die Bau-Gesellschaft Kaiser Wilhelm-Straße: In zwei Jahren Bauzeit entstanden zwischen 1885 und Oktober 1887 fünf große Gebäudeensembles in Blockrandbebauung mit je siebzig Meter Fassadenlänge sowie drei weitere große Wohn- und Geschäftshäuser. Die Gebäude in den Seitenstraßen miteingerichtet belief sich das Bauvolumen des Unternehmens auf insgesamt 37 Häuser.
Für die Bebauung der beiden Eckgrundstücke an der Spree vis-a-vis dem Berliner Schloss rief die Baugesellschaft 1884 einen vielbeachteten Wettbewerb aus, bei dem sich mehr als vierzig Architekturbüros beteiligten.[111][112] Zu den Juroren gehörten der Architekt Paul Wallot sowie die Bauräte Hermann Blankenstein und Hermann Ende.[113] Im Januar 1885 prämierten sie den Entwurf der Berliner Architekten Cremer & Wolffenstein mit dem ersten Preis.[114]
Gebäude-Ensemble von Ende & Böckmann (größtenteils kriegszerstört)
Quer zur abgerissenen Straße An der Königsmauer und wenige Schritte südlich des ehemaligen Kleinen Jüdenhofs errichtete die Baugesellschaft ab August 1885[115] den ersten Häuserblock nach Plänen der Architekten und Bauräte Hermann Ende und Wilhelm Böckmann.

„In der Kaiser Wilhelmstraße ist nunmehr das erste Haus unter Dach und Fach gebracht. Es ist dies das große Waarengebäude an der Südseite der neuen Straße zwischen der Kloster- und der Neuen Friedrichstraße […]. Es ist dieser Bau typisch für die übrigen in der neuen Straße demnächst zu errichtenden Gebäude […], das Parterregeschoß und die erste Etage [werden] als Verkaufsläden beziehungsweise Waarenmagazine, die übrigen Etagen aber zu hocheleganten, mit allem Comfort der Neuzeit ausgestatteten Wohnungen eingerichtet […].“
Eine Besonderheit der Gebäude waren die zur Hofseite gelegenen, beidseitig beleuchteten Mittelflügel, die Höfe selbst waren teilweise glasüberdacht. Auch für den gegenüberliegenden, nördlichen Straßenblock gewann das Architekturbüro Ende & Böckmann die Ausschreibung, dort wurde mit nur geringfügigen Abänderungen ein ebenso großer Zwillingsbau errichtet.[117]
Mit Ausnahme des nördlichen Eckhauses zur Klosterstraße[118] wurden beide Häuserreihen im Zweiten Weltkrieg zerstört, ihr Standort war zu beiden Seiten des 1968 errichteten Liebkechtriegels: An der Hof- und Straßenseite der heutigen Karl-Liebknecht-Straße 9 und 11.
Hotel Altstaedter Hof (kriegszerstört)
Bereits 1866 hatte der Restaurateur L. Cassel das Haus Neue Markt 10 Ecke Papenstraße zu einem Hotel umgebaut[119] und es anschließend „nach streng jüdischem Ritus betrieben“.[120] Mit dem Durchbruch der Kaiser Wilhelmstraße wurde das Gebäude abgerissen, Cassel’s Hotel zog in die nahe Burgstraße und wurde zum Ort der ersten Jüdischen Lesehalle Berlins.
An der Kaiser Wilhelmstraße 9 – dem prominenten Eckgrundstück mit Blick auf den Neuen Markt und die Marienkirche – errichtete die Baugesellschaft 1886/87 ein neues, großes Hotel namens Altstaedter Hof. Die Architekten waren Carl Zaar und Johann Mathias von Holst, die zuvor bereits das Grand Hôtel Alexanderplatz entworfen hatten.
„Das Gebäude enthält im Erdgeschoß eine die Vorderräume einnehmende Bierwirthschaft, […] im ersten Stock liegen die vorwiegend für jüdische Hochzeiten vermietheten Gesellschaftsräume, in den oberen Geschossen sind Hôtelzimmer eingerichtet.“
Die in roter Sandsteinfarbe und hellem Putz gehaltene, abwechslungsreiche Fassade im Stil der Neorenaissance schmückten ornamentale und figürliche Malereien von Otto Lessing.[122][123] Die zeitgenössische Kritik nannte den Bau „künstlerisch hervorragend“, die Ecklösung gehöre „zu den glücklichsten und wirkungsvollsten Berlins“.[124] Im geschwungenen Verlauf der Kaiser Wilhelmstraße war der Altstaedter Hof „auf sehr weite Entfernung – nahezu bis zur Münz-Straße – sichtbar“.[122]
Das Gebäude wurde 1939 von den Nationalsozialisten „arisiert“, im Zweiten Weltkrieg zu 95 Prozent zerstört[125] und die Ruinenreste nach 1950 abgetragen.[126] Bis 2025 wurde das Grundstück nicht wieder bebaut.
Gebäude-Ensemble von Hermann Guth (abgerissen 1938)
Auf ganzer Länge der ehemaligen Brauhausstraße errichtete die Baugesellschaft 1886/1887 einen Gebäudeblock im Stil der Neorenaissance. Der Entwurf des Architekten Hermann Guth basierte auf seinem Wettbewerbsbeitrag von 1884, der mit dem Zweiten Preis prämiert worden war.[127]
„Zwischen Spandauer- und Burgstraße macht die neue Straße den vornehmsten Eindruck. Im Norden, zwischen Heiligegeist- und Spandauer Straße, sind vier Häuser nach den Entwürfen des Architekten Guth in Deutschem Renaissance-Stil erbaut. Die schmiedeeisernen Thüren zeugen von Geschmack, die schmiedeeisernen Treppen sind gefällig und von leichtem Schwunge. Hier ist bereits das Hotel ‚Münchener Hof‘ eröffnet […], im Erdgeschoß liegt ein angenehmes ‚Wiener Cafe‘.“
In der Architekturkritik fand das Gebäude-Ensemble indes wenig Zustimmung: die Anordnung sei „zahm“[129] und die Wirkung der Putzfassaden samt Backstein-Verblendung „bei weitem keine gefällige“.
