Questions sur l’Encyclopédie
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Questions sur l’Encyclopédie (QSE, deutsch etwa: Fragen zur Encyclopédie) ist ein 1770–1772 beim Genfer Verleger Gabriel Cramer in neun Bänden veröffentlichtes aufklärerisch-philosophisches Werk von Voltaire.[2] Eine vollständige deutsche Übersetzung ist bisher nicht bekannt. In rund 440 alphabetisch angelegten Artikeln[3] entfaltet Voltaire eine ironisch-skeptische Kritik zentraler Begriffe der Religion, der Metaphysik, der Moral sowie vermeintlicher philosophischer und naturwissenschaftlicher Gewissheiten. Das Werk steht in enger Beziehung zur Enzyklopädiebewegung seiner Zeit und nutzt deren Form zur polemischen Zuspitzung aufklärerischer Religions-, Gesellschafts- und Erkenntniskritik. Voltaire hatte selbst rund 40 Artikel für die monumentale Encyclopédie der Aufklärer Diderot und d’Alembert verfasst.[4][5] In veränderter Form übernahm er einige seiner Artikel in die Questions sur l’Encyclopédie, darunter die Lemmata Éloquence, Esprit, Goût, Grâce, Idole, idolâtre, idolâtrie und Imagination.

Bei den QSE handelt es sich nicht um einen Kommentar zur monumentalen Encyclopédie Diderots und d’Alemberts, die in ihren 17 Textbänden über 70.000 Stichwörter umfasst[6], sondern vielmehr um ein eigenständiges alphabetisches Reflexions- und Polemikwerk Voltaires. Er wählte die Mehrzahl seiner Lemmata frei und nutzte sie, um in seinem ironisch-sarkastischen, voltairianischen Stil, dem style voltairien[7], eigene philosophische und religionskritische Reflexionen zu entwickeln und seine Kampagne gegen die Infâme fortzuführen.
Nicholas Cronk beschreibt dieses letzte Meisterwerk des fast achtzigjährigen Autors[8][9] als einen „polemischen Kraftakt, der zugleich die Summe von Voltaires Schaffen darstellt.“[10]
Entstehung und Veröffentlichung
Voltaire verfasste die Questions sur l’Encyclopédie im letzten Jahrzehnt seines Lebens, als er bereits auf ein umfangreiches Œuvre philosophischer, historischer und polemischer Schriften zurückblickte. Das Werk entstand im Zusammenhang mit der von Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert herausgegebenen Encyclopédie, an der Voltaire selbst mit zahlreichen Artikeln beteiligt gewesen war.
Allerdings charakterisierte Voltaire bereits 1770 sein entstehendes Werk in einem Brief an den Duc de Richelieu als « une Encyclopédie de ma façon » („eine Enzyklopädie nach meiner Art“).[11] Den eigenwilligen Charakter dieses Vorhabens brachte d’Alembert bereits am 22. Februar 1770 in einem Brief an Voltaire ironisch auf den Punkt:
Vous faites donc l’Encyclopédie à vous tout seul ?
„Sie machen also die Encyclopédie ganz allein?“
Die Erstausgabe erschien zwischen 1770 und 1772 unter dem Titel Questions sur l’Encyclopédie, par des amateurs beim Genfer Verleger Gabriel Cramer in neun Bänden.[13] Der Titelzusatz „par des amateurs“ lässt sich als Teil von Voltaires Strategie fingierter Bescheidenheit und autorialer Selbstmaskierung verstehen. Zugleich stellt er das Werk spielerisch in die Nähe des kollektiven Modells der von Diderot und d’Alembert herausgegebenen Encyclopédie, an der rund 140 Enzyklopädisten mitarbeiteten.
Mit ihrer alphabetischen Anlage stehen die Questions sur l’Encyclopédie nicht nur im Kontext von Diderots und d’Alemberts Encyclopédie, sondern auch in der älteren Tradition gelehrter Wörterbücher der französischen Frühaufklärung, insbesondere von Pierre Bayles Dictionnaire historique et critique (1697). Voltaire übernimmt jedoch nicht Bayles gelehrten Apparat aus ausführlichen Anmerkungen und kritischen Exkursen, sondern verwandelt die alphabetische Form in ein Instrument essayistischer und polemischer Argumentation.
