Wirtschaftskrise in Deutschland seit 2022
Wirtschaftskrise in Deutschland seit 2022
From Wikipedia, the free encyclopedia
Die deutsche Wirtschaftskrise bezeichnet einen erheblichen wirtschaftlichen Abschwung in Deutschland, der eine dramatische Abkehr von der vorherigen Phase des sogenannten „Arbeitsmarktwunders“ zwischen 2005 und 2019 darstellte. Das Land, das über Jahrzehnte als wirtschaftlicher Motor Europas galt, war 2023 mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,9 % die schwächste große Volkswirtschaft der Welt. 2024 schrumpfte die Wirtschaft um weitere 0,5 %, sodass Deutschland in eine Rezession geriet.[1] 2025 verzeichnete die deutsche Wirtschaft hingegen wieder ein leichtes Wachstum. Der Internationale Währungsfonds erwartet für 2026 ein Wachstum von 0,8 %.[2] Mehrere Ökonomen, Vertreter der Wirtschaft und andere Experten warnten, Deutschland könne infolge des Abschwungs erneut den Ruf des „kranken Mannes Europas“ erhalten, der dem Land bereits in den 1990er Jahren zugeschrieben worden war.[3][4]

Der Rückgang wurde auf mehrere Faktoren zurückgeführt. Dazu zählten eine vor 2022 nur unzureichend vorangetriebene Diversifizierung der Energieversorgung, die zu höheren Energiepreisen beitrug – unter anderem im Zusammenhang mit dem vollständigen Wegfall russischer Gasimporte ab 2022, dem Atomausstieg mit der Abschaltung der letzten Kernkraftwerke im Jahr 2023, dem langsamen Fortschritt der Energiewende sowie gestiegenen Kosten für fossile Brennstoffe im Rahmen der globalen Energiekrise ab 2021;[5] eine vergleichsweise geringe Produktivität infolge der schleppenden Digitalisierung;[6] Fiskalpolitik in Deutschland, insbesondere die Schuldenbremse, der erfolgreiche Antrag der CDU/CSU beim Bundesverfassungsgericht gegen einen Klimafonds in Höhe von 60 Milliarden Euro sowie die anschließenden innerkoalitionären Konflikte im Kabinett Scholz, die wirtschaftliche Impulse erschwerten;[7] globale Nachfrageverschiebungen, die die exportorientierte deutsche Wirtschaft belasteten, während eine durch höhere Reallöhne gestützte Binnennachfrage wegen der hohen Lebenshaltungskosten nur verzögert einsetzte;[8] sowie ein Fachkräftemangel infolge demografischer Entwicklungen wie der Alterung der Bevölkerung, einer geringen Erwerbsbeteiligung von Frauen und einer nachlassenden Zuwanderung nach Deutschland.[9]
Die Krise hatte auch erhebliche gesellschaftliche Folgen. Dazu zählten ein schwerer Wohnungsmangel, von dem 9,5 Millionen Menschen betroffen waren, sowie stark gestiegene Lebenshaltungskosten. Zugleich trug sie wesentlich zum Scheitern der Bundesregierung im Jahr 2024 und zu einer deutlichen Veränderung der politischen Kräfteverhältnisse bei: Die traditionell dominierenden Parteien, darunter die Mitglieder der von Bundeskanzler Olaf Scholz geführten Ampelkoalition, verloren stark an Zustimmung. Populistische Bewegungen wie die rechte Alternative für Deutschland und das linke Bündnis Sahra Wagenknecht gewannen hingegen an Rückhalt.[10]
Hintergrund
Zwischen 2005 und 2019 durchlief Deutschland eine Phase wirtschaftlicher Stärke, die oft als „Arbeitsmarktwunder“ bezeichnet wurde. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg in diesem Zeitraum um mehr als 15 %, nämlich von 39,3 Millionen auf 45,3 Millionen. Zusammen mit niedrigen Zinsen, geringer Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Stabilität trug diese Entwicklung dazu bei, Deutschland für Unternehmen und Investoren attraktiv zu machen.[11] Ein Teil des deutschen Wirtschaftswachstums beruhte dabei auf der zunehmenden Abhängigkeit von günstigen Erdgasimporten aus Russland. Mehr als die Hälfte der deutschen Gasimporte stammten bis 2022 aus Russland.[12][13][14][15][16]
Am 8. März 2022 kündigte US-Präsident Joe Biden in Folge des russischen Überfall auf die Ukraine ein Verbot russischer Ölimporte an. Er erklärte, die Vereinigten Staaten würden alle Importe russischer Öl- und Gasenergie untersagen; russisches Öl werde damit in US-Häfen nicht mehr zugelassen, und das amerikanische Volk werde Putins Kriegsmaschinerie einen weiteren schweren Schlag versetzen.[17] Der deutsche Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck warnte, falls Deutschland im folgenden Winter nicht mehr Gas beschaffe und die Lieferungen aus Russland gekürzt würden, reiche das Gas nicht aus, um alle Häuser zu heizen und zugleich die gesamte Industrie am Laufen zu halten.[18]
