Amok (Roman)
Roman von Stephen King (1977)
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Amok (im Original: Rage) ist ein Roman des amerikanischen Autors Stephen King, der als erster Roman unter dem Pseudonym des Schriftstellers „Richard Bachman“ herausgegeben wurde. Er behandelt einen Amoklauf mit Geiselnahme an einer amerikanischen Schule. Das bereits in den 1960er Jahren von King nach seiner Schulzeit als Getting It On begonnene Buch wurde im Jahr 1977 durch den Verlag New American Library veröffentlicht, die deutsche Übersetzung von Joachim Honnef veröffentlichte der Heyne Verlag erst im Jahr 1988. Nachdem das Buch in den 1980ern und 1990ern mit mehreren realen Amokläufen an Schulen als potenzielle Inspiration in Verbindung gebracht wurde, wurde es von King vom Markt genommen und es wird seitdem nicht mehr publiziert.
Inhalt
Der Roman handelt von dem 17-jährigen High-School-Schüler Charlie Decker aus Placerville, Maine, der eines Tages im Mathematikunterricht ins Büro des Direktors Thomas Denver gerufen wird. Der Anlass ist ein Angriff auf seinen Lehrer John Carlson, den Charlie mit einem Schraubenschlüssel schwer verletzt hatte. Im Gespräch mit Denver reagiert Charlie provokant und beleidigend und als ihm die Versetzung nach Greenmantle, eine Einrichtung für schwer erziehbare Jugendliche, droht, verlässt er das Büro in demonstrativer Auflehnung. Statt die Schule zu verlassen, geht Charlie zu seinem Spind und weiß, dass er nun endgültig die Kontrolle verliert. Er zerstört seine Schulbücher, steckt seinen Spind in Brand und nimmt die Pistole seines Vaters sowie Munition an sich. Dann kehrt er in sein Klassenzimmer zurück und erschießt seine Mathematiklehrerin Mrs. Underwood und kurz darauf den Geschichtslehrer Mr. Vance, der wegen des Feueralarms in den Raum kommt.
Danach nimmt Charlie die Schüler der Klasse als Geiseln. Er verwickelt die Klasse in ein zwischenmenschliches Katz-und-Maus-Spiel, bei dem private Konflikte und sexuelle Erfahrungen offengelegt werden. Charlie beginnt, über seine Familie und vor allem über seinen gewalttätigen Vater, zu sprechen. Nach und nach zwingt oder verleitet er auch seine Mitschüler dazu, private Verletzungen, Demütigungen und Geheimnisse offenzulegen. Viele Schüler entwickeln eine Sympathie für Charlie und stellen sich nicht gegen ihn, sondern scheinen ihn zunehmend als Sprecher ihrer eigenen Wut und Frustration zu akzeptieren. Besonders Ted Jones, der beliebte Vorzeigeschüler, wird zunehmend isoliert und gerät immer stärker in die Rolle des Außenseiters, unter anderem als die Alkoholkrankheit seiner Mutter zum Thema wird. Alle Versuche von außen, Charlie zur Aufgabe zu bewegen, scheitern. Den Schulpsychologen Don Grace demütigt Charlie über die Gegensprechanlage und der Polizeichef Philbrick kann ebenfalls keine Kontrolle über die Situation gewinnen. Ein Scharfschütze trifft Charlie scheinbar ins Herz, doch der Schuss wird durch ein Vorhängeschloss in seiner Brusttasche abgefangen. Danach eskaliert die Gruppendynamik in der Klasse weiter und Ted, der sich Charlie und der Klasse widersetzt, wird schließlich von seinen Mitschülern angegriffen und psychisch gebrochen.
Letztlich beendet Charlie die Geiselnahme und lässt die Geiseln frei. Er ergibt sich der Polizei und Polizeichef Philbrick schießt auf ihn, als er den Raum betritt, weil er ihn noch für bewaffnet hält. Charlie überlebt, wird später für unzurechnungsfähig erklärt und in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, wo er seine Geschichte niederschreibt. Ted befindet sich ebenfalls in einer Klinik, katatonisch und kaum noch ansprechbar.
