Wikiwand AI

Popliteratur

Strömung in der deutschsprachigen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts From Wikipedia, the free encyclopedia

Popliteratur (auch: Pop-Literatur) ist eine Strömung in der deutschsprachigen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts.

Ab den 1960er Jahren

Die frühe deutschsprachige Popliteratur der 1960er Jahre griff Impulse der amerikanischen Beat-, Underground- und Popkultur auf.[1][2] Zu den wichtigen Bezugspunkten gehörte die in den 1940er und 1950er Jahren in den USA entstehende Beat Generation, in der Autoren wie William S. Burroughs, Jack Kerouac und Allen Ginsberg das Lebensgefühl und die Erfahrungen einer jungen Gegenkultur literarisch zum Ausdruck brachten.[3]

Die so genannten Beatniks brachen mit herkömmlichen Moral- und Lebensvorstellungen, griffen Erfahrungen von Drogenkonsum, Bewusstseinserweiterung und unkonventionellen Lebensformen auf und verwendeten dabei häufig eine alltagsnahe, teilweise vulgäre Sprache. Popliteratur stellte in dieser Phase auch den Versuch dar, jugendlichen und subkulturellen Lebensstilen eine literarische Sprache zu geben. Beispiele für die Beat-Literatur sind das Langgedicht Howl von Allen Ginsberg (1956) und die Romane On the Road von Jack Kerouac (1957) und Naked Lunch von William S. Burroughs (1959).

Der Begriff Popliteratur in der Schreibweise „Pop-Literatur“ wurde 1964 vom österreichischen Lyriker H. C. Artmann verwendet.[4][5] In der Bundesrepublik wurde die Debatte um Popliteratur auch durch Leslie Fiedler geprägt. Fiedlers 1968 in Freiburg gehaltener Vortrag The Case for Post-Modernism erschien im Oktober 1968 in der Zeitschrift Christ und Welt unter dem Titel Das Zeitalter der neuen Literatur und im Dezember 1969 im Magazin Playboy unter dem Titel Cross the Border – Close the Gap.[6] Fiedler forderte darin eine Überschreitung der Grenze zwischen elitärer Hochkultur und populärer Kultur.

Eine zentrale Vermittlerrolle kam Rolf Dieter Brinkmann zu. Gemeinsam mit Ralf-Rainer Rygulla gab er 1969 im März-Verlag die Anthologie Acid. Neue amerikanische Szene heraus, die Texte der amerikanischen Underground- und Popliteratur im deutschsprachigen Literaturbetrieb bekannt machte.[7] Brinkmann wandte sich dabei gegen eine von ihm als erstarrt empfundene Nachkriegsliteratur und gegen die Trennung von literarischer Sprache, Alltag, Körperlichkeit und populären Medien.

Brinkmann schreibt:

Enzensbergers ablehnende Haltung gegenüber dem Statement Kerouacs kann symptomatisch genommen werden für die bekannte Unsinnlichkeit des Denkens abendländischer Intellektueller […]. Es ist tatsächlich nicht einzusehen, warum nicht ein Gedanke die Attraktivität von Titten einer 19jährigen haben sollte, an die man gerne faßt […][8]

„Der Tot-Stell-Reflex, der die deutschsprachigen Literaturprodukte weithin kennzeichnet, äußert sich in der praktizierten hemmungslosen Tabuisierung bestimmter „Wörter“, anstatt auf Wörter oder Sätze so lange draufzuschlagen, bis das in ihnen eingekapselte Leben (Dasein, einfach nur: Dasein) neu daraus aufspringt in Bildern, Vorstellungen […][9]

Die frühe deutschsprachige Popliteratur stand im Zusammenhang mit gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen der 1960er Jahre, der Herausbildung von Jugend- und Protestkulturen sowie den Debatten im Umfeld der 68er-Bewegung.[10] In diesem Kontext wurde Popliteratur als Möglichkeit verstanden, sich auch ästhetisch von der Nachkriegsliteratur und den kulturellen Normen der Elterngeneration abzugrenzen.