Am 7. März 2022 widersetzte sich Bundeskanzler Olaf Scholz Forderungen aus den Vereinigten Staaten und der Ukraine, Deutschland solle sich rasch von russischen Öl- und Gasimporten unabhängig machen. Er begründete dies damit, dass Europas Versorgung mit Energie für Wärme, Mobilität, Strom und Industrie auf anderem Wege nicht gesichert werden könne.[19][20] Die Europäische Union (EU) erklärte hingegen, sie wolle ihre Abhängigkeit von russischem Gas noch im Jahr 2022 um zwei Drittel reduzieren.[21]
Im September 2022 warf Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck den Vereinigten Staaten und anderen „befreundeten“ Erdgaslieferländern vor, sie profitierten mit „astronomischen Preisen“ vom russisch-ukrainischen Krieg. Er rief die USA dazu auf, ihre von der Energiekrise belasteten Verbündeten in Europa stärker zu unterstützen.[22] Geopolitische Spannungen im Nahen Osten trugen zu steigenden Ölpreisen bei; Brent-Rohöl-Futures stiegen auf 80 US-Dollar pro Barrel.[23]
Krise

Deutschland geriet 2023 in eine Rezession. Die Wirtschaftsleistung schrumpfte sowohl im vierten Quartal als auch im Gesamtjahr um 0,3 %, wodurch Deutschland in diesem Jahr zur schwächsten großen Volkswirtschaft weltweit wurde. Für 2024 wurde prognostiziert, dass Deutschland – abgesehen vom Vereinigten Königreich – langsamer wachsen werde als alle OECD-Mitgliedstaaten. Ökonomen machten hierfür vor allem die westlichen Sanktionen gegen Russland nach dessen Angriff auf die Ukraine verantwortlich, durch die Deutschland von einem erheblichen Teil seiner bisherigen Energieversorgung mit günstigem russischem Erdgas abgeschnitten wurde. Die Folge waren Energieengpässe und Preissteigerungen, die zahlreiche Wirtschaftsbereiche belasteten – von kleinen lokalen Betrieben bis hin zu großen Industrieprojekten.[24] Deutschland war 2023 die einzige Volkswirtschaft der G7, deren Wirtschaftsleistung zurückging.[25] Die jährliche Inflationsrate lag 2022 bei 6,9 %, sank bis 2025 jedoch auf 2,2 %.[26] Der private Konsum ging um 0,8 % zurück. Carsten Brzeski, globaler Leiter der Makroanalyse der niederländischen Bank ING, sah für Deutschland 2024 ein hohes Rezessionsrisiko und erwartete kurzfristig keine Erholung. Eine solche Entwicklung hätte die erste zweijährige Rezession Deutschlands seit 2004 bedeutet. Ökonomen beschrieben die deutsche Wirtschaft als in einem „permanenten Krisenmodus“ befindlich.[27]
2024 befand sich die deutsche Wirtschaft im zweiten Rezessionsjahr in Folge. Habeck kündigte an, dass für das Gesamtjahr mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,2 % gerechnet werde; damit wurde die frühere Prognose eines Wachstums von 1,3 % für 2024 deutlich nach unten korrigiert. Er verwies darauf, dass Deutschland bereits seit 2018 nur noch ein schwaches Wachstum verzeichne, verursacht durch eine Mischung aus inneren strukturellen Problemen und äußeren globalen Herausforderungen. Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft wurde als zwischen China und den Vereinigten Staaten „eingezwängt“ beschrieben, weshalb eine Neubewertung der wirtschaftspolitischen Strategie erforderlich sei.[28] Der Ankündigung war ein Rückgang um 0,1 % im vorangegangenen Zeitraum vorausgegangen; zugleich war für Deutschland im fünften Quartal in Folge kein Wachstum verzeichnet worden.[29] Unter den G7-Staaten wurde Deutschland für 2024 das geringste Wachstum prognostiziert.[30]
Bundeshaushalt
Am 15. November 2023 begann eine Krise des Bundeshaushalts für das Haushaltsjahr 2024, nachdem das Bundesverfassungsgericht die Umwidmung von 60 Milliarden Euro aus nicht ausgeschöpften Kreditermächtigungen zur Bewältigung der COVID-19-Pandemie in den Klima- und Transformationsfonds für verfassungswidrig erklärt hatte. Der Klima- und Transformationsfonds war für zentrale Vorhaben der Ampelkoalition sowie für die deutschen Pläne zur Klima- und Energiewende von erheblicher Bedeutung. Die Entscheidung entzog der Finanzplanung der Bundesregierung einen wesentlichen Teil ihrer vorgesehenen Mittel.