„Die an den Ecken errichteten beiden Thürme […] sind für ein Privathaus viel zu mächtig und im Verhältniss zu ihrem Durchmesser viel zu kurz. Die Umrisslinie […] entbehrt entschieden der Schönheit.“

Im westlichen Eckhaus zur Heiligegeiststraße – der Kaiser Wilhelmstraße 46 – hatte ab 1890 der Kaufmann und „Nestor des photographischen Handels“[131] Romain Talbot seinen Firmensitz, im zweiten Obergeschoss unterhielten die Rechtsanwälte Karl Liebknecht und Theodor Liebknecht von 1904 bis 1908 ihre Kanzlei.[132][133]
Das Eckhaus zur Spandauer Straße war von 1898 bis zu ihrer Auflösung 1921 Sitz der Baugesellschaft Kaiser Wilhelmstraße, 1923 folgte die Berliner Bank für Handel und Grundbesitz, auch bekannt als „Hausbesitzerbank“. Im Jahr der Deutschen Bankenkrise 1931 brach die Bank nach einer Bilanzverschleierung spektakulär zusammen, der Direktor floh ins Ausland, die Verluste sollen etwa dreißig Millionen Mark betragen haben.[134] 1938 rissen die Nationalsozialisten den gesamten, etwa siebzig Meter langen Block für den Bau der „Ost-West-Achse“ ab, die Brachfläche wurde erst 1979 mit dem Palasthotel wieder bebaut, 2004 folgte ein Neubaukomplex. Die heutige Straßenfront ist zur alten Bebauung um fast dreißig Meter zurückgesetzt, die Gebäude von Hermann Guth standen fast vollständig auf dem Grund des Straßenlandes der heutigen Karl-Liebknecht-Straße.[135]
Gebäude-Ensemble von Cremer & Wolffenstein (Nordseite abgerissen 1938, Südseite kriegszerstört)
Als „Eingang zur Altstadt“ und mit Blick auf die Spree errichtete die Baugesellschaft den beim Wettbewerb prämierten Entwurf von Cremer & Wolffenstein. Die zwei neobarocken Häusergruppen entstanden beiderseits der Straße zwischen Burg- und Heiligengeiststraße, bekamen die Hausnummern 1–3 und 47–49 und waren „bis auf die bildhauerischen Einzelheiten in den Hauptansichten völlig gleich“.[136] Auf den beiden Eckgebäuden an der Spree thronten zwei „schlank gebildete, über einer Laterne von Kaiserkronen abgeschlossene Kuppeln“.[137]
„Die Haeuser […] sind mit Ruecksicht auf das gegenueberliegende koenigliche Schloss in den praechtigen Formen des Schlueterschen Barockstils erbaut worden. Das Eckhaus Nr. 49 ist in schlesischem Sandstein, der Mittelbau Nr. 48 und das Eckhaus Nr. 47 mit theilweiser Verwendung desselben Sandsteins als Putzbau ausgefuehrt.“
Wie in den meisten Neubauten der Straße befanden sich in den unteren beiden Geschossen Geschäftsräume und in den oberen Wohnungen, die verschiedene Nutzung wurde „durch weit durchlaufende Balkonbrüstungen und durch stark ausladende Gesimse zwischen je zwei Stockwerken markiert“. Auf die Fassaden wurde „das reichste Mass bildnerischen Schmuckes ausgeschüttet“:[137] Die gesamten ornamentalen Details schuf der Bildhauer Ernst Westphal, der figürliche Schmuck – Handel und Gewerbe allegorisierend – stammte von Gustav Eberlein, Reinhold Felderhoff und Nikolaus Geiger.[138][139]
Die zeitgenössoische Kritik nannte die Häuser in ihren Proportionen „vortrefflich abgewogen“, ihre Ensemble-Wirkung „dürfte kaum zu übertreffen sein“. Gelobt wurde die Fassadengestaltung mit abwechslungsreichen Rund- und Korbbögen sowie die Bauausführung in gelblichem, massivem Werkstein.

„Dank dieser Ausführung in echtem Stein, aber auch dank ihrer architektonischen Form und den ruhigen Massen, die hier zur Geltung kommen, trägt die Erscheinung dieser Häuser und insbesondere diejenige der eigentlichen Eckbauten ein so monumentales Gepräge, wie es in dieser Art wohl keinem anderen Privatbau Berlins zu eigen ist.“
Ab 1931 war die nördliche Häusergruppe Sitz der Margarine-Union, einer Vorläuferin des späteren Konzerns Unilever, bevor der gesamte nördliche Block 1938 von den Nationalsozialisten für den Bau der „Ost-West-Achse“ abgerissen wurde. Im südlichen Eckhaus zur Spree – der Kaiser-Wilhelm-Straße 1 – waren während des Zweiten Weltkriegs 75 Menschen zur Zwangsarbeit für die Fluggerätebau Filter & Mann interniert, in den Räumen parterre rechts.[140] Bei den Luftangriffen auf Berlin wurde das Eckhaus zur Heiligegeiststraße mehrfach getroffen, am 15. April 1945 detonierte dort im eine blockbuster Minenbombe,[141] die besonders große Luftdruckschäden in der Umgebung verursacht.
Wohn- und Geschäftshäuser von Cremer & Wolffenstein Ecke Münzstraße (abgerissen um 1965 und 1980)
Am damaligen nördlichen Straßenende – direkt gegenüber dem Eingang des Victoria-Theaters – errichtete die Baugesellschaft Kaiser Wilhelmstraße 1887 zwei nebeneinander stehende fünfgeschossige Wohn- und Geschäftsgebäude.
