Referendum über den Beitritt Finnlands zur Europäischen Union 1994

Abstimmung zum finnischen EU-Beitritt From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Referendum über den Beitritt Finnlands zur Europäischen Union fand am 16. Oktober 1994 statt. Ausgelöst wurde es durch einen entsprechenden Beschluss des Finnischen Parlaments.

Konsultatives Referendum
über den Beitritt zur Europäischen Union
gültige Stimmen
56.7% (57.0%)
42.8% (43.0%)
0.5%
Ja
Nein
ungültig
Mehrheit der gültigen Stimmen
Quelle: Datenbank und Suchmaschine für direkte Demokratie: Finnland, 16. Oktober 1994 : Beitritt zur Europäischen Union.

Bei der unverbindlichen Volksbefragung sprachen sich 56,9 % der Abstimmenden für den von der Regierung befürworteten Beitritt zur Europäischen Union (EU) aus. Finnland wurde zum 1. Januar 1995 Mitglied.

Vorgeschichte

Beitrittsverhandlungen zur EU 1992–94:
Finnland
Österreich, Norwegen und Schweden
Europäische Gemeinschaft

Nach dem Zerfall der Sowjetunion und des von ihr beherrschten Ostblocks in den Jahren 1989–1991 eröffneten sich für die Staaten Ostmitteleuropas und Nordosteuropas neue politische Möglichkeiten und Perspektiven. Finnland hatte zwar nicht zum Ostblock gehört, jedoch trotz seines westlich-demokratischen Gesellschaftssystems aufgrund seiner geografischen Lage in direkter Grenze zur Sowjetunion eine strikte Politik der Blockfreiheit verfolgt. Mit der Sowjetunion unterhielt Finnland enge wirtschaftliche Beziehungen. Gleichzeitig war es Mitglied der europäischen Freihandelszone EFTA.

Angesichts der politischen Umbrüche 1989 schlug EG-Kommissionspräsident Jacques Delors die Bildung einer europäischen Freihandelszone, eines Europäischen Wirtschaftsraums (EEA) von Europäischer Gemeinschaft und EFTA-Staaten vor. Die finnische Regierung und öffentliche Meinung in Finnland schienen zunächst mit dieser EEA-Perspektive zufrieden, jedoch kam das Thema einer möglichen EG-Mitgliedschaft immer wieder auf die politische Tagesordnung. Während einer Fernsehdebatte einen Tag vor der Parlamentswahl in Finnland 1991 wurden Spitzenpolitiker verschiedener Parteien gefragt, ob Finnland in den kommenden vier Jahren die EG-Mitgliedschaft beantragen solle. Vertreter der Sozialdemokraten, der Zentrumspartei und des Linksbündnisses antworteten mit „Nein“. Die Konservativen und Grünen enthielten sich und ein „Ja“-Votum wurde durch die Schwedische Volkspartei, die Liberalen, die Konstitutionalisten und kleinere Gruppen geäußert.

Die Verhandlungen zwischen EG und EFTA zogen sich in die Länge. In den Jahren 1990 und 1991 stellten zudem zwei EFTA-Staaten – Österreich und Schweden – direkte Aufnahmeanträge in die Europäische Gemeinschaft. Nach dem fehlgeschlagenen Augustputsch 1991 in der Sowjetunion erklärten die drei baltischen Staaten Estland, Litauen und Lettland ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. In Finnland begann ein Umdenken und im März 1992 gab die finnische Regierung unter Esko Aho offiziell bekannt, dass Finnland Beitrittsverhandlungen mit der EG aufnehmen werde und am 18. März 1992 stimmte das finnische Parlament dem zu.[1]

Am 1. Februar 1993 nahm Finnland zusammen mit Österreich und Schweden Verhandlungen mit der EG auf. Da viele Probleme schon im Rahmen der vorangegangenen EEA-Verhandlungen geklärt worden waren, schritten die Verhandlungen zügig voran und kamen am 1. März 1994 zum offiziellen Abschluss. Norwegen nahm seine Verhandlungen mit der EU separat auf. Alle vier Staaten entschieden sich, Volksabstimmungen über den EU-Beitritt durchzuführen.

Der Weg zum Referendum

Esko Aho (Zentrumspartei, Foto von 2010), Ministerpräsident Finnlands 1990 bis 1995

In Finnland herrschte weitgehende Einigkeit darüber, dass das Stimmvolk über den Beitritt in einem Referendeum zu befragen sei. Auch wenn die Abstimmung gemäß der damaligen Verfassung und dem 1987 beschlossenen Gesetz über Verfahren bei konsultativen Referenden (Gesetzesnummer 571/1987) nur einen konsultativen Charakter haben konnte, wurde ihr ein hohes politisches Gewicht beigemessen.