Die QSE treten nicht als geschlossenes Lehrgebäude eines einzelnen Autors auf, sondern als scheinbar zwanglose Sammlung von Fragen, Einwürfen und Reflexionen. Der Titelbegriff der „Fragen“ verweist zugleich auf eine charakteristische Denk- und Darstellungsform Voltaires. Die Artikel treten weniger als abschließende Lehrsätze denn als offene Prüfungen überlieferter Begriffe, Autoritäten und Gewissheiten auf. Die Frageform erlaubt eine scheinbar naive Annäherung, die den Leser zur eigenen Urteilsbildung herausfordert, statt ein geschlossenes philosophisches System vorzulegen.
Bereits zu Voltaires Lebzeiten wurde der Text erweitert, überarbeitet und in verschiedenen Ausgaben verbreitet. In späteren Werkausgaben, so in der ersten posthumen Kehler Ausgabe von 1784 bis 1789 – in 70 Bänden – [14] wurden die Artikel der QSE häufig mit anderen alphabetisch angelegten Schriften Voltaires zusammengeführt, insbesondere dem Dictionnaire philosophique portatif (oder: La Raison par alphabet)[15][16] von 1764.[17]
Diese Editionsgeschichte hatte zur Folge, dass die Eigenständigkeit der Questions sur l’Encyclopédie lange Zeit in den Hintergrund trat. Bemerkenswert ist dabei die Rolle Condorcets. In seiner Vie de Voltaire, 1787, würdigte er das Werk als Sammlung von Voltaires Gedanken, die dieser „sous la forme de dictionnaire“ („in Form eines Wörterbuchs“) zusammengetragen habe.[18] Zugleich gehörte Condorcet zu den Herausgebern der Kehler Ausgabe, in der die Artikel der Questions in den alphabetischen Bestand der philosophischen Wörterbuchtexte eingegliedert wurden.[19]
Erst die neuere Forschung und die moderne kritische Edition der Questions sur l’Encyclopédie in den Œuvres complètes de Voltaire (OCV) haben das Werk wieder als eigenständige alphabetische Schrift Voltaires sichtbar gemacht.[20][21]
Themen und zentrale Artikel
Die Questions sur l’Encyclopédie behandeln ein breites Spektrum philosophischer, religiöser, historischer und moralischer Fragen. Die Bouquins-Ausgabe erschließt das Werk durch eine thematische Gliederung der Artikel in zwölf Themenbereiche (« classement thématique des articles »):[22] Kunst und Literatur, Bibelkritik, Recht und Justiz, Wirtschaft, Geschichte, Kirchengeschichte, Sprache, Sitten, Philosophie, Politik, Religion und Aberglaube sowie Naturwissenschaften.
Im Zentrum stehen Voltaires Kritik an theologischer Dogmatik, religiösem Fanatismus und metaphysischer Spekulation sowie seine Verteidigung einer vernunftgeleiteten, erfahrungsnahen Betrachtung des Menschen und der Gesellschaft. Artikel wie Âme, Dieu, Miracle und Trinité richten sich gegen spekulative Aussagen über Seele, Gott, Wunder und kirchlicher Dogmen. Sie verbinden religionskritische Argumentation mit Ironie, historischer Relativierung und begrifflicher Skepsis.
Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf Fragen von Moral, Toleranz und gesellschaftlicher Ordnung. In Artikeln wie Athéisme, Fanatisme, Liberté und Tolérance verhandelt Voltaire das Verhältnis von Religion und Moral, die Gefahren religiöser Intoleranz, die Bedingungen menschlicher Freiheit sowie die politische Bedeutung der Toleranz. Die alphabetische Form erlaubt es ihm, systematische Abhandlungen durch pointierte Einzelartikel zu ersetzen, in denen historische Beispiele, Anekdoten, begriffliche Unterscheidungen und polemische Zuspitzungen ineinandergreifen.
