Referendum über den Beitritt Polens zur Europäischen Union 2003
Beitritt Polens zur Europäischen Gemeinschaft
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Das Referendum über den Beitritt Polens zur Europäischen Union fand am 7. und 8. Juni 2003 statt. Es wird ausgelöst durch einen Beschluss des Sejm, des polnischen Parlaments, das zwar mit einer Zweidrittelmehrheit den Beitritt alleine beschließen könnte, diese Frage jedoch dem Stimmvolk zur Entscheidung vorlegen möchte.
Die polnische Verfassung sieht vor, dass vom Parlament angesetzte Referenden nur dann bindend sind, wenn mindestens 50 % der Stimmberechtigten sich daran beteiligt haben. Andernfalls hat das Ergebnis nur beratenden Charakter, wie bei einer Volksbefragung. An dem Plebiszit nehmen 58,85 % der Stimmberechtigten teil, von den gültigen Stimmen sprechen sich 77,45 % für den Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft aus. Er ist damit verbindlich beschlossen und wird zum 1. Mai 2004 vollzogen.
Hintergrund

Polen
andere Beitrittskandidatenländer
Europäische Union
Ab Ende 1997 nahm die Europäische Union Beitrittsverhandlungen mit sechs mittel- und osteuropäischen Staaten auf, die sogenannte „Luxemburg-Gruppe“, darunter auch Polen. Ende 1999 wurden mit weiteren sechs Staaten (die sogenannte „Helsinki-Gruppe“) Verhandlungen aufgenommen. Die Verhandlungen wurden schließlich Ende 2002 mit zehn der zwölf Staaten erfolgreich abgeschlossen und die fünfte Erweiterung der Europäischen Union beschlossen. Von den zehn Beitragskandidaten entschlossen sich neun, den Beitritt, und die damit notwendigerweise einhergehenden Souveränitätsabgaben, von ihrem Stimmvolk in einem Referendum beschließen zu lassen, darunter auch Polen. Am 16. April 2003 wurde in Athen der Beitrittsvertrag, der am 1. Mai 2004 in Kraft trat, durch die EU und die 10 Beitrittskandidaten unterzeichnet.
Der Weg zum Referendum
Beschluss im Sejm
Laut polnischer Verfassung wäre ein Veschluss des EU-Beitritts auch mit einer Zweidrittelmehrheit im Parlament möglich gewesen. Tatsächlich gab es im Parlament auch eine ausreichende Mehrheit für einen direkten Beschluss, jedoch bestand weitgehende Einigkeit darüber, dass über eine so wichtige Entscheidung das polnische Stimmvolk direkt entscheiden solle. Der Artikel 125 der Verfassung gibt dem Sejm das Recht, Referenden über wichtige Fragen anzusetzen. Allerdings ist dort auch festgelegt, dass solche Plebiszite nur dann verbindlich sind, wenn mindestens 50 & der Stimmberechtigten daran teilnehmen. Andernfalls ist das Ergebnis als unverbindliche Empfehlung zu verstehen und das Parlament muss den entsprechendenn Beschluss mitn einer eigenen Mehrheit treffen.
Um angesichts dieser Hürde die Verbindlichkeit der Abstimmung nicht zu gefährden, änderte der Sejm am 13. Februar 2003 das Abstimmungsgesetz, um einen zweitägigen Stimmgang zu ermöglichen. Mit einer weiteren Änderung erhielt die Zentrale Stimmkommission das Recht, nach dem ersten Tag den Grad der Beteiligung bekanntzugeben.