Hintergrund
Stephen King begann Amok unter dem Arbeitstitel „Getting It On“ in den Jahren 1965 bis 1966 nach dem Abschluss an der High School und vor Beginn seines Studiums an der Universität von Maine als einen seiner ersten Romane.[1.1] Nach 1970 unterrichtete er mit seinem Bachelorabschluss in Hampden, Maine, als Englischlehrer. Sein Einkommen reichte jedoch kaum aus, um seine Familie zu ernähren, weswegen er nachts nebenbei als Bügler in einer Wäscherei arbeitete.[1.2] Er beendete das Manuskript zu „Getting It On“ im Jahr 1971 und schickte es an Doubleday, die es jedoch nicht annahmen.[1.3] Seine wenige Freizeit nutzte er, um Kurzgeschichten zu schreiben und es gelang ihm hin und wieder, einzelne Geschichten an Zeitschriften zu verkaufen. Während dieser Zeit schrieb er auch die Romane Menschenjagd und Sprengstoff, die er jedoch ebenfalls nicht veröffentlichen konnte.[1.3][2.1]

Nach dem Erfolg seiner ersten Romane Carrie 1974, Brennen muss Salem 1975 und Shining veröffentlichte King überarbeitete King einige seiner frühen Romane und veröffentlichte diese ab 1977 unter seinem Pseudonym Richard Bachman.[1.4] Amok war dabei 1977 der erste Roman, es folgten Todesmarsch (1979), Sprengstoff (1981), Menschenjagd (1982), Der Fluch, Regulator (1996) und Qual (2007). Dabei wählte er das Pseudonym, um den Markt nach seinen ersten Erfolgen nicht mit neuen King-Büchern zu überschwemmen und um zu sehen, ob seine Texte wegen des Namens auf dem Umschlag oder wegen ihrer Qualität gekauft wurden.
Der Buchhändler Stephen Brown hatte sich nach der Lektüre des fünften Bachman-Romans Der Fluch die vier vorangegangenen Bachman-Bücher genauer angesehen. Auf ein Versehen des NAL-Verlages ist es zurückzuführen, dass er in den Urheberrechtsunterlagen zu Amok auf den Namen „Stephen King“ stieß. Die übrigen Romane waren alle auf den Namen „Richard Bachman“ eingetragen worden. Am 9. Februar 1985 veröffentlichte die Tageszeitung Bangor Daily News die Nachricht unter der Schlagzeile: „Fünf King-Romane durch ein Pseudonym zum Mysterium gemacht“. Bereits kurze Zeit später fanden sich alle Bachman-Bücher in den Bestsellerlisten wieder. Nach der Enttarnung des Pseudonyms wurden diese vier Romane als Sammelband unter dem Originaltitel Stephen King: The Bachman Books: Four Early Novels noch 1985 veröffentlicht.[3]
Wirkung
Mehrfach wurden in der öffentlichen Berichterstattung Amokläufe an US-amerikanischen Schulen mit dem Roman in Verbindung gebracht, der die jeweiligen Täter zu ihren Amokläufen inspiriert oder sie in der Idee bestärkt haben soll. So soll Jeffrey Lyne Cox, ein Schüler der Abschlussklasse der San Gabriel High School in San Gabriel, Kalifornien, durch die Entführung des Kuwait-Airways-Flugs 422 am 5. April 1988 und durch den Roman Amok zu seiner 30-minütigen bewaffneten Geiselnahme von 60 Schülern im April 1988 inspiriert worden sein.[4][5] Auch Barry Loukaitis, der im Februar 1996 an der Frontier Middle School zwei Mitschüler erschoss, soll seine Inspiration aus dem Roman gezogen haben. Michael Carneal, der im Dezember 1997 an der Heath High School in West Paducah, Kentucky, drei Mitschüler erschossen hatte, soll zum Zeitpunkt der Tat eine Taschenbuch-Version des Romans in seinem Spind aufbewahrt haben.[6.1]
In der Folge dieser Amokläufe ließ King in Absprache mit seinem Verlag keine neuen Auflagen des Romans mehr drucken. Über diese Entscheidung äußerte er sich ausführlich in einer Rede auf der Vermont Library Conference 1999[7] sowie in seinem 2013 veröffentlichten Essay "Guns".[8] Auch die deutsche Ausgabe des Romans ist vergriffen.[9]
Veröffentlichungen
Das Buch Amok erschien im Original auf Englisch unter dem Titel Rage erstmals im Jahr 1977 und wurde danach in zahlreiche Sprachen übersetzt. Hier werden der Übersichtlichkeit halber neben dem Original nur einzelne englischsprachige und deutsche Ausgaben aufgeführt:
Englischsprachige Ausgaben:
- Richard Bachman: Rage. Signet / New American Library, New York 1977. ISBN 0-451-07645-1. (amerikanische Erstausgabe; Taschenbuch-Original)
- Stephen King: The Bachman Books: Four Early Novels. Enthält: Rage, The Long Walk, Roadwork und The Running Man. New American Library, New York 1985. ISBN 0-453-00507-1. (erste Sammelband-Ausgabe; Hardcover)
- Stephen King: The Bachman Books: Four Early Novels. Signet / New American Library, New York 1986. ISBN 0-451-14736-7. (Taschenbuchausgabe des Sammelbands)
- Stephen King: The Bachman Books: Four Early Novels. New American Library / Plume, New York 1996. (Paperback-Neuausgabe mit neuer Einleitung „The Importance of Being Bachman“)
Deutsche Ausgabe:
- Richard Bachman: Amok. Aus dem Amerikanischen von Joachim Honnef. Wilhelm Heyne Verlag, München 1988. ISBN 3-453-02554-7. (Deutsche Erstausgabe; Heyne-Bücher, Heyne Allgemeine Reihe, Nr. 7695.)