Deindustrialisierung

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Deindustrialisierung bezeichnet Prozesse sozialen oder wirtschaftlichen Wandels, die verursacht werden durch eine Schrumpfung der industriellen Sektoren, beispielsweise der Schwer- und verarbeitenden oder fertigenden Industrie, in einem Land oder einer Region. Häufig wird Deindustrialisierung als relativer Bedeutungsverlust der industriellen Produktion gegenüber anderen Sektoren verstanden.[1][2] Andere Sektoren als die Fertigungsindustrie sind z. B. der öffentliche Sektor, Einzelhandel, Bildung und Gesundheit, oder andere Dienstleistungen. Das Gegenteil der Deindustrialisierung ist die Industrialisierung.

Vom Industrie- zum Freizeitzentrum: Der Innenhafen Duisburg (äußerer Bereich)
Innenhafen Duisburg (innerer Bereich): Früher ein Getreidespeicher, heute Gaststätte und Museum

Der Begriff Deindustrialisierung wird auch als einseitig negativ konnotiertes politisches Schlagwort verwendet. Schrumpfungsprozesse in einigen Sektoren der Wirtschaft können vielmehr auch einhergehen mit der Ansiedlung neuer Industriebetriebe in anderen Bereichen, wie beispielsweise der Produktion von Autobatterien oder Halbleiterchips. Auch eine Transformation zu einer wissens- und forschungsbasierten Dienstleistungswirtschaft kann mit einer Deindustrialisierung einhergehen und insgesamt zu einer Modernisierung führen. Die Rede von einer Deindustrialisierung kann somit den Blick verengen und zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Überschneidet sich der Abbau alter mit dem Aufbau neuer Strukturen, wird von einem Strukturwandel oder einer Transformation gesprochen.[3]

Geschichte

Die Ursachen für eine Deindustrialisierung sind verschieden.[4] Zum Ende des Zweiten Weltkrieges entwarf der US-amerikanische Finanzminister Henry Morgenthau einen Plan zur Deindustrialisierung Deutschlands: den Morgenthau-Plan. Das Land sollte wieder in einen Agrarstaat verwandelt werden. Das Land Deutschland wurde jedoch zu einer zentralen Industrienation in Europa und wurde weltweit bekannt unter der Bezeichnung „Made in Germany“. (Siehe dazu auch das „Made for Germany“ weiter unten.)

Im Zuge der Globalisierung der Arbeitsmärkte verlagert sich die Produktion zunehmend in Niedriglohnländer. Viele betroffene Regionen – das heißt ehemalige „Industriehochburgen“ des 18. und 19. Jahrhunderts – und Großstädte versuchen, die Industrie durch Standort- und Wirtschaftsförderung zu erhalten und durch Dienstleistungen (Gesundheitswesen, Tourismus, Finanzwesen, Vergnügungsstätten usw.) umzubauen.[5] Bekannte Beispiele aus neuerer Zeit sind die Auto-Stadt Detroit, die 2013 Insolvenz anmelden musste (vgl. Autokrise), aber auch Städte im Ruhrgebiet wie die Industriestadt Duisburg.[6]

Beschreibung

Altindustrien verlieren an volkswirtschaftlicher Bedeutung wegen struktureller Verschiebungen zwischen Industrie- und Dienstleistungssektor. Dies bewirkt Produktionsverlagerungen und die Stilllegung von Werken, eine Zunahme der Arbeitslosigkeit sowie ein Rückgang der Wertschöpfung im Zweiten Sektor. Häufig ist damit auch ein Stadtverfall verbunden. Ehemalige Industrieanlagen und Gebäude werden manchmal als Industriedenkmäler erhalten, zum Beispiel die Völklinger Hütte.

Die strukturellen Verschiebungen zwischen Industriesektor und Dienstleistungssektor können ihrerseits auf eine geänderte Strategie der Unternehmen zurückgeführt werden, die eine Verschiebung der Arbeitsteilung bewirken: Rückbesinnung auf Kernkompetenzen, Outsourcing oder Reorganisation von Großunternehmen durch „Downsizing“. Als Folge werden aus Großunternehmen kleine dezentrale Einheiten gebildet und viele bislang unternehmensinterne Dienstleistungen von externen Dienstleistungsunternehmen geliefert.

Veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen wie etwa die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik ermöglichen solche Veränderungen. Dieselben reagieren damit auch auf veränderte Nachfragepräferenz (etwa hin zu mehr produktbezogener Beratung und Wartung), Beschleunigung der Produkteinführung (Time-to-Market). Daneben mag sich auch eine positivere Einstellung gegenüber Kooperationen herausgebildet haben.[7]

Industriezweige

Bethlehem Steel, 1899 gegründet, ist ein Symbolbild für die Deindustrialisierung in den USA. Das Unternehmen war im 20. Jahrhundert der größte Stahlproduzent, stellte seinen Betrieb jedoch ab den 1980er Jahren teilweise ein und meldete im Jahr 2001 Insolvenz an. 2003 wurde es schließlich vollständig aufgelöst. Bethlehem Steel war ebenfalls führend im Schiffsbau und bei konventionellen Rüstungsgütern.

Im folgenden Abschnitt werden einige Beispiele für Industrien skizziert, die sich stark gewandelt haben. Die Inhalte erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sollen lediglich einen Überblick geben.

Atomindustrie

Die Atomindustrie entstand mit der Entdeckung der Kernspaltung 1938 und wurde als Alternative zur Kohleindustrie entwickelt. Die zivile Nutzung der Kernenergie (auch Kernenergiewirtschaft) zur Stromproduktion wird in vielen Ländern genutzt, war jedoch im Laufe ihrer Geschichte zahlreichen strukturellen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen unterworfen. Das erste Kernkraftwerk Deutschlands, Kahl, wurde im Jahr 1961 ans Netz angeschlossen. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde der Primärenergieverbrauch durch fossile Quellen gedeckt. Der Anteil der Kernenergie stieg dann bis in die 1980er Jahre auf etwas mehr als 30 %.[8]

In den 1970er Jahren wurde die Technologie der schnellen Reaktoren weiterentwickelt[9], z. B. in Dounreay in Schottland und im Kernkraftwerk Kalkar in Deutschland. Die Entwicklung endete schnell, da die Kommerzialisierung in Europa und den USA nicht erfolgreich war. Dies lag zum einen an der komplexen Technologie und zum anderen an der Verfügbarkeit von Brennstoffen (siehe auch Uranwirtschaft), sodass ein erbrüten von spaltbarem Material keine Priorität mehr hatte. Die genannten Standorte wurden umgewandelt. Ersterer befindet sich seitdem im Rückbau, letzterer ist zu einem Freizeitpark geworden. Zudem haben diverse Unfälle im Zusammenhang mit der Kernenergie zu gesellschaftlichen Verwerfungen und Ablehnung geführt. Dies hatte unmittelbar Auswirkungen auf Beschäftigung. Die damalige Kraftwerk Union (KWU) beschäftigte bis zu 14.000 Mitarbeiter. Das Nukleargeschäft von KWU bzw. Siemens wurde vollständig an die Framatome GmbH veräußert. Der französische Mutterkonzern Framatome ist z. B. am Bau des modernen European Pressurized Water Reactors (EPR) beteiligt.

Die deutschen Brennelementefabriken am ehemaligen Industriestandort Wolfgang-Hanau wurden „deindustrialisiert“ bzw. alle Aktivitäten eingestellt. Der Standort ist heutzutage der Industriepark Wolfgang.

Europäische „Schwergewichte“ aus der Atomindustrie waren die British Nuclear Fuels (BNFL) und Cogema. Beide hatten weit über zehntausend Mitarbeiter und waren seit Jahrzehnten im Geschäft. Die Unternehmen oder Anteile wurden diversifiziert, teilweise aufgelöst oder weiterverkauft. Die Atommächte Russland und Frankreich betreiben weiterhin eine aktive Nuklearwirtschaft. Die russische Atomindustrie hat sich jedoch seit dem Zerfall der Sowjetunion stark verändert. Heute exportiert Rosatom kommerzielle Nukleartechnologie weltweit durch seine Tochter Atomstroiexport und dessen Subunternehmen.

Auch die weltweite Uranwirtschaft, eine spezialisierte Schwerindustrie, befindet sich seit vielen Jahrzehnten im Wandel. So sind die USA seit etwa 1980 zum Importeur von Kernbrennstoffen geworden. Die nationale Förderung in den USA ist damit nahezu zum Erliegen gekommen.

