Les Adorateurs ou les louanges de Dieu
philosophisch-religiöses Prosawerk Voltaires
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Les Adorateurs, ou les louanges de Dieu („Die Anbeter oder das Lob Gottes“) ist ein 1769 klandestin erschienenes philosophisch-religiöses Prosawerk Voltaires. In der Moland-Ausgabe umfasst der Text rund 18 Druckseiten.[2]

Der knappe Text zählt zu Voltaires späten Schriften über natürliche Religion, Deismus und religiöse Toleranz. In dialogischer Form entwirft Voltaire ein „Gotteslob“, das nicht auf kirchlicher Dogmatik, sondern auf Vernunft, Naturbetrachtung, Toleranz und Wohltätigkeit beruht. Inhaltlich lässt sich Les Adorateurs als deistische Schrift lesen: Der Text verteidigt eine vernunftgegründete Gottesverehrung jenseits kirchlicher Dogmatik und grenzt sich zugleich von atheistischen Positionen ab.
Damit steht die Schrift im Zusammenhang mit Voltaires spätem religionsphilosophischem Profil, das Robert Darnton im Anschluss an Nicholas Cronk als antiklerikalen Deismus mit entschiedener Kritik am Atheismus beschreibt.[3]
Der Eingangsteil von Les Adorateurs wurde von Voltaire auch im Lemma „Éternité“ der Questions sur l’Encyclopédie wiederverwendet.[4]
Inhalt
In diesem dialogisch angelegten Text sprechen zwei fiktive „Anbeter“ über Gott, Natur, Weltordnung, Sinnlichkeit, Denken, Übel und menschliche Religion. Es ist kein kirchliches Gotteslob, sondern ein deistisch-naturphilosophisches Bekenntnis: Gott erscheint als „Être nécessaire“ (notwendiges Wesen), als ewige, ordnende, belebende Intelligenz, die in der Natur und ihren Gesetzen wirksam ist.
Der erste Anbeter beginnt kosmologisch. Er ruft nicht den christlichen Gott unter konfessionellen Namen an, sondern nennt eine Reihe alter Gottesnamen und Gottesbegriffe: Li, Chang-ti, Tien, Birmah, Oromase, den platonischen Demiurgen, den römischen „Optimus Maximus“. Damit stellt Voltaire die Idee eines höchsten Wesens über die Offenbarungsreligionen und ihre Dogmen. Der Text verbindet antike, asiatische und christliche Autoritäten mit moderner Astronomie und Newtonscher Naturordnung.
Besonders wichtig ist die Kritik am anthropomorphen Gottesbild. Voltaire wendet sich gegen Vorstellungen, die Gott wie einen König mit Höflingen, Vorzimmern und Hofzeremoniell darstellen. Genau in diesem Zusammenhang fällt der Satz:
« […] l’homme a fait Dieu à son image »
„[…] der Mensch Gott nach seinem Bilde gemacht.“[5]
Anders als später Feuerbach verwirft er jedoch nicht Gott selbst, sondern menschlich verengte Gottesbilder. Der Satz ist also keine atheistische Leugnung Gottes, sondern eine deistische Reinigung des Gottesbegriffs von Anthropomorphismen.
Der zweite Anbeter verschiebt den Akzent: Nicht nur die unermesslichen Welten verdienen Bewunderung, sondern auch die Organisation des Lebendigen, die Sinne, der Genuss, die Fortpflanzung und das Denken. Voltaire spricht auffällig positiv über Sinnlichkeit und Lust; auch der Liebesgenuss wird als Gabe der Natur bzw. Gottes verstanden. Gleichzeitig verteidigt er Tiere gegen die cartesianische Maschinentheorie: Tiere haben Empfindung, Gedächtnis, Instinkt und abgestufte Formen von Intelligenz.
Im letzten Teil tritt das Problem des Übels hervor. Der zweite Anbeter klagt über Leiden, Zerstörung, Tod, Krieg, Langeweile, Angst und menschliche Grausamkeit. Voltaire greift verschiedene mythische und theologische Erklärungen des Übels auf – Titanen, Pandora, Manichäismus, Zoroastrismus, religiöse Fabeln – und zeigt sie als menschliche Versuche, das Problem des Bösen zu erklären. Die Antwort bleibt vorsichtig: keine triumphierende Theodizee, sondern Resignation, Toleranz, Gerechtigkeit, Wohltätigkeit und Hoffnung.