„Die beiden Häuser nächst der Münzstraße, welche nach den Entwürfen der Architekten Cremer & Wolffenstein zur Ausführung gelangt sind, haben Putzfaçaden in einfachen Barockformen erhalten. Das Eckhaus ist mit einem Thurm geschmückt, während das Nachbarhaus durch einen Giebelaufbau und 2 kleine Dachhauben bekrönt wird.“
Mit ihren Korb- und Rundbögen erinnerte die Fassadengestaltung an das große Gebäudeensemble am westlichen Straßenende,[142] Im Eckhaus befand sich ab 1892 bis 1960 die „Altstädtische Apotheke“,[143] deren Inhaber 1938 von den Nationalsozialisten enteignet wurden.[144] In der DDR gab es bis 1963 zusätzlich einen Schreibwarenladen der Handelsorganisation,[145] bevor das Eckhaus Mitte der 1960er Jahre abgerissen wurde.[146] Ende der 1970er Jahre folgte der Abriss des Nachbargebäudes, damals Rosa-Luxemburg-Straße 6,[147] als damals letztes erhaltenes Gebäude der Baugesellschaft Kaiser Wilhelmstraße. Beide Häuser wurden 1981–84 durch einen großen Plattenbaukomplex des Architekten Klaus Bläsing ersetzt, mit LKW-Einfahrt und Verbindungstunnel zum damaligen Centrum Warenhaus am Alexanderplatz.[148]
1890–1894: Wohn- und Geschäftshäuser an der Ecke zur Münzstraße
Kaiser Wilhelmstraße 19 von August Leo Zaar (erhalten)
Das Eckgrundstück gegenüber den Neubauten von Cremer & Wolffenstein war bereits seit 1752 Standort der Neuen Münze gewesen, gefolgt von der Königlichen Kunstgießerei, die bis Ende 1887 in der Münzstraße 10/12 ihre Werkstätten betrieb,[149] dort war der Arbeitsort von Bildhauer Christian Daniel Rauch. In der Kunstgießerei wurden zahlreiche bedeutende Berliner Denkmäler und Statuen hergestellt, darunter das Reiterstandbild Friedrichs des Großen sowie die Victoria der Siegessäule („Goldelse“), gegossen 1871 von Hofbildgießer Hermann Gladenbeck.[150]
Nach dem Abriss der Werkstätten für den Straßendurchbruch errichtete die Baufirma Hohenstein auf dem Gelände 1889/90 drei große Wohn- und Geschäftshäuser nach Plänen des Architekten August Leo Zaar. Die repräsentativen Gebäude bekamen größere Lagerkeller und Geschäftsräume in den unteren Geschossen, die Fassaden bestanden in Teilen aus Kunstsandstein und waren anfangs mit Sgraffiti verziert.[151] Im Eckhaus Kaiser Wilhelmstraße 19 befand sich von 1900 bis 1904 die erste gemeinsame Wohnung von Karl Liebknecht und seiner ersten Ehefrau Julia.[152]
Kaiser Wilhelmstraße 18 a (kriegszerstört)
Drei Jahre nach dem Abriss des Victoria-Theaters und dem Durchbruch der Kaiser Wilhelmstraße bis zur Hirtenstraße errichtete der Baumeister C. Rudloff – Schwiegersohn des Industriellen Carl Hoppe – ein repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus an der nordöstlichen Ecke zur Münzstraße.[153][154] In den großen Gasträumen im Erdgeschoss befand sich anfangs der Münzhof, später das Königs-Café, 1912 erwarb der Gastronom Eduard Martin das Gebäude und richtete dort sein Restaurant Original Berliner Hackepeter ein.[155]
Unter den Nationalsozialisten stand das Haus 1937 unter Zwangsverwaltung und war anschließend Eigentum der Deutschen Centralbodenkredit AG. Im Zweiten Weltkrieg durch Sprengwirkung schwer beschädigt, war der Dachstuhl des Gebäudes bereits im Mai 1944 vollständig ausgebrannt.[156] Nach dem Abriss lag die Ecke in der DDR drei Jahrzehnte lang brach, bis Anfang der 1980er Jahre die sechsspurig ausgebaute Memhardstraße über das Grundstück verlegt wurde.
Kaiser Wilhelmstraße 18 p–r von Werner & Zaar (in Teilen erhalten)
1894 errichteten die Architekten Werner & Zaar ein langgestrecktes Wohn- und Geschäftshaus an der nordwestlichen Ecke zur Münzstraße.[157]
„Das Gebäude ist wegen des an der Fassade liegenden Zierhofs bemerkenswert. Die Anlage eines Hofes an der Straße ist nach Berliner Baupolizei-Bestimmungen nicht gestattet und bedurfte besonderer Genehmigung. Die Fassadenornamente bestehen zum Teil aus Ischyrota-Kunstsandstein. Terrainwert 930.000 Mk. Baukosten 430.000 Mk. [entsprechend heute etwa 8,2 und 3,8 Millionen Euro].“
Ende des 19. Jahrhunderts befand sich im Haus Nummer 18 q das Café Wilhelmshof mit großer Glasterrasse im Zierhof zur Straße.[159] Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude im März 1945 von einer Sprengbombe getroffen,[160] der Erker an der Ecke zur Münzstraße wurde später abgetragen und das Haus um zwei Fensterachsen verkürzt.
1895: „Kaufhaus Hamburg“ von Kayser & von Großheim (abgerissen 1968)
1888 erwarben die Berliner Baumeister Lachmann & Zauber das Grundstück Kaiser Wilhelmstraße 36 Ecke Rosenstraße und errichteten dort ein dreigeschossiges Geschäftshaus im Stil des Neobarock. Bereits fünf Jahre später wurde es wieder abgebrochen, als die Stadtverwaltung 1893 beschloss, nahezu den gesamten Block zwischen Rosen-, Neuer Friedrichstraße und Klosterstraße niederzulegen, die Rosenstraße wurde dabei von dreizehn auf neunzehn Meter verbreitert.
