Rosa Freudenthal

deutsch-israelische Künstlerin und Unternehmerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Rosa Freudenthal (hebräisch רוזה פרוידנטל; * 19. Juli 1870 in Groß Strehlitz, Kreis Groß Strehlitz, Provinz Schlesien als Rosa Graetzer; † 21. September 1951 in Haifa, Israel) war eine in Deutschland geborene israelische Kunsthandwerkerin und Unternehmerin im Bereich jüdischer Ritualgegenstände.

Werdegang

Rosa Graetzer wurde 1870 als zweites von fünf Geschwistern in eine alteingesessene orthodox-jüdische Familie von Zementfabrikanten im damaligen Groß Strehlitz geboren. Ihr Vater Simon Graetzer (1836–1917) war Stadtrat und Ehrenbürger und ünterstützte die zionistischen Bewegung. Seinen Kindern Elise (* 1880), Helene (* 1877), Rosa, Alfred (1875–1911) und Isidor (1867–1942)[1] ermöglichte er eine umfassende jüdische und allgemeine Bildung.[2]

Im Jahr 1891 lernte Rosa Graetzer während eines Sommeraufenthalts mit ihrer Familie in Kolberg (heute Kołobrzeg) den jüdischen Arzt Samuel Freudenthal (1864–1907/1908) aus Breslau (heute Wrocław, Polen) kennen. Sie heiratete ihn 1992 und nannte sich nun Rosa Freudenthal. Mit ihrem Mann lebte sie in Breslau. Das Paar hatte zwei Söhne, den 1897 geborenen Erich und den älteren Walter Freudenthal (1895–1952). Nachdem ihr Mann in Folge einer langen Krebserkrankung gestorben war, erzog sie die Kinder allein. Im Jahr 1911 starb ihr Bruder Alfred, der Landschafts- und Porträtmaler war, an Tuberkulose. Nach der Rückkehr vom Fronteinsatzt im Ersten Weltkrieg wohnten ihre Söhne nicht mehr im Haus. Sohn Walter war wie sein Vater Arzt geworden und lebte allein in einer kleinen Wohnung im Universitätsklinikum Breslau, Erich eröffnete in Berlin eine kleine Leuchtenfabrik, heiratete und bekam zwei Töchter.[1][2]

Kunstgewerbestube Freudenthal

Rosa Freudenthal hatte nach dem Tod ihres Bruders Alfred 1911 begonnen, dessen Lithografien von zuhause aus zu verkaufen. Im Laufe der Zeit bot sie auch Werke und Kundhandwerk befreundeter jüdischer Künstlerinnen und Künstler an und richtete in ihrer Wohnung in der Goethestraße 11[3] eine Galerie ein.[4] Ab Anfang der 1920er Jahre organisierte sie in ihrem Wohnzimmer regelmäßig Verkaufsausstellungen mit jüdischen Zeremonialobjekten und Kunstwerken.[5] Sie inserierte die Ausstellungen in Zeitungen und machte das von ihr gegründete Gewerbe 1921 unter dem Namen „Kunstgewerbestube Freudenthal Breslau (KFB)“ bekannt.[1][6] Rosa Freudenthal führte auch Ausstellungsverkäufe begleitend zu anderen Veranstaltungen durch, wie etwa bei Treffen jüdischer Frauenorganisationen oder Rabbiner- und Lehrerkonferenzen, auf den Zionistenkongressen oder während der vom Bund Jüdischer Frauen in Deutschland geplanten „Jüdischen Woche“ in Düsseldorf.[3]

Die Ausstellungen zeigten eine große Vielzahl an Objekten verschiedener Stilrichtungen. Dazu gehörten neben Gemälden, Zeichnungen, Drucken, Scherenschnitten und Fotografien zeitgenössischer Künstler auch Chanukkaleuchter, Challa-Tabletts aus Zinn und bemaltem Porzellan, bemalte und bestickte Challa- und Matzenhüllen, Verzierungen für Weinkorken und Klammern zum Befestigen des Gebetsschals. Rosa Freudenthal stellte traditionelle Judaica, die sie von Museen, Synagogen und Privatsammlungen auslieh, moderne Judaica gegenüber, die von jungen sowie etablierten Künstlern wie Leo Horovitz, Friedrich Adler, Georg Mendelssohn und Arnold Zadikow entworfen worden waren. Außerdem stellte sie kunsthandwerkliche Arbeiten von Frauen aus, darunter bestickte oder bemalte Textilien, Töpferwaren und bemalte Keramik.[3]