Eine weitere, Anfang der 1980er Jahre hervortretende Phase deutschsprachiger Popliteratur distanzierte sich von den Spät-68ern, vom rituellen Protest und vom Geschmack des Alternativmilieus. Mit punkaffinen Autoren wie Peter Glaser und Rainald Goetz sowie dem Musikjournalismus des frühen Diedrich Diederichsen etablierte sich eine apodiktische Bewertung popkultureller Produkte, die in den 1990er Jahren nachwirkte.[11]

Seit den 1990er Jahren

In den 1990er Jahren erlebte der Begriff Popliteratur eine Renaissance: Vor allem die Werke von Benjamin von Stuckrad-Barre (Soloalbum), Christian Kracht (Faserland), Elke Naters und Alexa Hennig von Lange wurden vom Feuilleton darunter subsumiert. Auch Judith Hermann, Thomas Brussig, Sibylle Berg, Andreas Mand[12], Takis Würger[13] sowie die Suhrkamp-Autoren Rainald Goetz, Andreas Neumeister und Thomas Meinecke werden in diesem Zusammenhang häufig genannt.

International gilt Nick Hornby als einer der wichtigsten aktuellen Vertreter[14] der Popliteratur bzw. Popkultur.[15]

Als einer der Höhepunkte der neuen Bewegung gilt das Treffen von fünf Popliteraten im Berliner Hotel Adlon, namentlich Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg und Joachim Bessing. Die dabei geführten Gespräche wurden 1999 unter dem Titel Tristesse Royale. Das popkulturelle Quintett in Buchform veröffentlicht.

Musik, Drogenkonsum, Reisen sowie die Verarbeitung sekundärer Lektüren aus den Bereichen Fernsehen, Musik, Comics, Internet, Popkultur im Allgemeinen oder aktueller Lifestyle und Markennamen von Luxusgütern finden Eingang in die literarischen Werke der genannten Autoren. Die klassische Definition von Pop als das Aufgreifen von literarischen bzw. hauptsächlich außerliterarischen Themen und Fragmenten sowie das Implementieren derselben in eine neue prosaische Form und die Darstellung eines Ausschnitts der Welt mittels einer Oberflächenbeschreibung findet in der neuen deutschen Popliteratur ihre Fortsetzung, allerdings abweichend von den popliterarischen Ansätzen eines Hubert Fichte oder eines Rolf Dieter Brinkmann: Zwar bildet die Entstehungszeit weiterhin den Anker für die Entstehung und die einfache Rezeption (nach Diedrich Diederichsen) eines der prominentesten Merkmale von Popliteratur; der in diesem Zusammenhang oftmals beschriebene Zeitgeistbezug von Popliteratur bleibt weiterhin nicht zu leugnen, aber der subversive Grundcharakter scheint in dem Moment verloren, da die Protagonisten einer dandyhaften, vermögenden Oberschicht zu entspringen scheinen.

Andere, durchaus subversive Ansätze einer neueren Popliteratur, etwa eines Justin Larutan (Das Attentat), wurden freilich vom Feuilleton auch kaum beachtet.[16] Erst neuere wissenschaftliche Arbeiten[17] belegten eindeutig, dass sich die Popliteratur der 1990er Jahre bei genauerer Betrachtung und bei aller angebrachten Kritik als neuartige, notwendige und mithin keineswegs anspruchslose Literaturströmung entpuppt.

„Popliteratur ist Literatur, die unter kulturindustriellen Bedingungen hergestellt und wahrgenommen wird; das Wort bedeutet also besser nicht „Bücher, in denen Platten vorkommen“. In meinem Sinn ist heute alle Literatur aus den reichen Ländern, die sich mit dem auseinandersetzt, was hier tatsächlich los ist, Popliteratur.“

Dietmar Dath[18]

Als weitere Formen popkultureller Genres in der älteren Begriffsbestimmung können weiterhin Social Beat oder Poetry-Slam gewertet werden.[19]

Nach dem kurzfristigen Höhepunkt am Ende der 1990er Jahre und der gleichzeitigen medialen Präsenz der Autoren und ihrer Kritiker wurde es, zeitgleich mit dem Erscheinen der ersten wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema, still um die deutschen Popliteraten.

Stefan Krankenhagen erkennt in neueren Trends (z. B. in den Büchern von Alexa Hennig von Lange) eine Reaktion auf die Erschöpfung der klassischen Popliteratur, die sich durch ihren coolen Auftritt auszeichnete. Demgegenüber zeigen die von ihm so bezeichneten „neuen Schlichten“ verstärktes Interesse an Gefühlen, Beziehungen, Authentizität und moralischen Fragen. Auch die Ängste der jüngeren Generation werden hier thematisiert.[20]

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

Related Articles

Timelines

Top Qs

Fact Checks