Die Krise des Bundeshaushalts wurde durch Meinungsverschiedenheiten darüber verschärft, ob und wie die Schuldenbremse umgangen oder erneut ausgesetzt werden könnte. Die Schuldenbremse ist eine 2009 eingeführte Fiskalregel, die die strukturelle Nettokreditaufnahme des Bundes grundsätzlich auf 0,35 % des Bruttoinlandsprodukts begrenzt und auch den Ländern enge Grenzen für neue Schulden setzt.[31][32] Obwohl sie als zentraler Bestandteil der deutschen Finanzpolitik gilt, wurde sie seit ihrer Einführung wiederholt durch Sonderregelungen, Sondervermögen oder Ausnahmetatbestände relativiert. Frühere Bundesregierungen fanden Wege, zusätzliche Ausgaben außerhalb des regulären Bundeshaushalts zu finanzieren, etwa durch Sondervermögen für Flüchtlingskosten im Jahr 2017 oder durch die Aussetzung der Schuldenbremse während der COVID-19-Pandemie und infolge des Ukrainekriegs. Bis 2023 gab es etwa 29 solche Fonds oder Sondervermögen außerhalb des Bundeshaushalts.[33]
Nach intensiven Verhandlungen einigte sich die Koalition von Bundeskanzler Olaf Scholz im Dezember 2023 auf einen Kompromiss. Dieser hielt für das Haushaltsjahr 2024 an der Schuldenbremse fest, verlangte jedoch erhebliche Kürzungen beim Klima- und Transformationsfonds in Höhe von insgesamt 45 Milliarden Euro für die Jahre 2024 bis 2027. Damit wurde eine unmittelbare politische Krise abgewendet. Zugleich erforderte die Einigung Sparmaßnahmen inmitten eines wirtschaftlichen Abschwungs und drohte, Deutschlands klimapolitische Ziele zu schwächen.[34] Der Politico-Journalist Matthew Karnitschnig bezeichnete das Dilemma als „die deutscheste Krise aller Zeiten“.[35]
Unternehmen
Der deutsche Chemiekonzern BASF, eines der größten Unternehmen Deutschlands und der weltweit größte Chemiekonzern, verzeichnete 2022 zusätzliche Energiekosten von 3,2 Milliarden Euro, die auf die Sanktionen gegen russisches Gas zurückgeführt wurden. In der Folge strich das Unternehmen 2.600 Stellen. BASF legte außerdem Anlagen zur Herstellung von Kunststoffchemikalien sowie zwei Ammoniakanlagen still und verlagerte weitere Aktivitäten ins Ausland. Als Gründe wurden langwierige und bürokratische Genehmigungsverfahren, Überregulierung und hohe Produktionskosten genannt.[36]
Im April 2024 teilte das ifo Institut, ein führendes Wirtschaftsforschungsinstitut mit Sitz in München, mit, dass 55,2 % der Unternehmen im deutschen Wohnungsbau über Auftragsmangel klagten. Darüber hinaus berichteten 17,6 % der Bauunternehmen von stornierten Projekten, nach 19,6 % im März.[37] 2023 nahm die Zahl der Insolvenzen im Baugewerbe um mehr als 20 % zu.[38]
Im September 2024 meldete das ifo Institut, dass der ifo Geschäftsklimaindex den vierten Monat in Folge gesunken war. Bereits im August war der Index von 87 Punkten im Juli auf 86,6 Punkte gefallen und hatte damit den niedrigsten Stand seit fünf Monaten erreicht. Der auf Umfragen unter rund 9.000 deutschen Unternehmen aus verschiedenen Wirtschaftsbereichen beruhende Index zeigte eine zunehmende Unzufriedenheit mit der aktuellen Geschäftslage sowie wachsenden Pessimismus hinsichtlich der weiteren Entwicklung. Der anhaltende Rückgang der Unternehmensstimmung galt als Hinweis auf fortbestehenden wirtschaftlichen Druck. Besonders betroffen war das Verarbeitende Gewerbe, in dem die Stimmung auf den niedrigsten Stand seit Anfang 2020 sank. Auch im Dienstleistungssektor verschlechterte sich die Lage deutlich; dort erreichte die Stimmung den niedrigsten Stand seit Februar 2024. Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts, erklärte dazu: „Die deutsche Wirtschaft gerät immer stärker in die Krise.“[39][40]
Der ifo-Ökonom Klaus Wohlrabe erklärte, die deutsche Wirtschaft habe sich „in der Stagnation eingerichtet“. Als Gründe nannte er Auftragsmangel in allen Wirtschaftsbereichen, schwache Investitionen und eine wegen der Inflationsunsicherheit zurückhaltende Konsumbereitschaft. Vor diesem Hintergrund prognostizierte er für das dritte Quartal 2024 einen möglichen weiteren Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP), nachdem die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal unerwartet um 0,2 % geschrumpft war. Auch Elmar Völker, Ökonom der Landesbank Baden-Württemberg, und Thomas Gitzel, Ökonom der VP Bank, zeigten sich skeptisch, dass es noch vor Ende 2024 zu einer deutlichen Verbesserung kommen werde. Gitzel erklärte, die deutsche Wirtschaft stehe entweder am Rand einer Rezession oder vor einer Phase minimalen Wachstums.[41]
Der Weil European Distress Index, eine umfassende Untersuchung von 3.750 börsennotierten europäischen Unternehmen aus verschiedenen Branchen anhand mehrerer Wirtschaftsindikatoren, berichtete im April 2024, Deutschland habe sich zum „am stärksten unter Druck stehenden Markt Europas“ entwickelt. Besonders deutlich zeigte sich diese Belastung im Industriesektor, der unter hohen Zinsen, Fachkräftemangel und komplexen, wirtschaftsfeindlichen Regulierungen litt. Die starke Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft und ihr vergleichsweise starrer Arbeitsmarkt verschärften die Lage zusätzlich und nährten Sorgen vor steigenden Insolvenzzahlen. Dem Bericht zufolge zwangen steigende Inflationsraten und höhere Kreditkosten viele Unternehmen dazu, Projekte einzustellen oder zu verschieben; dies belastete Investitionen und Einstellungsentscheidungen. Auch Verbraucher waren betroffen: Steigende Preise für zahlreiche Güter des täglichen Bedarfs und Dienstleistungen sowie höhere Hypothekenkosten verringerten ihr verfügbares Einkommen.[42]
Der deutsche Einkaufsmanagerindex wies ebenfalls auf anhaltende wirtschaftliche Probleme hin. Der Index für das Verarbeitende Gewerbe sank auf 42,1 Punkte und signalisierte damit den „26. Monat in Folge“ eine schrumpfende Wirtschaftsaktivität; zugleich blieb er hinter den Markterwartungen zurück. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, erklärte, die Rezession im deutschen Verarbeitenden Gewerbe habe sich im August weiter verschärft, ohne dass eine Erholung absehbar sei. Im Dienstleistungssektor verlangsamte sich unterdessen das Wachstum weiter.[43]
Auslandsinvestitionen
BNP Paribas Real Estate berichtete, dass ausländische Käufer im ersten Quartal 2024 einen Anteil von 35 % an den Käufen von Gewerbeimmobilien hatten. Dies war der niedrigste Wert für ausländische Investitionen seit 2013 und zugleich ein Rückgang gegenüber 37 % im Jahr 2023. Als Gründe für den Rückgang wurden unter anderem hohe Inflationsraten und Sorgen vor einer möglichen Rezession in Deutschland genannt.[44]
Die Deutsche Bahn, vereinbarte den Verkauf ihrer Logistiktochter Schenker an den dänischen Konkurrenten DSV für rund 14 Milliarden Euro. Zugleich wurde die Commerzbank, Deutschlands zweitgrößte private Geschäftsbank, als mögliches Übernahmeziel gehandelt. Die italienische Bank UniCredit erhöhte ihren Anteil an der Commerzbank auf 21 %, was Spekulationen über eine mögliche Übernahme auslöste. Auch andere deutsche Unternehmen investierten verstärkt im Ausland: So sagte BASF 10 Milliarden Euro für ein neues Werk in China zu. Ökonomen betrachteten diese Entwicklungen als natürliche Folgen wirtschaftlicher Stagnation und strukturellen Wandels. Dass deutsche Unternehmen zunehmend stärker im Ausland als im Inland investierten, warf Fragen nach der Attraktivität Deutschlands als Unternehmensstandort auf.[45]
Lebenshaltungs- und Immobilienpreise
Verbraucherpreisindex für Deutschland 2019–2026
(Basisjahr 2020 = 100, Statistisches Bundesamt, Stand Mai 2026)[46]
(Basisjahr 2020 = 100, Statistisches Bundesamt, Stand Mai 2026)[46]
Deutschland war 2024 von einer schweren Wohnungskrise betroffen, die breite Teile der Bevölkerung erfasste. Erhebungen zufolge fehlten bundesweit mehr als 800.000 Wohnungen. In der Folge lebten über 9,5 Millionen Menschen in beengten Wohnverhältnissen, darunter besonders häufig Alleinerziehende und ihre Familien. Die Krise betraf nicht nur einkommensschwache Haushalte, sondern zunehmend auch die Mittelschicht. Bundeskanzler Olaf Scholz bezeichnete die Wohnungsfrage als Deutschlands drängendstes soziales Problem. Das Ziel der Bundesregierung, jährlich 400.000 neue Wohnungen zu schaffen, darunter 100.000 Sozialwohnungen, erwies sich wegen hoher Baukosten und gestiegener Zinsen als nicht erreichbar. Nach Angaben des ifo Instituts wurden 2023 nur 245.000 neue Wohnungen gebaut; für 2024 wurde ein Rückgang auf 210.000 erwartet. Der Angebotsmangel ließ bei zugleich hoher Nachfrage die Mieten im ganzen Land stark steigen.[47]
Besonders zugespitzt war die Krise in Großstädten und Universitätsstädten. In Berlin wurde der Wohnungsmarkt erheblich durch die Ausbreitung kurzfristiger Vermietungen über Plattformen wie Airbnb belastet. Zudem lagen die Mieten bei Neuverträgen im Durchschnitt etwa doppelt so hoch wie bei älteren Bestandsmietverträgen. Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Krise, etwa die Verlängerung mietrechtlicher Begrenzungen bis 2029, wurden häufig durch Ausnahmeregelungen und Schlupflöcher unterlaufen, insbesondere bei Neubauten, modernisierten Wohnungen und teilweise möblierten Wohnungen.[48] Auch der Konsum und der Einzelhandel litten unter der Entwicklung: Wegen der stark gestiegenen Lebenshaltungs- und Wohnkosten schränkten viele Haushalte ihre Ausgaben ein. Vor allem jüngere Verbraucher waren stärker verschuldet und verfügten daher über weniger frei verfügbares Einkommen für nicht notwendige Käufe.[49]
Deutsche Wirtschaftsverbände warnten, die Krise könne einen Dominoeffekt mit umfassenden wirtschaftlichen Schäden auslösen: Sie könne dringend benötigte ausländische Fachkräfte vom deutschen Arbeitsmarkt abschrecken und zugleich Wähler stärker politischen Extremen zutreiben. Zugleich führte die Krise zu einem starken Anstieg der Wohnungslosigkeit; einzelne Regionen meldeten innerhalb weniger Jahre eine Verzehnfachung. Organisationen, die Menschen auf dem angespannten Wohnungsmarkt unterstützen, etwa der Deutsche Mieterbund, verzeichneten Mitgliederzahlen auf Rekordniveau.[50] Parallel zur Eintrübung des Geschäftsklimas sank die Beschäftigung in Deutschland so stark wie seit vier Jahren nicht mehr. Entsprechende Umfragen im privaten Sektor deuteten auf eine breitere wirtschaftliche Abschwächung hin.[51]
BIP
Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank im Zeitraum von Oktober bis Ende Dezember 2022 um 0,4 %. Als Ursachen wurden die durch Sanktionen gegen russisches Gas verschärfte Energiekrise und deutliche Preissteigerungen genannt.[52] Nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes schrumpfte die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal 2024 unerwartet um 0,1 %. Damit kehrte sich das Wachstum von 0,2 % aus dem ersten Quartal um; zugleich wurde die Prognose eines Wachstums von 0,1 % verfehlt. Auch gegenüber dem Vorjahresquartal ging die Wirtschaftsleistung um 0,1 % zurück. Damit verzeichnete Deutschland fünf Quartale in Folge kein Wachstum.[53]
Das regulatorische Umfeld in Deutschland war Gegenstand anhaltender Debatten. Seit den 1980er Jahren hatten verschiedene Bundesregierungen wiederholt angekündigt, bürokratische Belastungen zu reduzieren und Investitionen zu fördern. Die Fortschritte auf diesem Gebiet blieben jedoch begrenzt. Erschwert wurde die Lage zusätzlich durch Vorschriften der Europäischen Union, die nach Einschätzung einiger Ökonomen weitere administrative Belastungen für Unternehmen mit sich brachten.[54] Trotz der Krise weist Deutschland innerhalb der G8 weiterhin das zweithöchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf.[55]
Der Green Deal der Europäischen Union, der auf Klimaneutralität bis 2050 abzielt, beeinflusste die wirtschaftspolitischen Diskussionen in Deutschland maßgeblich. Einige Ökonomen zeigten sich skeptisch, ob grüne Technologien hinreichendes Wachstumspotenzial böten, und argumentierten, Dekarbonisierung sei zwar wichtig, führe aber nicht zwangsläufig zu wirtschaftlichem Wachstum. Als wesentliche Hemmnisse für die deutsche Wirtschaftsleistung wurden die im vorangegangenen Jahrzehnt gesunkene Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, übermäßige Bürokratie und Regulierungslasten, der Digitalisierungsbedarf in Behörden sowie der Fachkräftemangel genannt.[56]
Ursachen
Energiepolitik

Ökonomen führten Deutschlands wirtschaftliche Stagnation unter anderem auf die Abhängigkeit von günstigem russischem Gas zurück. Diese Abhängigkeit habe sich seit den 1960er Jahren entwickelt und nach der Wiedervereinigung sowie der Gasmarktliberalisierung weiter verstärkt. 2011 wurde die Nord-Stream-Pipeline von Russland nach Deutschland in Betrieb genommen, was die Importmengen weiter erhöhte. Bis 2022 kamen 55 % der deutschen Erdgasversorgung aus Russland; zugleich war Russland die wichtigste Quelle deutscher Öl- und Kohleimporte. Dadurch wurden die deutsche Industrie und die Gesamtwirtschaft in hohem Maße von günstiger russischer Energie abhängig. Begünstigt wurde dies durch eine gewisse Selbstzufriedenheit während des deutschen Wirtschaftsaufschwungs, infolge derer die Bundesregierung Aufforderungen der Europäischen Kommission zur stärkeren Diversifizierung der Energieversorgung vernachlässigte.[57]
Diese Abhängigkeit war Teil der Strategie hinter der deutschen Energiewende, bei der Erdgas als Brückentechnologie dienen sollte. Als Reaktion auf die russische Anerkennung der ostukrainischen Separatistengebiete stoppte Bundeskanzler Olaf Scholz am 22. Februar 2022 die Zertifizierung der fertiggestellten, aber noch nicht in Betrieb genommenen Nord-Stream-2-Pipeline. Russland reduzierte daraufhin schrittweise die Lieferungen über Nord Stream 1, zunächst unter dem Vorwand technischer Wartungsarbeiten. Im September 2022 stellte Gazprom die Lieferungen vollständig ein; am 26. September 2022 zerstörten mehrere Unterwasserexplosionen große Teile beider Pipelines in der Ostsee. Die EU wertete den Vorfall als Sabotage. Deutschland musste innerhalb weniger Monate eine komplette Diversifizierung einleiten, unter anderem durch den schnellen Bau von LNG-Terminals und Importe aus den USA, Katar und Norwegen.[12] Bis 2023 gingen die deutschen Gasimporte um 32,6 % zurück.[57]

Die Anspannung des Energiemarktes wurde durch die gleichzeitige Stilllegung der deutschen Kernkraftwerke weiter verstärkt. Bereits 2000 unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) gesetzlich beschlossen und nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 unter Angela Merkel (CDU) deutlich beschleunigt, sollten die letzten deutschen Kernkraftwerke ursprünglich bis Ende 2022 stillgelegt werden.[58] Ausschlaggebend waren Sicherheitsbedenken, der starke gesellschaftliche Widerstand gegen Atomkraft sowie das Ziel, zum Ausgleich erneuerbare Energien massiv auszubauen. Bis März 2011 erzeugte Deutschland mit 17 Reaktoren rund ein Viertel seines Stroms aus Kernenergie.[59] Die dadurch entstandene Lücke wurde zunächst vor allem durch russisches Erdgas geschlossen, was die Abhängigkeit von Russland unbeabsichtigt verstärkte. Angesichts der akuten Energiekrise 2022 verlängerte die Bundesregierung den Betrieb der letzten drei verbliebenen Anlagen (Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland) zunächst bis zum 15. April 2023. Danach wurden sie endgültig abgeschaltet.[57][60]
Obwohl Deutschland beim Ausbau erneuerbarer Energien früh eine führende Rolle einnahm, wurde die Energiewende durch überkommene bürokratische Hindernisse, komplexe und langwierige Genehmigungsverfahren für Erneuerbare-Energien-Projekte sowie lokalen Widerstand gegen Infrastrukturvorhaben gebremst. Dies hemmte zusätzliche Investitionen in den Sektor. 2024 machten erneuerbare Energien etwas mehr als 52 % der deutschen Stromversorgung aus; dies galt jedoch als nicht ausreichend, um den Bedarf der Industrie vollständig zu decken.[61]

Die Bundesregierung versuchte, dem resultierenden Strompreisanstieg entgegenzuwirken. Ab dem 1. Juli 2022 wurde die bisher berechnete Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz auf Null abgesenkt und mit dem am 1. Januar 2023 in Kraft tretenden Energiefinanzierungsgesetz vollständig abgeschafft. Der Finanzierungsbedarf der erneuerbaren Energien sollte künftig durch den Klima- und Transformationsfonds ausgeglichen werden.[62][63]

Markus Krebber, Vorstandsvorsitzender des Energiekonzerns RWE, warnte, die Energiekrise könne zu dauerhaften Schäden für die deutsche Industrie führen, weil die Gaspreise im Vergleich zu anderen europäischen Ländern strukturell höher bleiben könnten. Die notwendige Abkehr von bisherigen Erdgasquellen und die Diversifizierung der Energieversorgung würden energieintensive Branchen über längere Zeit belasten. Dies könne erhebliche und dauerhafte Rückgänge der strukturellen Nachfrage zur Folge haben.[64]
Im Oktober 2022 warf Habeck dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vor, die Wirtschaft und Gesellschaft Deutschlands und Europas destabilisieren zu wollen, indem er Deutschland zu Sanktionen gegen russisches Gas zwinge. Habeck erklärte, Putin werde damit scheitern, „so wie er derzeit auf dem Schlachtfeld in der Ukraine scheitert“. Darüber hinaus warf er Russland vor, Deutschlands Abhängigkeit von günstigem russischem Gas gezielt ausgenutzt zu haben, und bezeichnete dies als „Erpressung“.[65] 2026 ließen die Folgen des Iran-Krieges die Ölpreise weiter stark steigen.[66]
Technologische Anpassung
Einige Experten führten Deutschlands wirtschaftliche Schwierigkeiten teilweise auf die langsame Anpassung an technologische Entwicklungen sowie auf eine Verschiebung hin zu weniger produktiven Wirtschaftsbereichen zurück. Dies habe zur sinkenden Produktivität beigetragen.[67] Der Internationale Währungsfonds erklärte, Deutschland hinke anderen EU-Ländern bei digitalen Dienstleistungen für Unternehmen hinterher, etwa bei Registrierungen und Steuererklärungen. Eine stärkere Digitalisierung sei erforderlich, um bürokratische Hürden für Unternehmen und Verbraucher schneller abzubauen. Als Beispiel nannte der IWF, dass die Erteilung einer Gewerbeerlaubnis im Jahr 2024 120 Tage dauerte – mehr als doppelt so lange wie im OECD-Durchschnitt.[68]
Politisches Umfeld
Mehrere führende Vertreter der deutschen Wirtschaft bezeichneten politische Auseinandersetzungen über neue wirtschaftliche Impulsmaßnahmen als eine Hauptursache für die weitergehenden Probleme der deutschen Wirtschaft. Dazu zählte die Blockade des Wachstumschancengesetz im Bundesrat, das Bürokratie abbauen und Unternehmen steuerlich entlasten sollte. Zudem erklärte das Bundesverfassungsgericht Versuche, die Ausgaben im Bundeshaushalt deutlich auszuweiten, für verfassungswidrig.[69]
Hinzu kamen Streitigkeiten und mangelnde Kompromissbereitschaft innerhalb der dreigliedrigen Ampelkoalition von Bundeskanzler Scholz. Sie behinderten weitere Maßnahmen zur wirtschaftlichen Belebung und trugen zu den historisch niedrigen Umfragewerten der Bundesregierung bei. Umstritten war unter anderem die Frage, wie strikt Deutschland an niedriger Staatsverschuldung festhalten solle. Während die Liberalen Sparmaßnahmen forderten, drängten die Grünen auf höhere Infrastrukturinvestitionen und eine Änderung der Schuldenregeln im Grundgesetz.[70]
Globale Veränderungen
Die Vereinigten Staaten galten zunehmend als Konkurrent im Wettbewerb um klimabezogene Investitionen. China wiederum, einst ein wichtiger Abnehmer deutscher Waren, hatte sich zu einem bedeutenden Rivalen entwickelt, insbesondere in der fortgeschrittenen Fertigung. Die Abschwächung der chinesischen Wirtschaft verringerte die Nachfrage nach deutschen Exporten zusätzlich.[71] Darüber hinaus belasteten Lieferkettenstörungen infolge geopolitischer Ereignisse den deutschen Industriesektor, etwa die Angriffe der Huthi auf Handelsschiffe während der Krise im Roten Meer.[72]
Mangelndes Produktivitätswachstum
Seit den 1990er Jahren hat die deutsche Wirtschaft mit einem rückläufigen Produktivitätswachstum zu kämpfen, was als Gefahr für den Wohlstand eingeschätzt wurde. Das Produktivitätswachstum bezeichnet die Steigerung des Outputs pro Arbeitsstunde. Zwischen 2017 und 2024 stagnierte die Produktivität in Deutschland. Als mögliche Faktoren für das fehlende Wachstum wurden Bürokratie und Mängel in der Infrastruktur genannt. Aufgrund des Fachkräftemangels kann es zudem zu einer Überlastung der bestehenden Facharbeiter durch Überstunden kommen, was deren Produktivität negativ beeinflussen kann.[73]
Wohnen und Infrastruktur
Deutschlands dezentrale Wirtschaftsstruktur stellte nach Einschätzung von Ökonomen eine Herausforderung für Immobilieninvestoren dar. Die wirtschaftliche Stärke verteilt sich auf mehrere Städte wie Berlin, Köln, Hamburg, München und Frankfurt. Anders als in Ländern mit einem dominierenden Wirtschaftszentrum fehlt Deutschland eine eindeutig herausragende Metropole, die typischerweise gebündelte ausländische Investitionen anzieht. Dies begrenzte das Wachstum der Wohnungsnachfrage und der Bautätigkeit.[74] Gleichzeitig kamen Refinanzierungsschwierigkeiten und sinkende Immobilienwerte hinzu, die in ganz Europa spürbar waren. Viele Unternehmen der Immobilienbranche konnten ihre Schulden nicht mehr bedienen, wodurch ihre Fähigkeit zu neuen Investitionen und zur Fortführung laufender Projekte eingeschränkt wurde.[75]
Mehrere Leiter deutscher Bauunternehmen erklärten, dass der Neubau von Wohnungen trotz des akuten Wohnungsmangels in mehreren deutschen Städten, darunter Berlin, „praktisch unmöglich“ geworden sei. Sie verwiesen auf langwierige Genehmigungsverfahren, kostspielige Vorgaben zum Lärm- und Wärmeschutz sowie auf eine aus ihrer Sicht unzureichende Fähigkeit der Politik, Lösungen für den Wohnungsmangel zu entwickeln und den Wohnungsbau wirksam zu unterstützen.[76]
Deutschlands besondere Stellung als Land mit einem überwiegenden Anteil von Mietern verschärfte die Wohnungskrise. 2024 war Deutschland das einzige Land der Europäischen Union, in dem mehr Menschen zur Miete wohnten als in selbstgenutztem Wohneigentum; mehr als die Hälfte der Bevölkerung besaß keine eigene Wohnung oder kein eigenes Haus. Diese Lage wurde teilweise auf frühere politische Entscheidungen zurückgeführt, darunter der Verkauf tausender staatlicher Wohnungen an private Investoren und ein drastischer Rückgang des sozialen Wohnungsbaus durch die Kommunen.[77] Der Internationale Währungsfonds stellte fest, dass Deutschlands öffentliche Investitionen im Vergleich zu anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften nahezu am unteren Ende lagen. Vorgesehene Haushaltsmittel würden zudem häufig nicht vollständig abgerufen, unter anderem wegen Personalmangels in den Kommunen. Dies habe die Produktivität beeinträchtigt.[78]
Demografie
Der Internationale Währungsfonds führte die Schwäche der deutschen Wirtschaft zwar teilweise auf vorübergehende Faktoren zurück, darunter inflationsbedingte Konsumzurückhaltung, Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank und eine nach der COVID-19-Pandemie veränderte globale Nachfrage weg von Industriegütern. Zugleich betonte er jedoch, dass grundlegende strukturelle Herausforderungen erheblich zu den wirtschaftlichen Problemen beitrügen, insbesondere die beschleunigte Alterung der Bevölkerung. Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, die im vorangegangenen Jahrzehnt durch Zuwanderung gestützt worden war, werde mit dem Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand voraussichtlich stark schrumpfen. Dieser demografische Wandel dürfte das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf senken, das Produktivitätswachstum zusätzlich bremsen und die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen erhöhen. Dadurch könnten Arbeitskräfte verstärkt in den Gesundheitssektor gelenkt werden und in anderen Branchen fehlen.[79] Der IWF empfahl Deutschland, die Erwerbsbeteiligung auszuweiten, insbesondere die von Frauen. Dazu sollten der Zugang zu Kinderbetreuung verbessert und die steuerliche Belastung von Zweitverdienern in Ehepaaren verringert werden.[80]
Auch im deutschen Bildungssystem zeigten sich Anzeichen einer Verschlechterung. Schätzungen zufolge könnten sinkende Mathematikleistungen die deutsche Wirtschaft bis zum Ende des Jahrhunderts rund 14 Billionen Euro an entgangener Wirtschaftsleistung kosten. Die demografische Krise begrenzte zusammen mit politischen Arbeitskämpfen und Sparmaßnahmen den Spielraum der Bundesregierung, in notwendige Reformen zu investieren.[81]
Auswirkungen
Wirtschaft
Energieintensive Branchen wie die Stahl- und Chemieindustrie waren besonders stark betroffen. Große Unternehmen wie BASF SE, Lanxess AG, ThyssenKrupp AG und Salzgitter AG bauten in erheblichem Umfang Stellen ab. Im deutschen Automobilsektor kündigten Unternehmen wie Volkswagen AG, Continental AG, ZF Friedrichshafen AG und Robert Bosch GmbH Werksschließungen und Stellenstreichungen an. Auch die Reifenhersteller Michelin und Goodyear planten die Schließung mehrerer Werke in Deutschland. Der Bereich der erneuerbaren Energien, insbesondere Hersteller von Solarmodulen und Batterien, geriet im Wettbewerb mit chinesischen Konkurrenten unter Druck; dies führte zu Stellenabbau und möglichen Standortverlagerungen. Sinnbildlich für den wirtschaftlichen Abschwung stand die Schließung eines 124 Jahre alten Stahlrohrwerks in Düsseldorf, durch die 1.600 Beschäftigte ihre Arbeitsplätze verloren.[82]
Beschäftigung

Obwohl die Arbeitslosigkeit in Deutschland in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen hat, bleibt sie historisch und im europäischen Vergleich niedrig. Im Januar 2026 betrug die Arbeitslosenquote in Deutschland 4,0 % und lag damit deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 5,8 %.[83] Gemäß Bundesagentur für Arbeit lag sie jedoch im Januar 2026 bei 6,6 %.[84]
Politische Folgen
Bei der Bundestagswahl 2021 erzielte die von Olaf Scholz geführte Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) einen unerwarteten Erfolg. Besonders stark schnitt sie im ostdeutschen Bundesland Brandenburg ab. Dieser Erfolg wurde unter anderem auf wirtschaftspolitische Reformversprechen zurückgeführt, etwa die Anhebung des Mindestlohns.[85]
Bis 2024 hatte sich die politische Landschaft erheblich verschoben. Die Alternative für Deutschland (AfD), eine rechtspopulistische Partei, gewann vor allem in Ostdeutschland deutlich an Zustimmung. Bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg gehörte sie zu den stärksten politischen Kräften; Umfragen hatten zeitweise die Möglichkeit nahegelegt, dass sie erstmals eine Landtagswahl gewinnen könnte.[86] Zwar konnte die AfD bei allen drei Wahlen Mandate hinzugewinnen, sie war jedoch in keinem der Länder an einer Regierungsbildung beteiligt. Die Zustimmung zur regierenden Koalition lag Anfang 2024 in Umfragen nur noch bei 34 %.[87] Bei der Bundestagswahl 2025 wurde die Regierungskoalition abgewählt; Friedrich Merz wurde Bundeskanzler. Obwohl die AfD zweitstärkste Kraft wurde, bildete die CDU eine Regierung mit der SPD.[88] Auffällig war außerdem, dass die Freie Demokratische Partei (FDP), die Teil des Kabinetts Scholz gewesen war, sämtliche Bundestagssitze verlor.[89]
Parallel dazu entstand mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) eine neue politische Kraft. Die Partei beschreibt sich selbst als „links-konservativ“ und vertrat Positionen wie die Abkehr von klimapolitischen Zielen, die Einstellung militärischer Hilfen für die Ukraine und eine Begrenzung der Zuwanderung.[90] Bei der Bundestagswahl 2025 verfehlte das BSW knapp den Einzug in den Bundestag.
Europa
Der DAX blieb über mehrere Jahre hinter anderen wichtigen Aktienindizes der Eurozone zurück. In diesem Zusammenhang verzeichneten europäische Unternehmen wie MTU Aero Engines, Qiagen NV und Siemens Energy deutliche Kursverluste.[91] 2025 entwickelte sich der DAX hingegen besser als alle großen europäischen Aktienindizes.[92]
International
Das schwierige wirtschaftliche Umfeld führte dazu, dass deutsche Unternehmen ihre Investitionen im Ausland spürbar ausweiteten, insbesondere in den Vereinigten Staaten. Nach einer Analyse von fDi Markets hatten deutsche Unternehmen ihre Investitionen in den USA im Jahr 2023 „nahezu verdreifacht“ und auf 15,7 Milliarden US-Dollar erhöht. Große Unternehmen wie Volkswagen, Mercedes-Benz und RWE bauten ihr Engagement auf dem US-Markt deutlich aus. Diese Entwicklung wurde nicht nur mit dem industriellen Abschwung in Deutschland erklärt, sondern auch mit den attraktiven Rahmenbedingungen in den USA, insbesondere dem Inflation Reduction Act, der umfangreiche Subventionen für investierende Unternehmen vorsah. Markus Krebber, Vorstandsvorsitzender von RWE, erklärte, Europa verfolge zwar ähnliche industriepolitische Ziele, verfüge jedoch nicht über ein vergleichbar umfassendes Maßnahmenpaket wie die USA. Deshalb habe RWE beschlossen, sein US-Geschäft mit einem Investitionsplan von 15 Milliarden US-Dollar auszubauen.[93]
Gleichzeitig blieb Deutschland selbst ein attraktiver Standort für ausländische Investitionen. 2023 flossen ausländische Direktinvestitionen in Höhe von 34,8 Milliarden Euro nach Deutschland; Unternehmen aus den Vereinigten Staaten stellten dabei die größte Quelle dieser Investitionen dar.[94]