Oliver Zangwill

britischer Psychologe From Wikipedia, the free encyclopedia

Oliver Louis Zangwill (* 29. Oktober 1913 in East Preston; † 12. Oktober 1987 in Cambridge) war ein britischer Neuropsychologe und Professor für Experimentelle Psychologie an der University of Cambridge.[1]

Von rechts: Oliver Zangwill, Carolus Oldfield und Kenneth Craik vor dem „Bun Shop“ in Cambridge

Leben

Israel Zangwil und seine Frau Edith während des Siebten Zionistenkongresses in Basel (1905)

Er stammte aus einer bekannten jüdischen Familie und wurde als jüngstes von drei Kindern geboren. Sein Vater war der Romancier und Dramatiker Israel Zangwill (1864–1926). Als Oliver war zwölf Jahre alt, starb sein Vater. Seine Mutter, eine geborene Edith Ayrton (1879–1945), war eine der ersten Ärztinnen in England, sie wurde von Paul Broca in Paris im Zuge ihres Dissertationsverfahrens geprüft. Sie engagierte sich politisch und war aktiv an der Gründung des Völkerbundes beteiligt; sie sprach Japanisch und übersetzte u. a. Märchen.

Er studierte zuerst an der University College School in London bei C. P. Snow Physikalische Chemie. 1932 wechselte er in das King’s College in Cambridge, hier erwarb er 1935 seinen Bachelor of Arts sowie 1939 seinen Master und schloss sein Studium der Naturwissenschaften mit Auszeichnung ab. Als Forschungsstudent arbeitete er von 1935 bis 1940 im psychologischen Labor in Cambridge unter Frederic Charles Bartlett und lernte dort Kenneth Craik und Richard Charles Oldfield kennen. Er wurde ebenfalls von dem Psychiater John McCurdy beeinflusst, dessen Hypnose-Demonstrationen ihn faszinierten. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er von 1940 bis 1945 in Edinburgh in der Abteilung für Hirnverletzungen, wo er Patienten untersuchte und deren psychische Beeinträchtigungen beurteilte. Die Schäden äußerten sich in allgemeinen intellektuellen oder Persönlichkeitsveränderungen oder in Form relativ spezifischer, mehr oder weniger umschriebener Beeinträchtigungen; letztere betrafen verschiedene Aspekte der Wahrnehmung und der Motorik, des Gedächtnisses und der Lernfähigkeit sowie der Sprache im Sinne von Aphasien und verwandten Sprachstörungen. Er begann auch, Methoden zur Wiedereingliederung zu entwickeln und formulierte dazu drei Prinzipien: (1) das Prinzip der Kompensation bedeutet die Reorganisation psychischer Funktionen, (2) das Prinzip die Substitution besteht in dem Aufbau einer neuen Reaktionsmethode, um eine irreparabel beschädigte zu ersetzen, (2) das dritte Prinzip des direkten Trainings betrifft die Fragen, inwieweit die Funktionen geschädigter Hirnregionen von anderen Hirnregionen mit oder ohne spezielles Training übernommen werden können. Zwischen 1945 und 1952 war er Stellvertretender Direktor des Instituts für Experimentelle Psychologie in Oxford und von 1948 bis 1952 Senior Lecturer an der University of Oxford; dabei arbeitete er mit dem kanadischen Psychologen George Humphrey und dem schottischen Neurologen William Ritchie Russell zusammen. 1952 trat er die Nachfolge von Sir Frederic Bartlett als Professor für Experimentelle Psychologie an der Universität Cambridge an. Von 1955 bis 1987 war er Professorial Fellow am King’s College in Cambridge.

In Cambridge unterstützte er insbesondere die Pionierarbeit von Lawrence Weiskrantz und begründete damit die Neuropsychologie am National Institute of Neurology am Queen Square. Er arbeitete insbesondere mit George Ettlinger, Maria A. Wyke, Brenda Milner und Elizabeth Warrington zusammen.