Die Nutzung der Kernspaltung zur Produktion von Strom steht in Deutschland politisch und wirtschaftlich seit dem Beginn der deutschen „Energiewende“ nicht mehr im Fokus. Politisch wurde in dem Land Deutschland bereits 1986 von der Partei SPD eine Energiewende und Abkehr von der Kernenergie gefordert. Zitat „Doch CDU und CSU halten stur an der Atomenergie fest. Weitere Kernkraftwerke gehen ans Netz. Erst unter Rot-Grün kann die lang herbeigesehnte Energiewende eingeleitet werden. 2000 beginnt der Ausstieg aus der Atomenergie.“[10][11][12] Die Ablehnung der Kernenergie durch bestimmte Gruppen hat jedoch bereits in den 1970er Jahren begonnen.[13]

Wirtschaftlich stehen Kernkraftwerke in direkter Konkurrenz zu Kohlekraftwerken. Beide werden zu den Grundlastkraftwerken gezählt. Die Wettbewerbsfähigkeit wurde häufig untersucht. Experten kamen z. B. 1995 zu dem Entschluss das „In Deutschland fällt wie in Westeuropa der Wirtschaftlichkeitsvergleich Kernenergie/heimische Steinkohle positiv für die Kernenergie aus.“[14] Das Argument für Investitionen in die Kernenergie unterstreichen auch heute noch Experten.[15][16] Der Bundeskanzler Olaf Scholz bezeichnete die zivile Nutzung der Kernkraft als „totes Pferd“.[17] Mit der Energiewende und dem Atomausstieg wurden die letzten Kernreaktoren vom Netz genommen. Dieser Ausstieg hat u. a. zu Preissprüngen in dem Nachbarland Schweden geführt. Die amtierende schwedische Energieministerin Ebba Busch äußerte sich verärgert über die Entscheidung. Folglich wurde der deutsche Atomausstieg in einem Untersuchungsausschuss behandelt.[18]

Andere Länder sehen jedoch speziell ab etwa dem Jahr 2020 wieder Chancen in der Nutzung der zivilen Kernenergie. So wollen die USA[19] ihren Atomstromanteil vervierfachen (von derzeit c. 100 auf 400 GWe) und auch die Atomnation Russland erhöht seine Bedarfsplanung auf über 30 neue Kernreaktoren bzw. Kernkraftwerke.[20] Schätzungen der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) zufolge könnte der weltweite Anteil nuklearer Kapazitäten von 9,8 % auf 14 % wachsen.[21] Die EU plant im Rahmen der Atomallianz (vgl. auch die Net Zero Nuclear Industry Pledge[22], vorgestellt als Teil der COP28, welcher 120 Länder beigetreten sind), die Kapazitäten bis 2050 auf 150 GW auszubauen. Dadurch entstünden auch ein erhebliches Potenzial für die Schaffung neuer Arbeitsplätze.[23] Die Teilnahme Deutschlands an diesem ersten Treffen der Atomallianz fand nicht statt.[24]

Mit dem deutschen Ausstieg aus der Kernenergie hat sich auch eine Kluft[25][26] zwischen dem Land Deutschland und dem Nachbarland und Atomstrom-Befürworter Frankreich in Bezug auf die Energiefrage aufgetan, denn der im Jahr 2022 verabschiedete EU-Plan REPowerEU sieht die Nutzung der Kernenergie vor, Zitat: „Darüber hinaus könnten einige der bestehenden Kohlekapazitäten länger als ursprünglich geplant genutzt werden, und auch die Kernenergie und die Gasvorkommen in der EU werden eine Rolle spielen“.[27]

Es gibt jedoch innovative Unternehmen, wie z. B. das Startup Focused Energy aus Darmstadt, die versuchen, das Potenzial der Fusionsenergie zu erschließen. Speziell investiert das Land Deutschland seit Jahrzehnten auch in die Erforschung und Erprobung der Kernfusion zur Nutzung in Fusionskraftwerken. Bekannte Beispiele sind der Tokamak Reaktor ASDEX und der Stellerator Wendelstein 7-X. Deutschland Forschung ist außerdem an JET und ITER beteiligt. Andere Unternehmen, wie die Kerntechnische Entsorgung Karlsruhe (KTE), haben sich auf die Stilllegung und den Abbau von Kernanlagen spezialisiert.

Kohleindustrie

Die Kohleindustrie gilt als Treiber der Industrialisierung. Diese Industrie ist in den westlichen Ländern bereits seit Jahrzehnten im Niedergang. Im Black Country, in England, wurde die Kohleindustrie dort vollständig beendet und die Region hat neue Industrien erschließen müssen.[28][29][30] In Deutschland ist das Ruhrgebiet für eine ähnliche Entwicklung bzw. Transformation bekannt.

