La Henriade
Buch von Voltaire
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La Henriade ist ein episches Gedicht von Voltaire über Heinrich IV., das 1723 zunächst unter dem Titel La Ligue, ou Henry le Grand erschien[1] und später unter dem Titel La Henriade bekannt wurde. Der ursprüngliche Titel La Ligue spielt auf die katholische „Liga“ an, die während der französischen Religionskriege gegen Heinrich von Navarra kämpfte, den späteren französischen König Heinrich IV.

Das in zehn Gesängen verfasste Gedicht feiert Heinrich IV. als toleranten Friedensstifter und war im 18. Jahrhundert eines der berühmtesten Werke Voltaires. Es sollte Frankreichs Nationalepos werden – heute ist es weitgehend vergessen.[2]
Zentrale Themen sind religiöser Fanatismus, Bürgerkrieg, politische Versöhnung und Toleranz.
Entstehung und Veröffentlichung
Voltaire arbeitete seit den frühen 1720er Jahren an dem Gedicht. Die erste Fassung erschien 1723 unter dem Titel La Ligue, ou Henry le Grand.
In nachfolgenden Fassungen wurde das Werk erweitert und unter dem Titel La Henriade veröffentlicht. Die 1728 in London erschienene Ausgabe machte den späteren Titel La Henriade bekannt. Mit der Umbenennung trat Heinrich IV. stärker als zentrale Gestalt des Gedichts hervor, während der ursprüngliche Titel La Ligue stärker auf den historischen Konflikt mit der katholischen Liga verwies.
Die besondere Stellung der Henriade innerhalb von Voltaires Werküberlieferung zeigt sich auch daran, dass sie den ersten Band der von den Brüdern Cramer in Genf veranstalteten ersten Werkausgabe Voltaires eröffnet. Ein entsprechender Band erschien unter dem Titel La Henriade: avec les pièces relatives à ce poème, et à la poésie épique en général bei Cramer; ein Digitalisat der Ausgabe von 1757 ist online zugänglich.[3]
Inhalt
Die Henriade ist in zehn Gesänge gegliedert. Die Handlung konzentriert sich auf die Endphase der französischen Hugenottenkriege und auf den Aufstieg Heinrichs von Navarra zum französischen König Heinrich IV. Historische Ereignisse werden dabei nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern in epischer und allegorischer Form verarbeitet.
Die religiöse Stellung Heinrichs IV. bildet einen wichtigen historischen Hintergrund des Epos. Heinrich von Navarra war als protestantischer Fürst in die französischen Religionskriege verwickelt, wurde nach der Bartholomäusnacht 1572 am französischen Hof festgehalten, kehrte später zum protestantischen Lager zurück und trat 1593 erneut zum Katholizismus über, um seine Herrschaft in Frankreich durchzusetzen.[4]
Voltaire deutet diese konfessionelle Problematik, den mehrfachen Glaubenswechsel, weniger dogmatisch als politisch-moralisch: Im Mittelpunkt stehen die Überwindung des Bürgerkriegs, die Befriedung Frankreichs und die Kritik am religiösen Fanatismus.
Das berühmte, Heinrich IV. traditionell zugeschriebene geflügelte Wort, „Paris vaut bien une messe“ (Paris ist eine Messe wert) steht nicht in der Henriade. Voltaire erwähnt es vielmehr an anderer Stelle, etwa in Le Président de Thou.[5]
Die folgende tabellarische Inhaltsübersicht folgt der Darstellung in der kritische Ausgabe von Daniel Maira et Jean-Marie Roulin.[6]

| Gesang | Kurzinhalt | Zeitbezug |
|---|---|---|
| I | Heinrich von Navarra wird während des Kampfes gegen die katholische Liga nach England gesandt, um Unterstützung zu erbitten. | 1589/1590 |
| II | Heinrich schildert Elisabeth I. die Leiden Frankreichs und erinnert dabei besonders an die Massaker der Bartholomäusnacht (massacres de la Saint-Barthélemy). | 24. August 1572; Rückblick bis 1590 |
| III | Rückblick auf die Vorgeschichte der Bürgerkriege, den Aufstieg der Liga und die Konflikte unter Heinrich III. | 1574–1588 |
| IV | Die Zwietracht entfacht in Paris neuen Aufruhr gegen die königliche Partei. | 1588/1589 |
| V | Jacques Clément ermordet Heinrich III.; Heinrich von Navarra wird als Heinrich IV. Thronerbe. | 1. August 1589 |
| VI | Die Liga berät in Paris über die Thronfolge; Heinrich IV. greift die Stadt an. | 1589/1590 |
| VII | Ludwig der Heilige zeigt Heinrich IV. in einer Vision Frankreichs Zukunft. | allegorische Zukunftsschau |
| VIII | Heinrich IV. besiegt die Truppen der Liga in der Schlacht von Ivry. | 14. März 1590 |
| IX | Heinrich wird durch Gabrielle d’Estrées von seiner politischen Aufgabe abgelenkt, kehrt aber auf Mornays Mahnung zum Heer zurück. | um 1590 |
| X | Heinrich setzt die Belagerung von Paris fort, zeigt Milde gegenüber der hungernden Stadt und wird schließlich als König anerkannt. | 1590; Ausblick auf Übertritt zum Katholizismus 1593 und Einzug in Paris 1594 |
Fiktion und geschichtliche Wirklichkeit
Voltaire verarbeitet in der Henriade historische Ereignisse der französischen Religionskriege, folgt ihnen jedoch nicht im Sinne einer chronologischen Geschichtsdarstellung. Voltaire gestaltet den Stoff nach den Regeln des klassischen Epos: Historische Personen und Ereignisse werden verdichtet, umgestellt, allegorisch überhöht und durch frei erfundene Episoden ergänzt.