Werk

Fast seine gesamte Arbeit befasst sich mit kognitiven Fragen im Zusammenhang mit normalen und pathologischen Hirnfunktionen, insbesondere des Parietallappens. Er wandte dabei Vorgehensweisen der experimentellen Psychologie an, um neurologische Erkrankungen und Funktionsstörungen zu erforschen. Die von Karl Lashley herstammenden holistischen Konzepte der Hirnorganisation lehnte er ab und spezialisierte sich auf die Lokalisation von Funktionen. So konnte er die Unterschiede in den räumlichen Beeinträchtigungen bei Läsionen des rechten und linken Parietallappens aufklären. Zudem trug er dazu bei, die Annahme zu widerlegen, dass Sprach- und Motordominanz nicht voneinander getrennt werden könnten. Zudem leistete er Beiträge zur Erforschung von Entwicklungsdyslexie, Gedächtnisstörungen und Demenz, von Aphasie, zerebraler Dominanz, Amnesie, Legasthenie und das Korsakow-Syndrom. Durch die Untersuchung von Veteranen des Zweiten Weltkriegs initiierte er die wissenschaftliche Erforschung der neuropsychologischen Rehabilitation in Großbritannien und entwickelte Behandlungsstrategien, die bis heute von Rehabilitationstherapeuten angewendet werden.

Ehrungen/Positionen

  • Benennung des Oliver Zangwill Centre for Neuropsychological Rehabilitation im Princess of Wales Hospital von Ely[2]
  • 1996: Der East Cambridgeshire and Fenland National Health Society Primary Care Trust (UK) benannte posthum eine Forschungs- und Behandlungseinheit zu seinen Ehren.
  • 1980: Ehrendoktorwürde der University of St Andrews
  • 1979: Ehrendoktorwürde der University of Stirling
  • 1977: Mitglied der Royal Society
  • 1964 bis 1965: Präsident der Experimental Psychology Society
  • 1958 bis 1966: Herausgeber der Vierteljahreszeitschrift der Experimental Psychology Society
  • 20 Jahre lang Herausgeber der Zeitschrift Neuropsychologia

Privates

Er heiratete 1947 Joy Sylvia, die Tochter des Dichters Thomas Moult. In ihrem Haus begrüßten sie Kollegen aus Europa, Amerika und Russland, darunter Jimmy und Eleanor Gibson, Hans-Lukas Teuber, Jean Piaget oder Alexander Luria. Diese gesellschaftlichen Aktivitäten waren auch für die für die Lehr- und Forschungskräfte seiner Universität von großem Nutzen. Mit seiner ersten Frau bekam er den Sohn David, der im Säuglingsalter bei einem Unfall ums Leben kam. Die Ehe wurde 1975 geschieden. 1976 heiratete er Shirley Tribe; später adoptierte er Jeremy, den Sohn seiner zweiten Frau. Er starb im Alter von 73 Jahren, dabei war er von den Hirnschäden und dem Gedächtnisverlust, die er sein Leben lang erforscht hatte, selbst betroffen.

Publikationen (Auswahl)

Monografien
  • Cerebral dominance and its relation to psychological function. Hassell Street Press, New York 2021, ISBN 978-1015074330.
  • Cerebral dominance and its relation to psychological function (Henderson Trust Lecture). Oliver & Boyd, Edinburgh 1960.
  • Mit W. H. Thorpe: Current problems in animal behavior. Cambridge University Press, New York 1961.
  • An introduction to modern psychology. Methuen, London 1950.
  • Psychology as the study of behaviour. Cambridge University Press (Inaugural Lecture), Cambridge 1954.
Herausgeberschaften
  • Mit W. H. Thorpe: Current problems of animal behaviour. Cambridge University Press, Cambridge 1961 (Reprinted 1963).
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
  • In defense of clinical psychology. In: Bulletin of the British Psychology Society, 1966, 19, S. 13–21.
  • Psychological aspects of rehabilitation in cases of brain injury. In: British Journal of Psychology, 1947, 37, S. 143–149.
  • Mit R.C. Oldfield: Head’s concept of the schema and its application in contemporary British psychology. Part IV. Wolters’s theory of thinking. In: British Journal of Psychology, 1943, 33, S. 143–149.
  • Mit R. C. Oldfield: Head’s concept of the schema and its application in contemporary British psychology. Part I. Head’s concept of the schema. In: British Journal of Psychology, 1942, 32, S. 267–286.
  • Mit R. C. Oldfield: Head’s concept of the schema and its application in contemporary British psychology. Part II. Critical analysis of Head’s theory. In: British Journal of Psychology, 1942, 33, S. 58–64.
  • Mit R. C. Oldfield: Head’s concept of the schema and its application in contemporary British psychology. Part III. Bartlett’s theory of memory. In: British Journal of Psychology, 1942, 33, S. 113–129.

Einzelnachweise

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