Nach dem Abriss der insgesamt 31 Häuser[161] errichtete die Baugesellschaft Neue Friedrichstraße 1895 entlang der Rosenstraße einen etwa einhundertfünfzig Meter langen Kaufhauskomplex nach Plänen der Architekten Otto March sowie Heinrich Kayser und Karl von Großheim, die auch das Eckhaus zur Kaiser Wilhelmstraße entwarfen. Es bekam sandsteinfarbene Ziegelverblender, neogotische Sandsteinportale und den Namen Kaufhaus Hamburg.[162] Zu den ersten Mietern gehörte das Konfektionshaus Müller & Hager. 1938 wurden mehrere ansässige Textilfirmen, darunter Max Seefeld und S. L. Schlesinger von den Nationalsozialisten enteignet,[163][164] bevor im Mai 1939 das städtische Hauptsteueramt das Gebäude bezog.[165]
Mit seiner „in allen Teilen vollständig feuerfest hergestellten“[166] Konstruktion überdauerte der Bau den Zweiten Weltkrieg fast unbeschädigt, bereits am 19. Mai 1945 zog das Statistische Amt der Stadt Berlin ein, die damalige Adresse war Kaiser-Wilhelm-Straße 50. Ab 1952 war das Amt Teil der Zentralverwaltung für Statistik der DDR.[167][168] Im April 1968 wurde das alte Kaufhaus Hamburg abgerissen und das Grundstück anschließend mit dem sogenannten Liebknechtriegel überbaut.
1896: Genossenschaftsbank des Stralauer Stadtviertels (abgerissen 1968)
Die vom Sozialreformer Wolfgang Straßmann gegründete Genossenschaftsbank des Stralauer Stadtviertels errichtete 1896 einen exponierten, viergeschossigen Eckbau mit je einer Straßenfassade zur Klosterstraße 11, zur Kaiser Wilhelmstraße 10 sowie zum alten Marienkirchhof. Das Bankhaus war bekannt für seine sogenannte Berliner Central Stahlkammer, einem großen Tresorraum damals höchster Sicherheitsausstattung.[169]
Während des Zweiten Weltkriegs waren im ersten Obergeschoss etwa fünfundzwanzig Personen der Zwangsarbeit für den Elektrokonzern A.E.G. unterworfen.[170] Nur gering beschädigt,[171] wurde das Gebäude nach dem Krieg zunächst als Geschäftshaus genutzt und war ab Mitte der 1950er Jahre Sitz des Bezirksverbands der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands.[172] Im April 1968 wurde das Haus für den Durchbruch der Karl-Liebknecht-Straße gesprengt und die neuen Fahrbahnen quer über das Grundstück verlegt.[173] Es stand etwa mittig auf der heutigen Fahrbahn in Höhe der Karl-Liebknecht-Straße 9.
1899: Geschäftshaus an der ehemaligen Hauptwache (kriegsbeschädigt, abgerissen ca. 1951)
Bis zum Jahr 1898 stand an der westlichen Ecke der Kaiser Wilhelmstraße zur Rosenstraße ein traditionsreiches Berliner Verwaltungsgebäude:
„Die Hauptwache. Bis ins 16te Jahrhundert hatten die Bischöfe von Havelberg hier ihren Pallast, und einen großen Garten. […] 1728 kaufte der König diesen Platz, und ließ diese Hauptwache von Gerlach bauen. In diesem Gebäude hält auch das Generalauditoriat und das Kriegsconsistorium seine Sitzungen.“
1857 baute Friedrich August Stüler die Hauptwache um, er versah das Gebäude mit einem neogotischen Zinnenkranz und einem markanten Erkertürmchen.[175] Das Haus wurde anschließend bis 1860 vom Königlichen Lithographischen Institut genutzt, später von der Intendantur des III. Armee-Korps. Ab 1888 war die Adresse Kaiser Wilhelmstraße 37.
1898 ließ die Union Baugesellschaft das Gebäude abreißen[176] und nach Plänen des Berliner Architekten Traugott Krahn ein neues Geschäftshaus mit auffälliger, neogotischer Attika errichten.[177] An die Stelle des ehemaligen Türmchens der Hauptwache setzte Krahn eine hoch aufstrebende Erkeranlage mit spitzem Turmdach, eingedeckt mit grünem Biberschwanz.
Die Hausfassaden war aus Nesselberger Sandstein gefertigt, zum bildhauerischen Schmuck trugen Frans Stracke und Bruno Wollstädter bei, das Treppenhaus aus Kunstsandstein baute die Firma Czarnikow. Das Gebäude galt als Beispiel für einen in der damaligen Kaufhausarchitektur verbreiteten, sogenannten Pfeilerbau, der große Schaufensterflächen ermöglichte. Zur indirekten Beleuchtung des Kellergeschosses wurden – erstmalig in Berlin – prismatische Oberlichter mit Luxfer Glasbausteinen verbaut.[178][179]
Zu den ersten Mietern der Läden im Erdgeschoss gehörte das Kaiser Wilhelm Café, der Großteil des Gebäudes wurde von Textilfirmen genutzt, unter anderem der Firma Nawroth, die 1938 unter den Nationalsozialisten liquidiert wurde.[180] Im Zweiten Weltkrieg brannte der markante Eckturm aus, insgesamt galten die Schäden am Haus als mittelschwer (zerstört zu „41 Prozent“) – dennoch wurden die Gebäudereste um 1951 in der DDR abgerissen.[181]
1908: Kaufhaus Fischer & Wolff (abgerissen 1969)
Die Architekten Richard Bielenberg und Josef Moser, bekannt durch ihren Ausbau des Luxushotels Fürstenhof am Potsdamer Platz, errichteten 1908 an der Kaiser-Wilhelm-Straße 7 ein Geschäftsgebäude für Fischer & Wolff. Das Teppichhaus hatte seinen alten Stammsitz schräg gegenüber in der Spandauer Straße 74, als Helfer für den Umzug der Lagerbestände engagierte die Firma im Oktober 1908 vierzig Feuerwehrmänner.[182] Mit einer Geschossfläche von rund achthundert Quadratmetern gehörte das neue Gebäude an der Ecke zur damaligen Spandauer Straße 14 zu den größten Teppichhäusern Berlins.[183] Der wuchtige Bau mit seiner vertikal gegliederten Pfeilerfassade stand direkt neben den beiden vergleichsweise winzigen, noch aus dem 18. Jahrhundert stammenden Häusern der Kaiser-Wilhelm-Straße 6 und 5.