Als Beispiel für Voltaires polemisch-aufklärerischen Stil kann der Artikel Question, torture („peinliche Befragung, Folter“) – aus dem Themenbereich Recht und Justiz – gelten. In ihm wird Voltaires Verbindung von polemischer Zuspitzung, rationaler Argumentation und humanitärer Rechtskritik sichtbar. Die Folter erscheint nicht als legitimes Mittel der Wahrheitsfindung, sondern als absurde und grausame Praxis, die den Angeklagten bereits vor dem Schuldnachweis bestraft. Voltaires sarkastische Vermutung, die Folter sei von Dieben erfunden worden, verbindet satirischen Witz mit aufklärerischer Institutionenkritik. Der Artikel zeigt Voltaire damit nicht nur als Religionskritiker, sondern auch als Kritiker unmenschlicher Rechts- und Strafpraktiken.
Voltaire eröffnet den Artikel mit der Vermutung, die Folter sei von Dieben erfunden worden:
« J’ai toujours présumé que la question, la torture avait été inventée par des voleurs qui étant entrés chez un avare et ne trouvant point son trésor, lui firent souffrir mille tourments jusqu'à ce qu'il le découvrît. »
„Ich habe immer vermutet, dass die peinliche Befragung, das heißt die Folter, von Dieben erfunden worden sei, die bei einem Geizhals eingebrochen waren und, als sie seinen Schatz nicht fanden, ihn tausend Qualen erleiden ließen, bis er ihn preisgab.“[23]
Daneben enthalten die Questions sur l’Encyclopédie zahlreiche Artikel zu Literatur, Sprache, Geschichte und Erkenntnis. Lemmata wie Éloquence, Esprit, Goût, Histoire und Imagination greifen Themen auf, die Voltaire bereits in seinen Beiträgen zur Encyclopédie Diderots und d’Alemberts behandelt hatte. In den Questions werden sie jedoch in einen stärker eigenständigen Zusammenhang gestellt: Die enzyklopädische Ordnung dient nicht der neutralen Wissenssammlung, sondern der freien, oft ironischen Prüfung überlieferter Begriffe, Autoritäten und Gewissheiten.
| Artikel | Deutsche Entsprechung | Thematischer Schwerpunkt |
|---|---|---|
| Âme | Seele | Kritik spekulativer Aussagen über Wesen, Ursprung und Unsterblichkeit der Seele |
| Athéisme | Atheismus | Verhältnis von Religion, Moral und gesellschaftlicher Ordnung |
| Cul | Arsch | Satirisch-provokative Behandlung eines vulgären Körperworts. Beispiel für Voltaires bewusste Durchbrechung gelehrter und enzyklopädischer Sprachkonventionen |
| Cuissage ou culage | (angebliches) „Recht der ersten Nacht“; angebliches sexuelles Herrenrecht | Kritik an feudalrechtlichen Überlieferungen und Dekonstruktion der historischen Legende eines angeblichen sexuellen Herrenrechts |
| Dieu | Gott | Gottesvorstellung, natürliche Religion und Kritik theologischer Systeme |
| Éloquence | Beredsamkeit | Rhetorik, Stil und Wirkung sprachlicher Darstellung |
| Esprit | Geist, Witz | Begriffsgeschichte und Kritik unscharfer intellektueller Kategorien |
| Éternité | Ewigkeit; Weltordnung; Gottesbegriff | Das Lemma zeigt Voltaires deistischen Gottesbegriff und seine Reflexion über Ewigkeit und Weltordnung. Es steht in engem Zusammenhang mit seiner kurzen Schrift Les Adorateurs ou les louanges de Dieu. Voltaire hat hier eine längere Passage aus diesem seinem eigenen Prosatext wiederverwendet.[24] |
| Fanatisme | Fanatismus | Kritik religiöser Intoleranz und ihrer politischen Folgen |
| Goût | Geschmack | Ästhetisches Urteil, Literaturkritik und kulturelle Normen |
| Histoire | Geschichte | Kritik historischer Überlieferung und Reflexion über Geschichtsschreibung |
| Imagination | Einbildungskraft | Rolle der Vorstellungskraft in Erkenntnis, Literatur und Irrtum |
| Liberté | Freiheit | Willensfreiheit, Determinismus und moralische Verantwortung |
| Miracle | Wunder | Skepsis gegenüber Wunderglauben und religiöser Autoritätsbegründung |
| Nature | Natur | Naturbegriff, Ordnung der Welt und Kritik spekulativer Naturerklärungen |
| Question, torture | Peinliche Befragung, Folter | Kritik grausamer Rechts- und Strafpraktiken |
| Tolérance | Toleranz | Verteidigung religiöser und gesellschaftlicher Toleranz |
| Trinité | Dreifaltigkeit | Kritik an dogmatischen Lehrsätzen und theologischer Begriffsspekulation |
Ausgaben
- Voltaire: Questions sur l’Encyclopédie, par des amateurs. In: Œuvres complètes de Voltaire (OCV), Bd. 37–43. Éd. Nicholas Cronk, Christiane Mervaud u. a. Voltaire Foundation, Oxford 2007–2018.
