Trais-Horloff

Stadtteil von Hungen From Wikipedia, the free encyclopedia

Trais-Horloff ist ein Stadtteil von Hungen im mittelhessischen Landkreis Gießen.

Schnelle Fakten Stadt Hungen ...
Trais-Horloff
Stadt Hungen
Koordinaten: 50° 27′ N,  54′ O
Höhe: 135 (126–137) m ü. NHN
Fläche: 3,24 km²[1]
Einwohner: 588 (31. Dez. 2022) HW+NW[2]
Bevölkerungsdichte: 181 Einwohner/km²
Eingemeindung: 31. Dezember 1970
Postleitzahl: 35410
Vorwahl: 06402
Schließen

Geografische Lage

Trais-Horloff liegt südlich von Hungen. Am westlichen Ortsrand verläuft die Bundesstraße 489. Der Ort liegt zwischen dem Trais-Horloffer See, umgangssprachlich auch Inheidener See genannt und dem Oberen Knappensee. In der Nähe fließt die Horloff. Es existiert ein Haltepunkt der Bahnstrecke Gießen–Gelnhausen.

Flächenstatistik
  • 1854: Gemarkungsgröße 778 Morgen, davon 502 Äcker, 239 Wiesen.[3]
  • 1961: (Hektar): 324, davon 6 Wald[1]

Ortsgeschichte

Mittelalter

Der Ort wurde zwischen 750 und 790 oder 793 in zwei der bedeutendsten Kopiare hessischer Reichsklöster erwähnt. Zwischen 750 und 802 datiert eine Erwähnung im Codex Eberhardi: „... Rutfrit de Wetereiba tradidit bona sua in loco Tresa dicto“ (Rutfrit aus der Wetterau übergab seine Güter in dem Ort, der Trais genannt wird).[4] Der Codex Eberhardi entstand um 1160. Das zweite Kopiar ist der Lorscher Codex, verfasst um 1183–1195. Dort heißt es vom Tradenten Wolfhelm: „... in pago Wetdereiba in uilla Treise ...“ (im Gau Wetterau im Dorf Treise) habe er Güter an das Kloster Lorsch übergeben.[5] Hier verweist uilla (villa) auf die Siedlungsform Dorf.

Der Grundname des Ortsnamens ist nicht Horloff, wie fälschlich oft angenommen wird, sondern Trais. Erst im 14. Jahrhundert wird das Differenzierungsglied Horloff zugefügt. 1342 heißt es: „Hurftreyse“[6] und 1353: „... gelegen zuo Hurlfdreise“.[7] Aber noch 1522 erscheint der Ortsname noch ohne Differenzierungsglied, und dies bei der wichtigen Beschreibung des „Ottfer Gerichts“. Die Deutung des Grundnamens „Trais“ war in der Sprachforschung lange umstritten. So wurde das mittelhochdeutsche „dresch, drisch“ = nhd. „unbebautes Land“ auf Trais bezogen.[8] Dagegen wird heute in der Namensforschung der Siedlungsname Trais als Gewässername angesehen. Diese Tradition hat sich regional noch in der Mundart erhalten.[9] Die Mundartwörter Drees, Treis, Dreis weisen auf eine Mineralquelle hin, die in Trais-Horloff vorhanden ist.

Vergleichbare Ortsnamen bzw. Ortsnamenbildungen finden sich in Treis an der Lumda sowie dem nahe gelegenen Trais-Münzenberg.

Neuzeit

Trais-Horloff gehörte in der Grafschaft Solms-Laubach zum Unteramt Utphe. Das Unteramt Utphe wurde 1522 aus den „Rieddörfer“ Inheiden, Trais-Horloff und Utphe sowie seit Beginn des 18. Jahrhunderts Wohnbach und der Feldmark der Wüstung Feldheim gebildet: „... das Ottfer gericht mit seinen dorfern Ottff, Ynheiden, Feltheym vnnd Treyß...“[10]

Graf Philipp von Solms-Lich kaufte 1528 für 2.000 fl. von dem Kloster Haina dessen Hof in Utphe samt Zinsen zu Ober-Bessingen, Ettingshausen, Gonterskirchen, Laubach und Trais-Horloff.[11]

1825 war Trais-Horloff ein Dorf mit einer rückständigen Landwirtschaft. Wie in Inheiden gab es noch immer keine Stallfütterung und keine Viehmast. Von den 296 Einwohnern lebten die meisten von der Leineweberei.