Selbstzitat und Wiederverwendung eigener Texte
Ein besonders enger Zusammenhang besteht zwischen Les Adorateurs und dem Lemma „Éternité“ in den Questions sur l’Encyclopédie. Dort verweist Voltaire auf die angebliche kleine Schrift eines „auteur inconnu“ („unbekannten Autors“), zitiert jedoch in Wahrheit eine Passage aus seinem eigenen Prosatext Les Adorateurs.[6]
Die in „Éternité“ typographisch durch Schrägdruck hervorgehobene Passage[7] stellt ein umfangreiches Selbstzitat dar. Sie übernimmt den Anfang des Dialogs aus Les Adorateurs, die Rede des Premier Adorateur, bis unmittelbar vor den Einsatz des Second Adorateur.
Dieser Vorgang entspricht einer von der neueren Forschung beschriebenen Praxis Voltaires, eigene Texte offen oder verdeckt wiederzuverwenden, umzuarbeiten und in neue Zusammenhänge zu stellen. Nicholas Cronk hat diese Schreibweise unter dem zugespitzten Titel „Voltaire autoplagiaire“, Voltaire als Selbstplagiator, untersucht. Gemeint ist damit weniger ein Plagiat im heutigen Sinn als eine charakteristische Technik der Selbstwiederholung, Variation und Neukontextualisierung eigener Texte.[8]
Schlüsselstellen zur Gottesvorstellung und Religionskritik
| Schlüsselstelle | Übersetzung | Bedeutung |
|---|---|---|
| Il est l’Être nécessaire : donc il fut toujours. Il est l’Être agissant : donc il a toujours agi. | „Er ist das notwendige Wesen: also war er immer. Er ist das handelnde Wesen: also hat er immer gehandelt.“ | Voltaire formuliert hier einen deistischen Gottesbegriff: Gott erscheint als ewiges, notwendiges und wirkendes Prinzip der Weltordnung. |
| Non, l’ordre fut toujours, parce que l’Être nécessaire, auteur de l’ordre, fut toujours. | „Nein, die Ordnung war immer, weil das notwendige Wesen, der Urheber der Ordnung, immer war.“ | Die Ordnung der Welt wird nicht als willkürlicher späterer Eingriff gedacht, sondern als Ausdruck einer ewigen göttlichen Vernunft. Die Stelle steht in engem Zusammenhang mit dem Artikel Éternité in den Questions sur l’Encyclopédie. |
| Nous avons eu la bassesse d’en faire un roi qui a des courtisans dans son cabinet, et des huissiers dans son antichambre. | „Wir hatten die Niedrigkeit, aus ihm einen König zu machen, der Höflinge in seinem Kabinett und Türhüter in seinem Vorzimmer hat.“ | Die Stelle richtet sich gegen anthropomorphe und monarchische Gottesvorstellungen: Menschen stellen sich Gott nach dem Muster irdischer Herrschaft vor. |
| C’est [...] peindre Dieu comme un fat qui se regarde au miroir [...] ; c’est bien alors que l’homme a fait Dieu à son image. | „Das heißt [...], Gott wie einen Gecken zu malen, der sich im Spiegel betrachtet [...]; dann hat der Mensch Gott wirklich nach seinem Bilde gemacht.“ | Voltaire kehrt die biblische Vorstellung vom Menschen als Ebenbild Gottes polemisch um. Anders als später Feuerbach verwirft er jedoch nicht Gott selbst, sondern menschlich verengte Gottesbilder. |
| Ne cessons de répéter que l’intelligence infinie de l’être nécessaire [...] produit tout, remplit tout, vivifie tout, de toute éternité. | „Hören wir nicht auf zu wiederholen, dass die unendliche Intelligenz des notwendigen Wesens [...] alles hervorbringt, alles erfüllt, alles von Ewigkeit her belebt.“ | Die Stelle fasst den deistischen Grundgedanken zusammen: Gott ist nicht ein menschenähnlicher Herrscher, sondern die unendliche Intelligenz, die die Weltordnung trägt und belebt. |
| Que m’importe l’éternité, quand mon existence est bornée à ce moment qui s’écoule ? | „Was kümmert mich die Ewigkeit, wenn mein Dasein auf diesen verrinnenden Augenblick beschränkt ist?“ | Der zweite Anbeter verschiebt die Perspektive vom Kosmos auf die menschliche Existenz, ihre Endlichkeit und ihre Empfindungen. |
| Le plaisir vient manifestement de Dieu. | „Die Lust kommt offenkundig von Gott.“ | Voltaire würdigt Sinnlichkeit und Lust ausdrücklich positiv und wendet sich damit gegen körperfeindliche oder asketische Religionsbilder. |
| La raison de l’homme s’élance jusqu’à la Divinité. | „Die Vernunft des Menschen erhebt sich bis zur Gottheit.“ | Die Annäherung an Gott erfolgt nicht durch kirchliches Dogma, sondern durch Vernunft, Erkenntnis und Naturbetrachtung. |
| Les hommes ont toujours transporté dans le ciel toutes les sottises de la terre. | „Die Menschen haben stets alle Torheiten der Erde in den Himmel verlegt.“ | Auch hier kritisiert Voltaire religiöse Projektionen: Der Himmel wird mit menschlichen Irrtümern, Machtverhältnissen und Torheiten bevölkert. |
| Soyons justes, bienfaisants, tolérants [...] | „Seien wir gerecht, wohltätig, tolerant [...]“ | Der Text mündet in eine praktische Religionsauffassung: Entscheidend sind nicht Dogmen, sondern Gerechtigkeit, Wohltätigkeit und Toleranz. |
Eine zentrale Pointe des Textes liegt in Voltaires Kritik anthropomorpher Gottesbilder. Wenn Menschen Gott als eitlen Monarchen mit Hofstaat, Kabinett und Vorzimmer darstellen, so hätten sie, wie Voltaire formuliert, „Gott nach ihrem Bilde“ gemacht. Die Wendung nimmt die biblische Formel von der Erschaffung des Menschen nach Gottes Bild polemisch zurück, ohne in Atheismus umzuschlagen: Voltaire verwirft nicht den Gedanken eines höchsten Wesens, sondern die Projektion menschlicher Eitelkeit, Herrschaft und Torheit auf Gott.[9]
Rezeption und zeitgenössische Wahrnehmung

Als klandestine Schrift entzog sich Les Adorateurs weitgehend einer breiten öffentlichen Diskussion. Gleichwohl lassen sich Spuren zeitgenössischer Wahrnehmung nachweisen.
