Lettres philosophiques (Voltaire)
Buch von Voltaire
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Lettres philosophiques („Philosophische Briefe“), auch bekannt als Lettres anglaises („Englische Briefe“) und in der modernen kritischen Ausgabe der Voltaire Foundation unter dem Titel Lettres sur les Anglais ediert,[1] ist eine polemische Schrift von Voltaire.


Die erste gedruckte Ausgabe erschien 1733 in London in englischer Übersetzung unter dem Titel Letters concerning the English Nation.[2]
Die französischen Fassungen folgten 1734 unter unterschiedlichen Titeln, darunter Lettres écrites de Londres sur les Anglois et autres sujets und schließlich Lettres philosophiques.[3]
Das Werk geht auf Voltaires Aufenthalt in England von 1726 bis 1729 zurück und behandelt in Briefform Themen wie Religion, Politik, Handel, Wissenschaft, Philosophie und Literatur. England erscheint darin vielfach als Gegenbild zu den politischen, religiösen und kulturellen Verhältnissen Frankreichs. Wegen dieser impliziten Kritik wurde die Schrift 1734 vom Parlement de Paris verurteilt und öffentlich verbrannt.
Entstehung und Veröffentlichung

Die Lettres philosophiques entstanden vor dem Hintergrund von Voltaires Aufenthalt in England von 1726 bis 1729. Voltaire war nach einer Auseinandersetzung mit dem Chevalier de Rohan und einer erneuten Inhaftierung in der Bastille nach England gegangen. Dort lernte er die politische Kultur der konstitutionellen Monarchie, die religiöse Pluralität, den englischen Deismus, die Philosophie John Lockes, dessen Epistola de Tolerantia, sowie die Naturwissenschaft Isaac Newtons kennen.
Diese Erfahrungen bildeten den Ausgangspunkt für die späteren Briefe, in denen England häufig als Gegenbild zu den politischen, religiösen und kulturellen Verhältnissen Frankreichs erscheint. Besonders die Briefe über die Quäker, den Parlamentarismus und die Religionsfreiheit heben die Unterschiede hervor.[4]
Voltaire verfasste die Lettres philosophiques auf Französisch, doch die erste gedruckte Ausgabe erschien 1733 in London – in englischer Übersetzung unter dem Titel 'Letters Concerning the English Nation'. Die französische Originalfassung folgte erst 1734 unter verschiedenen Titeln. Die Bibliothèque nationale de France verzeichnet eine Ausgabe von 1734 mit dem fingierten Druckort Amsterdam. Tatsächlich wurde sie in Rouen bei Jore unter der Aufsicht Voltaires gedruckt.[5]
Die französische Veröffentlichung hatte unmittelbare Folgen. Das Werk wurde als Angriff auf die politischen und religiösen Verhältnisse Frankreichs verstanden. Das Parlement de Paris verurteilte die Lettres philosophiques 1734; Exemplare wurden öffentlich verbrannt. Gegen Voltaire wurde ein Haftbefehl erlassen. Er entzog sich der Verhaftung und zog sich nach Cirey auf das Schloss von Émilie du Châtelet zurück.[6]
Die Publikationsgeschichte des Werkes ist kompliziert, da die Briefe zunächst in englischer Sprache, dann in mehreren französischen Fassungen erschienen und später unter unterschiedlichen Titeln überliefert wurden, insbesondere als Lettres philosophiques, Lettres anglaises oder Lettres sur les Anglais. Die moderne Forschung behandelt diese Fassungen daher nicht einfach als identische Ausgaben eines stabilen Textes, sondern als verschiedene Stadien eines Werkes, das Voltaire wiederholt überarbeitete.[7]
Inhalt
Die Lettres philosophiques umfassen 25 Briefe. Die folgende Tabelle stellt eine Auswahl der wichtigsten dar und ordnet ihnen jeweils die zentrale Funktion im Gesamtargument zu.