In England wollte die West Cumbria Mining Company ein neues Bergwerk in Cumbria eröffnen, das erste seit 30 Jahren. Das Vorhaben wurde von Gegnern (Friends of the Earth) vor Gericht angefochten. Richter Holgate erklärte die Entscheidung, das Bergwerk zu genehmigen, für „rechtlich fehlerhaft“.[31]

Am 30. September 2024 wurde in Großbritannien das letzte Kohlekraftwerk, die Ratcliffe on Soar power station (zwischen den beiden Städten Derby und Nottingham gelegen), abgeschaltet. Damit endet für das Land nach über 142 Jahren die Nutzung des fossilen Energieträgers, der seinerzeit die industrielle Revolution angetrieben hat.[32] Hintergrund: Seit etwa 1970 hat das Land Kohle durch Erdgas aus der Nordsee ersetzt und dafür die heimische Industrie bis zum Fördermaximum von Erdgas im Jahr 2000 hochgefahren;[33][34] erst ab diesem Zeitpunkt stiegen die Importe aus dem Ausland. Heute importiert Großbritannien mehr als 50 % seines Erdgases aus Norwegen (per Pipeline), den USA, Russland und aus Katar (letztere als LNG); Schätzungen zufolge werden die Importe bis 2030 auf 70 % steigen.[35]

Der Kohlebergbau ist in den USA im Rückgang und damit die nationale Industrie. Aktuelle Statistiken werden von der U.S. Energy Information Administration (EIA)[36] aufbereitet.

Halbleiterindustrie

In der Halbleiterindustrie produzieren Fertigungsunternehmen schon seit Jahrzehnten im europäischen oder US-amerikanischen Ausland, z. B. ist der Bereich Electronics Manufacturing Services (EMS) in großem Umfang ausgelagert. Dies hat jedoch nicht zwingend zu einer Deindustrialisierung geführt, sondern im Zuge des Fabless-Geschäftsmodells zu einem Boom durch hochqualifizierte Dienstleistungsprodukte. An dieser globalen Wertschöpfungskette sind viele Großunternehmen aus dem Big-Tech-Bereich beteiligt. Die heimische Politik versucht, die Standortbedingungen für Investitionen in den produzierenden Teil dieser Industrien durch verschiedene Maßnahmen attraktiver zu gestalten, siehe der CHIPS and Science Act und Europäische Chips-Gesetz.

Solarindustrie

Die Solarindustrie umfasst alle Unternehmen weltweit, insbesondere aber Fabriken, die Solarmodule und -anlagen entwickeln und herstellen. Auch die Zulieferindustrie gehört dazu. Zwischen 2000 und 2010 wurden weltweit Produktionskapazitäten aufgebaut. Diese Kapazitäten und andere Effekte (z. B. Herstellungskosten oder Dumpingpreise von Produkten oder Importen) haben ab 2010 zu einer globalen Krise geführt. Weltweit gingen Dutzende von Unternehmen in die Insolvenz. In Deutschland hat sich die Zahl der Beschäftigten in der Branche von über 100.000 auf die Hälfte halbiert. Ehemalige Fabriken wie die der insolventen Solyndra im kalifornischen Fremont wurden umgebaut oder geschlossen. Letztere wurde von Elon Musk aufgekauft, um dort Autos (Tesla) zu bauen. Dies ist jedoch eine Ausnahme.

Seither wird die Solarindustrie weltweit von einer von China angeführten Produktion dominiert und entwickelt neue Geschäftsmodelle aufgrund sich ändernder wirtschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen wie Einspeisevergütung und dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Gleichzeitig hat Deutschland in den letzten Jahrzehnten viele Gigawatt (Peak) Solarstrom zum Energiemix hinzugefügt und innovative Unternehmen hervorbringen können.

Stahlindustrie

Derzeit sehen sich in Deutschland[37] und Großbritannien[38] Stahlproduzenten (Thyssenkrupp und Liberty Steel) mit einer neuen Stahlkrise konfrontiert. Die Unternehmen klagen über hohe Energiekosten, Zölle (vgl. Zollpolitik der Trump-Administration) und Überangebot. Einige von ihnen werden vom Staat finanziert, um wirtschaftlich zu überleben;[39] sie und ihre unmittelbare Umgebung stehen möglicherweise kurz vor der Deindustrialisierung. Dies ist jedoch nicht die erste Stahlkrise in der Geschichte der Stahlindustrie.[40]

Entwicklungen

Deutschland ab 2020

Seit Anfang der 2020er Jahre wird vermehrt auf die aktuelle ökonomische Entwicklung Deutschlands hingewiesen, die in der Öffentlichkeit zum Teil als Deindustrialisierung interpretiert wird.[41][42][43][44] Als Grund für diesen Prozess wird u. a. der Abfluss ausländischer Investitionen auf Grund von Standortnachteilen Deutschlands angegeben.[41] Andere Fachleute sehen die Ursachen bei den Unternehmenssteuern, hohe Energiepreise (vgl. Strompreis), hohe Löhne, Fachkräftemangel und Bürokratie.[45]

Ob es sich hierbei in der Tat um den Anfang einer Deindustrialisierung handelt, wird kontrovers diskutiert. So sagt der Ökonom Rudolf Hickel: „Nicht die Deindustrialisierung treibt die Wirtschaft an. Im Gegenteil, wir durchleben den politisch voranzutreibenden Umbau in das Industriezeitalter der Klimaneutralität.“[46] Sozialwissenschaftler attestieren, „Mit der Deindustrialisierung werden zahlreiche gesellschaftliche Probleme im frühen 21. Jahrhundert in Verbindung gebracht.“[1] Zur Lage äußerte sich der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz: Er sehe zwar eine schlechte Stimmung, aber keine Deindustrialisierung. Die Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Köln forderte ihn hingegen auf, bei den Fakten zu bleiben.[47] Die genauen Folgen einer Deindustrialisierung sind nicht abzuschätzen. Entlassungen im großen Maßstab oder weitere Verlagerungen der Wertschöpfungskette ins Ausland (vgl. Outsourcing und Offshoring) sind jedoch nur zwei Beispiele.[48] In diesem Zuge kam es am 29. Januar 2025 zu einem sogenannten Wirtschaftswarntag[49] der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), bestehend aus einem Aktionsbündnis aus rund 100 Verbänden und Hunderten Unternehmen. Mit dieser Aktion wurde auf ungünstige Verhältnisse wie ausbleibendes Wachstum und mangelnde Wettbewerbsfähigkeit aufmerksam gemacht.[50][51] Nur wenige Monate später, im Juli 2025, kam es zu einer Investitionsinitiative unter dem Slogan „Made for Germany“ (vgl. Onshoring), um die nationalen Interessen im Gegensatz zu dem „Made in Germany“ auszudrücken.[52] Dabei kündigten über 60 Unternehmen an, bis 2028 rund 600 Milliarden Euro in Deutschland investieren zu wollen.[53] Der Bundeskanzler Friedrich Merz sagte „Deutschland ist zurück“. Die Bundesregierung habe seit Mai 2025 (ab 1. Januar 2026 in Kraft) bereits die Gasumlage abgeschafft, Netzentgelte gesenkt, und die Stromsteuer für rund 600.000 Unternehmen deutlich reduziert.[54] Viele weitere Strukturreformen wurden im Koalitionsvertrag festgelegt.[55] In diesem Zuge wurde auch das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) gegründet.

In einer Studie Deindustrialisierung: Realität oder Schreckgespenst?[56] der Stiftung Marktwirtschaft aus dem Jahr 2025 leiten die Fachleute die folgenden Handlungsempfehlungen ab, um einer Deindustrialisierung, welche als „schleichende Realität“ anerkannt wird, entgegenzutreten:

Nach Ansicht der Autoren sollten die o. g. Maßnahmen in eine wirtschaftspolitische Agenda eingebettet werden.

Globale Wirtschafts- und Sicherheitspolitik

Politische Aktivitäten gegen eine Deindustrialisierung finden im großen Stil durch eine veränderte (globale) Wirtschaftspolitik statt. Ein Beispiel ist die „America First“-Doktrin der Administration Trump. Diese hat sich das Ziel gesetzt, Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe zu erhalten oder neu zu schaffen.[58] Auch die Volksrepublik China verfolgt seit Jahrzehnten eine Wirtschaftspolitik der Industrialisierung (Made in China 2025).[59][60][61][62] Dabei hat Chinas Industrialisierung bereits mit dem ersten Fünfjahresplan in dem Jahr 1953 begonnen.