Bereits 1770 wurde der Text in den achten Band der mit dem Verleger Marc Michel Rey in Verbindung stehenden Sammlung L’Évangile du jour aufgenommen[10], einer unter fingierter Verlagsangabe verbreiteten Zusammenstellung philosophischer und religionskritischer Schriften Voltaires.[11]
Ein weiteres wichtiges zeitgenössisches Zeugnis bietet der Eintrag in den Mémoires secrets vom 20. Januar 1770. Diese Chronik literarischer Neuerscheinungen nennt Les Adorateurs ausdrücklich unter den Voltaire zugeschriebenen „petits ouvrages clandestins“ und enthält eine kurze kritische Würdigung des Textes.[12]
Die editorische Erschließung des Textes erfolgte vor allem im Rahmen der großen Werkausgaben. Louis Moland nahm Les Adorateurs im 19. Jahrhundert in Band 28 seiner Œuvres complètes de Voltaire auf.[13]
Eine moderne kritische Ausgabe legte Jean Dagen in den Œuvres complètes de Voltaire der Voltaire Foundation vor; sie erschien 2016 in Band 70B, Writings of 1769 (IIB).[14]
Ausgaben
- Voltaire: Les Adorateurs, ou les louanges de Dieu. Kritische Ausgabe von Jean Dagen. In: Œuvres complètes de Voltaire (OCV), Bd. 70B: Writings of 1769 (IIB), Voltaire Foundation, Oxford 2016, S. 235–300, ISBN 978-0-7294-1181-3; vgl. die Verlagsbeschreibung der Voltaire Foundation.
- Voltaire: Les Adorateurs, ou Les Louanges de Dieu. In: Œuvres complètes de Voltaire, hrsg. von Louis Moland, Bd. 28: Mélanges, Garnier, Paris 1879, S. 309–326; Digitalisat bei HathiTrust: Beginn des Textes.
- Voltaire: Les Adorateurs, ou les louanges de Dieu. Volltext in: Tout Voltaire, Voltaire Foundation / ARTFL Project, University of Chicago, PhiloLogic4, online: Les Adorateurs.
- Voltaire: Les Adorateurs, ou les louanges de Dieu. In: Œuvres complètes de Voltaire, hrsg. von Louis Moland, Bd. 28, Garnier, Paris 1879; Digitalisat bei Wikisource – nur die erste Textseite.
Literatur
- Nicholas Cronk: Voltaire autoplagiaire, in: Copier/Coller: Écriture et réécriture chez Voltaire, Herausgeber O. Ferret, G. Goggi et C. Volpilhac-Auger, PLUS-Pisa University Press, Pisa, 2007, S. 9–28, ISBN 978-8884924308.
- Louis Petit de Bachaumont: Mémoires secrets, 20 janvier 1770, in: Mémoires secrets de Bachaumont, Tome troisième (1769–1772), online bei Wikisource: 20 janvier 1770.
- Raymond Trousson, Jeroom Vercruysse (Hrsg.): Dictionnaire général de Voltaire. Paris: Honoré Champion, 2003, ISBN 2-7453-0765-7, S. 9–11.
Weblinks
- Voltaire: Les Adorateurs, ou les louanges de Dieu, Digitalisat bei Wikisource – nur die erste Seite
- Voltaire: Les Adorateurs, ou les louanges de Dieu, Ausgabe von 1769, Digitalisat – bei Gallica