| Brief(e) | Gegenstand | Charakteristische Funktion |
|---|---|---|
| I–IV | Quäker | Die Darstellung verbindet religiösen Relativismus, Bibelkritik und die aufklärerische Aufwertung moralischer Praxis gegenüber dogmatischer Rechtgläubigkeit |
| VIII–IX | Parlament und Regierung | Lob der konstitutionellen Monarchie mit Gewaltenteilung im Gegensatz zum französischen Absolutismus |
| X | Handel | Aufwertung von Bürgertum, Nutzen, Wohlstand und kommerzieller Gesellschaft im Unterschied zum französischen Adelsideal |
| XI | Pockeninokulation | Verteidigung empirischer Wissenschaft und medizinischen Fortschritts[8] |
| XIII | Locke | Darstellung des englischen Empirismus und Kritik metaphysischer Spekulation, insbesondere gegen Descartes’ angeborene Ideen |
| XIV–XVII | Newton | Vorstellung der Newtonschen Physik als empirisch gesichert versus Cartesische Wirbeltheorie als spekulativ |
| XVIII | Shakespeare | Verteidigung des leidenschaftlichen, regellosen Genies Shakespeares gegen die regelpoetische Strenge des französischen Klassizismus (Racine, Corneille) |
| XXIII | Gens de lettres | Reflexion über die gesellschaftliche Stellung von Schriftstellern und Gelehrten |
| XXV | Pascal | Kritik an religiösem Pessimismus, Jansenismus und den Pensées, insbesondere gegen Pascals Lehre von der Erbsünde und der « misère de l’homme » (Elend des Menschen)[9] |
Exemplarischer Brief: Voltaire gegen Pascal
Der abschließende Brief XXV, der sich mit den Pensées Pascals auseinandersetzt, zeigt besonders deutlich den polemischen Charakter der Lettres philosophiques. Voltaire richtet sich darin gegen Pascals augustinisch-jansenistisch geprägtes Menschenbild, gegen das Motiv des „Elends des Menschen“, der misère de l’homme.[10]
Pascal berief sich auf die Gnadenlehre des Augustinus, auf die Vorstellung von der Verderbtheit und dem „Elend des Menschen“.[11] Er wertet dieses Menschenbild als Herabsetzung der menschlichen Natur.[12] In einer vielzitierten Formulierung stellt Voltaire diesem pessimistischen Menschenbild ein aufklärerisches Vertrauen in die Würde und Verbesserungsfähigkeit des Menschen entgegen:
« J’ose prendre le parti de l’humanité contre ce misanthrope sublime ; j’ose assurer que nous ne sommes ni si méchants ni si malheureux qu’il le dit. »
„Ich wage es, die Partei der Menschheit gegen diesen erhabenen Menschenfeind zu ergreifen; ich wage zu behaupten, dass wir weder so böse noch so unglücklich sind, wie er sagt.“[13]
Der Brief macht damit sichtbar, dass die Lettres philosophiques nicht nur englische Verhältnisse beschreiben, sondern auch als Gegenentwurf zu religiösem Pessimismus, Jansenismus und dogmatischer Menschenverachtung gelesen werden können.
Bedeutung
Die Lettres philosophiques gelten als ein Schlüsseltext der europäischen Aufklärung. Sie popularisierten in Frankreich den englischen Empirismus Lockes gegen Descartes’ Theorie der angeborenen Ideen (Brief XIII) und die Newtonsche Physik (Briefe XIV–XVII).
Politisch wirkte die Schrift als eine der ersten systematischen Kritiken des französischen Absolutismus (Briefe VIII–IX). Die Gegenüberstellung von englischer konstitutioneller Monarchie und französischem Absolutismus wurde zu einem Standardargument der aufklärerischen Reformbewegung.
Der Literaturhistoriker Gustave Lanson bezeichnete sie rückblickend als „die erste Bombe, die gegen das Ancien Régime geworfen wurde“.[14]
Die Voltaire Foundation nennt die Lettres philosophiques eines der „Schlüsselwerke des europäischen 18. Jahrhunderts“ und ein „Manifest aufklärerischen Denkens“.[15]
In den Briefen über Parlament, Regierung und Handel (VIII–X) erscheint das Werk zugleich als frühes Beispiel liberalen politischen und wirtschaftlichen Denkens.
Wirkung und Zensur
Unmittelbar nach Erscheinen der französischen Ausgabe leiteten die Behörden ein Verfahren gegen das Werk ein. Am 10. Juni 1734 verurteilte das Parlement de Paris die Lettres philosophiques als „skandalös, der Religion, den guten Sitten und der Obrigkeit zuwider“.[16]
Der Ton des Werks, den das Gericht als Mischung aus Leichtfertigkeit, Ironie und Spott empfand, sowie die explizite Kritik an etablierten Autoritäten in Kirche und Staat galten als Angriff auf die Grundfesten der Monarchie.[17]
Der Beschluss des Parlements sah neben der öffentlichen Verbrennung des Buches auch die Fahndung nach dem Autor vor, gegen den ein Haftbefehl erlassen wurde. Am 10. Juni 1734 wurden die Exemplare am Fuße der großen Treppe des Justizpalastes durch die Hand des Scharfrichters zerrissen und verbrannt.[18]
Voltaire selbst entzog sich der Festnahme durch die Flucht nach Lothringen; als Aufenthaltsort ist das Schloss der Marquise du Châtelet in Cirey besonders bekannt geworden.[19][20]
Die Verbrennung der Lettres philosophiques hatte paradoxerweise einen enormen Publikumserfolg zur Folge. Zwischen 1734 und 1739 wurden rund 20.000 Exemplare des Werks verkauft.
