Alfred Grosser
französischer Publizist und Politikwissenschaftler (1925–2024)
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Alfred Eugen Max Grosser [] (* 1. Februar 1925 in Frankfurt am Main; † 7. Februar 2024 in Paris) war ein französischer Publizist, Kolumnist und Politikwissenschaftler deutscher Abstammung.

Leben und Wirken

Alfred Grosser wurde als Sohn des Kinderarztes Paul Grosser und seiner Ehefrau Lily Grosser in Frankfurt geboren, wo er auch die ersten Jahre seines Lebens verbrachte. Er erhielt die Vornamen seiner beiden Großväter sowie des im Ersten Weltkrieg umgekommenen ersten Verlobten seiner Mutter. Grossers Vater war Direktor einer Kinderklinik in Frankfurt am Main, Sozialdemokrat und jüdischer Herkunft. Der Vater war außerdem Freimaurer: In Berlin wurde er in die Loge Viktoria aufgenommen, bevor er 1911 der Loge Zur aufgehenden Morgenröthe [!] in Frankfurt affiliert wurde.[1] Außer Grosser gehörte noch die ältere Schwester Margarethe (1922–1941) zur Familie. Diese starb mit 19. Jahren an einer Blutvergiftung.
Ende 1933 emigrierte die Familie nach Frankreich, wo der Vater eine Kinderklinik aufbauen wollte, wozu es aber nicht kam, da er bereits 1934 starb. Die Mutter richtete in dem für diesen Zweck erworbenen Gebäude stattdessen ein Waisenhaus/Kinderpflegeheim ein, in dem Grosser und seine Schwester mithelfen mussten.
Durch eine Verordnung des französischen Justizministers Vincent Auriol vom 1. Oktober 1937 wurde Lily Grosser, und ihren Kindern, Alfred und Margarethe, die französische Staatsbürgerschaft verliehen. Dies bewahrte sie davor, von der Regierung Daladier im September 1939 wie andere von Hitler verfolgte Deutsche als vermeintlich feindliche Ausländer in Lagern interniert zu werden. Grosser bezeichnete sich später in Interviews stets als „echten Franzosen“ und veröffentlichte 1997 seine Autobiografie unter dem Titel Une vie de Français: mémoires („Ein französisches Leben – Erinnerungen“).[2]
Grosser besuchte das Gymnasium in Saint-Germain-en-Laye; nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1940 floh er mit seiner Familie in die noch freie Zone in Südfrankreich. Von 1942 an studierte er Politikwissenschaft und Germanistik in Aix-en-Provence und später in Paris.[3] Von 1950 bis 1951 war Grosser stellvertretender Leiter des UNESCO-Büros in der Bundesrepublik. Anschließend nahm er eine Dozentenstelle an der Sorbonne an. Ab 1956 war Grosser hauptamtlicher Forschungsdirektor an der Fondation nationale des sciences politiques und Professor am Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po). Im Jahr 1992 wurde er als Studien- und Forschungsdirektor der Fondation nationale des sciences politiques emeritiert.[4]

Grosser war ab 1965 Mitarbeiter zahlreicher Tageszeitungen, Zeitschriften und Rundfunkanstalten. Unter anderem schrieb er politische Kolumnen für La Croix und Ouest-France und trat öfter im deutschen Fernsehen, etwa im Internationalen Frühschoppen, auf. Aus Protest gegen die aus seiner Sicht unausgewogene, einseitig israelfreundliche Nahostberichterstattung des französischen Nachrichtenmagazins L’Express trat er 2003 aus dessen Aufsichtsrat zurück.[5]
Neben Joseph Rovan war Grosser ein herausragender französischer Intellektueller deutsch-jüdischer Herkunft. Seit der Nachkriegszeit setzte er sich beharrlich für die deutsch-französische Aussöhnung ein und gilt als ein intellektueller Wegbereiter des Elysée-Vertrags. Bei zahlreichen Reisen und Vorträgen in Deutschland und Frankreich wirkte er an der Verständigung der beiden Nachbarvölker mit.[6]
Grosser selbst bezeichnete sich in einem Interview im September 2011 als „Atheisten, der dem Christentum nahesteht“.[7]