Da die beiden „Salzbrunnen“ nur einen geringen Salzgehalt hatten, waren sie zuschüttet und die dortige Saline abgerissen worden.[12]

Trais-Horloff als Stadtteil von Hungen

Zum 31. Dezember 1970 erfolgte im Zuge der Gebietsreform in Hessen die freiwillige Eingliederung in die nahegelegene Kleinstadt Hungen.[13][14] Für Trais-Horloff wurde wie für alle Stadtteile von Hungen ein Ortsbezirk eingerichtet.[15]

Im alten Bahnhof wurde 1989 eine Projektwerkstatt eingerichtet. Am 23. Januar 2005 wurde das Jugendzentrum „JUZ“, welches sich im Kellerbereich des örtlichen Kindergartens befindet, offiziell eröffnet und wird seitdem von den Jugendlichen aus Trais-Horloff verwaltet und gepflegt.

Verwaltungsgeschichte im Überblick

Die folgende Liste zeigt die Staaten und Verwaltungseinheiten,[Anm. 1] denen Trais-Horloff angehört(e):[1][16][17]

Gerichte seit 1803

In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für die Provinz Oberhessen wurde das „Hofgericht Gießen“ als Gericht der zweiten Instanz eingerichtet. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen und somit war für Trais-Horloff ab 1806 das „Patrimonialgericht der Grafen Solms-Laubach“ in Utphe zuständig. Das Hofgericht war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfälle die erste Instanz. Die zweite Instanz für die Patrimonialgerichte waren die standesherrlichen Justizkanzleien. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt.

Mit der Gründung des Großherzogtums Hessen 1806 wurde diese Funktion beibehalten, während die Aufgaben der ersten Instanz 1821–1822 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Land- bzw. Stadtgerichte übergingen. Ab 1822 ließen die Grafen Solms-Laubach ihre Rechte am Gericht durch das Großherzogtum Hessen in ihrem Namen ausüben. „Landgericht Laubach“ war daher die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht, das für Trais-Horloff zuständig war. Auch auf sein Recht auf die zweite Instanz, die durch die Justizkanzlei in Hungen ausgeübt wurde verzichtete der Graf 1823.[22] Erst infolge der Märzrevolution 1848 wurden mit dem „Gesetz über die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren“ vom 15. April 1848 die standesherrlichen Sonderrechte endgültig aufgehoben.[23] Mit dem 1. November 1848 wurden Utphe an den Landgerichtsbezirk Hungen abgegeben.[24]

Anlässlich der Einführung des Gerichtsverfassungsgesetzes mit Wirkung vom 1. Oktober 1879, infolge derer die bisherigen großherzoglich hessischen Landgerichte durch Amtsgerichte an gleicher Stelle ersetzt wurden, während die neu geschaffenen Landgerichte nun als Obergerichte fungierten, kam es zur Umbenennung in „Amtsgericht Hungen“ und Zuteilung zum Bezirk des Landgerichts Gießen.[25] Am 1. Juni 1934 wurde das Amtsgericht Hungen aufgelöst und Trais-Horloff dem Amtsgericht Nidda zugeteilt.[26]

Zum 1. Januar 2012 wurde das Amtsgericht Nidda gemäß Beschluss des hessischen Landtags aufgelöst und Trais-Horloff dem Amtsgericht Büdingen zugeteilt.[27] Die übergeordneten Instanzen sind jetzt, das Landgericht Gießen, das Oberlandesgericht Frankfurt am Main sowie der Bundesgerichtshof als letzte Instanz.

Bodenschätze

Torfstich

1837 wurde die Gewinnung von Torf durch den Grafen von Solms-Laubach freigegeben.