Ein besonders deutliches Beispiel ist der im ersten und zweiten Gesang geschilderte Besuch Heinrichs von Navarra bei Elisabeth I. von England. Diese Begegnung ist keine historisch belegte Episode, sondern eine literarische Erfindung Voltaires. Daniel Maira und Jean-Marie Roulin betonen in der Einleitung ihrer kritischen Ausgabe:
« [Voltaire] il bouleverse ces événements réels avec une invention qui n’a rien d’historique : la mission d’Henri de Navarre auprès de sa coreligionnaire, Elisabeth Ire, et la demande d’aide militaire contre les ligueurs. (chant I). »
„[Voltaire] er stellt diese realen Ereignisse durch eine frei erfundene Episode um, die nichts Historisches an sich hat: den Auftrag Heinrichs von Navarra, bei seiner Glaubensgenossin Elisabeth I. militärische Hilfe gegen die Ligisten zu erbitten. (Gesang I).“[7]
Dieser Kunstgriff erlaubt dem Dichter, Heinrich aus dem französischen Bürgerkrieg heraus in einen europäischen Horizont zu stellen. Elisabeth erscheint dabei als protestantische Herrscherin, politische Ratgeberin und monarchisches Gegenbild zum konfessionellen Fanatismus der Liga.
Auch andere historische Stoffe werden in der Henriade nicht dokumentarisch, sondern dichterisch funktionalisiert. Die Bartholomäusnacht von 1572 liegt historisch vor der Haupthandlung um die Belagerung von Paris und den Aufstieg Heinrichs IV., wird im Epos aber als paradigmatische Gewalttat religiösen Fanatismus vergegenwärtigt. Die katholische Liga erscheint ebenfalls weniger in der ganzen Komplexität ihrer historischen Entwicklung als vielmehr als Verkörperung von Bürgerkrieg, Intoleranz und politischer Verblendung.
Die Henriade ist daher nicht als historische Darstellung im modernen Sinn zu lesen, sondern als Geschichtsdichtung. Voltaire benutzt die Vergangenheit, um ein aufklärerisches Herrscherideal zu entwerfen: Heinrich IV. erscheint als Gegenfigur zu Fanatismus und Bürgerkrieg, als Monarch der Mäßigung, der Toleranz und der politischen Versöhnung.[8]
Form und Aufbau
Die Henriade ist ein in zehn Gesängen verfasstes Epos in französischen Alexandrinern. Voltaire knüpft damit an die Tradition des antiken und frühneuzeitlichen Heldenepos an, überträgt diese Form jedoch auf einen Stoff der neueren französischen Geschichte. An die Stelle mythischer oder antiker Helden tritt Heinrich IV. als Herrscherfigur der politischen Mäßigung, religiösen Toleranz und nationalen Versöhnung.
Zu den literarischen Bezugspunkten der Henriade gehören die großen Epen der europäischen Tradition. Neben den antiken Modellen Homers und Vergils zählt Torquato Tassos Gerusalemme liberata zu den neuzeitlichen epischen Vorbildern, an denen Voltaire seine eigene Auffassung des Heldenepos schärfte. Im siebten Kapitel seines Essai sur la poésie épique behandelt Voltaire Tasso ausdrücklich als Vertreter des modernen Epos.[9] Wie diese Werke verbindet die Henriade historische oder historisch verstandene Ereignisse mit dichterischer Erfindung, Reden, Visionen und moralisch-religiöser Deutung. Voltaire verwendet die epische Form nicht nur zur Verherrlichung eines Herrschers, sondern auch zur Kritik an Bürgerkrieg und religiösem Fanatismus.