Große Sorgen äußerte Grosser 2017 in einem Interview in der Tageszeitung Heilbronner Stimme wegen der zunehmenden Wahlerfolge von Rechtspopulisten in Europa: „Beim Umgang mit rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Parteien ist es ratsam, dass die demokratischen Kräfte die Themen des rechten Randes nicht okkupieren. Das ist auch moralisch anstößig.“ Grosser ergänzte, dass auf die Themen der Rechtsextremen die deutsche Parteien anfangs auch bei Hitler eingegangen seien. Die Demokraten seien dazu aufgerufen, „den extremen Positionen ganz bewusst Kontrapunkte und Lösungen auf dem Boden der Menschenrechte entgegenzusetzen.“[8]
Alfred Grosser starb im Februar 2024 in Paris im Alter von 99 Jahren.[9]
Umstrittene Position zum Nahostkonflikt und dem Umgang damit

Grosser war als Gegner der israelischen Regierungspolitik bekannt. In der Debatte um den Text Was gesagt werden muss des Schriftstellers Günter Grass meinte er zum Thema Israel: „Um von der eigenen [duldsamen] Politik etwa gegen[über den illegalen] Siedler[n in den von Israel besetzten arabischen Gebieten] abzulenken, braucht man die Gefahr aus Iran.“[10] Grosser glaubte, dass Israelkritik in Deutschland nicht erlaubt sei und wie eine Keule gegen die Deutschen geschwungen werde, die lautet: „Ich schlage dich mit Auschwitz.“ Damit bekräftigte er eine Formulierung Martin Walsers aus dessen Paulskirchenrede. Grosser war überzeugt, dass die Politik Israels den Antisemitismus in der Welt fördert.[11] 2007 kritisierte er die Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an den israelfreundlichen Publizisten Henryk M. Broder, den er für diese Ehrung unwürdig hielt.[12] Zuvor hatte es das Nachrichtenmagazin Focus abgelehnt, Grossers positive Rezension eines Buches von Rupert Neudeck, in dem dieser Israel als Apartheidstaat bezeichnete, abzudrucken.
In der Debatte um Günter Grass’ Waffen-SS-Mitgliedschaft mahnte der Historiker Grosser 2012 einen differenzierten, nicht ideologisch geprägten Umgang mit Geschichte an und verteidigte Grass und seine Bedeutung als führender Intellektueller. Dieser habe die Mitgliedschaft zwar zu lange verschwiegen, doch: „Es gab damals 900.000 junge Deutsche, die in der Waffen-SS waren, nicht aber in der SS.“ Und in Bezug auf Israel habe Grass durchaus „etwas Vernünftiges“ zu sagen.[13]
Grossers Haltung zum Nahostkonflikt weckte Widerstand einiger jüdischer Stimmen. Als er am 9. November 2010 Hauptredner der Gedenkfeier zur Erinnerung an die Pogromnacht 1938 sein sollte, drohten Mitglieder des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Feier zu verlassen, sollte Grosser „ausfallend gegenüber Israel“ werden.[14] Frankfurts Oberbürgermeisterin, Petra Roth, verteidigte Grossers Einladung, da er sich „viele Jahrzehnte um die Aussöhnung der Völker bemüht“ habe.[15][16]
Der Journalist Arno Widmann wiederum bezeichnete es 2015 als grotesk, dass Grossers Kritik an Israel und die Kritik an seiner Kritik damals mehr als die Hälfte des Wikipedia-Eintrags über ihn ausmachte. Grosser habe bewiesen, „wie er an der Seite Israels steht, wenn es bedroht ist, aber keinen Grund sieht, darüber hinwegzusehen, wie es das Leben, die Existenz der Palästinenser bedroht.“[17]
Ehrungen und Auszeichnungen
Für seine zur Völkerverständigung beitragenden Werke erfuhr Grosser zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen:

- 1975: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Laudator Paul Frank,[18] für seine Rolle als „Mittler zwischen Franzosen und Deutschen, Ungläubigen und Gläubigen, Europäern und Menschen anderer Kontinente“
- 1975: Goethe-Medaille
- 1978: Theodor-Heuss-Medaille
- 1986: Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main