Der russisch-ukrainische Krieg, der seit dem Überfall Russlands im Jahr 2022 andauert, beeinflusst neben der Sicherheitspolitik (vgl. Zeitenwende und Aufrüstung) auch die wirtschaftlichen Aussichten vieler Länder, Unternehmen und Menschen (vgl. Energiekrise, Inflation, Massenentlassungen). Ebenso spielen große Wirtschaftsorganisationen wie die im Jahr 2001 gegründete Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit eine zunehmend wichtige Rolle in der Weltwirtschaft und -ordnung.[63][64][65]

Siehe auch

Literatur

Fachbeiträge

  • Paul D. Staudohar, Holly E. Brown (Hrsg.): Deindustrialization and plant closure. Lexington Books, Lexington, Mass 1987, ISBN 978-0-669-14037-8 (englisch, archive.org).
  • Franz Peter Lang: Exportboom und Deindustrialisierung: realer Wechselkurs, internationale Einkommenstransfers und Allokation (= Veröffentlichungen des HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung-Hamburg). Weltarchiv, Hamburg 1988, ISBN 978-3-87895-343-2.
  • Henning Klodt: De-industrialization in West Germany. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. Band 204, Nr. 6, 1988, S. 531–540.
  • Burkhard Wehner: Deutschland stagniert: von der ost- zur gesamtdeutschen Wirtschaftskrise (= WB-Forum. Band 85). Wiss. Buchges, Darmstadt 1994, ISBN 978-3-534-80165-7.
  • Rasso Bernhard: Deindustrialisierung und Umgang mit dem industriellen Erbe: an den Beispielen: Ruhrgebiet, Glasgow und Bilbao. Grin Verl, München 2007, ISBN 978-3-640-32568-9.
  • Jochen Clasen, Daniel Clegg: Regulating the risk of unemployment: national adaptations to post-industrial labour markets in Europe. Oxford University Press, Oxford 2011, ISBN 978-0-19-959229-6 (englisch).
  • Lutz Raphael: Jenseits von Kohle und Stahl: eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom (= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Band 2335). Erste Auflage. Suhrkamp, Berlin 2021, ISBN 978-3-518-29935-7.
  • Christian Rutzer, Rolf Weder: De-Industrialisierung der Schweiz?: Fakten, Gründe und Strategien im internationalen Vergleich. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2021, ISBN 978-3-658-34376-7, doi:10.1007/978-3-658-34377-4.
  • Veronika Belousova, Nikolay Chichkanov, Zhaklin Krayushkina, Ian Miles: Post-industrial, Post-pandemic? The Service Economy in the Wake of COVID-19. In: Mustafa Polat, Serhat Burmaoglu, Ozcan Saritas (Hrsg.): COVID-19 and Society (= Science, Technology and Innovation Studies). Springer International Publishing, Cham 2022, ISBN 978-3-03113141-7, S. 95–128, doi:10.1007/978-3-031-13142-4_6 (englisch).
  • Etienne Schneider: Germany’s Industrial strategy 2030, EU competition policy and the Crisis of New Constitutionalism. (Geo-)political economy of a contested paradigm shift. In: New Political Economy. Band 28, Nr. 2, 4. März 2023, S. 241–258, doi:10.1080/13563467.2022.2091535 (englisch).
  • Oliver Falck, Christian Pfaffl: Die Deindustrialisierung Deutschlands: berechtigte Sorge oder German Angst? In: Wirtschaftsdienst. Band 102, Nr. 12, 7. Januar 2023, S. 936–940, doi:10.1007/s10273-022-3341-y.
  • David Emanuel Andersson: The Future of the Post-industrial Society: Individualism, Creativity and Entrepreneurship (= Palgrave Studies in Classical Liberalism). Springer Nature Switzerland, Cham 2023, ISBN 978-3-03146049-4, doi:10.1007/978-3-031-46050-0 (englisch).
  • Jay Emery: Deindustrialization. In: Barney Warf (Hrsg.): The Encyclopedia of Human Geography. Springer International Publishing, Cham 2024, ISBN 978-3-03125900-5, S. 1–5, doi:10.1007/978-3-031-25900-5_57-1 (englisch).

Berichte

  • Tim Meyer: Deindustrialisierung: Realität oder Schreckgespenst? (= Auf den Punkt). Stiftung Marktwirtschaft, Berlin 2025 (stiftung-marktwirtschaft.de).

Einzelnachweise

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