1933 wurden Fischer & Wolff von den Nationalsozialisten enteignet,[184] neue Besitzerin wurde die Hahn & Kolb Werkzeuge GmbH, die nach geringen Gebäudeschäden im Zweiten Weltkrieg bis 1951 dort ansässig blieb.[185] Ab 1942 war das Haus zusätzlich Sitz der nationalsozialistischen Propagandaorganisation Der Nibelungen-Verlag – nach dem Krieg wurde es unter anderem von der DIA Außenhandelsgesellschaft der DDR genutzt, bevor es im März 1969 abgerissen wurde,[186] die letzte Adresse war Liebknechtstraße 14 / Spandauer Straße 10. Beim Abriss des Gebäudes blieb angeblich eine alte, seit 1842 auf dem Hof wachsende Schwarzpappel (Populus nigra) erhalten,[187] der Baum ist seit 1975 Teil der Grünfläche Marx-Engels-Forum.
1909: Geschäftshaus der Likör- und Spritfabrik „C.A.F. Kahlbaum“ (erhalten)

Angrenzend sowohl an den Stammsitz der Firma in der damaligen Münzstraße 19 als auch an das Fabrikgelände in der Kleinen Alexanderstraße errichtete der Industrielle Johannes Kahlbaum 1909 ein repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus in der Kaiser-Wilhelm-Straße 18c.[188] Kahlbaum gilt als der Gründervater des heutigen Pharmaunternehmens Berlin-Chemie.[189]
„Die Werksteinfassade des viergeschossigen Gebäudes ist von betont schroffer Oberfläche aus hammergerechtem Quadermauerwerk. Die Fenster mit Dreipass- oder Kleeblattbögen sind mittelalterlicher Architektur nachgebildet. […] Dem repräsentativen Charakter wird auch die überwiegend in Formen des Jugendstils gehaltene Ausstattung des Treppenhauses gerecht.“
1927 fusionierte die C.A.F. Kahlbaum mit der Schultheiß - Patzenhofer Brauerei AG,[191] ein Teil der Likörfabrik wurde als Kahlbaum AG weitergeführt, 1949 enteignet und in den VEB Kahlbaum überführt,[192] der bis in die 1950er Jahre eine Verkaufsstelle vor Ort unterhielt.
Ab 1929 mietete sich das Arbeitsamt Berlin-Mitte ein und betrieb eine Nebenstelle im langgestreckten Hofgebäude, erste Treppe rechts.[193] Teile der Hauptverwaltung folgten von 1931 bis 1935. Ab spätestens 1940 befand sich im Gebäude der regionale Leitabschnitt des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS.[194] Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte ab Juni 1945 das Bezirksamt Mitte seinen Sitz im Haus,[195] das im März 1946 bei einem Explosionsunglück hofseitig schwer beschädigt wurde.[196] In der DDR genutzt als Außenstelle des Rates des Stadtbezirks lautet die Adresse seit 1969 Rosa-Luxemburg-Straße 14. 2009 verkaufte der Berliner Liegenschaftsfonds das als Baudenkmal geschützte Gebäude an den Kunstmäzen Bernhard Ruiz-Picasso, den Enkel und Erben des Malers Pablo Picasso.[197]
1911: Geschäftshaus Bernhard Kass (abgerissen 1968)
Auf dem fast dreitausend Quadratmeter großen Grundstück gegenüber dem Lutherdenkmal am Neuen Markt ließ der Textilfabrikant und spätere Kommerzienrat Bernhard Kass die alten Gebäude der Zigarrenfabrik Neumann abreißen und 1911 ein neues Geschäftshaus errichten, die Pläne entwarf Regierungsbaumeister Paul Nathansohn. Das weitläufige Gebäude reichte über die Höfe bis an das Grundstück der Alten Synagoge und hatte eine zweite, ebenfalls von schweren Säulen geprägte, lange Fassadenfront zur Rosenstraße 9–13.
„Die Front an der Kaiser Wilhelmstraße ist mit Kirchheimer Muschelkalk bekleidet. Der bildhauerische Schmuck derselben […] ist von Bildhauer Richard Kuöhl geschaffen. […] Das Geschäftshaus enthält […] ferner zwei Glashallen auf den Höfen. Im Dachgechoss ist eine Kantine nebst Küche und Dachgarten eingerichtet.“
Die Verkaufsräume von Kass’ Mode- und Schnittwarengeschäft beschränkten sich auf das Erdgeschoss.[199] 1934 wurde die Firma von den Nationalsozialisten enteignet und liquidiert,[200] das Gebäude übernahm die Berliner Kraft und Licht AG (die spätere Bewag), die bis Mitte der 1950er Jahre Büroräume im Haus unterhielt. Das im Zweiten Weltkrieg nur gering beschädigte Haus wurde in der DDR schrittweise bis 1968 für den Bau des Liebknechtriegels abgerissen,[201] es stand in Höhe der heutigen Karl-Liebknecht-Straße 7. Hofseitig befindet sich seit 1995 das Denkmal für den Rosenstraßen-Protest.
1929: Dierig-Haus (kriegszerstört)

Bereits seit 1806 war der damals stadtbekannte Kolonialwarenladen Violet Eigentümer der nördlichen Ecke Papenstraße / Spandauer Straße.[202] Wenige Jahre nach dem Durchbruch der Kaiser-Wilhelm-Straße übernahmen die Textil-Unternehmer Weltmann & Esders das Gebäude, ließen es abreißen und 1890 ein fünfgeschossiges Geschäftshaus mit hoher Eckkuppel für die Firma Weltmann errichten, die Herren-Konfektionsware vertrieb,[203] ab 1900 wurde das Unternehmen unter dem Namen Stefan Esders’ betrieben.