- 1986: Schärfste Klinge der Stadt Solingen
- 1991: Offizier der Ehrenlegion (Großoffizier 2001)
- 1993: Einrichtung des „Lehrstuhl Alfred Grosser“ (Gastprofessuren der Sciences Po in Paris und Nancy)
- 1994: Schillerpreis der Stadt Mannheim[19]
- 1995: Cicero Rednerpreis[20]
- 1998: Grand Prix de l’Académie des Sciences morales et politiques
- 2001: Grand Officier Légion d'Honneur[21]
- 2002: Humanismus-Preis des Deutschen Altphilologenverbands
- 2003: Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland: Großes Verdienstkreuz (1975) mit Stern (1985) und Schulterband (2003)
- 2004: Abraham Geiger-Preis des Abraham-Geiger-Kollegs an der Universität Potsdam
- 2004: Wilhelm-Leuschner-Medaille
- 2009: Einrichtung der Alfred-Grosser-Gastprofessur an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main[22]
- 2009: Verleihung der Frank-Loeb-Gastprofessur der Universität Koblenz-Landau
- 2012: Medienpreis des Deutsch-Französischen Journalistenpreises (DFJP)[23]
- 2013: Theodor-Wolff-Preis für das Lebenswerk
- 2013: Steiger Award
- 2014: Henri-Nannen-Preis für das publizistische Lebenswerk
- 2014: Martini-Preis des SPD-Unterbezirks Südpfalz[24]
- 2016: Goldenes Coeur de l‘Europe.[25]
- 2017: Verleihung der Mercator-Professur der Universität Duisburg-Essen[26]
- 2018: Eugen-Kogon-Preis[27]
In Bad Bergzabern wurde schon zu Grossers Lebzeiten ein Schulzentrum, bestehend aus Realschule plus und Gymnasium, nach ihm benannt.[28]
Schriften (Auswahl)
Im Folgenden sind auf Deutsch erschienene Schriften Grossers aufgeführt:
- Deutschlandbilanz. Geschichte Deutschlands seit 1945, 1970.
- Das Bündnis, 1981.
- Versuchte Beeinflussung, 1981.
- Der schmale Grat der Freiheit, 1981.
- Das Deutschland im Westen, Carl Hanser, München 1985, ISBN 3-446-12619-8.
- Frankreich und seine Außenpolitik, 1986.
- Mit Deutschen streiten, 1987.
- Mein Deutschland, 1993.
- Deutschland in Europa, 1998.
- Was ich denke., November 2000.
- Wie anders sind die Deutschen?, Beck, 2002, ISBN 3-406-49328-9.
- Wie anders ist Frankreich? Beck, München 2005, ISBN 3-406-52879-1.
- Die Früchte ihres Baumes. Ein atheistischer Blick auf die Christen, Vandenhoeck & Ruprecht, September 2005.
- Der Begriff Rache ist mir völlig fremd. In: Martin Doerry (Hrsg.): Nirgendwo und überall zu Haus. Gespräche mit Überlebenden des Holocaust. DVA, München 2006, ISBN 3-421-04207-1 (auch als CD), S. 120–129.
- Die Frage nach der Leitkultur. In: Robertson-von Trotha, Caroline Y. (Hrsg.): Kultur und Gerechtigkeit (= Kulturwissenschaft interdisziplinär/Interdisciplinary Studies on Culture and Society, Bd. 2), Baden-Baden 2007, ISBN 978-3-8329-2604-5.
- Von Auschwitz nach Jerusalem. Rowohlt 2009, ISBN 978-3-498-02515-1.
- Die Freude und der Tod. Eine Lebensbilanz. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2011, ISBN 978-3-498-02517-5.
- Le Mensch. Die Ethik der Identitäten. Dietz, Bonn 2017, ISBN 978-3-8012-0499-0.
Literatur
- Horst Möller: Alfred Grosser (1925–2024). In: Francia. Band 51, 2024, S. 463 ff.
- Martin Strickmann: L’Allemagne nouvelle contre l’Allemagne éternelle: Die französischen Intellektuellen und die deutsch-französische Verständigung 1944–1950. Diskurse, Initiativen, Biografien. Frankfurt a. M. u. a. 2004, ISBN 3-631-52195-2.
- Jörg von Uthmann: Richtig denken, das heißt: gerecht denken. In: Die Welt, 1. Februar 2005. Zum 80. Geburtstag Grossers
- 60 Jahre Leitkultur der Bundesrepublik ( vom 4. März 2016 im Internet Archive) Vorlesung Gastprofessur des Frank-Loeb-Instituts, PDF (209 KB)
- Ist die Meinungsfreiheit für Israelkritiker wirklich bedroht?. In: Die Welt, 4. November 2010. Zum Gedenktag 9. November 2010 in Frankfurt und zur Diskussion um Grossers Unterstützung für Martin Walser.