- Alain Sandrier: Rezension des Einleitungsbandes, OCV Bd 37
- Voltaire: Questions sur l’Encyclopédie. Édition présentée et annotée par Nicholas Cronk, Christiane Mervaud et Gillian Pink. Robert Laffont / Bouquins, Paris 2019, ISBN 978-2-221-12210-5.
Auf der Grundlage der OCV-Edition erschien 2019 in der Reihe Bouquins diese moderne Leseausgabe. Sie verzichtet auf den ausführlichen textkritischen Apparat der wissenschaftlichen Ausgabe, stellt jedoch jedem Artikel eine kurze editorische Einführung voran, die Inhalt, Kontext und argumentative Funktion des jeweiligen Artikels erläutert. Die in der Cramer-Ausgabe beigegebenen Lettres de Memmius à Cicéron[25] sind nicht Teil der Bouquins Ausgabe. In den Œuvres complètes de Voltaire (OCV) sind sie in Bd. 72 editiert.[26]
Literatur
- Nicholas Cronk: Voltaire: A Very Short Introduction, Oxford University Press, Oxford 2017, ISBN 978-0-19-968835-7.
- Olivier Ferret: Voltaire dans l’« Encyclopédie ». Société Diderot 2020, ISBN 978-2-9543871-0-9, Auszüge.
- Linda Gil: L'Édition Kehl de Voltaire. Une aventure éditoriale et littéraire au tournant des Lumières. Honoré Champion 2018, ISBN 978-2745348647, Verlagsseite.
- Christiane Mervaud: Du dictionnaire philosophique aux Questions sur l'Encyclopédie. In: Christiane Mervaud: Le Dictionnaire philosophique de Voltaire. Presses de l’Université Paris-Sorbonne / Voltaire Foundation, Paris / Oxford 2008, ISBN 978-2-84050-631-7, Compléments, S. 235 bis 247.
- Christiane Mervaud: L’encyclopédisme des Questions sur l’Encyclopédie de Voltaire ? In: Nicolas Correard, Anne Teulade (Hrsg.): Questions sur l’encyclopédisme. Le cercle des savoirs de l’Antiquité aux Lumières. Épistémocritique, 2018, S. 150–160, ISBN 979-10-97361-06-8.
- Gisela Schlüter: Rezension zu OCV Bd. 37-43 ― Voltaire: Questions sur l’Encyclopédie [, par des amateurs]. Sous la direction de Nicholas Cronk et Christiane Mervaud. Oxford: Voltaire Foundation 2008–2018 (Les Œuvres complètes de Voltaire [OCV], 37–43). In: Sonderdruck aus Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, 2/2020,S. 477–480. Online auf Academia.eu.
- Gisela Schlüter: Rezension zu Linda Gil: L'Édition Kehl de Voltaire. Une aventure éditoriale et littéraire au tournant des Lumières. – auf academia.eu.
- Raymond Trousson, Jeroom Vercruysse (Hrsg.): Dictionnaire général de Voltaire. Paris: Honoré Champion, 2003, ISBN 2-7453-0765-7.
Weblinks
- OCV Bde 37―43, Inhaltsverzeichnis
- Gillian Pink: Une encyclopédie de ma façon: le chef-d’œuvre méconnu de Voltaire – auf einer Website der Voltaire Foundation