Timmy (Buckelwal)

mehrfach gestrandeter Buckelwal From Wikipedia, the free encyclopedia

Timmy (auch Hope oder Fridolin) war ein Buckelwal (Megaptera novaeangliae), der am 3. März 2026 erstmals im Hafen von Wismar in der westlichen Ostsee gesichtet wurde. Wiederholte Strandungen und Rettungsversuche führten zu einem außergewöhnlichen Medienhype.

Der Buckelwal in der Kirchsee, einer Bucht der Insel Poel (1. April 2026)

Ab dem 28. April 2026 wurde der Wal durch eine privat finanzierte Aktion in die Nordsee transportiert. Vier Tage später wurde er im Skagerrak ins Meer gelassen. Am 14. Mai 2026 wurde er vor der dänischen Insel Anholt tot aufgefunden und am 30. Mai 2026 geborgen.

Name und Beschreibung

Der Spitzname „Timmy“ bezog sich auf die erste Strandung nahe dem Timmendorfer Strand.[1][2][3] In anderen Medien wurde das Tier „Hope“ (dt. Hoffnung) und in der Schweiz „Fridolin“ genannt.[4][5]

Der Buckelwal war 12,35 Meter lang, 3,2 Meter breit und 1,6 Meter hoch. Sein Gewicht von etwa zwölf Tonnen entspricht etwa der Hälfte des Durchschnittsgewichts eines ausgewachsenen Buckelwals. Geschätzt war er vier bis sechs Jahre alt. Das Geschlecht ist noch nicht offiziell bestätigt.[6]

Hintergrund

Die Lage der Meeresgebiete Skagerrak und Kattegat, die Nordsee und Ostsee verbinden und die Einwanderung von Walen ermöglichen

Die Ostsee gehört, wie andere Binnenmeere, nicht zu den Lebensräumen von Großwalen, die in allen Ozeanen vorkommen. Nur vereinzelt gelangen Buckelwale, Finnwale, Zwergwale, Narwale und Pottwale durch die Meeresgebiete Skagerrak und Kattegat, den Großen oder Kleinen Belt oder den Öresund in die Ostsee.

Strandungen von Walen kommen weltweit vor. Ursachen können Versuche entkräfteter Tiere sein, nicht zu ertrinken[7] oder Unerfahrenheit bei Jungtieren. Auch anthropogene Einflüsse wie Schiffsverkehr und Unterwasserlärm können eine Rolle spielen.[8][9] In Mecklenburg-Vorpommern wurden bisher nur wenige Strandungen von Buckelwalen registriert, in den Jahren 2003 und 2006 mit tödlichem Ausgang.

Ereignisse

Karte der Lübecker und Wismarer Bucht

Nach der Strandung am 3. März 2026 im Hafen von Wismar, wo sich der Wal in Stellnetzen verfangen hatte, wurde er von der Wasserschutzpolizei und Feuerwehr daraus befreit.[10]

Das zunächst falsch als Finnwal identifizierte Tier wies großflächige Läsionen an seiner Haut auf.[11][12] Am Abend des gleichen Tages konnte der Wal den Hafen noch selbstständig verlassen.[13]

Strandung in der Lübecker Bucht

Am 23. März 2026 strandete der Wal erneut auf einer Sandbank vor dem Ort Timmendorfer Strand.[14] Um ihn zu befreien, wurde mit Baggern eine Rinne ausgehoben, über die er am 27. März 2026 wieder in tieferes Wasser gelangte.[15] Die eigenwilligen Aktionen des als „Walflüsterer“ bekanntgewordenen Meeresbiologen, Aktivisten und Influencers Robert Marc Lehmann wurden von verschiedenen Seiten kritisiert und ihm Selbstdarstellung vorgeworfen.[16][17][18][19]