Rezensionen
- Frank Raudszus: Alfred Grosser. In: Frank Raudszus (Hrsg.): egotrip. Oktober 1998 (egotrip.de).
- Michael Hereth: Alfred Grosser at his best. Ein blendendes Frankreichbuch. In: Das Parlament. Nr. 11, 14. März 2005 (bundestag.de – über das Buch Wie anders ist Frankreich).
- Ursula Homann: Hinwendung zur Welt. Warum Alfred Grosser nicht an Gott glaubt. In: literaturkritik.de. Nr. 12, Dezember 2005 (literaturkritik.de – über das Buch Die Früchte ihres Baumes. Ein atheistischer Blick auf die Christen.).
Weblinks
- Literatur von und über Alfred Grosser im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Werke von und über Alfred Grosser in der Deutschen Digitalen Bibliothek
- Vortrag im Rathaus Stuttgart ( vom 10. Juni 2005 im Internet Archive) am 1. Juni 2005
- Die deutsch-französischen Beziehungen und die Europapolitik. Ein Gespräch mit Alfred Grosser am 9. September 2013 in Paris
- Stolperstein-Biographien der Stadt Frankfurt am Main
Nachrufe
- Michaela Wiegel: Ein Fährmann über den Rhein. faz.net. 8. Februar 2024, abgerufen am 9. Februar 2024.
- Britta Sandberg: Der Vermittler. spiegel.de. 8. Februar 2024, abgerufen am 9. Februar 2024.
- Ursula Welter: „Ich bin ein echter Franzose“. Deutschlandfunk Kultur. 8. Februar 2024, abgerufen am 9. Februar 2024.
- Konrad Löw: "Wider den deutschen Masochismus". Ein Nachruf auf den deutsch-französischen Publizisten Alfred Grosser von einem Weggefährten. In: Die Tagespost, Ausgabe vom 15. Februar 2024, S. 31.
Gespräche
- „Distanznahme zu sich selbst ist das wichtigste Bildungsziel!“, Gespräch mit Alfred Grosser vom Dezember 2000 aus DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung
- Freiheit schafft Europa, Interview mit Prof. em. Alfred Grosser, 11. Februar 2005 zur Eröffnung der 9. Karlsruher Gespräche des ZAK | Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale am Karlsruher Institut für Technologie
- Israels Politik fördert den Antisemitismus. ( vom 6. Juni 2012 im Internet Archive) In: Berliner Zeitung, 15. August 2006. Martina Doering interviewt Alfred Grosser.
- Ich muss als Jude nicht für Israel sein. In: taz, 4. April 2007. Interview von Stefan Reinecke und Daniel Bax mit Alfred Grosser.
- „Der Stern“ Interview mit der Hamburger Illustrierten am 21. Oktober 2007, Nr. 41, in dem Grosser sich zum Begriff Moralkeule von Walser äußert[29]
- Gespräch mit Alfred Grosser am 18. Juni 2008 in Paris.
- Sofort heißt es: Antisemitismus! Tobias Kaufman interviewt Alfred Grosser anlässlich seines neuen Buches „Von Auschwitz nach Jerusalem“ am 18. September 2009
- Ich bin genetisch optimistisch. In: taz, 28. September 2009. Gespräch über Von Auschwitz nach Jerusalem mit Moritz Reininghaus.
- Kritik an Grosser. Zentralrat lehnt Politologen als Redner ab. ( vom 9. März 2012 im Internet Archive) 3sat „Kulturzeit“. Interview am 4. November 2010 zu seinem Auftritt in der Paulskirche am 9. November 2010. Redaktionelle Zusammenfassung. Rechts, im Bild: Link zum Lifestream mit dem Interview. Darunter: Lifestream, Interview mit Salomon Korn zum selben Thema[30]
- Video-Interview über Alfred Grossers Buch Die Freude und der Tod. Eine Lebensbilanz am 2. Mai 2011 in Paris
- Meine Beerdigung ist schon bezahlt. ( vom 30. April 2016 im Internet Archive) In: Der Tagesspiegel, 10. Juli 2011. Interview von Jens Mühling und Anna Sauerbrey mit Alfred Grosser.
- Video-Interview mit Alfred Grosser - Die Deutsch-französischen Beziehungen und Europa am 12. September 2012 in Paris
- Interview der Woche des Deutschlandfunks, aufgenommen und wiedergegeben an seinem 90. Geburtstag, am 1. Februar 2015 (Ton und Text)