Die Argumente der Mitgliedschaftsbefürworter zielten vor allem auf die angenommene verbesserte politische Stabilität und Sicherheit Finnlands bei einer Mitgliedschaft in Zeiten des politischen Umbruchs in Europa sowie auf wirtschaftliche Vorteile. Insbesondere die politische Instabilität des benachbarten Russlands betrachteten viele Finnen mit Sorge. Bei der Parlamentswahl in Russland 1993 schnitt die rechtsextreme Bewegung von Wladimir Schirinowski weit besser ab als zuvor erwartet. Zeitgleich gewannen die EU-Mitgliedschaftsbefürworter in Finnland in den Meinungsumfragen vorübergehend fast 20 % hinzu.[2] Die Gegner der Mitgliedschaft führten vor allem den Verlust an Souveränität und die einseitige Bindung Finnlands an den Westen, sowie eventuelle wirtschaftliche Nachteile vor allem für die Landwirtschaft an. In Meinungsumfragen zeigte sich eine deutliche Altersabhängigkeit in der Einstellung zur Frage der EU-Mitgliedschaft. Jüngere Wähler waren mehrheitlich deutlich dafür, ältere dagegen. Je höher der Bildungsabschluss der Befragten, desto höher war auch die Zustimmung zur Mitgliedschaft. Wähler bürgerlicher Parteien sprachen sich deutlich für die Mitgliedschaft aus, bei den Anhängern der Sozialdemokraten gab es eine knappe Mehrheit dafür, die Grünen waren gespalten und die Linksorientierten gegen die Mitgliedschaft. Männer waren eher geneigt für die Mitgliedschaft zu stimmen als Frauen.[3]

Für die Diskussion in Finnland spielte auch die Volksabstimmung in Österreich am 12. Juni 1994 eine Rolle, bei der sich die Wähler mit großer Mehrheit von 66,6 % für den EU-Beitritt aussprachen.

Ergebnisse

Beim Referendum am Sonntag, dem 16. Oktober 1994 waren etwas über 4 Millionen Personen stimmberechtigt. Hiervon beteiligten sich 2.861.565 (= 70,8 %) an diesem zweiten Plebiszit in der Geschichte Finnlands. Die Abstimmungsfrage in Finnisch und Schwedisch lautete:

„Tuleeko Suomen liittyä Euroopan unionin jäseneksi neuvotellun sopimuksen mukaisesti?“

„Bör Finland bli medlem av Europeiska unionen i enlighet med det avtal som förhandlingarna har lett till?“

„Sollte Finnland gemäß dem Abkommen, das aus den Verhandlungen hervorgegangen ist, Mitglied der Europäischen Union werden?“

Datenbank und Suchmaschine für direkte Demokratie: Finnland, 16. Oktober 1994 : Beitritt zur Europäischen Union[4]

Von den abgegebenen gültigen Stimmen sprach sich eine Mehrheit von 1.621.543 (= 57 %) für den Beitritt Finnlands zur Europäischen Union aus. Dabei zeigte sich ein deutliches Süd-Nord-Gefälle bei den „Ja“-Stimmen. Während sich in den beiden einwohnerstärksten Stimmkreisen Helsinki (73,6 %) und Uusimaa (68,05 %) große Mehrheiten für den Beitritt aussprachen, überwogen in den nördlichen, und dünner besiedelten Stimmkreisen die „Nein“-Stimmen, wenngleich weniger ausgeprägt. Die stärkste Ablehnung zeigte sich Oulu (56,1 %) und Vaasa (55,6 %). Im Stimmkreis Turku Nord war der Ausgang besonders knapp, dort gaben weniger als 300 Stimmen den Ausschlag zu einer mehrheitlichen Zustimmung (50,1 %). Auf Gemeindeebene fand sich die höchste Zustimmung in Kauniainen (87,8 %) und die niedrigste in Ullava (19,4 %).[5]