1929 baute der Schweizer Architekt Otto Rudolf Salvisberg das Haus zur Geschäftszentrale des Texilkonzerns Christian Dierig AG um. Mit umlaufenden Brüstungs- und Fensterbändern bekam die Fassade eine damals moderne Horizontalschichtung, die abgerundete, asymmetrische Eckbetonung des Vorgängerbaus wurde übernommen.[204] Oben in das mit Kupferblech verkleidete Traufgesims setzte Salvisberg eine „zweifarbige Leuchtröhren-Lichtreklame von sehr guter Fernwirkung – Name rot, Linien blau.“[205]
Im Umfeld der älteren Bebauung erschien das Dierig-Haus als besonders modern,[206] mit dem Umbau zog auch das Institut für wissenschaftliche Projection von Fotograf Franz Stoedtner ein, die damalige Adresse war Kaiser-Wilhelm-Straße 55.
Das Gebäude war unter den Nationalsozialisten ab 1942 Eigentum des Deutschen Reiches (Reichspost). Es wurde im Zweiten Weltkrieg bis auf die tragende Grundkonstruktion zerstört und die Ruine um 1960 abgerissen,[207] der Standort war etwa mittig auf der heutigen großen Kreuzung Spandauer Straße / Karl-Liebknecht-Straße.
1930: Zentrale der Berliner Städtischen Wasserwerke (Teile abgerissen 1968)
Gebaut auf einem Ravelin und später direkt am Königsgraben gelegen, hatte auf dem Grundstück bis 1887 das königliche Proviant-Magazin gestanden,[208] ein großes, viergeschossiges Gebäude,[209] das dem Straßendurchbruch und dem Bau der Stadtbahn weichen musste. Die stadteigene Fläche an der Kaiser Wilhelmstraße 16 Ecke An der Stadtbahn / Dircksenstraße[210] wurde anschließend über mehrere Jahrzehnte an Markthallen-Engrosgeschäfte vermietet.[211]
1930 errichtete die Stadt Berlin auf dem Grundstück ein Geschäftshaus für die Berliner Städtischen Wasserwerke, die dort bis 1950 ihre Hauptverwaltung unterhielten. Architekt Alfred Grenander entwarf einen sachlich-modernen, siebengeschossigen Bau mit Fassaden aus Muschelkalk und horizontal betonten Klinkerbändern.[212]
Das Gebäude wurde direkt über den damals ebenfalls neuerrichteten Tunnel der GN-Bahn (heutige U-Bahn-Linie 8) gesetzt und umschloss winkelförmig ein im Hof liegendes Umformwerk mit einer Leistungsfähigkeit von elf Megawatt, genug, um einen Zwei-Minuten-Takt der drei am Alexanderplatz verkehrenden U-Bahn-Linien zu ermöglichen.[213]
Ab 1951 als Zentrale der Berliner Verkehrsbetriebe (Ost) genutzt, wurde beim Durchbruch der Karl-Liebknecht-Straße im Frühjahr 1968 der östliche Teil des Gebäudes abgerissen und die Südfassade zur Stadtbahn um drei Fensterachsen verkürzt.[214] Seit 2008 wurde das denkmalgeschützte Geschäftsgebäude als Grenanderhaus vermarktet, es ist das einzige erhaltene, an der Kaiser-Wilhelm-Straße errichtete Haus mit einer Fassadenseite zur neuen Karl-Liebknecht-Straße.
1931: Wohn- und Geschäftshäuser von Georg Jacobowitz (erhalten)

Die Grundstücke am nordöstlichen Straßenende lagen nach dem Abriss des Victoria-Theaters vierzig Jahre lang brach, sie wurden erst ab 1931 von der Bülowplatz Hausbaugesellschaft des Architekten und Bauunternehmers Georg Jacobowitz bebaut.[215] An den beiden südwestlichen Ecken zur Hirtenstraße entstanden vier größere Gebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit mit insgesamt 85 Wohnungen und 17 Läden.[216] Sie ähnelten mit ihren halbrund auskragenden Eckbalkonen dem von Jacobowitz und Hans Scharoun gleichzeitig errichteten Ledigenheim Hohenzollerndamm. Unter den Nationalsozialisten wurde im Mai 1933 die Bülowplatz Hausbaugesellschaft umbenannt in Hausverwaltung Kaiser-Wilhelm-Straße,[217] Georg Jacobowitz emigrierte, sein Baugeschäft wurde 1936 liquidiert.[218][219]
Bereits 1927–29 hatte die Firma Alfred Schrobsdorff nach Plänen von Hans Poelzig ein Gebäudeensemble in der Weydingerstraße am Bülowplatz errichtet. Das Eckhaus mit dem Kino Babylon wurde ab 1931 in die Kaiser-Wilhelm-Straße einbezogen, es bekam die Hausnummer 27a und wurde damit zum einzigen Gebäude der Straße nördlich der Hirtenstraße.
Zerstörungen im Nationalsozialismus
Der Beginn des nationalsozialistischen Judenboykotts am 1. April 1933 fiel auf einen Samstag, den Schabbat, er traf die ansässigen Händler zunächst weniger schwer:
„[…] in der Kaiser-Wilhelm-Straße, wo sich fast ausschließlich jüdische Textilgeschäfte befinden, war vom Boykott kaum etwas zu bemerken, da die Geschäfte geschlossen hatten.“
Zwischen 1933 und 1945 wurden in der Straße mindestens vierzehn Immobilien jüdischer Eigentümer vollständig oder in Teilen „arisiert“,[221] darunter mehrere große Geschäfts- und Kaufhäuser (siehe oben: Bauwerke). Bei den Novemberporgomen 1938 stürmten die Nationalsozialisten zahlreiche Häuser, zu den Vertriebenen gehörte auch die Familie Bronner, Eigentümerin der Kaiser-Wilhelm-Straße 32.[222] In das große Mietshaus wurden anschließend mehr als dreißig jüdische Menschen vor ihrer Deportation in Zwangswohnungen eingewiesen.[223] Ende der 1930er Jahre erloschen in der Straße zahlreiche kleinere Textilfirmen, liquidiert und enteignet wurden etwa Sigmund Goeritz, Simon Salomon und August Foos an der Ecke zur Heiligegeiststraße.[224] Die Jewish Claims Conference bekam 1993–2008 für acht Immobilien Entschädigungen ausbezahlt.[225] Für zwanzig von den Nationalsozialisten aus der Kaiser-Wilhelm-Straße deportierte und ermordete Menschen waren 2025 Gedenksteine im Straßenpflaster verlegt.