Der Aufbau des Gedichts folgt nicht einer streng chronologischen Geschichtserzählung. Die Handlung um Heinrich von Navarra, die Belagerung von Paris und den Kampf gegen die katholische Liga wird durch Rückblicke, Vorausdeutungen, allegorische Szenen und frei erfundene Episoden erweitert. Dazu gehören insbesondere die Begegnung Heinrichs mit Elisabeth I. von England, die Schilderung der Bartholomäusnacht im Rückblick und die Vision Frankreichs durch Ludwig den Heiligen.
Die epische Handlung ist dadurch zugleich politisches Lehrgedicht und historisch-allegorische Deutung der französischen Religionskriege. Der Held erscheint weniger als psychologisch individualisierte Figur denn als Träger eines aufklärerischen Herrscherideals: Heinrich IV. verkörpert Mäßigung, Friedensbereitschaft und religiöse Toleranz gegenüber der zerstörerischen Gewalt der Liga.
Vortragspraxis und Auralität
Die Henriade ist in der Forschung auch im Zusammenhang mit Vorlese-, Rezitations- und Deklamationspraktiken des 18. Jahrhunderts behandelt worden. Marco Thomas Bosshard untersucht das Werk unter dem Gesichtspunkt der „epischen Auralität“, also im Hinblick auf das Verhältnis von schriftlichem Text, öffentlicher Lesung und klanglicher Wirkung. Dabei wird die Henriade nicht nur als gedruckter Lesetext, sondern auch als Text einer möglichen epischen Darbietung verstanden.[10]
Bosshard hebt hervor, dass Voltaire in späteren Fassungen der Henriade rein graphische Reime, sogenannte rimes pour l’œil, zugunsten phonetisch hörbarer Reime zurückdrängte. Diese Entwicklung verweist auf eine Poetik, in der die akustische Realisierung des Verses eine wichtige Rolle spielt. Im Kontext zeitgenössischer Debatten über Deklamation und Rezitation erscheint Voltaires Epos damit als Werk, das zwischen Buch, öffentlichem Vortrag und dramatischer Wirkung vermittelt.[11]
Rezeption
Die Henriade gehörte im 18. Jahrhundert zu den bekanntesten Werken Voltaires und wurde als Versuch eines modernen französischen Nationalepos gelesen. Nicholas Cronk fasst den zeitgenössischen Rang des Gedichts pointiert zusammen:
Das Gedicht verband die Form des klassischen Heldenepos mit einem Stoff der neueren französischen Geschichte und machte Heinrich IV. zur Leitfigur politischer Mäßigung, religiöser Toleranz und nationaler Versöhnung.
Der Charakter der Henriade als modernes französisches Nationalepos ist auch literaturgeschichtlich zu verstehen. Im frühen 18. Jahrhundert war das mittelalterliche Chanson de Roland noch nicht als kanonisches altfranzösisches Epos etabliert. Die heute maßgebliche Oxford-Fassung wurde erst im 19. Jahrhundert durch Francisque Michel bekannt gemacht und 1837 erstmals gedruckt.[13] Seit ihrer Wiedererschließung im 19. Jahrhundert wurde die Chanson de Roland zunehmend als eigentliches französisches Nationalepos verstanden. Damit trat sie rückblickend an die Stelle klassizistischer Epen wie Ronsards Franciade und Voltaires Henriade, die zuvor als Versuche gegolten hatten, Frankreich ein großes Epos nach antikem Vorbild zu geben.[14]
In der späteren Rezeption verlor die Henriade einen Teil ihrer früheren literarischen Zentralität. In der heutigen Wahrnehmung Voltaires steht sie meist weniger im Vordergrund als stärker rezipierte Werke wie Candide, die Lettres philosophiques, der Traité sur la tolérance oder der Dictionnaire philosophique. Gleichwohl blieb das Gedicht für die Voltaire-Forschung wichtig, weil es zentrale Fragen seines Werks bündelt: das Verhältnis von Geschichte und Dichtung, die Kritik an religiösem Fanatismus, die Darstellung monarchischer Herrschaft und die Möglichkeit eines aufklärerischen Epos.