Der Pariser Erzbischof nahm das Buch 1741 erneut in sein Verzeichnis der verbotenen Bücher auf.[21]
Primärtexte
Kritische Ausgabe
Die Voltaire Foundation bezeichnet ihre Edition der Lettres sur les Anglais als die bislang vollständigste Ausgabe des Werks.[22] Sie enthält die englische Fassung Letters concerning the English nation, die französischen Fassungen Lettres philosophiques und Lettres écrites de Londres sur les Anglais sowie die Lettre sur M. Locke[23]
- Voltaire Foundation: Lettres sur les Anglais (I–III), Verlagsbeschreibung; dort als Œuvres complètes de Voltaire, Bd. 6A–6C, Oxford 2020–2022.
- Voltaire: Lettres sur les Anglais (I). Introduction; Letters concerning the English nation. Hrsg. von Nicholas Cronk. In: Œuvres complètes de Voltaire, Bd. 6A (I)–(II), Voltaire Foundation, Oxford 2022, ISBN 978-0-7294-1154-7; Verlagsseite.
- Voltaire: Lettres sur les Anglais (II). Lettres philosophiques; Lettres écrites de Londres sur les Anglais. Hrsg. von Nicholas Cronk, Nicolas Fréry, Ruggero Sciuto und Nick Treuherz. In: Œuvres complètes de Voltaire, Bd. 6B, Voltaire Foundation, Oxford 2021, ISBN 978-0-7294-1168-4, Verlagsseite.
- Voltaire: Lettres sur les Anglais (III). Lettre sur M. Locke. Hrsg. von Antony McKenna und Gianluca Mori. In: Œuvres complètes de Voltaire, Bd. 6C, Voltaire Foundation, Oxford 2020, ISBN 978-0-7294-1217-9; Verlagsseite.
- (Rezension) Benítez, Miguel. "Voltaire. Lettre sur M. Locke. Édition critique par Antony McKenna et Gianluca Mori. Lettres sur les Anglais III, sous la direction de Nicholas Cronk. Les Œuvres complètes de Voltaire 6C, Oxford, Voltaire Foundation, 2020." Kritikon Litterarum, vol. 48, no. 1–2, 2021, pp. 48–70. Auszug – bei De Gruyter Brill.
Deutsche Ausgaben
Eine verbreitete deutsche Übersetzung stammt von Rudolf von Bitter. Sie erschien zunächst unter dem Titel Philosophische Briefe bei Ullstein und später, dem englischen Entstehungszusammenhang stärker entsprechend, unter dem Titel Briefe aus England bei Diogenes.
- Voltaire: Philosophische Briefe. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Rudolf von Bitter. Ullstein, Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1985, ISBN 3-548-35223-5.
Literatur
- Theodore Besterman: Voltaire. Aus dem Englischen übersetzt von Siegfried Schmitz. Winkler Verlag, München 1971.
- Rudolf von Bitter (Hrsg.): Voltaire: Briefe aus England. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Rudolf von Bitter. Diogenes, Zürich 1994, ISBN 978-3-257-22744-4.
- Nicholas Cronk: Voltaire: A Very Short Introduction, Oxford University Press, Oxford 2017, ISBN 978-0-19-968835-7, S. 35–45 und S. 86–87.
- Kurt Flasch: Christentum und Aufklärung. Voltaire gegen Pascal. 2., durchgesehene Auflage, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2021, ISBN 978-3-465-04582-3
Weblinks
- Lettres sur les Anglais (I–III), Verlagsbeschreibung der kritischen Ausgabe, Œuvres complètes de Voltaire (OCV), drei Bände 6A-6C.
- Lettres philosophiques, Lettre XIII: Sur M. Locke – In: französische Wikisource, nach der Ausgabe der Œuvres complètes de Voltaire, éd. Garnier.
- Lettres philosophiques – bei „Correspondance Voltaire“, Inhalt auf Deutsch.