Čitalnica
Kultureller Verein in den slawischen Sprachgebieten von Österrreich-Ungarn in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts
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Der Begriff Čitalnica (slowenisch [], Mehrzahl: Čitalnice, slowenisch für Lesesaal/Lesehalle - auch Leseverein oder Lesegesellschaft)[1] bezeichnete im 19. Jahrhundert eine spezifische Form des Kulturvereins, der im slowenischen Sprachbereich eine bedeutende Rolle zukam bei den Bemühungen um kulturelle Identität und Förderung sowie um politische Gleichberechtigung im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn.

Geschichte
Die Blütezeit der Čitalnice lag zwischen 1861 und dem Ende der 1860er Jahre. Die erste slowenischsprachige Čitalnica wurde 1861 in Triest gegründet, gefolgt von Gründungen in Marburg an der Drau und Laibach im selben Jahr. Die Bewegung verbreitete sich schnell über das gesamte slowenische Sprachgebiet innerhalb der Habsburgermonarchie: 1869 existierten bereits 57 slowenische Lesevereinigungen mit 4000 Mitgliedern, vor allem aus der Mittelschicht im Kronland Krain, dem Österreichischen Küstenland (in den Gebieten Triest, Istrien, Görz) und dem Herzogtum Steiermark.[2][3][4][5][6]
Bezeichnung
Die slowenischen Lesevereine waren zur Zeit ihrer Existenz unter der Bezeichnung Narodna čitalnica (wörtlich: Nationale Lesehalle / Nationaler Lesesaal) bekannt (Beispiel: Narodna čitalnica v Celju). Im historischen Kontext des 19. und frühen 20. Jahrhunderts existierten in den Ländern der Habsburgermonarchie (Krain, Steiermark, Küstenland) drei gängige deutsche Übersetzungen. Da es sich bei diesen Institutionen meist um organisierte Vereine mit eigenen Räumlichkeiten handelte, variiert die Übersetzung, je nachdem, ob der Vereinscharakter oder das Gebäude im Vordergrund stand:
- (Slowenischer/Slawischer) Leseverein ist die historisch in amtlichen Dokumenten, Zeitungen und Protokollen der Donaumonarchie am häufigsten verwendete Übersetzung.
- Nationaler Lesesaal. Diese Übersetzung betont den konkreten Ort des Geschehens und wird auch in der modernen Geschichtswissenschaft sehr häufig genutzt. Beispiel: In zeitgenössischen Berichten über die lokale Infrastruktur hieß es oft, man habe einen „nationalen Lesesaal“ (oder schlicht „slowenischen Lesesaal“) eingerichtet.
- Nationale Lesehalle. Das Wort Halle (analog zu „Turnhalle“ oder „Tonhalle“) wurde im 19. Jahrhundert im Deutschen sehr gerne für größere, repräsentative Vereins- und Versammlungsstätten genutzt. Beispiel: Für größere Institutionen in Städten wie Ljubljana (Laibach), Triest oder Maribor (Marburg an der Drau) findet man in alten deutschen Texten oft den Begriff „Nationale Lesehalle“.
Hintergrund zum Begriff „Narodna“: In der Zeit der Habsburgermonarchie wurde das Wort narodna (national) von den deutschsprachigen Behörden oder der deutsch-freiheitlichen Konkurrenz oft durch das konkrete Ethnonym ersetzt, um Unklarheiten zu vermeiden. Aus einer Narodna čitalnica wurde im deutschen Sprachgebrauch daher meistens direkt ein „Slowenischer Leseverein“.
Ziele
Die Lesevereine sollten vorrangig dazu beitragen, die slowenische Sprache zu fördern, sie im öffentlichen Raum zu verbreiten und dadurch das Nationalbewusstsein der Slowenen im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn zu stärken.
Den Verantwortlichen war es wichtig, neben dem Bildungsauftrag die Vereinsangebote und Räumlichkeiten zu gesellschaftlicher Kontaktpflege und für Veranstaltungen in slowenischer Sprache zu nutzen, und zwar exklusiv für die Vereinsmitglieder.
Aktivitäten
Die Čitalnica war ein Ort, an dem Menschen zusammenkamen, sich bildeten und ihre Meinungen austauschten. Charakteristisch für die Vereine waren Kulturabende mit Reden, Musik- und Theateraufführungen, die man als „bésede“ („Wörter“ auf Slowenisch) bezeichnete. Sie wurden anlässlich von Feierlichkeiten, Feiertagen und für wohltätige Zwecke durchgeführt. Bésede wurden zu Keimzellen des öffentlichen musikalischen Lebens im slowenischen Sprachgebiet. In diesem Rahmen entwickelte sich der Wunsch nach Bildung zentraler Einrichtungen zur Förderung der allseitigen Entwicklung der Musik. Als die erste und wichtigste solcher Einrichtungen entstand 1872 die Laibacher Musikvereinigung Glasbena matica.[7][8]
Ab 1867 organisierten die Vereinsmitglieder vermehrt öffentliche Veranstaltungen. Möglich wurde dies durch die von der österreichischen Dezemberverfassung genehmigten Versammlungsfreiheit. Anlässe waren zunächst Ehrungen von Personen, die sich um die slowenische Kultur verdient gemacht hatten, später wurden auch politische Themen vorgetragen.[9] Diese Aktionen werden als Vorläufer für die kurz darauf einsetzende Tabor-Bewegung angesehen.[10]
Standorte (Auswahl)
Wichtige Personen
Die treibenden Kräfte hinter der slowenischen Lesevereine-Bewegung waren Intellektuelle, Politiker, Geistliche und Literaten
Politische und organisatorische Vordenker
Hierzu werden gezählt:
- Janez Bleiweis (1808–1881), Herausgeber der einflussreichen Zeitung Kmetijske in rokodelske novice. Er war die treibende Kraft hinter der Gründung der ersten großen Lesehalle in Ljubljana (1861).