Teilabriss für die Ost-West-Achse, 1938
Für den sogenannten Ostdurchbruch einer stadtweiten Berliner Ost-West-Achse begannen die Nationalsozialisten 1938 einen großangelegten Abriss der Straße. Der Plan sah vor, sämtliche Häuser zwischen Spree und Klosterstraße niederzulegen,[226] realisiert wurde ein erster Abrissbereich auf der Nordseite der Straße zwischen Spree und Spandauer Straße, was knapp einem Zehntel der gesamten Bebauung der Kaiser-Wilhelm-Straße entsprach.[227]
„Die Vorbereitungen [wurden] auf Kosten der Eigentümer und Mieter in einer Rekordzeit von neun Monaten durchgeführt. […] Die betroffenen Mieter mußten sich kurzfristig Ersatzräume besorgen. […] Von Juli bis November 1938 wurden alle 23 Häuser abgerissen.“
Das Abrissgebiet – mehr als ein Hektar groß – reichte von der Kaiser-Wilhelm-Brücke nordwärts bis an die Heilige-Geist-Kapelle und umfasste die beiden kaum fünfzig Jahre alten Häuserblocks von Cremer & Wolffenstein und Hermann Guth mit je gut siebzig Meter Fassadenlänge. Im März 1939 erfolgte dort die Grundsteinlegung für eine neue Zentrale der Berliner Industrie- und Handelskammer,[229] einem Monumentalbau nach Plänen von Paul Schwebes. Die Arbeiten kamen allerdings „nicht über die Kellerdecke hinaus“,[230] nach einem Baustopp im Zweiten Weltkrieg lag das Areal mehr als drei Jahrzehnte brach, bis dort 1979 in der DDR das Palasthotel errichtet wurde.
Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg
Bereits am 21. Dezember 1940 traf ein britischer Luftangriff die Straße. Brandbomben schlugen im Haus Nummer 46 sowie unweit der Straße in der Klosterstraße, Burgstraße sowie im Dom ein. 1941 meldete die Hausverwaltung Kaiser-Wilhelm-Str. Fliegerschäden an mehreren Gebäuden am nördlichen Straßenende Ecke Hirtenstraße.[231]
Am 24. Mai 1944 richtete ein amerikanischer Großangriff im ganzen Bezirk Mitte „schwere Verwüstungen eines Bombenteppichs“ an, getroffen wurden neben der Zentralmarkthalle und der Bahnhof Alexanderplatz auch die U-Bahn am damaligen Horst-Wessel-Platz.[232] Das große nordöstliche Eckhaus zur Memhardstraße war Ende Mai ausgebrannt.[156]
Die schwersten Schäden erlitt die Umgebung bei den amerikanischen Flächenbombardements im Frühjahr 1945. Nach dem Großangriff am Mittag des 3. Februar meldete die Hauptschutzluftstelle:
„Die durch besonders dichte Bombenteppiche betroffenen Gebiete erstrecken sich [vom] Potsdamer Platz […] in breiter Fläche nach Nordosten über die Gegend Bahnhof Alexanderplatz hinweg […].“
Bei diesem Angriff „verschwanden ganze Stadtviertel“, eine Chronologie einzelner Gebäudeschäden ist nicht erhalten.[234]
Nach einem weiteren Großangriff am 26. Februar 1945 wurden die Marienkirche und das Rote Rathaus als Bemerkenswerte Schadensstellen herausgehoben. In der Memhardstraße fluteten nach einer Explosion größere Wassermengen den dortigen U-Bahn-Schacht.[235]
„[Ein] großes Schadensgebiet umfaßt die Gegend zwischen Bahnhof Börse bis Bahnhof Alexanderplatz […] es wird im Norden etwa durch die Dircksenstr., Memhardstr. […] und im Süden durch die Gegend Neuer Markt, Rathaus […] begrenzt.“
Nach weiteren Einschlägen in der Kaiser-Wilhelm-Straße am 11. März[237] wurde das Eckhaus Nr. 36 zur Münzstraße (heutige Rosa-Luxemburg-Str. 9) am 13. März 1945 durch eine Sprengbombe schwer beschädigt[160] sowie die Häuser Kaiser-Wilhelm-Straße 53 und 54 am Neuen Markt durch Bomben „total“ zerstört.[238][239] Bei einem der letzten Luftangriffe auf die Stadt am 15. April detonierte in der Kaiser-Wilhelm-Straße 3 Ecke Heiligegeiststraße eine große blockbuster Minenbombe.[141] Nach dem Ende der Schlacht um Berlin bewertete das Hauptamt für Vermessung die Bebauung der Straße zu je etwa einem Drittel als zerstört, als wiederaufbaufähig oder als geringbeschädigt.[240]
Nachkriegszeit
Zu den ersten wiedereröffneten Unternehmen der Straße gehörte im Sommer 1945 eine Glaserei in der später abgerissenen Kaiser-Wilhelm-Straße 4.[241] sowie die Bewag in der Hausnummer 52 (ehem. Bernhard Kass) und einige Einzelhändler in den Zentralmarkthallen.
Einhundert Meter von der Straße entfernt explodierte am 16. März 1946 ein großes Munitionslager auf dem Hof der Kaserne in der Kleinen Alexanderstraße. In einem weiten Umkreis zwischen Alexanderplatz und Schönhauser Tor entstanden dabei zahlreiche schwere Gebäudeschäden, darunter auch an den Häusern Nummer 22 und 32 (spätere Liebknechtstraße 60 und 63, heute Rosa-Luxemburg-Straße 14 und 17).