Abstimmungskampf
| Stimm- empfehlung |
Politische Partei | |
|---|---|---|
| Ja | Bund der Demokratischen Linken (SLD) | |
| Bürgerplattform (PO) | ||
| Recht und Gerechtigkeit (PiS) | ||
| Polnische Bauernpartei (PSL) | ||
| Arbeitsunion (UP) | ||
| Wahlkomitee Deutsche Minderheit (MN) | ||
| Nein | Liga Polnischer Familien (LPR) | |
| Neutral (eher Nein) |
Selbstverteidigung der Republik Polen (SRP) | |
Von den sieben nach der Parlamentswahl 2001 im Sejm vertretenen politischen Parteien sprachen sich fünf für ein „Ja“-Votum aus. Zusammen hatten diese fünf Parteien bei der Wahl 2001 80,2 % der Mandate im Sejm gewonnen. Ein „Nein“-Votum wurde von der Liga Polnischer Familien (8,3 % Mandatsanteil) empfohlen und die Selbstverteidigung der Republik Polen (11,5 %) gab keine Abstimmungsempfehlung heraus, mit allerdings deutlicher Tendenz zur Ablehnung. Die sozialdemokratische SLD war die proeuropäischste Partei und die einzige Partei, die offen einen europäischen Bundesstaat und die geplante europäische Verfassung befürwortete. Die 2001 gegründete Bürgerplattform vertrat vor dem Referendum ebenfalls einen ausgesprochen proeuropäischen Standpunkt. Nach dem Referendum wurde ihre Haltung jedoch deutlich zögerlicher und die Partei pochte auf die Erhaltung spezifisch polnischer Rechte in Europa. Die Polnische Bauerpartei nahm gegenüber der EU eine ambivalente Haltung ein. Sie befürwortete ein lockeres Integrationsmodell im Sinne eines „Europas der Nationen“ und forderte ausgedehnte Subventionen für polnische Bauern und ein 18-jähriges Verbot zum Landerwerb in Polen durch EU-Bürger. Ihre Empfehlung für das Ja-Votum gab die Partei erst ab, nachdem die SLD-geführte Regierung vielen ihrer Forderungen nachgekommen war. Die Haltung der rechtskonservativen PiS zu Europa war von Beginn an ambivalent. Im Parteiprogramm wurden zwar die historische Verankerung Polens in Europa, aber auch die Risiken einer Integration auf wirtschaftlichem und kulturellem (identitärem) Gebiet betont. Die Beitrittsbedingungen, die die Regierung ausgehandelt hatte, wurden scharf kritisiert. Der PiS-Parteikongress vom 18. Januar 2003 sprach sich aber trotz differierender Meinungen für ein „Ja“-Votum aus. Die agrarisch-populistische „Selbstverteidigung“ (Samoobrona) zeigte sich EU-kritisch und veröffentlichte im Mai 2003 ein Manifest „Die EU – ihr habt die Wahl!“ Formell gab sie keine Wahlempfehlung aus, jedoch war der Tenor eindeutig eher EU-kritisch. Für die nationalkonservativ-katholische Liga Polnischer Familien war die kritische Haltung zur EU ein Kernpunkt ihrer Programmatik. Sie sprach sich für die Ablehnung des EU-Beitritts aus. Dabei wurden ökonomische, politische und ideologische Argumente angeführt.[1]
Ergebnis
Das Referendum fand an zwei Tagen, am Samstag und Sonntag, den 7. und 8. Juni 2003 statt. Von den etwas knapp 30 Millionen Stimmberechtigten beteiligten sich 17.576.714 (= 58,85 %) am Referendum, womit das geforderte 50-%-Beteiligungsquorum klar überschritten wurde und die Abstimmung Verbindlichkeit erlangte. Die Abstimmungsfrage lautete:
„Czy wyraża Pan/Pani zgodę na przystąpienie Rzeczypospolitej Polskiej do Unii Europejskiej”
„Sind Sie mit dem Beitritt der Republik Polen zur Europäischen Union einverstanden?“
Von den abgegeben gültigen Stimmen sprach sich eine große Mehrheit von 13.514.872 (= 77,45 %) für den Beitritt zur Europäischen Union aus, 3.935.655 Stimmen (= 22,55 %) lauteten auf „Nein“. Der Anteil ungültiger Stimmen lag bei niedrigen 0,7 %.