Mineralbrunnen und Mofetten

1854 gab es in der Gemarkung einen Mineralbrunnen und „mehrere Mofetten oder Erdlöcher, aus denen tödliches Gas strömt.“[28]

Die Braunkohle und ihre industrielle Nutzung

Der Gründerboom der Gründerzeit bewirkte, dass rasch die Wetterauer Braunkohlenvorkommen im Tiefbau erschlossen wurden. 1875 eröffnete man die Grube Friedrich bei Trais-Horloff. Eine Brikettfabrik wurde 1883 und eine Schwelerei 1898 in Betrieb genommen, aber schon 1903 schloss man wieder die Schwelerei.[29]

1879 wurde auf der Grube Friedrich eine Krankenkasse gegründet, die von 1880 bis 1888 als Kasse des Hessisch-Rheinischen Bergbauvereins firmierte. Anschließend hieß sie Kasse der Braunkohlengruben und Brikettfabrik Friedrich und bevor sie in der Reichsknappschaft aufging, Gewerkschaft Friedrich zu Hungen.[30]

Im Presshaus der Brikettierfabrik entstand am 17. Juni 1902 gegen 20 Uhr eine gewaltige Kohlenstaubexplosion. Das Gebäude und die Kohlenvorräte brannten nieder.[31] Die sieben Arbeiter, die dort beschäftigt waren, wurden alle schwer verletzt, vier starben an den Verletzungen, darunter zwei Männer aus Berstadt. Das Feuer der brennenden Briketts konnte man wochenlang beobachten.[32] Ein neues Verfahren zur Produktion der Formklötze, die Nasspresstechnik, wurde im neuen Werk für Nasspresssteine in Wölfersheim 1904 angewendet, die Brikettfabrik in Trais-Horloff geschlossen.[33]

Der erste Tagebau in der Wetterau wurde 1912 in Trais-Horloff von der Stadt Frankfurt am Main eröffnet, 1920 von den Gaswerken Frankfurt übernommen. Im Sommer 1924 wurden Kohleförderung und Brikettfabrikation eingestellt.[34]

Im Mai 1927 schloss sich der Volksstaat Hessen mit der Stadt Frankfurt in dem Unternehmen „Braunkohlen-Schwelkraftwerk Hessen-Frankfurt“ (HEFRAG) zusammen, um das Kraftwerk Wölfersheim gemeinsam zu führen. Gleichzeitig plante die Stadt Frankfurt am Main den Bau eines eigenen Schwelkraftwerks in Trais-Horloff. In Wölfersheim wurde im März 1929 ein Schwelkraftwerk eröffnet. Die unterschiedlichen Interessen führten zum Ende der HEFRAG am 31. Dezember 1929, die am 1. Januar 1930 von der Preußischen Elektrizitäts AG (PREAG) übernommen wurde. Der Bergbau und das Schwelkraftwerk in Trais-Horloff wurden stillgelegt, aber die komplette Belegschaft von der Preußischen Elektrizitätsgesellschaft übernommen.

Die Autarkiepolitik des Dritten Reichs führte zur Wiederaufnahme des Kohlenabbaus in Trais-Horloff im Sommer 1938, dieses Mal im Tagebau. Der Abraum erfolgte mit einem Eimerkettenbagger. Die Braunkohle wurde mit einer Grubenbahn durch die Gemarkung Berstadt über den Römerschacht nach Wölfersheim gefahren. Die Grubenbahn hatte eine Spurweite von 900 mm.[35]

In der Phase des Neubeginns nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kohle für das Elektrizitätskraftwerk Wölfersheim aus dem Tagebau Trais-Horloff, sowie den Gruben Römerschacht, Heuchelheim und Weckesheim gewonnen. 47 % der Produktion stammten aus dem Tagebau Trais-Horloff. Bis zum Jahre 1950 wurden 2,21 Millionen Tonnen Braunkohle in Trais-Horloff abgebaut.[36]

Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Jahre 1950 wurde Braunkohle in der Grube Friedrich abgebaut. Aus den verbliebenen Tagebaurestlöchern entstanden der Inheidener/Trais-Horloffer See mit einer Wasserfläche von 35 Hektar und der Untere Knappensee, mit 31 Hektar Wasserfläche sowie Obere Knappensee mit 37 Hektar Wasserfläche, beides Restlöcher des Tagebaus IV.