Strandungen in der Wismarer Bucht

Nachdem der Wal die Lübecker Sandbank verlassen hatte, setzte er in der Wismarer Bucht in seichtem Wasser erneut auf. Bei steigendem Wasserpegel schwamm er sich wieder frei. Später nahm er in etwa zwei Meter tiefem Wasser eine Ruheposition ein. Am Abend des 30. März 2026 verließ er wiederum selbstständig bei leicht steigendem Wasserstand diesen Standort. Einen Tag später nahm er vor der Insel Poel in der Kirchsee erneut eine liegende Position in seichtem Wasser ein.[20] Experten wie der wissenschaftliche Direktor des Meeresmuseums Stralsund, Burkard Baschek, befürchteten einen baldigen Tod des Tieres.[21]

Das zuständige Ministerium entschloss sich nach einer Überprüfung, von Rettungsversuchen abzusehen.[22][23][24] Das Verwaltungsgericht Schwerin wies vier Eilanträge ab, welche die Rettung erstreiten sollten. Diese seien aufgrund fehlender Antragsbefugnis unzulässig.[25] Eine private Initiative der Unternehmer Walter Gunz und Karin Walter-Mommert legte ein Konzept zur Bergung des Wals vor, das von der Landesregierung genehmigt wurde. Dieses sah den Einsatz von Pontons und Hebevorrichtungen zu seiner Verbringung in tiefere Gewässer vor.[26][27] Fachleute warnten jedoch vor den physiologischen Risiken für den Wal und sahen nur geringe Überlebenschancen.[28]

Rettungsaktion (18. April 2026)

Beförderung ins Skagerrak

Mitte April 2026 begann eine neue, von Gunz und Walter-Mommert finanzierte private Rettungsaktion.[29][30]

Nach Vorbereitungen wurde der Wal am 28. April 2026 mit Gurten und unter Einsatz einer Seilwinde zu einer Barge, einem mit Wasser gefüllten Lastkahn, gezogen.[31] Das letzte Stück schwamm der Wal ohne Hilfe in die Vorrichtung, die aus der Kirchsee in die Wismarer Bucht und weiter Richtung Nordsee geschleppt wurde.[32][33]

Am 2. Mai 2026 befand sich der Konvoi rund 70 Kilometer vor Skagen im Skagerrak. An dieser Position soll sich der Wal nicht mehr in der Barge befunden, sondern diese eigenständig verlassen haben. Drohnenaufnahmen zeigten jedoch einen Versuch, ein Seil oder einen Schlauch an der Schwanzflosse anzubringen, was Zweifel an der Freiwilligkeit des Ausschwimmens aufkommen ließ.[34] Verbleib und Zustand des Wals waren nach seiner Freilassung unklar, weil Peildaten von der privaten Rettungsinitiative nicht übermittelt wurden.[35]

Auffindung und Bergung des Kadavers

Am 14. Mai 2026 wurde der Kadaver eines Buckelwals vor der Insel Anholt im Kattegat entdeckt. Am 16. Mai 2026 bestätigten dänische Behörden die Identität mit dem aus Deutschland verbrachten Wal. Die Identifikation gelang anhand des Trackers, der während des Transports an ihm angebracht worden war.[36][37] Am 30. Mai wurde der Kadaver ans Ufer gezogen, um obduziert und zerlegt zu werden.[38]