- Lovro Toman (1827–1870), brillanter Redner, Politiker und Dichter. Er war der eigentliche „Motor“ und Mitbegründer der Lesehalle in Ljubljana. Toman war bekannt dafür, mit seinen flammenden patriotischen Reden bei den Vereinsabenden (den besede) die Massen zu begeistern.
- Etbin Henrik Costa (1832–1875), einflussreicher konservativer Politiker und zeitweise Bürgermeister von Ljubljana. Er spielte eine zentrale Rolle bei der Organisation und rechtlichen Absicherung der Lesevereine in Krain.
Literaten und Kulturträger der Bewegung
Die Lesevereine brauchten Inhalte – Lieder, Theaterstücke und Gedichte auf Slowenisch. Mehrere bedeutende Autoren prägten die Abende der Vereine:
- Fran Levstik (1831–1887), bedeutender slowenischen Schriftsteller und Kritiker. Er war zeitweise Sekretär der Lesehalle in Ljubljana. Levstik forderte ein hohes literarisches Niveau für die Vereinsbibliothek und die Aufführungen, geriet jedoch aufgrund seiner progressiven Ansichten oft in Konflikt mit den konservativen Führern wie Bleiweis.
- Simon Jenko (1835–1869) & Davorin Jenko (1835–1914). Simon (Dichter) und sein Cousin Davorin (Komponist) schufen die Hymne Naprej, zastava slave („Vorwärts, Fahne des Ruhms“), die 1860 in Wien uraufgeführt wurde. Sie wurde zur inoffiziellen Hymne der Lesevereins-Bewegung.
- Fran Cegnar (1826–1892), Dichter und Übersetzer, dessen Werke und Vorträge oft feste Bestandteile der besede waren.
Pioniere in den Regionen
Die Bewegung startete außerhalb des heutigen slowenischen Kernlandes.
- Janez Nepomuk Primic (1785–1823), slowenischer Publizist und Lehrer der Aufklärung und Frühromantik. Zwar zeitlich etwas früher aktiv, legte er in Graz mit der Gründung der Societas slovenica (1810) und der weltweit ersten Lehrkanzel für Slowenisch einen intellektuellen Grundstein für die Bewegung der slowenischen Wiedergeburt.
- Die Gründer von Triest (1861): In Triest (Trst) wurde im April 1861 die allererste offizielle Slovenska čitalnica gegründet (kurz vor Ljubljana). Wichtige Persönlichkeiten dort waren lokale slowenische Kaufleute und Intellektuelle, die sich gegen den italienischen Nationalismus behaupten wollten.
- Josip Vošnjak (1834–1911), Arzt und Politiker, der eine Schlüsselrolle bei der Gründung und Organisation von Lesevereinen in der Steiermark (z. B. in Maribor und Celje) spielte.
Ende der Bewegung
Nach der turbulenten Phase in den 1860er Jahren flaute das Interesse bis zum Ende des Jahrhunderts deutlich ab. Andere Organisationen (politische Parteien, Sportvereine wie Sokol) übernahmen die kulturellen und politischen Aktivitäten der Lesevereine. Da die Lesegewohnheiten zunehmend individualisierter wurden, kam es zunehmend zur Gründung von Volksbibliotheken (Ljudska knjižnica), wie in Postojna für 1905 als Initiative der örtlichen Čitalnica 1905 dokumentiert.[16]
Gesellschaftliche Bedeutung und Erbe
Die Čitalnice werden vielfach als Vorläufer moderner Kulturinstitutionen in Slowenien genannt und als bedeutender Beitrag für die Entwicklung der kulturellen Identität und des slowenischen Nationalbewusstseins im 19. Jahrhundert (siehe Programm Vereintes Slowenien). In direkter Nachfolge standen die Massenveranstaltungen der Tabor-Bewegung.
Tabor-Bewegung
Die „Tabore“ genannten Freiluft-Volksfeste und Kundgebungen wurden von der slowenischen Nationalbewegung in den gemischtsprachigen Gebieten der Untersteiermark und Krain organisiert. Zehntausende Menschen forderten die Gleichberechtigung der slowenischen Sprache, die kulturelle und politische Einheit der Slowenen.[17]
Literatur
- Peter Štih, Vasko Simoniti , Peter Vodopivec: Slovenska zgodovina Družba - politika - kultura. Ljubljana, 2008