Die moderne wissenschaftliche Beschäftigung mit der Henriade ist eng mit der Editionsgeschichte verbunden. Eine wichtige Grundlage bildete die kritische Ausgabe von O. R. Taylor, die 1970 als Band 2 der Œuvres complètes de Voltaire erschien.[15]
Eine erneute philologische und literaturhistorische Aufwertung erfuhr das Werk durch die von Daniel Maira und Jean-Marie Roulin herausgegebene kritische Ausgabe, die 2025 bei Classiques Garnier erschien. Sie stellt die Henriade zusammen mit dem Essai sur les guerres civiles de France und dem Essai sur la poésie épique in den Zusammenhang von Voltaires Reflexion über Bürgerkrieg, religiöse Gewalt und epische Dichtung.[16]
Nicholas Cronk hob in seiner Besprechung der Garnier-Ausgabe den paradoxen Status der Henriade hervor: Das Werk sei zu Voltaires Lebzeiten als Klassiker gefeiert worden, werde heute aber nur noch selten gelesen. Zugleich würdigte er die Ausgabe von Maira und Roulin als neue kritische Erschließung eines Gedichts, das für das Verständnis von Voltaires Verhältnis zu Geschichte, Religion und epischer Tradition weiterhin von Bedeutung ist.[17]
Zur Rezeptionsgeschichte gehört auch die visuelle Ausstattung zahlreicher Ausgaben. Frontispize, Titelkupfer und Szenenillustrationen machten die Henriade nicht nur als Text, sondern auch als repräsentatives Buchobjekt sichtbar. Die Bebilderung trug dazu bei, zentrale Episoden des Gedichts – etwa Heinrich IV. als Heerführer, Friedensstifter oder idealisierten Monarchen – ikonographisch zu verbreiten.
Ausgaben
- Voltaire: La Henriade. Édition critique par O. R. Taylor. In: Œuvres complètes de Voltaire, Bd. 2. Voltaire Foundation, Oxford 1970, ISBN 978-0-7294-0220-0; Verlagsseite; Work overview – bei Oxford University Voltaire.
- Voltaire: La Ligue Ou Henry Le Grand ; Poème Epique, Genève: Jean Mokpap, 1723; Digitalisat online – ULB Sachsen-Anhalt, Signatur Pon IId 3037.
- Voltaire: La Henriade. Suivi de l’Essai sur les guerres civiles de France et de l’Essai sur la poésie épique. Kritische Ausgabe von Daniel Maira et Jean-Marie Roulin. Classiques Garnier, Paris 2025 (= Classiques jaunes, série Littératures francophones, ISBN 978-2-406-17986-3) vgl. den Nachweis bei Fabula: online.
- Nicholas Cronk: Review of Voltaire, La Henriade, suivi de l’Essai sur les guerres civiles de France et de l’Essai sur la poésie épique, ed. Daniel Maira and Jean-Marie Roulin. In: French Studies, Bd. 77, Nr. 4, 2023, S. 593–594, doi:10.1093/fs/knad128.
- Voltaire: La Henriade, poème, avec les notes et variantes, suivi de l’Essai sur la poésie épique. Paris, 1816. Enthält neben dem Gedicht auch Voltaires Essai sur la poésie épique. Digitalisat bei Gallica: online.

Deutsche Übersetzungen
Deutsche Übersetzungen der Henriade erschienen vor allem im 18. und 19. Jahrhundert. Nachweislich online verfügbar sind unter anderem:
- Voltaire: Der Heldengesang auf Heinrich dem Vierdten, König in Frankreich. Übersetzt von Friedrich Heinrich von Schönberg. Dresden: Johann Christoph Krause, 1751. Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt: online.
- Voltaire: Heinrich der Vierte. Ein Heldengedicht in zehn Gesängen. Mannheim: Schwan und Götz, 1796. Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt: online.
- Voltaire: Die Henriade. Aus dem Französischen im Versmaße des Originals übersetzt von Friedrich Schröder. Leipzig: F. A. Brockhaus, 1843. Digitalisat bei Google Books/Google Play: online.
Literatur
- Marco Thomas Bosshard: Die Aufklärung als Nullpunkt epischer Auralität der Moderne? Voltaires Henriade und die Rezitations- und Deklamationspraktiken im Frankreich des 18. Jahrhunderts. In: Romanistisches Jahrbuch, Bd. 63, Nr. 1, 2012, S. 172–195, doi:10.1515/roma.63.7.
- Nicholas Cronk: Voltaire: A Very Short Introduction, Oxford University Press, Oxford 2017, ISBN 978-0-19-968835-7.
- Nicholas Cronk: Review of Voltaire, La Henriade, suivi de l’Essai sur les guerres civiles de France et de l’Essai sur la poésie épique, ed. Daniel Maira and Jean-Marie Roulin. In: French Studies, Bd. 77, Nr. 4, 2023, S. 593–594, doi:10.1093/fs/knad128.
- Daniele Maira: Voltaire et quelques « nuances » sur le massacre de la Saint-Barthélemy. In: Études Épistémè, Nr. 45, 2024, doi:10.4000/12v7w; PDF.
Weblinks
- La Henriade – Band 2 der Œuvres complètes de Voltaire, Voltaire Foundation, Verlagsseite.