Zeitleiste 2026
Weitere Informationen Datum, Ereignis ...
Datum Ereignis
3. März erste Sichtung bei Wismar ungewöhnlich nah an der Küste, dabei Verhedderung in Stellnetzen, erste Netzentfernung[39]
4.–8. März Sichtungen bei Brook, Scharbeutz, Boltenhagen (wo Netzteile entfernt werden), Westmecklenburg, Graal-Müritz, Ahrenshoop, Wustrow[40]
10. März in Netz bei Steinbeck verfangen,[41] befreit sich selbst[39]
14.–20. März Sichtungen in Warnkenhagen, Travemünde, Scharbeutzun bei der Trave, Haffkrug und Scharbeutz, von erneuter Verhedderung teilweise befreit[39]
23.–27. März Rettungsmaßnahmen nach Strandung bei Niendorf[42] (Saugbagger, Bootswellen) scheitern, Graben ausgehoben,[43] befreit sich in der Nacht eigenständig
28. März Strandung bei Walfisch[44]
29. März kurz frei, erneute Strandung[45]
30. März befreit sich und schwimmt mit Netzresten im Maul[46]
31. März Strandung bei Poel[47]
1.–3. April wegen Schwächung Rettung eingestellt,[48] Sperrzone eingerichtet,[49] erste Bewässerung[50]
5. April Aktivität steigt, Gutachten erstellt[51][52]
9. April leichte Bewegung in Richtung Ausgang der Bucht[53]
10. April neuer, privatfinanzierter Rettungsplan vorgestellt[54]
11. April Demonstrationen[55]
14. April kritischer Zustand[56]
15.–16. April private Rettung genehmigt, Sonnenschutz durch zinkgetränkte Tücher, weitere Bewässerung
17. April starke Aktivität, Schlick unter Wal entfernt[57]
18.–19. April Arbeiten gehen bei steigendem Wasserstand weiter[57]
20. April einige Kilometer frei geschwommen[58] und erneute Strandung
21.–25. April Kuhle unter Wal gespült, Rinne gegraben, Hautzustand verbessert durch Zinksalbe in Tüchern, Rettungsplan überarbeitet[59]
26.–28. April Verladung über die fertige Rinne in Barge, Transport zunächst durch Schlepper Robin Hood[60]
29. April – 1. Mai Übergabe an hochseetaugliche Fortuna B,[60] Transport Richtung Nordsee bis zur Nordspitze Dänemarks[61]
2. Mai Freilassung im Skagerrak[62]
14. Mai Entdeckung eines toten Wals vor der Insel Anholt im Kattegat[37]
16. Mai Bestätigung der Identität durch die dänische Umweltbehörde[37]
30. Mai Bergung des Kadavers, zur Obduktion und Zerlegung
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Reaktionen auf die versuchte Walrettung

Angriffe und Einschüchterungsversuche

Aufgrund der erfolglosen Rettungsversuche kam es zu verbalen Angriffen gegen beteiligte Helfer.[63] Im Hafen von Kirchdorf auf der Insel Poel demonstrierten Anfang April 2026 rund 50 Menschen für verstärkte Maßnahmen zur Rettung des Wals.[64] Mitte April 2026 drangen mehrere Demonstranten in einen abgesperrten Bereich ein. Nach Angaben des Umweltministeriums wurden die etwa zehn Personen durch Polizeikräfte aus dem Sperrgebiet zurückgedrängt.[65]

Politik

Die meeranrainenden deutschen Bundesländer planen, ein abgestimmtes Verfahren für künftige Walstrandungen zu entwickeln.[66]

Die dänische Regierung erklärte, bei einer Strandung des Wales keine Rettungsmaßnahmen zu ergreifen.[67]

Polizeiliche Maßnahmen und Betrugsversuche

Am 13. April 2026 wurden vor der Insel Poel zwei Pontons sowie ein Schwimmbagger für eine mögliche Rettung des Wals bereitgestellt. Ein Plan sah vor, mit dem Bagger eine Rinne auszuheben. Der Einsatz wurde jedoch von der Polizei untersagt und die Geräte wieder abtransportiert. Die zuvor eingesetzten Tieflader mussten den Bereich verlassen. Dies wurde von Tierfreunden als unverhältnismäßig kritisiert.[68][69]

Das Umweltministerium warnte vor betrügerischen Spendenaufrufen in sozialen Medien, insbesondere auf TikTok. Es seien auch manipulierte Inhalte verbreitet worden, die Expertenaussagen und Dokumente im Zusammenhang mit der Walrettung vorzutäuschen versuchten.[70]

Umweltminister Till Backhaus stand nach Drohungen unter Polizeischutz, nachdem ihm vorgeworfen worden war, die Rettungsversuche zu früh beendet zu haben.[71]