Die Renaturierungsmaßnahmen erfolgten am Trais-Horloffer See und der Abraumhalde Trais-Horloff, Anlegen einer Feldholzinsel, nach 1950, für den Unteren Knappensee 1982/85, für den Oberen Knappensee 1984/86.[37]

Bevölkerung

Einwohnerstruktur 2011

Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag dem 9. Mai 2011 in Trais-Horloff 546 Einwohner. Darunter waren 12 (2,2 %) Ausländer. Nach dem Lebensalter waren 96 Einwohner unter 18 Jahren, 113 zwischen 18 und 49, 117 zwischen 50 und 64 und 120 Einwohner waren älter.[38] Die Einwohner lebten in 222 Haushalten. Davon waren 51 Singlehaushalte, 69 Paare ohne Kinder und 75 Paare mit Kindern, sowie 21 Alleinerziehende und 6 Wohngemeinschaften. In 54 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 129 Haushaltungen lebten keine Senioren.[38]

Einwohnerentwicklung

 1631:32 Untertanen, 4 Witwen[1]
Trais-Horloff: Einwohnerzahlen von 1830 bis 2020
Jahr  Einwohner
1830
 
272
1834
 
288
1840
 
299
1846
 
273
1852
 
289
1858
 
253
1864
 
264
1871
 
259
1875
 
252
1885
 
282
1895
 
339
1905
 
512
1910
 
533
1925
 
460
1939
 
430
1946
 
695
1950
 
724
1956
 
663
1961
 
649
1967
 
586
1971
 
606
1987
 
551
1991
 
586
2000
 
593
2005
 
574
2011
 
555
2015
 
568
2020
 
597
Datenquelle: Histo­risches Ge­mein­de­ver­zeich­nis für Hessen: Die Be­völ­ke­rung der Ge­mei­nden 1834 bis 1967. Wies­baden: Hes­sisches Statis­tisches Lan­des­amt, 1968.
Weitere Quellen: [1]; nach 1970 Stadt Hungen[39]; Zensus 2011[38]

Historische Religionszugehörigkeit

 1830:272 evangelische Einwohner[1]
 1961:494 evangelische, 140 römisch-katholische Einwohner[1]

Historische Erwerbstätigkeit

 1961:Erwerbspersonen: 50 Land- u. Forstwirtschaft, 163 Prod. Gewerbe, 30 Handel, Verkehr u. Nachrichtenübermittlung, 44 Dienstleistung und Sonstiges.[1]

Politik

Für den Stadtteil Trais-Horloff besteht ein Ortsbezirk (Gebiete der ehemaligen Gemeinde Trais-Horloff) mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung.[15] Der Ortsbeirat besteht aus fünf Mitgliedern. Bei den Kommunalwahlen in Hessen 2021 betrug die Wahlbeteiligung zum Ortsbeirat 58,94 %. Dabei wurden gewählt: zwei Mitglieder der SPD und drei Mitglieder der „Freien Wähler Hungen“ (FW).[40] Der Ortsbeirat wählte Kerstin Kubon (FW) zur Ortsvorsteherin.[41]

Kirche

Die Evangelische Kirche in Trais-Horloff geht im Kern auf das 14. Jahrhundert zurück, der Turm entstand 1740. Die Reformation wurde nach 1544 eingeführt. Zur ev.-luth. Kirchengemeinde Trais-Horloff gehören neben Trais-Horloff auch die Ortschaften Utphe und Inheiden.

Nach dem Krieg diente die Kirche St. Thomas (Trais-Horloff) vorübergehend der katholischen Gemeinde.

Persönlichkeiten

Heinrich Konrad Schneider, Agrarwissenschaftler, um 1875
  • Philipp Ludwig Ernst Mosebach, genannt „Jäger-Philipp“, (1770–1799), ältester Sohn des dortigen Pfarrers Philipp Wilhelm Mosbach
  • Theodor Kolb (1811–1881), Richter und Politiker, Abgeordneter der 2. Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen
  • Heinrich Konrad Schneider (1828–1898), Pädagoge sowie Gründer und Leiter der „Akademie für Bierbrauer und Landwirte“ in Worms
  • Ottmar Palmer (1873–1964), lutherischer Pfarrer

Literatur

  • Hanno Müller, Familienbuch Trais-Horloff, Inheiden, Utphe, Kreis Gießen. = Schriften der Hessischen familiengeschichtliche Vereinigung Nr. 23, 1997
  • Literatur über Trais-Horloff nach Register In: Hessische Bibliographie
Commons: Trais-Horloff – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen und Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI