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Vincent Bolloré

französischer Geschäftsmann, Industrieller und Corporate Raider From Wikipedia, the free encyclopedia

Vincent Bolloré (* 1. April 1952 in Boulogne-Billancourt) ist ein französischer Geschäftsmann, Industrieller und rechtsextremer[1][2] Medienmogul. Er expandierte das Familienunternehmen Bolloré, dessen Leitung er inzwischen weitgehend an seine Kinder abgegeben hat, und war von 2014 bis 2018 Aufsichtsratsvorsitzender des Medienkonzerns Vivendi, der mittlerweile mit zur Bolloré-Gruppe gehört. Sein Vermögen wird auf 10 Mrd. Euro geschätzt. Er wurde im Deutschlandfunk als Rechtskatholik bezeichnet[3][4] oder steht in der Tradition des katholischen Integralismus in Frankreich.[5]

Vincent Bolloré (2013)

2025 gründete er zudem den Thinktank Institut de l’Espérance (Institut der Hoffnung), das im Hintergrund an einem konservativen Manifest arbeitet.[6] Es setzt sich für die Förderung „christlicher Werte“, die Zurückdrängung des Islam in Frankreich, eine restriktivere Migrationspolitik und deutliche Kürzungen der Staatsausgaben ein.

Politischen Einfluss übt Bolloré vor allem über sein Medienimperium aus, zu dem u. a. CNews, Europe 1, das Verlagshaus Hachette gehören, die ihm als Plattformen für rechtskonservative und rechtspopulistische Positionen dienen, um die öffentliche Meinung in Frankreich zu beeinflussen.[7]

Leben

Vincent Bolloré stammt aus einer wohlhabenden bretonischen Familie. Er hat einen Bachelor of Laws der Universität Paris-Nanterre. Seine berufliche Karriere begann er danach als Trainee bei der Investmentbank Edmond de Rothschild. Später übernahm er die Leitung des im Besitz der Familie befindlichen Mischkonzerns Bolloré. Der Konzern ist unter anderem auf den Geschäftsfeldern Logistik (insbesondere Seefracht und Afrikahandel), Papierindustrie, Werbung, Medien und Mineralölwirtschaft tätig.

Gesche Wüpper beschrieb ihn 2005 in der Zeitung Die Welt als „de[n] am meisten gefürchtete[n] Investor Frankreichs“ sowie „als skrupellos, als Meister der Verunsicherung“.[8] Vincent Bolloré war unter anderem im französischen Baukonzern Bouygues engagiert, wo er für die Auswechslung des Firmenchefs sorgte, bevor er seine Beteiligung unter Gewinn wieder abstieß.

Die Bolloré-Gruppe hat auch wichtige Positionen in den Volkswirtschaften mehrerer ehemaliger französischer Kolonien in Afrika (insbesondere Elfenbeinküste, Gabun, Kamerun und Kongo).[9][10][11] Am 24. April 2018 wurde Bolloré wegen Befragung über die wahrgenommenen Zusammenhänge zwischen Abzinsungssätzen für politische Beratung (über Havas) und Hafenkonzessionen in Lomé, Togo und Conakry, Guinea, in Gewahrsam genommen. Anschließend wurde er wegen „Korruption ausländischer Agenten“, „Fälschung von Dokumenten“ und „Mittäterschaft bei Vertrauensbruch“ angeklagt.[12][13][14] Wenn er für schuldig befunden worden wäre, hätte er mit einer Höchststrafe von 1 Million Euro und einer Freiheitsstrafe von bis zu 10 Jahren rechnen müssen.[15] Nach einem Teil-Schuldeingeständnis bestätigte am 21. März 2023 die Untersuchungskammer des Pariser Berufungsgerichts, die von der Verteidigung von Vincent Bolloré angerufen wurde, die die Einstellung der Ermittlungen und die Anklageerhebung gegen seinen Mandanten beantragte, dass dieser wegen dieser Korruption einem Richter vorgeführt werde. Das Schuldeingeständnis von Vincent Bolloré, der hiermit glaubte, einem Urteil zu entgehen, wurde aus der Akte genommen.[16] Im Jahr 2025 verklagte ein panafrikanisches Kollektiv die Bolloré-Gruppe, Bolloré selbst und seinen Sohn Cyrille wegen angeblicher Geldwäsche im Zusammenhang mit der Vergabe von Hafenkonzessionen in mehreren westafrikanischen Ländern.[17]

Vincent Bolloré wurde auf der im März 2013 veröffentlichten Liste der reichsten Menschen der Welt des Forbes Magazine an Position 329 aufgeführt, mit einem geschätzten Vermögen von 4 Milliarden US-Dollar.[18] 2013 war Vincent Bolloré der achtreichste Franzose. 2020 besaß die Familie Bolloré etwa 9 Mrd. US-Dollar.[19]

Er war von 1977 bis 2004 mit Sophie Fossorier verheiratet, mit der er vier Kinder hat, anschließend mit deren Schwester Florence und von 2006 bis 2014 mit Anaïs Jeanneret liiert. Die Kinder nehmen Leitungsfunktionen im familieneigenen Konzern wahr.[20]

Medienunternehmer

2004 stieg Bolloré bei der zweitgrößten französischen und weltweit sechstgrößten Werbeagentur Havas ein und wurde größter Anteilseigner. 2005 gründete er den Fernsehsender Direct 8 und erwarb Anteile an dem britischen Marktforschungs- und Mediaplanungsunternehmen Aegis Group (inzwischen veräußert). Im Juni 2006 gründet er die Gratiszeitung Direct Soir.