Verschwörungstheorien

Das Schicksal des Wals brachte Personen auf den Plan, die staatliche Stellen und Nichtregierungsorganisationen verdächtigten, Informationen zurückzuhalten oder ein Interesse am Tod des Tieres zu haben. Der Medienhype, vor allem in den sozialen Netzwerken, führte zu Mobilisierungsaufrufen durch rechtsgesinnte Akteure in die Region.[72] Es formierten sich Gruppen, die Kritik an Behörden und beteiligten wissenschaftlichen Institutionen äußerten, indem sie deren Expertise in Zweifel zogen.[73][74] Auch über eine militärische Nutzung des Wals oder seine absichtliche Lenkung gab es Mutmaßungen.[75] Dem Deutschen Meeresmuseum wurde unterstellt, den Wal für ein Skelettpräparat opfern zu wollen.[71]

Der Forscher Sebastian Bartoschek ordnete die Spekulationen als verschwörungstheoretische Narrative ein, die besonders bei Walen als emotional besetzten Tieren zu beobachten seien.[76]

Fachliche Aussagen und Pressestimmen

Peter Teglberg Madsen, Professor des Institutes für Biologie – Zoophysiologie der Universität Aarhus mit Forschungsschwerpunkt Wale und andere Meeressäuger,[77][78] kritisiert die Rettungsversuche als „reine Tierquälerei“. Es habe sich zweifellos um ein krankes, entkräftetes Tier, das nicht gerettet werden konnte gehandelt, das man hätte in Frieden lassen sollen. Man habe stattdessen ein Tier, das noch nie in Gefangenschaft gelebt habe, tagelang in eine Metallkiste eingesperrt. „Es wurde von den Wellen hin- und hergeschmissen, dem Lärm der Motoren ausgesetzt, um dann einfach ins Meer gekippt zu werden – das muss höllisch stressig und beängstigend für das Tier gewesen sein.“ Man solle sich freuen, dass wieder mehr Buckelwale in der Ostsee gesehen werden. „Aber anstatt so viele Ressourcen auf den Versuch zu verwenden, ein einzelnes Tier zu retten, sollten wir dafür sorgen, dass Tiere nicht in solche Situationen geraten.“[79]

Der Meeresbiologe Fabian Ritter kritisierte die starke Polarisierung der öffentlichen Diskussion und bemängelte, dass eine sachorientierte, kooperative Lösungsfindung in den Hintergrund geriet.[80] Zudem äußerte er Zweifel an dem als „minimalinvasiv“ bezeichneten Rettungskonzept, da dieses nach seiner Einschätzung mehr Schaden als Nutzen verursachen könne.[81]

Große Teile der Berichterstattung und der Kommentare thematisierten eine starke mediale und gesellschaftliche Aufladung des Ereignisses.[82] Die Deutsche Presse-Agentur ordnete das Geschehen in die Reihe typischer Sommerlochtiere ein.[83] Das SRF verwies auf das Auftreten auch fachunkundiger Argumente in dem Diskurs.[84]

Pressekonferenzen von Politikern, Naturschutzorganisationen und der Wasserschutzpolizei lösten ebenfalls ein großes Echo aus, selbst noch in internationalen Medien, wie der New York Times und der BBC.[85][86] Die New York Times sprach von „Deutschlands Lieblingswal“. Der portugiesische Sender RTP widmete sich gar dem politischen Umfeld in Mecklenburg-Vorpommern.[87][88]

Der Deutsche Ethikrat erklärte die besondere Fokussierung vieler Menschen auf das Ereignis damit, dass ihnen die Rettung eines einzelnen Tieres im Gegensatz zu globalen Krisen als unmittelbar beeinflussbar erscheint, sie dem mithin nicht „ohnmächtig“ ausgeliefert sind. Andererseits wies er auf das Erfordernis einer Abwägung zwischen Tierschutz und Verhältnismäßigkeit sowie die Verantwortung für gefährdete Tierarten hin.[89]

Walstrandungen werden in der Forschung als kulturell variabel beschrieben und führen zu unterschiedlichen Deutungen.[90] Differenzen zeigen sich etwa zwischen einem naturbelassenen Umgang in Dänemark und einer schnellen Kadaverbeseitigung in Japan.[91]

Popkultur

Die Band Tulpe setzt sich in ihrem Song Sprengt den Wal! in satirischer Form mit dem Ereignis auseinander.[92]

Commons: Timmy (Buckelwal) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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