| Gebiet | Stimmberechtigte (a) |
Abstimmende | gültige Stimmen (b) |
ungültige Stimmen |
Ja | Nein | |||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Anzahl | Anzahl | Anteil (an a) |
Anzahl | Anteil (an a) |
Anzahl | Anteil (an a) |
Anzahl | Anteil (an b) |
Anzahl | Anteil (an b) | |
| 29.864.969 | 17.576.714 | 58,85 % | 17.450.527 | 99,28 % | 126.187 | 0,72 % | 13.514.872 | 77,45 % | 3.935.655 | 22,55 % | |
Woiwodschaften
In allen Woiwodschaften ergab sich eine deutliche Mehrheit für den EU-Beitritt.
| Woiwodschaft | Ja | Nein | Beteiligung | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Zahl | % | Zahl | % | Zahl | % | |
| Niederschlesien | 1 155 092 | 83,66 % | 225 555 | 16,34 % | 1 388 686 | 60,18 % |
| Kujawien-Pommern | 711 520 | 77,11 % | 211 268 | 22,89 % | 929 397 | 57,90 % |
| Lublin | 596 715 | 63,25 % | 346 661 | 36,75 % | 951 838 | 55,45 % |
| Lebus | 380 909 | 84,02 % | 72 453 | 15,98 % | 456 354 | 58,21 % |
| Łódź | 844 870 | 71,34 % | 339 488 | 28,66 % | 1 194 200 | 57,70 % |
| Kleinpolen | 1 121 202 | 76,15 % | 351 087 | 23,85 % | 1 472 289 | 59,91 % |
| Masowien | 1 834 764 | 74,70 % | 621 541 | 25,30 % | 2 474 290 | 60,48 % |
| Oppeln | 378 649 | 84,88 % | 67 453 | 15,12 % | 449 437 | 54,56 % |
| Karpatenvorland | 634 715 | 70,08 % | 270 956 | 29,92 % | 913 045 | 57,32 % |
| Podlachien | 333 656 | 68,63 % | 152 503 | 31,37 % | 490 008 | 52,71 % |
| Pommern | 842 147 | 80,25 % | 207 322 | 19,75 % | 1 055 602 | 62,79 % |
| Schlesien | 1 927 221 | 84,51 % | 353 184 | 15,49 % | 2 294 120 | 61,40 % |
| Heiligkreuz | 403 198 | 75,76 % | 129 035 | 24,24 % | 536 941 | 52,14 % |
| Ermland-Masuren | 490 099 | 81,72 % | 109 610 | 18,28 % | 605 366 | 54,73 % |
| Großpolen | 1 201 760 | 77,13 % | 356 386 | 22,87 % | 1 570 042 | 60,99 % |
| Westpommern | 658 355 | 84,46 % | 121 153 | 15,54 % | 784 287 | 58,48 % |
| Polen gesamt | 13 514 872 | 77,45 % | 3 935 655 | 22,55 % | 17 576 714 | 58,85 % |
- Ergebnisse nach Woiwodschaften
- Ergebnis nach einzelnen Powiats
- Ergebnis nach Gemeinden
- Ergebnis der stimmberechtigten Auslandspolen
Literatur
- Przegląd Wyborczy. In: Krajowego Biura Wyborczego (Hrsg.): Biuletyn informacyjny. Band 2003, Nr. 5–6, 2003, ISSN 1507-983X (polnisch, gov.pl [PDF]).
- Anna Materska-Sosnowska: Poland. In: Dieter Nohlen, Philip Stöver (Hrsg.): Elections in Europe. A Data Handbook. DNB 1160757275, S. 1471–1524 (englisch, inlibra.com [PDF] zugänglich über https://wikipedialibrary.wmflabs.org).
Weblinks
- Polen, 8. Juni 2003 : Beitritt zur Europäischen Union. In: Datenbank und Suchmaschine für direkte Demokratie. Beat Müller, 20. August 2015, abgerufen am 31. Mai 2026.