Im Mai 2007 geriet der frischgewählte französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy wegen Vorteilsannahme in die öffentliche Kritik, da er auf Einladung und privat finanziert von Bolloré, direkt nach seiner Wahl und noch vor seinem Amtsantritt, einen Privatjet Bollorés auf dessen Kosten benutzte und eine Malta-Kreuzfahrt auf einer seiner Luxusyachten, der Paloma, antrat. Sarkozy über Bolloré: „Ich wünsche der französischen Wirtschaft viele wie Vincent Bolloré.“[21]

2014 wurde er zum Aufsichtsratsvorsitzenden von Vivendi und beschloss, in das italienische Telekommunikationsunternehmen Telecom Italia und in den italienischen Sender Mediaset zu investieren, der von der Holdinggesellschaft Fininvest der Familie Berlusconi kontrolliert wurde.[22] 2018 gab er den Vorsitz weiter an seinen Sohn Yannick, der mit einer Nichte des Unternehmers Martin Bouygues verheiratet ist.[23]

Infolge des Börsengangs der Universal Music Group an der Euronext Amsterdam hielt Bolloré im Jahr 2022 18 Prozent der UMG-Aktien.[24]

Bolloré ermöglichte als Medienmogul maßgeblich die Präsidentschaftskandidatur des rechtsextremen Eric Zemmour 2022 und wird von manchen Journalisten für die angebliche Nutzung seiner Machtfülle im Medienbereich für Eigeninteressen kritisiert.[25]

2021 hatte Vincent Bolloré die Sonntagszeitung Le Journal du Dimanche übernommen.[26] Im Sommer 2023, entschied er, dass Geoffroy Lejeune, der frühere Chefredakteur des als islamkritisch und politisch rechts geltenden Blattes Valeurs Actuelles, Chefredakteur des JDD wird. Daraufhin trat die Redaktion in einen Streik, der sechs Wochen andauerte.[27] Da die Geschäftsleitung nicht nachgab und Lejeune sein Amt im August antrat, entschieden sich zahlreiche Redakteure die Zeitung zu verlassen. Nach Verhandlungen mit der Geschäftsleitung erhielten diejenigen, die gehen wollen, eine Abfindung.

Im Jahr 2023 veröffentlichte das Akademiemitglied Érik Orsenna die Geschichte eines Ungeheuers,[28] in dem er ein kritisches Porträt von Vincent Bolloré als Gegenstück verfasste,[29] ohne Namen, der als „gefährlich für die Demokratie“ eingestuft wurde.[30] Im selben Jahre übernahm Bolloré die Hachette, womit er u. a. auch die Kontrolle über den Verlag Éditions Grasset & Fasquelle gewann, was aufgrund seiner politischen Ausrichtung in weiten Teilen der Literaturszene kritisch beäugt wurde.[31]

Im vorgezogenen Wahlkampf zu den Parlamentswahlen in Frankreich 2024 untersagte Bolloré den von ihm kontrollierten Medien, den Rassemblement National als rechtsextrem zu bezeichnen.[32] Zusammen mit dem rechten Medienunternehmer Pierre-Édouard Stérin organisierte er 2025 den „Gipfel der Freiheiten“ (sommet des libertés), wo sie konservative und rechte Politiker zusammenbrachten. Die Vision lag in einer Zukunft, in der alle kriminellen Ausländer abgeschoben, Steuergelder für Fahrradwege und Gewerkschaften gestrichen, die Wokeness ausgemerzt seien und die „Ur-Französinnen“ im Schnitt wieder mindestens zwei Kinder zur Welt brächten, um dem angeblich „großen Austausch“ durch die Muslime zu begegnen.[33]

Im April 2026 kam es wegen der Entlassung des Leiters Olivier Nora zum Autorenprotest im von ihm mitgehaltenen Traditionsverlag Grasset (u. a. Despentes, Beigbeder und Bernard-Henri Lévy zogen sich zurück, Boualem Sansal wurde ins Programm übernommen);[34][35] Bolloré begründete dies mit Umsatzeinbrüchen und überhöhten Autorenhonoraren an eine „kleine Kaste, die glaubt, über allem zu stehen“.[5]

Anderseits gab er die Gründung (2025) eines christlichen „Instituts der Hoffnung“ von ca. 30 Personen unter seiner Ägide bekannt, das mit rechtsbürgerlichen Thesen Einfluss auf die Präsidentschaftswahl in Frankreich 2027 entfalten soll.[36] Für die Wahl setzt er auf den Rassemblement National, wobei er weniger die gemäßigte Marine Le Pen, die unter anderem gegen den Antisemitismus auftrat, sondern den weit jüngeren Jordan Bardella als Kandidaten der Partei fördert.[5]

Kontroverse um Paris Police 1905

Laut Le Canard enchaîné hat Vincent Bolloré über Canal+, kontrolliert durch seinen Vivendi-Konzern, bestimmte Passagen in dieser 2022 angelaufenen Serie, die sich mit der katholischen Kirche, Homosexualität oder dem Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat im Jahr 1905 befassen, zensieren lassen.[37] Es handelt sich um die zweite Staffel von Paris Police 1900, die ein Sittengemälde des Fin de Siècle zeichnet und Tabuthemen aufgreift.[38]

Hörfunkbeiträge

Literatur (Auswahl)

  • Nathalie Raulin, Renaud Lecadre: Vincent Bolloré: enquête sur un capitaliste au-dessus de tout soupçon. Paris: Denoël, 2000, ISBN 978-2-207-24946-8
  • Pierre Caminade (Hrsg.): Bolloré: monopoles services compris: tentacules africains. Dossiers noirs de la politique africaine de la France; 15. Paris: L'Harmattan, 2000. ISBN 2-7384-9632-6
  • Leo Klimm: Ihr Pate und seine Hetzer. In: Der Spiegel. 6. Juli 2024, S. 70.
Commons: Vincent Bolloré – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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