Weitere Informationen Endergebnis des Referendums über den Beitritt Finnlands zur Europäischen Union am 16. Oktober 1994, Stimmkreis ...
Endergebnis des Referendums über den Beitritt Finnlands zur Europäischen Union am 16. Oktober 1994[6]
Stimmkreis Stimm­berechtigte
(a)
abgegebene
Stimmen (b)
gültige
Stimmen (b)
ungültige
Stimmen
Ja Nein
Anzahl Anzahl Anteil
(an a)
Anzahl Anteil
(an b)
Anzahl Anteil
(an b)
Anzahl Anteil
(an c)
Anzahl Anteil
(an c)
Helsinki 437.689 314.962 71,96 % 313.304 99,47 % 1.658 0,53 % 230.575 73,59 % 82.729 26,41 %
Uusimaa 595.651 450.071 75,56 % 447.904 99,52 % 2.167 0,48 % 304.778 68,05 % 143.126 31,95 %
Turku Süd 344.876 250.568 72,65 % 249.301 99,49 % 1.267 0,51 % 141.309 56,68 % 107.992 43,32 %
Turku Nord 213.411 153.414 71,89 % 152.605 99,47 % 809 0,53 % 76.446 50,09 % 76.159 49,91 %
Häme Süd[7] 254.238 183.321 72,11 % 182.380 99,49 % 941 0,51 % 109.697 60,15 % 72.683 39,85 %
Häme-Nord 322.399 234.090 72,61 % 232.831 99,46 % 1.259 0,54 % 129.568 55,65 % 103.263 44,35 %
Kymi 270.102 188.779 69,89 % 187.923 99,55 % 856 0,45 % 122.591 65,23 % 65.332 34,77 %
Mikkeli 164.104 109.780 66,90 % 109.236 99,50 % 544 0,50 % 59.250 54,24 % 49.986 45,76 %
Pohjois-Karjala 137.899 90.209 65,42 % 89.758 99,50 % 451 0,50 % 43.285 48,22 % 46.473 51,78 %
Kuopio 201.743 135.313 67,07 % 134.765 99,60 % 548 0,40 % 65.125 48,32 % 69.640 51,68 %
Keski-Suomi 201.554 140.258 69,59 % 139.588 99,52 % 670 0,48 % 66.589 47,70 % 72.999 52,30 %
Vaasa 366.813 255.379 69,62 % 253.822 99,39 % 1.557 0,61 % 112.586 44,36 % 141.236 55,64 %
Oulu 340.887 233.300 68,44 % 232.173 99,52 % 1.127 0,48 % 101.832 43,86 % 130.341 56,14 %
Lappland 166.860 110.301 66,10 % 109.347 99,14 % 954 0,86 % 51.871 47,44 % 57.476 52,56 %
Åland 24.380 11.820 48,48 % 11.649 98,55 % 171 1,45 % 6.041 51,86 % 5.608 48,14 %
Finnland Finnland 4.042.606 2.861.565 70,79 % 2.846.586 99,48 % 14.979 0,52 % 1.621.543 56,96 % 1.225.043 43,04 %
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Folgen

Finnland tritt der EU bei

Finnland trat am 1. Januar 1995 im Rahmen der sogenannten „EFTA-Erweiterung“ der Europäischen Union bei.

Das Land hatte mehrfach die EU-Ratspräsidentschaft inne, so von Juli bis Dezember 1999, Juli bis Dezember 2006 und Januar bis Juli 2020.[8] In den Anfangsjahren der Mitgliedschaft erfreute sich diese einer beträchtlichen Popularität. Finnland trat zudem im Gegensatz zum benachbarten Schweden und zu Dänemark der Eurozone bei. Alle finnischen Regierungen haben wiederholt Bekenntnisse zur Mitgliedschaft des Landes in der Europäischen Union abgegeben, dabei aber durchaus auch Verbesserungsbedarf hinsichtlich des Funktionierens der EU-Institutionen angemahnt.[9]

Sonderfall Åland

Aufgrund seines Sonderstatus als autonomes und Zollsondergebiet wurde im schwedischsprachigen Åland, dass als Teil Finnlands bereits am 16. Oktober abgestimmt hatte (dabei 51,9 % „Ja“-Stimmen) am 20. November 1994 ein weiteres, eigenständiges Referendum abgehalten. Dieses war bewusst einen Monat nach der gesamtfinnischen und eine Woche nach dem Referendum in Schweden über den EU-Beitritt vom 13. November 1994 angesetzt, damit die Åländer im Lichte dieser beiden nationalen Referenden entscheiden konnten. Bei dieser zweiten Abstimmung in Åland sprachen sich über 73 % der Abstimmenden für den Beitritt aus.[10]

Literatur

  • Tilastokeskus (Hrsg.): EU-kansanäänesty 1994. Helsinki 1994, ISBN 951-47-8737-4 (finnisch, schwedisch, englisch, stat.fi [PDF]).
  • Pertti Pesonen: Suomen EU-kansanäänestys 1994. Raportti äänestäjien kannanotoista. Helsinki 1994, OCLC 32924886 (finnisch, englisch, archive.org [PDF] Bericht der finnischen Statistikbehörde, Zusammenfassungen in Englisch).
  • Dag Anckar, Carsten Anckar: Finland. In: Dieter Nohlen, Philip Stöver (Hrsg.): Elections in Europe. A Data Handbook. DNB 1160757275, S. 593–638 (englisch, inlibra.com [PDF] zugänglich über https://wikipedialibrary.wmflabs.org).
  • Markku Suksi: Finland. The referendum as a dormant feature. In: Michael Gallagher, Pier Vincenzo Uleri (Hrsg.): The Referendum Experience in Europe. London, New York 1996, OCLC 34475532, S. 52–65 (zugänglich über https://wikipedialibrary.wmflabs.org).
  • Finnisches Parlament: Laki menettelystä neuvoa-antavissa kansanäänestyksissä. Helsinki 1987 (finnisch, englisch, finlex.fi „Gesetz über das Verfahren bei beratenden Referenden“).

Einzelnachweise

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