In ihrem eigenen Betrieb entwickelte Rosa Freudenthal Produkte, die von externen Künstlern, Designern oder Studios umgesetzt wurden.[1] Dazu gehörten jüdische Ritualgegenstände in modernem Design und dekoratives Kunsthandwerk. Einen wichtigen Teil der Produkte nahmen Kinderspiele mit jüdischen Inhalten[6] und Spielregeln in Deutsch, Englisch, Französisch und Hebräisch ein[7] sowie Bücher für Kinder.[3] Rosa Freudenthals Entwürfe fielen in die in den 1920er Jahren verstärkt einsetzende Entwicklung von Lernspielen für jüdische Kinder. „Die von ihr entwickelten und schließlich in Deutschland und darüber hinaus vermarkteten ‚jüdischen Spiele‘ enthielten eine Kombination aus traditionellen und modernen jüdischen Symbolen“.[8] Sie beauftragte professionelle Grafiker, besprach sich mit Pädagogen und Rabbinern und testete die Erstfassungen der Spiele mit Kindern.[7] Neben dem Entwurf eigener Spiele gab sie auch Arbeiten zur Herstellung neuer jüdischer Lehr- und Lernmittel für deutschsprachige Kinder in Auftrag. Dazu gehörten etwa ein Sukka-Bausatz aus Pappe von Erna Selten, eine Jahrzeittabelle mit einer Radierung von Käthe Ephraim Marcus und ein Chanukka-Spiel von Dora Goldberg.[5][9] Den Bausatz der Laubhütte ließ Rosa Freudenthal im August 1921 beim Amtsgericht Breslau in unter der Nummer 1315 patentieren. Er „wurde im Großhandel verkauft, in Ausstellungen gezeigt, in der deutsch-jüdischen Presse erwähnt und von Kindern, Eltern und Lehrern begeistert aufgenommen“.[1] Außerdem verkaufte sie an Privatpersonen und gemeinnützige Einrichtungen selbst entwickelte Accessoires für Feste, Theaterstücke und festliche Süßigkeiten.[10] Für die Gestaltung ihrer aufwändig gestalteten „Wunschbögen“ (Grußkarten für Kinder) beauftragte sie verschiedene Designer, unter anderem auch Ruth Hoffmann.[8][11]

Rosa Freudenthals Werkstatt entwarf neben Repliken traditioneller Ritualgegenstände auch Auftragsarbeiten, wie etwa eine Reihe aufeinander abgestimmter, bestickter Textilien, darunter einen Toraschreinvorhang und Toramäntel für eine Synagoge in Neisse (Nysa).[10]

Leben im Exil

Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers wurde das Leben unter den Bedingungen der zunehmenden Judenverfolgung im NS-Staat zunehmend schwerer für die Familie und Rosa Freudenthals Söhne verließen beide das Land: Erich wanderte 1933 mit seiner Familie nach Haifa in das britische Völkerbundsmandat für Palästina aus, nachdem er mit seiner Frau nach einem am 1. April 1933 von den Nazis ausgerufenen Boykotttag gegen jüdische Geschäfte zeitweise inhaftiert worden war. Walter wurde seiner Stelle enthoben und ging 1933 nach London, wo er weiterhin als Arzt praktizieren konnte und heiratete 1938 Violet Mendel.[1][2]

1934 gab auch Rosa Freudenthal ihr Geschäft auf,[9] schloss die Werkstatt und siedelte zu ihrem Sohn Erich nach Haifa über.[2][5] Sie hatte einige der Produkte aus ihrer Werkstatt mit ins Exil gebracht und verkaufte sie in Haifa, in den Geschäften von Rubin Mass und Zeev Wilhelm Freyhan aus Breslau in Tel Aviv sowie in Jerusalem.[2]

Rosa Freudenthals Schwester Elise, verheiratete Freund, emigrierte mit ihrer Familie in den späten 1930er Jahren ebenfalls nach Palästina, ihre Geschwister Isidor und Helene blieben in Deutschland und wurden 1942 während des Holocausts im Ghetto Theresienstadt umgebracht.[2][12]

Rosa Freudenthal starb 1951 in Haifa.

Ausstellungen (Auswahl)

Ab 1922 wurden Rosa Freudenthals Ausstellungen und ausgewählte Objekte aus ihrer Werkstatt im Rahmen jüdischer Veranstaltungen und Feiertage nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland gezeigt.[13]

  • Zwischen 1925 und 1931 nahm die Freudenthal-Werkstatt an Ausstellungen im Rahmen von Zionistenkongressen teil: 14. Zionistenkongress 1925 in Wien, 15. Zionistenkongress 1927 in Basel, 16. Zionistenkongress 1929 in Zürich, 17. Zionisten-Kongress 1931 in Basel.[13]
  • 1929 Beteiligung mit Rosa Freudenthals Modell einer Laubhütte an der Ausstellung „Die Juden in der Geschichte Schlesiens“ im Museum für Antiken und Kunstgewerbe der Stadt Breslau, organisiert vom neu gegründeten Jüdischen Museum Breslau[13]
  • Im Jahr 2025 zeigte das Jüdische Museum Berlin die Ausstellung Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne, in der auch Rosa Freudenthal vertreten war.[14]
  • Das Israel-Museum in Jerusalem widmete ihr die Ausstellung More than Child’s Play: Rosa Freudenthal’s Arts and Crafts Workshop, die von Juli 2024 bis Januar 2026 gezeigt wurde.[6]

Einzelnachweise

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