Bereits im Laufe des Jahres 1945 begann der Name Kaiser-Wilhelm-Straße aus dem amtlichen Sprachgebrauch zu verschwinden. Das Bezirksamt Mitte, damals mit Sitz im Haus Nummer 22, änderte bis Dezember 1945 seine Adresse in: Karl-Liebknecht-Straße 22.[195] Im November 1946 erklärte der Magistrat, dass eine entsprechende Umbenennung der Straße vorgesehen sei,[242] gleichlautend änderten sich die Einträge im ersten Nachkriegs-Adressbuch.[243] Davon abweichend erfolgte eine amtliche Umbenennung der Straße in Liebknechtstraße (ohne „Karl“) am 31. Juli 1947.[244]
Persönlichkeiten
- Karl Liebknecht (1871–1919), Rechtsanwalt und Politiker, hatte in der Straße sowohl eine Wohnung (1900–1904: Nr. 19, Ecke Münzstraße) als auch eine Kanzlei (1904–1908, Nr. 46, Ecke Heiligegeiststraße). Von 1902 bis 1908 war Liebknecht Stadtverordneter des Stadtbezirks Nr. 205, in welchem sich der nördliche Straßenteil und seine Wohnung befanden.[245]
- Herrmann Meyer (1901–1972), Verleger und Gründer der bibliophilen Soncino-Gesellschaft, wohnte bis 1933 in der Kaiser-Wilhelm-Straße 12.
- Der Schauspieler und Regisseur Eberhard Fechner (1926–1992) wuchs in der Kaiser-Wilhelm-Straße 48[246] gegenüber der Marienkirche auf.[247]
Wissenswertes
- Die Kaiser-Wilhelm-Straße galt bereits 1910 als die historisch „um-getaufteste aller Berliner Straßen“.[248] Ihr Straßenland zwischen Spree und Marienkirche war zuvor unter mehr als elf Namen bekannt gewesen.[249]
- Dreizehn zusätzliche Kaiser-Wilhelm-Straßen wurden 1920 mit der Bildung von Groß-Berlin aus dem Umland eingemeindet.[250] 1943 waren es in der Stadt insgesamt noch zehn – die Zeit überdauert hatte 2025 eine einzige Kaiser-Wilhelm-Straße im Ortsteil Lankwitz im Süden Berlins.
Literatur
- Stadt Berlin: Bericht über die Gemeinde-Verwaltung der Stadt Berlin. (Chronologie des Straßenbaus)
- Ausgabe 1877 bis 1881, Theil 1, Abschnitt VI.: Das Stadtgebiet, Sittenfeld, Berlin 1883, S. 54–57.
- Ausgabe 1882 bis 1888, Theil 1, Abschnitt VI.: Das Stadtgebiet, Sittenfeld, Berlin 1889, S. 36–43.
- Ausgabe 1889 bis 1895, Theil 1, Abschnitt VI.: Das Stadtgebiet, Heymanns, Berlin 1898, S. 46–47.
- Ausgabe 1906 bis 1910, Zweiter Teil, II. Das städtische Straßenwesen, Boll, Berlin 1912, S. 168–169.
- Harald Bodenschatz: Platz frei für das neue Berlin! Transit, Berlin 1987. bes. Kap.: Altstadterneuerung, S. 19–34, und 46–51. ISBN 3-88747-038-9.
- Hans Brendicke: Die neue Kaiser-Wilhelm-Straße in Berlin. In: Der Bär. Illustrierte Wochenschrift für vaterländische Geschichte. Jahrgang XVI, Nr. 15 und 16, Berlin 1890, S. 176–177, 187–189.
- Emil Dominik: Die Kaiserwilhelmstraße. In: Der Bär. Illustrierte Berliner Wochenschrift. XIII. Jahrgang, Nr. 27, Berlin 1. April 1882, S. 362f. (Mit Abbildungen S. 352 und 353)
- Karl Emil Otto Fritsch: Berliner Neubauten. Die Bauten der Baugesellschaft Kaiser Wilhelm-Straße. In: Deutsche Bauzeitung, 21. Jahrgang, Ernst Toeche, Berlin 1887, Nr. 77 (S. 457–459), Nr. 81 (S. 481–485), Nr. 85 (S. 505–507), Nr. 89 (S. 529–533).
- Benedikt Goebel: Der Umbau Alt-Berlins zum modernen Stadtzentrum. (= Schriftenreihe des Landesarchivs Berlin, Band 6, herausgegeben von Jürgen Wetzel), Braun, Berlin 2003, bes. Kapitel: Planung und Bau der Kaiser-Wilhelm-Straße 1865–1913. S. 128–148. ISBN 3-935455-31-3
- Benedikt Goebel: Die Kaiser-Wilhelm-Straße - ein Berliner Boulevard. In: Franziska Nentwig u. a. (Hrsg.): Berlins vergessene Mitte. Stiftung Stadtmuseum Berlin, Berlin 2012. S. 148–153. ISBN 978-3-86206-177-8
- Max Neuhaus (Kgl. Baurath, Technischer Leiter der Baugesellschaft): Die Kaiser Wilhelm-Straße in Berlin. In: Ministerium der öffentlichen Arbeiten (Hrsg.): Zeitschrift für Bauwesen. 38. Jahrgang, Heft X–XII, Ernst und Korn, Berlin 1888. Sp. 429–450.
- Julius Rodenberg: Im Herzen von Berlin / (April – August 1886). In: Bilder aus dem Berliner Leben. Neue Folge, Band 2, Paetel, Berlin 1887, S. 157ff. (Häuser- und Ortsbeschreibungen vor und während des Straßendurchbruchs 1886)
- Karl Schäfer: Die Bebauung der Kaiser Wilhelm-Straße in Berlin. In: Ministerium der öffentlichen Arbeiten (Hrsg.): Centralblatt der Bauverwaltung, Jahrgang V., Nummer 6, Berlin 1885, S. 53–55, 61–63, 68–70, 79, 82–83.
- Otto Schilling: Innere Stadt-Erweiterung. Der Zirkel Architekturverlag, Berlin 1921. (bes. Kap. 2.K: Berlin, S. 207–265.)
Filmische Dokumentation
- Helmut Schneider: Mehr als eine Straße – Karl-Liebknecht-Straße Berlin von 1918–1958. Deutschland 1959, DEFA-Dokumentarfilm, schwarz/weiß, 31 Minuten.
Bildende Kunst
- Otto Nagel: Marienkirche mit Litfaßsäule (1943). Pastell, 59,5 × 50 cm, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin.